• Die Republik Užupis

    September 10, 2021 in Lithuania ⋅ ☀️ 23 °C

    ...ein kleines Land für Freigeister mitten in Vilnius

    Manchmal reicht es, einmal über eine Brücke zu gehen, und plötzlich ist man in einem anderen Land. Zumindest fühlt es sich in Užupis genau so an. Nur wenige Schritte von der Altstadt Vilnius entfernt liegt dieses kleine, etwas schräge Künstlerviertel auf der anderen Seite der Vilnelė — und nennt sich mit voller Absicht und einem ziemlich breiten Augenzwinkern: Republik Užupis.

    Užupis ist der kleinste Stadtteil von Vilnius, nur etwa 0,6 km² groß, getrennt von der Altstadt durch den Fluss Vilnelė. Früher galt die Gegend als eher heruntergekommen, heute ist sie ein kreatives Viertel voller Kunst, Cafés, kleiner Galerien, Hinterhöfe und Menschen, die offensichtlich beschlossen haben, dass Normalität auch überbewertet sein kann. Am 1. April 1997 erklärte Užupis seine Unabhängigkeit — natürlich am Aprilscherztag. Passender hätte man es kaum planen können.

    Schon der Weg hinein fühlt sich ein bisschen wie ein Spiel an. Über die Užupis-Brücke betritt man die Republik, zumindest symbolisch. Am Unabhängigkeitstag kann man sich dort sogar einen Stempel in den Pass geben lassen. Auf anderen Reisen reicht aber auch ein gedanklicher Stempel: „Ich war da, in diesem kleinen Land der Kunst und komischen Ideen.“

    Im Zentrum steht der Engel von Užupis. Hoch oben auf einer Säule bläst er in seine Trompete, als würde er sagen: „Willkommen, ab hier gelten andere Regeln.“ Und irgendwie stimmt das auch. Die Republik hat eine eigene Verfassung, eine Hymne, einen Präsidenten, eine Regierung, eine Flagge und laut eigener Darstellung sogar einmal eine Armee von ungefähr elf Männern gehabt. Sehr bedrohlich wirkt das alles nicht — eher wie ein liebevoller Protest gegen zu viel Ernsthaftigkeit.

    Am schönsten ist die Verfassung von Užupis, die auf Tafeln in der Paupio-Straße zu lesen ist. Sie ist inzwischen in viele Sprachen übersetzt und besteht aus Sätzen, die gleichzeitig absurd, poetisch und erstaunlich wahr sind. Dort steht zum Beispiel, dass jeder Mensch das Recht hat, einzigartig zu sein. Ein Hund hat das Recht, ein Hund zu sein. Menschen haben das Recht, glücklich zu sein — aber auch das Recht, unglücklich zu sein. Und spätestens bei solchen Sätzen merkt man: Das ist nicht einfach nur ein Touristen-Gag. Das ist auch eine kleine Erinnerung daran, dass Freiheit manchmal ganz leise und ziemlich eigenwillig daherkommt.

    Beim Spazieren durch Užupis entdeckt man überall kleine Details: Skulpturen, bemalte Wände, Galerien, Innenhöfe, Treppen, alte Häuser und diese Mischung aus Bohème, Nachbarschaft und „Wir machen hier einfach unser Ding“. Besonders schön ist der Bereich am Fluss, wo Vilnius plötzlich weniger Hauptstadt und mehr Dorf wird. Unter der Brücke versteckt sich außerdem die kleine Meerjungfrau von Užupis — der Legende nach sollte man sie nicht zu lange anschauen, sonst möchte man vielleicht gar nicht mehr weg.

    Genau das ist wahrscheinlich der Zauber dieses Viertels. Užupis ist keine klassische Sehenswürdigkeit, die man einfach abhakt. Es ist mehr ein Gefühl. Ein bisschen Montmartre, ein bisschen WG-Küche, ein bisschen politische Satire, ein bisschen Poesie an einer Hauswand. Man kommt wegen der kuriosen Republik — und bleibt hängen an der Atmosphäre.
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