Die Republik Užupis
May 11 in Lithuania ⋅ ⛅ 9 °C
Manchmal reicht ein einziger Schritt über eine Brücke, und man befindet sich schlagartig in einer völlig anderen Galaxie. Genau so fühlt es sich an, wenn man die Vilnelė überquert und nach Užupis eintaucht. Nur wenige Gehminuten von der barocken Altstadt entfernt liegt dieses kleine, herrlich schräge Künstlerviertel, das sich selbst zur eigenen Republik ernannt hat.
Užupis bedeutet übersetzt „Hinter dem Fluss“ und ist gerade einmal 0,6 km² groß. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Gegend brach und mutierte in den frühen 1990ern zum berüchtigtsten, kriminellsten Pflaster von ganz Vilnius. Doch wo die Mieten billig sind, kommen die Kreativen: Mitte der 90er besetzten Künstler, Freigeister und Punks die alten Ruinen. Am 1. April 1997 erklärten sie schließlich die Unabhängigkeit. Was als genialer Aprilscherz begann, wird bis heute mit einer herrlichen Ernsthaftigkeit zelebriert.
Um den bürokratischen Ernst der restlichen Welt durch den Kakao zu ziehen, hat die Republik alles parat, was ein echter Staat eben so braucht:
Die Flagge mit Loch: Sie zeigt eine offene Hand mit einem Loch in der Mitte. Das Symbol bedeutet: Wir sind offen für jeden, aber wir können nichts festhalten (und man kann uns nicht bestechen).
Die Armee: Zeitweise besaß Užupis eine eigene Armee mit einer Gesamtstärke von stolzen elf Mann (inzwischen pazifistisch aufgelöst).
Das Wahrzeichen: Mitten auf dem zentralen Platz thront der Engel von Užupis auf seiner Säule und symbolisiert die wiedergeborene, kreative Freiheit.
Das absolute Highlight hängt in der Paupio-Straße. Hier reihen sich Metalltafeln aneinander, auf denen die Verfassung von Užupis in unzähligen Sprachen eingraviert ist. Spätestens hier merkt man, dass Užupis viel mehr ist als nur ein Touri-Gag. Es ist eine wunderschöne Liebeserklärung an das Menschsein und die Toleranz.
Hier sind meine Lieblingsparagraphen:
Paragraph 5: Jeder Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein.
Paragraph 12: Ein Hund hat das Recht, ein Hund zu sein.
Paragraph 16: Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, aber das ist keine Pflicht.
Paragraph 37: Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich zu sein.
Beim Weiterziehen durch die Straßen fühlt man sich wie in einer Mischung aus Pariser Montmartre und gemütlicher WG-Küche. Direkt unter der Hauptbrücke versteckt sich in einer steinernen Nische zudem die Meerjungfrau von Užupis.
Die Einheimischen raunen sich eine dringende Reisewarnung zu: Wer ihren Blick fängt und sie zu lange anschaut, verfällt ihrem Zauber. Man verliebt sich unsterblich in das Viertel und wird Užupis nie wieder verlassen wollen. Ich habe vorsichtshalber nur ganz kurz hingeguckt… aber ich fürchte, es ist eh schon zu spät! 🎒🎨🧜♀️✨Read more





















Traveler
Tolle Verfassung. 🙃
Maria UhligJa, oder?
Traveler
👍