• Die „Geburtstagstorte Stalins“

    May 17 in Latvia ⋅ ☁️ 14 °C

    Wer in Riga unterwegs ist, kann sie unmöglich verfehlen: Plötzlich steht sie da, die sogenannte „Geburtstagstorte Stalins“. Eigentlich verbirgt sich hinter der monumentalen Fassade das Gebäude der Lettischen Akademie der Wissenschaften, aber der Spitzname trifft den Nagel auf den Kopf. Das Hochhaus sieht aus, als hätte jemand tonnenweise Beton und Machtfantasien zusammengerührt und oben eine eckige Spitze draufgesetzt.

    ​Solche Kolosse wurden in den 1950er-Jahren nicht aus akutem Platzmangel hochgezogen. Die Architektur sollte eine unmissverständliche Botschaft senden: groß, streng, symmetrisch und absolut einschüchternd.
    ​Nicht umsonst nennt man diesen Baustil auch stalinistischen Zuckerbäckerstil (sozialistischen Klassizismus). Es ist das architektonische Äquivalent zu einem überladenen Prunkkuchen, der jedem Betrachter sofort klarmachen sollte, wer hier die Macht hat. Verwandte Beton-Geburtstagskuchen dieser Art stehen als „Sieben Schwestern“ in Moskau oder als Kulturpalast in Warschau.

    ​In Riga wirkt der Riese zwischen den Epochen extrem seltsam: Eben läuft man noch durch gemütliche Altstadtgassen, bewundert filigranen Jugendstil oder schlendert über den quirligen Zentralmarkt – und plötzlich blickt man hoch zu diesem grauen Sowjet-Turm.
    ​Schön im klassischen Sinne? Definitiv nicht. Aber weggucken geht auch nicht. Genau deshalb passt das Gebäude perfekt hierher: Riga ist keine sterile Puppenstube, sondern trägt seine historischen Narben stolz und unübersehbar nach außen.
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