• Linnahall: Sowjet-Monster mit Meerblick

    May 20 in Estonia ⋅ ☁️ 12 °C

    ​Direkt an der Küste, unweit der Altstadt, stolpert man über ein absolut monumentales Stück Betongeschichte: die Linnahall (ursprünglich Wladimir-Iljitsch-Lenin-Palast für Kultur und Sport). Das riesige, flache Bauwerk wirkt wie eine Mischung aus einer aztekischen Stufenpyramide und einem gigantischen, bunkerartigen Raumschiff, das jemand direkt am Meer geparkt hat. 🏗️🛸

    ​Gebaut wurde dieser massive Betonkoloss im brutalistischen Stil für ein ganz bestimmtes Event: die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau. Da das landumschlossene Moskau schlecht Segelwettbewerbe austragen konnte, wurde Tallinn kurzerhand zum offiziellen Olympia-Austragungsort für die Regatten ernannt.
    ​Die Sowjets wollten der Welt zeigen, was sie architektonisch draufhaben. Die Linnahall wurde so konstruiert, dass sie flach bleibt, um den historischen Blick von der Ostsee auf die Kirchtürme der Altstadt nicht zu verdecken. Drinnen gab es eine riesige Eishalle und einen Konzertsaal für über 4.000 Menschen.

    ​Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam der schleichende Verfall. Die Instandhaltung des riesigen Komplexes war schlicht unbezahlbar. Heute steht die Linnahall seit Jahren leer und verottet still vor sich hin – zumindest im Inneren.
    ​Von außen haben sich die Tallinner das Gebäude nämlich längst zurückgeholt. Die riesige Betonkonstruktion ist heute eine gigantische Open-Air-Leinwand für Graffiti-Künstler und ein absolut beliebter Treffpunkt. Man kann die breiten Betonstufen bis ganz nach oben auf das Dach spazieren. Von dort hat man einen grandiosen, unverbauten Blick auf die einlaufenden Helsinki-Fähren und das offene Meer.
    ​Schön im klassischen Sinne ist dieses rohe, besprühte Betonmonster definitiv nicht. Aber als historisches Denkmal des Brutalismus hat der Ort eine unglaublich faszinierende, melancholische Atmosphäre.
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