• Jerusalem des Nordens

    May 11 in Lithuania ⋅ ☁️ 16 °C

    ....das jüdische Vilnius

    Vilnius war über Jahrhunderte nicht nur eine Stadt der Kirchen, sondern auch ein bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens. In der jüdischen Tradition wurde die Stadt Vilna genannt und galt als eines der wichtigsten geistigen und kulturellen Zentren Osteuropas. Oft wird Vilnius als „Jerusalem des Nordens“ oder „Jerusalem Litauens“ bezeichnet — manchmal begegnet einem auch die Formulierung „Jerusalem des Ostens“. Gemeint ist immer diese besondere Rolle der Stadt als Ort jüdischer Gelehrsamkeit, Religion, Druckkunst und Bildung.

    Vor dem Zweiten Weltkrieg war jüdisches Leben in Vilnius überall präsent. Es gab zahlreiche Synagogen und Gebetshäuser, jüdische Schulen, Bibliotheken, Verlage und ein lebendiges kulturelles Leben. Besonders berühmt war der Vilna Gaon, einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts. Auch der jüdische Buchdruck spielte eine große Rolle: Vilnius war ein Zentrum für religiöse und wissenschaftliche Texte, und das YIVO-Institut, eines der wichtigsten Institute zur Erforschung der jiddischen Kultur, wurde 1925 in Vilnius gegründet.

    Heute sieht man diese Geschichte nicht immer auf den ersten Blick. Viele Orte sind verschwunden, überbaut oder nur noch durch Gedenktafeln markiert. Gerade das macht einen Spaziergang durch das ehemalige jüdische Viertel so eindrücklich: Man läuft durch hübsche Altstadtgassen, vorbei an Cafés, Boutiquen und Kopfsteinpflaster — und merkt erst beim genaueren Hinsehen, dass hier früher ein ganzes jüdisches Stadtleben existierte. Besonders rund um die Žydų-Straße, die Gaono-Straße und die ehemaligen Ghetto-Bereiche wird diese Vergangenheit spürbar.

    Ein schwerer, aber wichtiger Teil dieser Geschichte ist der Holocaust. Während der deutschen Besatzung wurden die Jüdinnen und Juden von Vilnius in Ghettos gezwungen, entrechtet, ausgebeutet und ermordet. Der nahe gelegene Ort Paneriai/Ponar wurde zu einem der zentralen Mordorte; dort wurden zehntausende Menschen ermordet, darunter sehr viele jüdische Bewohnerinnen und Bewohner aus Vilnius und Litauen.

    Trotzdem ist jüdisches Vilnius nicht nur eine Geschichte des Verlustes. Es gibt heute wieder Orte der Erinnerung und Kultur, zum Beispiel das Vilna Gaon Museum of Jewish History, die Holocaust-Ausstellung, die Choral-Synagoge und kleine Spuren im Stadtbild. Auch kulinarisch taucht diese Vergangenheit wieder auf — etwa durch Bagels, die an die jüdische Esskultur Osteuropas erinnern.
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