• Staub, Schnee und steinerne Wunder

    May 22–23, 2025 in Georgia ⋅ 🌙 16 °C

    Der Morgen begann heute... funktional. Meine Unterkunft – das rustikale Hostel von letzter Nacht – war eben nur zum Übernachten da. Kein warmes Wasser, also kalt geduscht. Kein Frühstück, also unterwegs etwas suchen. Sachen gepackt und los – ein neuer Tag, ein neues Ziel: Wardsia.

    Wardsia ist eine beeindruckende Höhlenstadt im Süden Georgiens, direkt in eine Felswand gebaut. Über 3.000 Höhlen sollen hier in den Stein gehauen worden sein, viele davon miteinander verbunden durch Gänge, Stufen und geheime Tunnel. Entstanden im 12. Jahrhundert, war es einst ein religiöses Zentrum und eine Festung – heute ist es ein stilles Denkmal der Geschichte, das inmitten spektakulärer Natur liegt.

    Der Weg dorthin war eine Traumroute für jeden Motorradfahrer: Berglandschaften wie gemalt, tiefblaue Bergseen, alte Ruinen, Flüsse, Wasserfälle, kleine Dörfer – und natürlich die obligatorischen Offroad-Passagen. In einem winzigen Dorf legte ich eine Frühstückspause in einem Straßencafé ein. Kaum hatte ich den Teller vor mir, kamen auch schon die freilaufenden Hunde – mit Blicken, denen man einfach nicht widerstehen kann. Die Hälfte meines Frühstücks ging an die Vierbeiner, in der Hoffnung, nicht wieder beim Motorradstart von ihnen attackiert zu werden. Doch wie erwartet: Kaum sprang der Motor an, war der halbe Ort in Bewegung. Hunde von allen Seiten – aber ich war vorbereitet, alles angezogen, alles startklar. Vollgas und Staubwolken hinterlassen – Erfahrung zahlt sich aus.

    In Wardsia angekommen war ich einfach nur sprachlos. Wie konnten Menschen vor Jahrhunderten so etwas erschaffen? In steilste Hänge gebaut, in luftiger Höhe, mit Tunneln und Kammern, die teils heute noch zugänglich sind. Unglaublich. Der Ort wirkt wie aus einer anderen Zeit – und genau deshalb ist er so faszinierend.

    Da es noch früh war, beschloss ich, bereits Richtung Türkei aufzubrechen. Meine Reifensituation scheint sich endlich zu klären: Ein türkischer Freund aus Deutschland hat über seine Kontakte eine Werkstatt in Trabzon ausfindig gemacht – dort sollen meine Reifen bis spätestens Montag eintreffen, direkt aus Istanbul bestellt. Ich muss also nur rechtzeitig dort sein – und darauf hoffen, dass die Spedition mitspielt.

    Der Weg dorthin war... spektakulär. Ich habe – ohne es zu wissen – eine alte Militärstraße genommen, die momentan nach Erdrutschen wieder instand gesetzt wird. Kein Asphalt, nur Schotter, Staub, Schlaglöcher, Bagger, Traktoren, LKWs – 30 Kilometer Abenteuer pur. Nichts abgesperrt, einfach durchwursteln zwischen schwerem Gerät. Selbst SUVs und Offroader hatten hier Mühe. Ich? Staub in jeder Falte der Kleidung, in den Taschen, im Helm – und auch unter den Kontaktlinsen. Aber: absolut genial!

    Zwischendurch ging es so hoch hinaus, dass ich plötzlich im Schnee stand – Ende Mai! Ein paar Fotos mussten sein, auch wenn ich in Windeseile wieder alles anziehen musste, was ich im Gepäck hatte.

    Auf der Strecke tummelten sich unglaublich viele freilaufende Tiere – Kühe, Ziegen, Schafe, Pferde, sogar ein paar Hühner. Keine Hirten weit und breit. Und doch: Alle Tiere schienen zu wissen, wo sie hingehören. Diese stille Ordnung inmitten der Wildnis ist faszinierend.

    An einem Wasserfall legte ich eine Pause in einer kleinen Cafeteria ein. Und wie so oft in Georgien: Ich war kaum da, da saßen schon zwei Männer bei mir am Tisch, stellten Fragen, wollten alles wissen. Am Ende bezahlte ich wieder nichts – Gast ist Gast, und Gäste zahlen nicht. Meine Versuche, doch etwas beizutragen, wurden lachend abgelehnt. Diese Herzlichkeit berührt mich jedes Mal aufs Neue.

    Am Abend kam ich wieder in Batumi an – und habe im selben Hotel wie zuvor eingecheckt, sogar im gleichen Zimmer. Heute ist kein Platz mehr für Nachtleben – ich bin komplett durch. Zu viel gesehen, zu viel erlebt. Bis morgen!
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