• Segel setzen auf der Nacar 2

    28.–30. nov. 2025, Caribbean Sea ⋅ 🌧 27 °C

    Der Darién Gap (Darien-Lücke) ist eine etwa 100–160 km lange, unwegsame Region aus dichtem Regenwald, Sümpfen, Flüssen und Bergen zwischem dem nördlichen Kolumbien und südlichen Panama. Er stellt die einzige Unterbrechung des Pan-American Highway dar, einer sonst durchgehenden Straße an der Westküste der Amerikas. Es gibt hier gar keine Straßen, diese Lücke macht eine überquerung auf dem Landweg zwischen Süd- und Mittelamerika unmöglich und gilt als eine der gefährlichsten Regionen der Welt. Nicht zuletzt auch wegen der Kartelle, die hier im Tiefen Dschungel ihr unwesen treiben.

    Wenn man also zwischen Kolumbien und Panama reisen möchte, gibt es nur die Optionen zu fliegen oder den Seeweg zu nehmen. Gerne hätte ich ein privates Boot gefunden, das mich mitnimmt, doch ich habe einige Gruselgeschichten von anderen Reisenden gehört – die Kapitäne sind besoffen und auf Drogen, Trinkwasser oder Essen gehen auf hoher See aus oder man wird erpresst und bekommt den Reisepass nur gegen Lösegeld zurück. Ich war noch nie auf einem Segelschiff, habe keine Ahnung, wie das geht oder worauf man da achten muss, und daher war mir das dieses Mal zu heikel. Es gibt ein paar Firmen, die eine gute Reputation haben und die Touren von Kolumbien nach Panama oder andersherum anbieten. Ich entschied mich für Blue Sailing, auch weil ich zwei Reisende in der Sauna in Bogotá getroffen habe, die von ihrer Erfahrung schwärmten – explizit vom Schiff Nacar 2 und dessen hervorragendem Koch.

    Am Morgen des Abreisetages checkte ich im Hostel aus, ging mit meinem Rucksack zum Jachthafen in Cartagena und fand die Nacar 2. Es handelt sich um einen 12 Meter langen, maßgefertigten Katamaran aus dem Jahr 1991. Sie bietet Platz für 12 Passagiere, verteilt auf zwei private Doppelkabinen im Heck, zwei halbprivate Doppelkabinen im Gang und zwei Einzelkabinen im Bugbereich, die über einen Durchgang zu den halbprivaten Kabinen erreichbar sind. Zusätzlich gibt es ein Doppelbett oben in der Mitte. Letzteres bietet zwar weniger Privatsphäre, dafür spürt man den Seegang hier weniger.

    Ich bekam das Einzelbett im rechten Bug, also ganz vorne in der Kufe des Katamarans. Und darüber hätte ich nicht glücklicher sein können – dort gibt es eine Luke über der Matratze, durch die ich in den Nachthimmel gucken und mit der ich lüften konnte, allerdings nicht bei Fahrt, dann kam das Spritzwasser rein. Außerdem konnte ich mit Hilfe der zwei Tritte an der Innenwand von hier aus direkt auf das Deck klettern. In der Nacht musste ich für den kleinen Toilettengang nicht mal das Bett verlassen, Luke auf, einfach aufstehen und ab über die Reling, ein Traum.

    Wir trafen uns also morgens um 10 Uhr zum Check-in und für ein kleines Briefing am Boot. Die Reisepässe wurden eingesammelt, die Crew erledigte die Ausreise für uns. Der Preis sollte in bar gezahlt werden, ich musste noch mal los, einen Geldautomaten finden und kurz ein paar Millionen kolumbianische Pesos abheben. Es wurde uns empfohlen, Snacks sowie alkoholische Getränke im Supermarkt um die Ecke einzukaufen und in einer der Kühlboxen auf dem Schiff zu lagern. Hoch motiviert füllten alle Gäste sämtlichen gekühlten Platz mit Bier, ein wenig Softdrinks und reichlich Flaschen Rum.

    Bis zur Abfahrt am Abend verbrachte ich den Tag noch mal am Pool meines Hostels. Gegen den Erwerb des ein oder anderen Biers durfte ich mich hier den Tag über noch aufhalten. Na gut, es wäre auch ohne das Bier gegangen, aber man will ja nicht nehmen, ohne zu geben.

    Um 20 Uhr trafen sich wieder alle am Schiff. Um etwa 22:30 waren wir immer noch nicht abgefahren, dafür war die Party schon im vollen Gang. An dem großen Tisch im hinteren Bereich des Katamarans fanden alle Platz. Wir vernichteten bereits einen erheblichen Teil der gekühlten Biere, spielten Karten und lernten uns untereinander kennen. Im Nachhinein muss ich wirklich sagen, wie cool die Truppe insgesamt war. Aus Neuseeland kommen das Pärchen George und Page, sowie die Freundinnen Katy und Natascha. Aus den Niederlanden sind die beiden Solo-Reisenden Anuk und Mees. Die deutschsprachige Fraktion war erstaunlich groß: Sandra aus Österreich, sowie die alleine reisenden Schweizer Sarah und Matthias, sowie das Abenteuer-Pärchen Michel und Serafina. Letztere sind die vergangenen 14 Monate mit einem selbst umgebauten und aus der Schweiz per Container verschifften Jeep Defender in Südamerika unterwegs gewesen. Die beiden gehen viel wandern, fischen und fliegen mit ihren eigenen Gleitschirmen. Außerdem fotografieren sie viel und sehr gut, wie ich finde. Sie hatten auch eine Drohne dabei und beschenkten die anderen Gäste mit atemberaubenden Luftaufnahmen unserer Segeltour, die ich euch hier selbstverständlich nicht vorenthalten kann.

    Generell mischen sich in diesem und in den nächsten Beiträgen der Segeltour meine Fotos mit denen der anderen Gäste. Bis jetzt habe ich fast ausschließlich nur meine Fotos verwendet, doch diesesmal muss ich euch auch die der anderen zeigen, sie sind einfach zu gut.

    Michel und Serafina berichteten weiter von ihren Abenteuern, ich hörte super gerne zu und fragte sie auch ein bisschen aus. Alle, aber vor allem die Schweizer – nicht nur die beiden, sondern auch Sarah und Matthias – sind mir echt ein wenig ans Herz gewachsen in der Zeit, die wir nun zusammen verbringen sollten.

    Die Besatzung bestand aus Carmello, dem Kapitän, Santiago war der erste Matrose und Damian unser Koch. Letzterer konnte als Einziger Englisch und fungierte ebenfalls als Guide. Auch wenn er diese Rolle nicht so ernst nahm – wir bekamen keine richtige Einweisung in das Boot und mussten uns einiges selbst zusammenreimen. Die Toiletten funktionierten über eine von Hand betriebene Pumpe. Zuerst musste man Spülwasser in die Schüssel pumpen und nach dem Geschäft alles wieder raus. Auch eine Sicherheitseinweisung gab es nicht, lediglich auf die Rettungswesten wurden wir kurz aufmerksam gemacht.

    Bei der gemütlich verspäteten Abfahrt war die Aussicht auf die vorgelagerte Halbinsel von Cartagena mit ihren vielen schlanken Hochhäusern sehr gut. Wir waren per Motor und nicht per Segel unterwegs und das Ganze recht langsam. Die Haupt-Segelsaison in dieser Ecke der Karibik beginnt erst Mitte Dezember, daher war mir vorher schon klar, dass die Segel auf dieser Reise vermutlich wenig Verwendung finden würden. Am nächsten Tag wurde dann doch das vordere kleinere Seegel für ein paar Stunden gesetzt. Der Wind war nicht stark, daher es trug weniger zum Antrieb, als zum Ambiente bei.

    Die ersten etwa 40 Stunden nach der Abfahrt verbrachten wir auf hoher See. Am ersten Tag entspannten alle an Deck, wir spielten Spiele, kümmerten uns weiter um die mitgebrachten Alkoholvorräte und hatten einfach eine tolle Zeit. Naja, zumindest die von uns, denen der Seegang nichts anhaben konnte. Nicht allen ging es durchgehend gut. Ab und zu erbrach sich jemand über die Reling und warf anschließend eine Übelkeitstablette ein, die mal mehr, mal weniger gut halfen, den zwar nicht extremen, aber durchaus penetranten Seegang zu kontern. Für mich ist sowas gar kein Problem. Das Wasser ist mein Element, mir hat es einfach nur Spaß gemacht, und ich hätte es nicht mehr genießen können.

    Am Nachmittag um vier wurde es dann kurz richtig spannend. Die ganze Zeit schon, seit wir den Hafen verlassen hatten, zogen wir die Hochseeangel mit Köder im Wasser hinter uns her. Und dann gegen vier Uhr war es so weit: Etwas hatte angebissen. Gekonnt holte Carmello, die mehr als einen Meter lange Königsmakrele bis ans Boot und dann mit einem Haken aus dem Wasser. Um das Ableben zu erleichtern, gab er dem Fisch einen Schluck Aperol aus der Flasche direkt ins Maul. Das scheint man hier so zu machen, ich fand es trotzdem etwas komisch und konnte mich nicht recht entscheiden, ob das nun Tierquälerei oder doch human ist. Der Fisch wurde direkt zerlegt und bescherte uns einen ganzen Eimer voll dicker Filets, welche Damian, unser Koch, in eine üppige Fischplatte verwandelte. Das Fleisch war erstaunlich fest und sehr gut im Geschmack.

    Wir sahen tagsüber noch Wale in großer Ferne hinter dem Boot, leider nur für einen sehr kurzen Moment. Vermutlich waren es Orcas, allerdings war das sehr schwer zu erkennen, und keiner schaffte es schnell genug, ein Foto zu machen.

    In der zweiten Nacht versuchte ich an Deck, in dem Netz vorne am Boot neben meiner Luke zu schlafen. Das Spritzwasser von unten durchnässte meinen Schlafsack, und irgendwann machte es keinen Spaß mehr. Es war schon weit nach Mitternacht und sowohl die Wolken, als auch der helle Mond waren nicht mehr direkt über uns. Die Sterne boten ein atemberaubendes Bild, und so saß ich noch eine Weile da und staunte nicht schlecht. Als ich gerade dabei war, wieder durch die Luke in mein Bett zu klettern, entdeckte ich einen einzelnen Delfin, der neben dem Boot verspielt eine kurze Weile mit uns daher schwamm, da fiel mir auf, dass wir durch fluoreszierendes plankton fuhren. Tausende kleine leuchtende Punkte im Wasser, die durch unsere Bugwellen und die Bewegungen des Delfin kurz bläuchlich aufleuchteten. Ein Magischer Anblick.

    Am Morgen des zweiten Tages waren wir noch nicht angekommen, doch ich wurde plötzlich wach. Ich weiß nicht mehr genau wie, meine Luke war leicht geöffnet und vielleicht habe ich etwas gehört, vielleicht habe ich auch die Spannung in der Luft gespürt. Den Kopf aus der Luke gesteckt und zum Heck des Schiffs geschaut, wusste ich direkt was los war. Es hatte wieder ein Fisch angebissen. Natürlich musste ich mir das ansehen. Sarah, die in dieser Nacht im hinteren Bereich draußen auf der Bank schlief, weil sie mit dem Seegang nicht zurechtkam und es hier etwas weniger stark schwankt, erzählte mir später davon, dass vorher noch so gut wie keiner wach gewesen sei. Um kurz nach 7 Uhr morgens kamen dann alle Männer wie verabredet in Windeseile an die Angel geschnellt, weil es was zu gucken gab. Sie schoss das Foto, auf dem man uns neugierig das Spektakel verfolgend sehen kann. Auch dieser Fisch war wieder recht groß, es war ein orang-kupferfarbener Hundsschnapper, ebenfalls sehr lecker, auch wenn mir die Königsmakrele besser gefallen hat.

    Kurze Zeit später kam Land in Sicht, doch damit geht es im nächsten Post weiter.
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