• La Turbina

    6.–17. nov. 2025, Colombia ⋅ ☁️ 26 °C

    Südlich von Mocoa liegen die 9 Hektar wilder Dschungel von Astro und seinem alten Freund Jet. Das Gelände ist im unteren Bereich flach, darüber steiler ansteigend den Hang hoch. Es wird vom großen Rio Mocoa und zwei kleineren namenlosen Bächen rechts und links eingerahmt. Oberhalb liegt eine steinige Felskante, dahinter ist ein Naturschutzgebiet.

    Mit einem Transport-Motorrad-Taxi fuhren wir von Mocoa aus zunächst etwa 20 Minuten in Richtung Süden. An einer Stelle neben der Straße beginnt der schmale Pfad in die Grundstücke auf der anderen Seite des Rio Mocoa. Einige Meter darüber hängt eine angsteinflößende Hängebrücke. Etwa zwanzig Minuten gingen wir durch Nachbargrundstücke bis zur Haupt-Hütte. La Turbina ist der Name, den die Freunde ihr gaben – symbolisch dafür, Energie aus dem Wasser und der Natur zu beziehen.

    Es ist eine einfache und doch recht große offene Haupthütte im Dschungel mit vielen Annehmlichkeiten, dafür dass keine Straßen hierher führen und alles in den Dschungel getragen werden muss. Unten ist die Küche mit Gaskocher und fließend trinkbarem Wasser aus dem Fluss. Es gibt sogar eine Keramiktoilette mit Wasserschlauch und einen Bereich für Hängematten. Darunter ein kleines Stück Beton, der meiste Boden ist feste Erde. Auf Stelzen darüber steht ein Lagerzimmer zum Abschließen, davor eine überdachte Holzplattform zum Schlafen. Neu daran gebaut haben Astro und seine Freunde eine hohe Überdachung mit Feuerstelle. Keine Fenster, alles ist offen. Die Aussicht ist klasse, da die Lichtung bis auf ein paar Bananen-Stauden baumfrei ist und der Blick bis zum kleinen Bach an der Grundstücksgrenze geht.

    Den Hang hoch sind mehr große Bananen und Chiro-Bananen, Ananas-Büsche, Papaya, Maniok, Guave, Limon-Mandarina, Chontaduros, Zuckerrohr, Kakao, Copoazu (weißer Kakao) und Guamo gepflanzt. Es gibt einen kleinen noch wachsenden Mangobaum und eine Kokosnusspalme. Exotische Kräuter wie Dschungel-Koriander wuchern überall. Dazu kommen auch Heilpflanzen wie die Nesselpflanze Ortiga, einen großen Chagropanga-Busch und die Yajé Cielo-Lianen, die zur Herstellung von Yajé, der kolumbianischen Ayahuasca-Variante, verwendet werden.

    Auf dem Grundstück gibt es noch weitere einfache überdachte Schlafhütten, die der Dschungel in der Abwesenheit von Menschen teilweise verschlungen hat. Weiter oben den Hang hoch es einige kleine und drei größere Wasserfälle, von denen die Jungs bis jetzt wissen. Darunter einer etwa 25 Meter hoch, teilweise mit Becken zum Schwimmen oder Reinspringen davor.

    Weil das Grundstück die letzten drei Monate unbewohnt war, hatten wir bei der Ankunft erst mal einiges zu tun. Es ging darum, die Hütte wieder vom Dschungel zu befreien, der langsam aber unaufhaltsam versuchte, sich jedes bisschen Boden zurückzuerobern. Die ersten zwei Tage verbrachten wir größtenteils damit, mit Macheten alles in der Lichtung und an den Wegen um die Nutzpflanzen herum, was in den letzten Monaten nachgewachsen war, kurz zu hauen. Es gab zwei erntereife Chiro-Bananenpflanzen, von denen ich eine ernten durfte. Im Video stelle ich mich dabei nicht so clever an, aber das nächste Mal wird es aussehen wie bei einem Profi.

    Zwischen den Topfdeckeln in der Küche fanden wir ein Wespennest, das wir mehrfach aufscheuchen und dann Deckung suchen mussten. Mit etwas glimmenden Kohlen und getrocknetem Harz räucherten wir die letzten Reste schließlich aus. In der Plane vor der Hütte fanden wir ebenfalls ein kleines Nest; Astro schlug mit einem Stock davor, dann suchten wir schnell das Weite. Als wir wieder kamen, waren alle weg.

    Im Holzlager entdeckten wir eine braune Schlange, die zusammengerollt zwar klein aussah, aber bestimmt 2 Meter lang und zudem hochgiftig war. Gekonnt warf Astro eine Schale darauf, hob sie mit einem Spaten hoch und brachte sie auf die andere Seite des Baches, wo wir sie freiließen.

    Um die Feuerholzvorräte aufzustocken, gingen wir zum nahe gelegenen Sandstrand des Rio Mocoa und sammelten angeschwemmte Baumstämme, die wir klein hackten und zur Hütte zurücktrugen.

    Ich habe die Zeit hier wirklich seit dem ersten Moment aus vollen Zügen genießen können. Die meisten Tage waren recht ähnlich: simpel, entspannt und ohne viele Verpflichtungen. Mit dem Licht des Tages aufstehen. Manchmal meditierte ich mit Astro, der jeden Morgen sein Programm durchzog. Jeden Tag kochten wir sehr gesund und lecker vegan. Oft machte einer Tee aus Früchten und Ingwer. Wir badeten jeden Tag im Fluss, ich auch gerne mehrmals länger, ab und zu mit einer Tasse heißem Tee oder Kaffee.

    Das Wetter war immer herrlich warm, nie trugen wir Shirts. In der schwülen Luft wünschte ich mir manchmal, jemand würde ein Fenster aufmachen und eine kühle Brise hereinlassen. Dann half nur der Sprung in den Fluss. Tagsüber arbeiteten wir etwas mit der Machete, wenn die Sonne raus kam, sonnten wir uns, saßen da und betrachteten die Natur. An regnerischen Tagen war es das Entspannteste, in der Hängematte zu schweben, zu lesen, raus zu gucken oder dem Regen zu lauschen.
    Wir waren offline – ich hatte keinen Internetempfang und ich hab mein Handy sehr wenig benutzt. Stattdessen las ich jeden Tag etwas und hörte Hörbücher, okay, 2-3 heruntergeladene Filme und Folgen waren schon dabei. Aber so gut wie keine Elektronik um einen herum zu haben war für ein paar Tage eine sehr tolle Erholung.

    Abends saßen wir immer am Lagerfeuer, unterhielten uns oder Astro spielte Gitarre und sang etwas dazu. Wir gingen zeitig ins Bett, einfache Matratzen auf dem Holzboden des ersten Stocks der Hütte. Erstaunlich bequem. Insektennetze braucht es zum Glück nicht.

    Die Geräuschkulisse war immer phantastisch. Eigentlich ist es im Dschungel immer recht laut. In unserem Fall hörten wir das Rauschen des großen Flusses in der Ferne und das des kleinen im Vordergrund. Dazu die Blätter im Baumdach des Waldes und die unzähligen Insekten, Vögel und andere Tiere. Man ignoriert diese Geräuschkulisse schnell, aber wenn man sich dann wieder darauf konzentriert, hält man den Atem kurz an und lauscht Minuten lang einfach nur dahin.
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