• verlorener Tag?

    March 27 in Poland ⋅ ☁️ 12 °C

    Am Anfang jedes Eintrages bei Find Penguin steht die Frage: „Was hast du so gemacht?“

    Bezogen auf den gestrigen Tag müsste ich normalerweise sagen: Nichts.

    Ich war auch kurz davor, dieses Nichts gelten zu lassen und einfach keinen Eintrag zu machen – wie schon vor ein paar Tagen. Doch dieses Nichts ist nicht korrekt. Dieses Nichts stimmt überhaupt nicht. Komisch. Ich habe gestern einiges gemacht.

    Nichts Besonderes?

    Auch das ist nicht korrekt. Was ist denn schon besonders? Um meine Fragezeichen aufzuklären, schreibe ich einfach mal auf, was ich gemacht habe. Ein paar Dinge lasse ich aus – eher privater Natur, hier haben sie keinen Platz.

    Ich bin relativ früh aufgewacht. Generell war es eine unruhige Nacht. Ich befinde mich in Grenznähe zu Belarus. Die ganze Nacht fuhren Militärfahrzeuge vorbei. Ich habe sie nicht gesehen, aber am Geräusch war es eindeutig. Kaum eine ruhige Minute, in der dieses Brumm-Rauschen nicht zu hören war, während gleichzeitig Licht- und Schattenspiele über den Zeltstoff wanderten. Gerade schon wieder. Hätte ich nicht damit gerechnet, ich würde vermutlich deutlich nervöser reagieren.
    Ich schälte mich also aus meinem Bett und kletterte in die untere „Etage“. Was tun? Ich habe ja noch Zeit bis neun Uhr. Dann soll der Mechaniker kommen – mit dem bestellten Teil. Wenn alles passt, bin ich ab Mittag wieder unterwegs.

    Gestern Abend bin ich in die eine Richtung gegangen. Also heute früh in die andere. Fotosachen zusammengesucht: das 600er Tele, Equipment für Tonaufnahmen, auch die Insta kommt mit. Doch zuerst meine Ferse auf Belastbarkeit prüfen. Müsste gehen. Noch etwas Diclofenac drauf. Los geht’s.

    Dieser Wald ist komplett anders als der an der Moose Road. Viel wilder. Es gibt offizielle Wege, auch Straßen führen hindurch – und trotzdem wirkt er ursprünglicher, chaotischer. Je tiefer ich hineingehe, desto wilder wird es. Einige der angelegten Wege sind inzwischen nicht mehr begehbar. Zu viele umgestürzte Bäume, die alles blockieren.
    Kurze Pause. Blick aufs Smartphone. Noch in der Zeit. Verlaufen habe ich mich auch noch nicht. Hier merke ich: Jetzt bin ich wirklich im Wald angekommen. Ich lasse den Blick schweifen und treibe gedanklich vor mich hin.

    Da lässt mich ein seltsames Geräusch aufhorchen. Irgendwo ein Zwischending aus Knurren, Scharren und Schnaufen. Alles gleichzeitig. Vorsichtig sehe ich mich um. Weder Wisente noch Elche sind ungefährlich. Respekt ist angebracht. Ich kann jedoch nichts erkennen und entspanne mich wieder.

    Kurze Zeit später – erneut diese Geräuschkombination. Diesmal eindeutig. Shit. Ich verlängere mein Monopod, um im Zweifel reagieren zu können. Schaue mich um. Nichts. Keine Bewegung.

    Da – wieder. Es kommt aus einer dicht stehenden Baumgruppe vor mir. Mit Abstand gehe ich leicht seitlich, um dahinter sehen zu können. Ich denke, ich kann ausschließen, dass dort etwas ist.

    Doch was ist das?

    Ich gehe näher.

    Da – wieder! Aber diesmal … eher von oben. Ich blicke hoch und erkenne die Ursache: Der Wind hat aufgefrischt. Die Bäume stehen hier so eng, dass sie bei stärkeren Böen aneinanderreiben – und genau dieses Geräusch entsteht.

    Einerseits bin ich erleichtert. Kein wildes Tier, das es auf mich abgesehen hat. Andererseits bin ich ab jetzt deutlich vorsichtiger. Ich habe einmal gehört, dass mehr Menschen durch Bäume sterben als durch Tiere. Und ich sehe: In den Baumwipfeln ist ordentlich Bewegung. Am Boden kommt davon kaum etwas an.

    Es ist ohnehin Zeit zur Umkehr. Also doppelt vorsichtig zurück – und soweit möglich Abstand zu hohen Bäumen mit toten Ästen halten.

    Als ich zurückkomme, ist es kurz vor neun. Ich war etwa zweieinhalb Stunden unterwegs.

    Habe ich danach noch etwas getan? Klar. Aber war es besonders? Nein. Ich habe nichts besichtigt, konnte kaum etwas fotografieren. Ich sah weder Elche noch Wisente. Dennoch war die Zeit nicht vertan und auch nicht nichts.

    Später halte ich noch einen Schwatz mit der netten Dame, die sich um einen Mechaniker kümmert und mir mitteilt, dass es heute doch nichts mehr wird. Naja – wie war das noch einmal mit „shit happens“? Ich lasse mich nicht drausbringen. Ich lache mit ihr, sie lädt mich auf einen Kaffee in ihr Büro ein. Sie erklärt mir, was sie zu tun hat. Gegen 16:00 Uhr geht sie nach Hause.

    Ich mache mir etwas zu essen und gehe noch einmal eine kurze Runde. Die drei Stunden vom Vormittag spüre ich wieder an der Achillessehne. Ich gehe früh schlafen und sehe noch ein paar Videos.

    Das war es.

    Was habe ich getan? Nicht nichts. Genug für mich.
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