• Kaunas -Litauens zweite Hauptstadt

    13 de maio, Lituânia ⋅ ☁️ 8 °C

    Wer nach all dem barocken Zauber aus Vilnius erwartet, in Kaunas einfach nur eine ruhigere Version der Hauptstadt zu finden, liegt komplett falsch. Die zweitgrößte Stadt Litauens hat einen völlig eigenen Charakter: Sie wirkt geradliniger, kantiger und strotzt nur so vor architektonischem Selbstbewusstsein.

    ​Frisch am Bahnhof ausgespuckt, ging es auch direkt auf das pulsierende Rückgrat der Stadt: die Laisvės alėja (Freiheitsallee). Diese schnurgerade, fast zwei Kilometer lange Fußgängerzone ist eine der längsten Alleen Europas. Gesäumt von alten Linden, hippen Cafés und Prachtbauten der Moderne lässt es sich hier stundenlang flanieren, ohne auch nur einmal auf den Autoverkehr achten zu müssen. 🌳☕

    ​Die faszinierende Epoche, die man beim Gang über die Allee an jeder Ecke sieht, verdankt die Stadt einer historischen Kuriosität: Als Vilnius zwischen den Weltkriegen (1920–1939) plötzlich zu Polen gehörte, wurde Kaunas kurzerhand zur provisorischen Hauptstadt Litauens ernannt.
    ​Über Nacht musste aus einer russischen Festungsstadt eine glanzvolle Metropole werden. Es folgte ein beispielloser Bauboom. Die litauischen Architekten brachten den neuesten Schrei aus Paris oder Berlin mit: Funktionalismus und Art déco, gemixt mit nationalen Mustern. Das Ergebnis ist ein weltweit einzigartiges modernistisches Ensemble, das seit September 2023 zum UNESCO-Welterbe gehört! Man fühlt sich hier wie in einer super schicken Zeitkapsel der 1930er-Jahre.

    ​Am westlichen Ende der Allee geht die Neustadt schließlich fließend in die historische Altstadt mit ihrer Hanse-Architektur über. Mitten auf dem zentralen Platz thront das barocke, strahlend weiße Rathaus. Die Einheimischen nennen es wegen seiner grazilen Form und des 53 Meter hohen Turms liebevoll den „weißen Schwan“ (Baltoji gulbė). Wo früher mit Wachs und Seide gehandelt wurde, werden heute im Sekundentakt Ehen geschlossen.
    ​Ganz am Ende des Spaziergangs, direkt am malerischen Zusammenfluss von Nemunas (Memel) und Neris, wartet schließlich die Burg von Kaunas (Kauno pilis). Die steinerne Verteidigungsburg aus dem 14. Jahrhundert trotzte einst den Kreuzrittern und setzt der historischen Kulisse die Krone auf. 🌊

    ​Kaunas hat auch schwere Kapitel, wie das Neunte Fort am Stadtrand – ein Mahnmal an die Gräuel der Nazis und Sowjets. Aus Zeitgründen habe ich mich heute aber lieber durch die Gassen treiben lassen und die unheimlich kreative, junge Seite der Stadt entdeckt. Überall an alten Brandmauern findet man riesige Street-Art-Murals, wie den berühmten „Wise Old Man“, der lässig seine Pfeife raucht. 🕵️‍♂️
    ​Und wer es richtig skurril mag, besucht das weltweit einzigartige Teufelsmuseum (Velnių muziejus). Hier warten über 3.000 Teufelsfiguren aus aller Welt – mal lustig, mal gruselig, mal als politische Satire inklusive Sowjet-Diktatoren.
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