• Olaf Kozany
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Camino Português Espiritual 2021

Zwei Wochen unterwegs auf dem Camino Português Espiritual.
Wir wollten einen Jakobsweg gehen.
Gefunden haben wir weit mehr als nur einen Weg.
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  • Ein Wiedersehen.

    22 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 27 °C

    Kurz vor Pereira legten wir eine Pause ein.

    Es war heiß. Fast 14 Uhr.

    Wir saßen im Schatten, hatten die Rucksäcke abgesetzt und versuchten einfach nur, wieder zu Atem zu kommen.

    Da hörten wir Schritte.

    Ein Pilger kam den Weg entlang. Er blieb stehen. Wir schauten auf.

    Es war der Mann aus Porto. Der Pilger, der am Tag zuvor vor der Kathedrale unser erstes gemeinsames Camino-Foto gemacht hatte.

    Pedro.

    Er wirkte überrascht.

    „Ihr seid schon hier?"

    Wir lächelten.

    Dass wir einen Teil der Strecke mit dem Taxi gefahren waren, erzählten wir ihm nicht. Er nickte nur und schaute uns an. Wir saßen erschöpft auf der Bank. Er stand entspannt vor uns.

    Dann sagte er sinngemäß:

    „Wenn ihr jetzt schon so außer Atem seid … wartet erst einmal ab. Das Schwierigste kommt noch."

    Wir erzählten ihm noch, dass Pia schwanger war. Auch das schien seinen Blick kaum zu verändern. Nach wenigen Minuten verabschiedete er sich.

    „Bom Caminho."

    Dann ging er weiter.

    Wir schauten ihm nach.

    Ich weiß noch, dass ich dachte: Na, du scheinst ja genau zu wissen, wie der Camino funktioniert.
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  • Galos.

    22 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 27 °C

    Am Abend erreichten wir Barcelinhos. Unsere Unterkunft lag auf der anderen Seite des Flusses.

    Wir öffneten die Tür. Und schauten uns an.

    Die Matratzen wirkten, als hätten sie schon Generationen von Pilgern begleitet. Das Zimmer hatte seine besten Zeiten lange hinter sich. Und unsere Zimmernachbarn schienen beschlossen zu haben, den Abend möglichst laut zu verbringen.

    Also gingen wir wieder hinaus.

    Nur wenige Minuten später fanden wir das Galos. Eine kleine Wine & Tapas Bar. Dort gab es unser erstes – und gleichzeitig einziges – echtes Pilgermenü.

    Drei Gänge.
    Eine hausgemachte Limonade.

    Und das alles für erstaunlich wenig Geld.

    Auf dem Foto schaue ich ziemlich ernst. Damals lag das an der Unterkunft. Heute muss ich darüber lachen.

    Denn vom Zimmer ist mir kaum etwas geblieben. Von der Limonade weiß ich noch heute, wie sie geschmeckt hat.
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  • Abend über dem Cávado.

    22 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 26 °C

    Nach dem Essen zog es uns noch einmal hinaus.

    Über die alte Steinbrücke.
    Hinüber nach Barcelos.

    Der Rio Cávado lag ruhig unter uns. Die tief stehende Sonne tauchte die Stadt in warmes Licht.

    Der Ärger über die Unterkunft blieb auf der anderen Flussseite zurück. Vor uns lag eine Stadt, die langsam zur Ruhe kam.

    Wir gingen ohne Ziel durch die Gassen, blieben immer wieder stehen und schauten zurück zur Brücke.

    Als wir später noch einmal unsere Pilgerpässe aufschlugen, fiel uns auf, dass die leeren Seiten langsam voller wurden.

    Jeder Stempel war kaum größer als eine Briefmarke.

    Und doch erzählte jeder von einem Ort, einer Begegnung oder einem kleinen Stück unseres Weges.
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  • Ein neuer Morgen.

    23 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 18 °C

    Die Nacht in der Herberge war kurz gewesen.

    Wir waren beide froh, als wir unsere Rucksäcke schultern und die Tür hinter uns schließen konnten.

    Noch einmal überquerten wir die Brücke nach Barcelos. Die Stadt schlief noch. Die Plätze waren leer, die Cafés geschlossen, nur das leise Echo unserer Schritte begleitete uns.
    Vor der Kirche blieben wir stehen.

    Der Vorplatz war ein Meer aus Blumen. Pink, Rot, Weiß – als hätte jemand den Morgen sorgfältig arrangiert.

    Drinnen empfing uns etwas völlig anderes.

    Keine Hektik.
    Keine Touristen.

    Nur leise Gesänge.

    Ein paar ältere Menschen saßen in den Bänken und beteten. Niemand achtete auf uns. Niemand störte die Stille. Wir setzten uns einfach dazu.

    Langsam fiel die schlechte Nacht von uns ab.
    Die Müdigkeit blieb in den Beinen. Aber nicht mehr im Herzen
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  • Endlich. Ein Stadion.

    23 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 23 °C

    Nach all den Kirchen, Kapellen und Weinbergen tauchte plötzlich etwas auf, womit ich nun wirklich nicht gerechnet hatte.
    Ein Fußballstadion.
    Und nicht irgendeines.
    Mit richtigen Flutlichtmasten.
    Ich musste grinsen.
    Man nimmt den Fußball aus dem Ruhrgebiet. Den Ruhrpott aus dem Fußballfan aber offenbar nicht.
    Ein kurzer Blick über den Zaun, einmal gedanklich den Rasen betreten und weiter ging es Richtung Santiago.
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  • Zwei Kilometer Englisch.

    23 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 24 °C

    Kaum hatten wir Barcelos hinter uns gelassen, schloss ein anderer Pilger zu uns auf.

    Er nickte freundlich.

    „Bom Caminho."

    Wir erwiderten den Gruß.

    Ein paar Minuten liefen wir schweigend nebeneinander her. Dann begann das übliche Pilgergespräch.

    Natürlich auf Englisch.

    Er sah einfach nordisch aus. Groß. Helle Haare. Irgendwie skandinavisch. Also redeten wir los.

    Woher kommst du?
    Wie lange bist du schon unterwegs?
    Welchen Camino gehst du?

    Nach gut zwei Kilometern hielt er plötzlich inne, grinste und fragte:

    „Sagt mal... wir können doch eigentlich auch Deutsch reden, oder?"

    Wir mussten lachen. Wir waren alle drei Deutsche. Der vermeintliche Nordmann kam aus dem Allgäu.

    Von da an wurde aus Englisch plötzlich Schwäbisch, Hochdeutsch und Gelächter.
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  • Im Gespräch.

    23 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 29 °C

    Aus einem Pilger war ein Weggefährte geworden. Während wir nebeneinander herliefen, verging die Zeit plötzlich ganz anders.

    Wir erzählten.

    Über das Leben.
    Über unsere Familien.
    Über die Gründe, warum wir hier waren.

    Der Weg lief einfach unter unseren Füßen weiter.

    Irgendwann bemerkte ich, dass ich kaum noch auf die Umgebung achtete.

    Keine alten Mauern.
    Keine kleinen Kapellen.
    Keine besonderen Bäume.

    Nichts blieb bewusst hängen. Zum Glück gab es das Handy.

    Es hatte fotografiert, was mein Kopf in diesem Moment gar nicht gespeichert hatte.
    Heute erzählen mir diese Bilder von Landschaften, an die ich mich kaum erinnere.

    An das Gespräch dagegen erinnere ich mich bis heute.
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  • Eberhard.

    23 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 30 °C

    Eberhard. So speicherte ich ihn später einfach in meinem Handy ab. Aus einem fremden Pilger war ein Weggefährte geworden.

    Wir liefen nebeneinander her, redeten über dies und das, während Pia immer wieder stehen blieb und ihm Pflanzen am Wegesrand erklärte.

    Ich glaube, sie hätte den ganzen Camino auch als Botanikerin gehen können.

    Als ich heute auf dieses Selfie schaue, muss ich lächeln.

    Dabei weiß ich noch genau, wie schwer der Rucksack plötzlich geworden war. Und wie dankbar ich für jedes gute Gespräch war.
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  • Eine Pause in Aborim.

    23 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 32 °C

    In Aborim trennten sich unsere Wege erst einmal.

    Eberhard wollte weiter. Wir wollten sitzen.

    Nach fünfeinhalb Stunden auf den Beinen war uns völlig egal, wie klein das Straßencafé war. Es gab Schatten. Es gab Stühle. Und es gab kalte Getränke.

    Mehr brauchten wir in diesem Moment nicht.

    Ich glaube, ich habe dort direkt drei kleine Flaschen Orangensaft hintereinander getrunken.

    Nicht genüsslich.
    Einfach nur aus Durst.

    Dazu ein heißes Toast mit Schinken und Käse. Ich weiß bis heute nicht, ob es besonders gut war.

    Aber in diesem Moment hätte es wahrscheinlich auch einen Stern bekommen.

    Wenn ich die Fotos heute sehe, muss ich über mein Gesicht lachen.

    Ich sehe zufrieden aus.
    Dabei war ich einfach nur leer.
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  • Fernanda.

    23 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 28 °C

    Das Schild tauchte auf.

    Casa Fernanda.

    Die letzten Meter fielen plötzlich leicht. Ein schmaler Pfad führte zwischen Büschen hindurch. Dann hörten wir Stimmen. Alle Plätze waren bereits besetzt.

    Wir waren die Letzten.

    Fernanda drückte uns kleine Schälchen mit Weißwein in die Hand. Daneben stand eine Karaffe Wasser. Sie war schnell leer. Der Wein nicht. Wir waren durstig.

    Eine gefährliche Kombination.

    Erst später erfuhren wir den Grund. Das Wasser musste aus einem Brunnen geholt werden. Einige hundert Meter entfernt. Der Wein wartete bereits im Keller.

    Fernanda kochte. Sie hörte zu. Sie erzählte. Und sie schien jeden einzelnen Pilger zu kennen, obwohl jeden Abend neue Menschen an ihrem Tisch saßen.

    Mehr als acht oder zehn Gäste passten ohnehin nicht hinein.

    Drinnen acht Betten.
    Draußen zwei weitere.

    Ein Garten.
    Ein langer Tisch.

    Mit uns saß Eberhard. Wir waren ihm am Morgen zum ersten Mal begegnet.

    Außerdem drei Frauen aus Dänemark. Eine Mutter. Zwei Töchter.
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  • Zwischen Blüten.

    24 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 23 °C

    Irgendwann führte der Weg durch einen kleinen Garten.
    Meine Frau blieb stehen.

    „Schau mal.”

    Noch eine Blüte.

    „Die kostet bei uns im Gartencenter ein Vermögen.”

    Die nächste.

    Das Handy verschwand vor lauter Begeisterung kurz im Gebüsch.

    Weiße Calla.
    Blaue Prunkwinden.
    Minze am Wegesrand.

    Ein paar Blätter wanderten direkt in unsere Trinkflaschen.

    Plötzlich schmeckte selbst das Brunnenwasser nach Sommer.

    Dann gingen wir weiter.
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  • Die erste Pause.

    24 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 25 °C

    Nach fast zwei Stunden fanden wir einen kleinen Brunnen am Weg.

    Die Rucksäcke fielen gleichzeitig auf den Stein.

    Niemand sagte: „Endlich.”

    Man hörte es trotzdem.

    Eberhard setzte sich zu uns.

    Aus einer Pause wurde ein Gespräch.

    Erst über den Camino.

    Dann über Zuhause.

    Irgendwann über Dinge, die man einem Fremden am Morgen noch nicht erzählt hätte.

    Als wir weitergingen, waren wir immer noch zu dritt.
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  • Der Pullover.

    24 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 30 °C

    Die ältere Dänin hatte ihren Pullover bei Fernanda vergessen.
    Wir nahmen ihn mit.

    Gegen Mittag sahen wir die drei vor uns.
    Weit vor uns.

    Ich lief los.
    Ein paar hundert Meter.
    Dann meldete sich mein Fuß.
    Ich blieb stehen.

    Pia lief weiter.

    Als sie die drei erreichte, drehte sich die ältere Frau um.

    Ein kurzes Lächeln.
    Ein paar Worte.
    Eine Umarmung.

    Ich wartete hinten am Weg.

    Als Pia zurückkam, war sie außer Atem.
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  • Bente.

    24 agosto 2021, Portogallo ⋅ ☀️ 34 °C

    Wir überquerten die Brücke. Direkt dahinter bogen wir rechts ab.

    Am Fluss lagen drei vertraute Gesichter.

    Bente.
    Und ihre beiden Töchter.

    Wir blieben.
    Redeten.
    Erinnerten uns an den Abend bei Fernanda.
    Tauschten Adressen aus.

    Als wir gingen, sagte Pia:

    “Wenn wir irgendwann einmal eine Tochter bekommen …
    … soll sie Bente heißen.”
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