Vom Freiheitsplatz zu den Geheimnissen der Hanse
May 21 in Estonia ⋅ ☁️ 14 °C
An meinem letzten Tag in Tallinn hieß es einfach noch mal: Treiben lassen. Ohne festen Zeitplan bin ich nach den Museumsstops kreuz und quer durch die kopfsteingepflasterten Gassen geschlendert, um die ganz besonderen Ecken und Geschichten dieser Stadt aufzusaugen, bevor die Reise weitergeht.
Mein Spaziergang startete auf dem monumentalen Freiheitsplatz (Vabaduse väljak). Er ist weit mehr als nur ein großer Pflasterplatz – er ist das Symbol für Estlands unbedingten Willen zur Unabhängigkeit. Dominiert wird der Platz von einer riesigen, unübersehbaren Glassäule: dem Freiheitskriegs-Denkmal.
Ein kleiner Blick in die Geschichte: Die gläserne Säule erinnert an den estnischen Befestigungskampf von 1918 bis 1920, als sich das kleine Land direkt nach dem Ersten Weltkrieg erfolgreich gegen die sowjetische Rote Armee und deutsche Truppen durchsetzte, um die allererste estnische Republik zu gründen. Während der sowjetischen Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Platz prompt in „Siegesplatz“ umbenannt und für Militärparaden genutzt. Als die Esten 1989 in der „Singenden Revolution“ friedlich für ihre Freiheit demonstrierten, wurde der Platz wieder zum Epizentrum des Protests.
Weiter ging es vorbei an einem der absolut schönsten Gebäude der gesamten Altstadt: dem Schwarzhäupterhaus (Mustpeade maja). Die markante Fassade mit den detailreichen Steinreliefs und vor allem die weltberühmte, knallig grün-rot-goldene Holztür.
Die Bruderschaft der Schwarzhäupter war ein ziemlich exklusiver Club im Mittelalter (die Gesxchichte kennen wir ja schon aus Riga): Eine Vereinigung von jungen, unverheirateten ausländischen Kaufleuten, die in Tallinn lebten, aber noch kein volles Bürgerrecht besaßen. Sie waren bekannt dafür, im Ernstfall die Stadt wehrhaft zu verteidigen – aber noch bekannter dafür, die absolut wildesten und luxuriösesten Partys der Hansezeit zu schmeißen. Sobald ein Kaufmann heiratete, musste er den Club übrigens verlassen und durfte zur Großen Gilde wechseln.
Gleich um die Ecke stößt man auf der Straße auf eine charmante kleine Bronzestatue: einen fröhlich grinsenden Schornsteinfeger. In Estland gilt die Begegnung mit einem Schornsteinfeger traditionell als absoluter Glücksbringer. Die Tallinner (und Touristen) haben die Nase und die Knöpfe seiner Uniform über die Jahre so oft berührt, dass sie mittlerweile golden in der Sonne glänzen.Read more






