• "Kleine" Radtour auf der Kurischen Nehrung

    May 15 in Lithuania ⋅ ⛅ 9 °C

    Wer mich kennt, weiß: Wenn ich mir was vornehme, dann richtig. Heute ging es mit dem Fahrrad einmal komplett über die Kurische Nehrung – herunter bis kurz vor die russische Grenze und wieder zurück. Am Ende des Tages spuckte Komoot stolze 102 Kilometer aus. Die Oberschenkel brennen, im Gesicht klebt Salz und im Kopf ist jede Menge Weite.
    ​Von Klaipėda setzt man für 2,70 € mit der Fähre nach Smiltynė über und steht in einer völlig anderen Welt: Auf der einen Seite peitscht die offene Ostsee, auf der anderen ruht das Kurische Haff. Dazwischen liegt ein schmaler, magischer UNESCO-Welterbestreifen aus endlosen Kiefernwäldern und Sand. 🌊

    ​Die Nehrung war schon immer ein raues Pflaster. Im 16. und 17. Jahrhundert begingen die Menschen hier jedoch einen fatalen Fehler: Sie holzten die schützenden Wälder radikal ab. Ohne die Wurzeln verlor der Sand jeglichen Halt. Der Wind peitschte die Dünen auf, und es passierte, was passieren musste: Riesige Wanderdünen fraßen sich durch das Land und begruben über ein Dutzend ganze Fischerdörfer komplett unter sich! 🏜️💨
    ​Erst im 19. Jahrhundert zog man die Notbremse und zähmte den Sand in einer Mammutaufgabe durch die gezielte Wiederanpflanzung von Millionen von Kiefern.

    ​Nach etlichen Kilometern im Sattel erreicht man den bekanntesten Ort der Landzunge: Nida. Das Dorf zog schon früh Prominenz an. Der deutsche Schriftsteller Thomas Mann war so verliebt in die Kulisse, dass er sich hier ein typisch kurisches Sommerhaus baute und mit seiner Familie die Sommer 1930 bis 1932 hier verbrachte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kehrte er dem Land den Rücken und sah sein Ostsee-Idyll nie wieder. Heute ist das Haus ein Kulturzentrum.

    ​Wer so viel strampelt, braucht ordentlich Treibstoff. Kulinarisch gibt es hier nur eine logische Wahl: frisch geräucherten Fisch. Einfach, salzig, oft noch warm aus dem Rauch – er schmeckt genau so, wie man es sich an der Küste erhofft.
    ​Am südlichsten Wendepunkt, kurz vor der Grenze, wurde mir beim Blick über die gigantischen Dünen erst klar, wie tief mich dieser Ort beeindruckt hat. Die Kurische Nehrung ist ein extrem schmaler Streifen Land – aber mit unendlich viel Weite. Jetzt fallen mir im Hotel in Klaipėda gleich die Augen zu, aber das war jeden einzelnen Kilometer wert!
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