• Medellín – als meine Schuhe fremdgingen

    21.–22. nov. 2025, Colombia ⋅ ⛅ 25 °C

    Uff… nach Dschungel und Guatapé mal wieder eine Riesenstadt, über die ich vor allem viel Gutes über die Ausgeh- und Feierkultur gehört habe. Ob mir wirklich danach ist, weiß ich noch gar nicht. Abends angekommen, habe ich außer ins Hostel einzuchecken nicht mehr viel gemacht. Im Mehrbett-Schlafsaal hatten alle ihre Schuhe neben die Tür gestellt. Normalerweise schließe ich nur meine Wertgegenstände ein, wenn überhaupt. Solange man nichts offen herumliegen lässt, sondern alles immer wieder in den Backpack räumt, kommt in Hostels eigentlich nie etwas weg. Bei der Ankunft fiel mir auf, dass jemand aus dem Zimmer genau die gleichen Schuhe wie ich hatte. Klar, das ist nicht komplett unmöglich, Decathlon gibt es nicht nur in Deutschland, trotzdem ein witziger Zufall, wie ich dachte. Am nächsten Morgen war es dann nicht mehr so witzig, denn als ich aufstand, waren meine Schuhe weg. Was für eine Scheiße. Mir sind auf der Reise schon ein paar Kleinigkeiten abhanden gekommen, meist weil ich irgendwo etwas vergessen oder verlegt habe, aber zum Glück noch nichts Wichtiges – bis jetzt. Meine gesunden Füße und deren Fähigkeit, mich an neue Orte zu bringen, sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Reisen, vielleicht sogar die wichtigste.

    Ich vermute hinter dem Verschwinden meiner Schuhe ganz ehrlich keine böse Absicht, sondern ein versehentliches Einpacken der anderen Person – trotzdem verdammt ärgerlich, weil mir direkt klar war, dass es so gut wie unmöglich ist, in meiner Schuhgröße (48) irgendwo in Südamerika Schuhe zu finden. Die netten Mitarbeiter im Hostel haben versucht, die anderen Gäste aus dem Zimmer zu kontaktieren, und wir haben auch die Überwachungskamera-Videos angeschaut, um zu sehen, wer denn die gleichen Schuhe wie ich trug – alles vergebens. Mir wurde langsam klar, meine Schuhe werde ich nie wiedersehen. Ich könnte mir jetzt online neue bestellen und dorthin liefern lassen, wo ich in zwei Wochen bin – aber wo wird das sein? Mein Kumpel Silas wird mich zum Ende des Jahres in Neuseeland treffen, daher kann er mir ein neues Paar aus Deutschland mitbringen. Bis dahin muss ich dann mit meinen Crocs auskommen – okay, das wird schon irgendwie machbar sein. Nur die haben mittlerweile beide Löcher unten drunter und damit lange über harte Böden in der Stadt zu laufen, ist unangenehm.

    Die Stadt Medellín und alles, was sie zu bieten hatte, war plötzlich überhaupt nicht mehr von Relevanz für mich. Meine Tagesmission sollte es sein, neue Sohlen unter die Crocs machen zu lassen. Diese Idee hatte ich tatsächlich schon vorher, weil dort, wo die Löcher unter den Fußballen nun sind, immer genau die Stelle ist, die den meisten Verschleiß abbekommt. Auf die Art habe ich letztes paar Crocs kaputt gemacht. Ob man tatsächlich neue Sohlen unter Schaumgummi-Schuhe kleben kann, wusste ich nicht.

    Nur wenige Minuten vom Hostel entfernt entdeckte ich zwei Schuhmacher (zapateros) nebeneinander. Der erste lehnte meine Anfrage ab, der zweite zeigte sich optimistisch und fand ein Stück Sohlen-Gummi, das er mir zeigte – es sah super aus. Er sagte mir, in einer Stunde wäre das gemacht und ich könnte im Laden warten, doch das wollte ich nicht. In der Nähe war ein Park und ich hatte etwas Hunger, also ging ich in einen "D1". Das ist ein Kolumbianischer Discounter, welcher mich immer sehr an mein geliebtes ALDI Süd aus der Heimat errinert. Dort holte mir einen Snack, ging in den Park und setzte mich auf eine Bank. Wenn man sich mal richtig bescheuert vorkommen will, kann ich empfehlen, als offensichtlicher Ausländer barfuß in einer fremden Stadt umherzulaufen. Selbst Obdachlose sprachen mich an, um mir zu sagen, dass ich keine Schuhe anhätte und dass es unsicher sei – ein bisschen amüsant war das schon. Eine dahergelaufene ziemlich offensichtlich zwielichtige Gestalt versuchte mich in ein kurioses Gespräch zu verwickeln um mir dabei langsam das Handy aus der Sporthosentasche zu ziehen. Ich bemerkte die List, schob meine hand auf mein Handy in der Tasche und verdrängte dadurch seine, tat so als ob ich das ganze nicht bemerkte und winkte das Gespräch lässig ab. Ohne Schuhe scheint man ein leichtes Opfer ab zu geben, aber nicht mit mir.

    Zurück beim Schuhmacher wurden meine Erwartungen übertroffen: die neuen Sohlen saßen perfekt und boten sehr guten Halt. Mein nächstes Paar Crocs werde ich von Anfang an so aufwerten lassen.

    Die restliche Zeit in Medellín verbrachte ich am Pool des Hostels, lief etwas durch die Innenstadt über sehr volle Märkte und fuhr mit der Seilbahn eine Seite des Tals hinauf, was eine tolle Aussicht bot. Zum Ausgehen und Feiern war mir die wenige Lust, die ich anfangs hatte, dann endgültig vergangen, vielleicht auch ein bisschen, weil ich mir mit Crocs im Club doof vorgekommen und vielleicht gar nicht reingekommen wäre.

    Am Abend des zweiten Tages nahm ich einen Bus über Nacht in den Norden zur Küstenstadt Cartagena.
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