Reise nach ... Jaroslaw
April 17 in Poland ⋅ ☁️ 11 °C
Gestern angefragt – heute unterwegs. Auf der Narew.
Tomek und seine Frau (den Namen weiß ich leider nicht mehr) fahren mit mir die Narew hinab. Total entspannt. Schön, wieder einmal in einem Boot zu sitzen. Ich mag das. Die stetige Brise im Gesicht. Das Schlagen der Wellen im wechselnden Rhythmus. Mal langsam, fast meditativ. Dann auffordernd, fast drängend. Je nach Strömung und Windrichtung.
Hoffe, die Narew besser kennenzulernen. Ich sitze in einem einfachen Boot. Wenn ich mich hinauslehne, kann ich ins Wasser greifen. Wir tuckern leise und entspannt vor uns hin.
Tomek ruft. Ja – auch ich habe ihn gesehen. Graureiher. Er uns leider auch. Starrt mir ungläubig durch das Objektiv entgegen, zögert kurz und hebt ab. Zu schnell für mich. Ist doch erst 06:00 Uhr morgens.
Dann, etwa dreißig Meter vor uns: eine Linie wandert von rechts nach links. Wir halten darauf zu. Biber. Ich kann ihn gut sehen. Er mich auch. Zögert kurz – und wählt den Weg nach unten. Verflixt.
Hier ist es ideal für Biber. Tomek bietet Biber-Touren an. Er meint, es gibt eine Familie mit inzwischen über zehn Tieren. Selbst die Zweijährigen wurden noch nicht vertrieben. Das sei ungewöhnlich.
Wir tuckern weiter die Mäander entlang. Die Abbruchkanten sind eindrucksvoll. Immer wieder Löcher zu erkennen. Nisthöhlen.
„Kingfisher?“, frage ich Tomek. Er nickt und schüttelt gleichzeitig den Kopf. Seine Frau übersetzt: Der Winter war sehr kalt. Viele Tage unter minus 20 Grad, auch minus 30. Es gibt Abschnitte, da sind alle verschwunden. Gestorben oder abgewandert. Es dauert, bis sie wieder zurückkommen.
Langsam wird die Abbruchkante niedriger. Waren es anfangs mehr als drei Meter, sind es jetzt etwa einer. Dann geht die Narew teilweise fließend ins Land über. Das, was hier erst weiter unten zu sehen ist, ist in einem guten Frühjahr weiter oben schon so. Derzeit eher Niedrigwasser.
Langsam beginnen die Wellen schneller an den Bootsrumpf zu schlagen. Der Wind frischt auf. Die Sonne verschwindet. Ich werde sie heute wohl nicht mehr oft sehen. Wir beginnen zu frieren. Bis auf Tamas. Ich ziehe die Jacke zu. Wir drehen um. Genauso langsam tuckern wir wieder zurück.
Wir unterhalten uns dabei. Zunächst Unverfängliches. Irgendwann kommt das Thema Vergangenheit auf. In diesem Dorf wohl allgegenwärtig. Sie will wissen, wie ich das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen sehe. Bin froh klarstellen zu können, dass ich Österreicher bin. Habe aber das Gefühl, dass das keinen großen Unterschied macht. Für mich eigentlich auch nicht – aber dieser kleine Notausgang ist manchmal ganz angenehm. Bei „Austria“ reagieren einige deutlich entspannter als bei „Niemcy“.
Ich meine, dass die ältere Generation damit sicher noch ringt. Die Nazis haben dieses Dorf faktisch ausgeblutet. Doch in ein paar Generationen wird das weniger Thema sein.
Das Problem sind nicht die jeweils lebenden Menschen. Sondern die, die Not und Leid für ihre Zwecke missbrauchen. Die Feindbilder erschaffen. Und in Zeiten von Unsicherheit das Heil im Faschismus predigen. Das kann überall passieren. Die aktuellen Entwicklungen zeigen das deutlich.
Wir werden uns einig: Der Mensch ist anfällig für Hetze und Propaganda. Egal wann. Egal wo.
Wir steuern langsam wieder in ruhigere Gewässer. Sie erzählt, dass sie ihre Pension ausbauen wollen. Ich schlage vor, sich bei Park4night einzutragen. Ich würde sofort eine positive Bewertung schreiben. Sie nickt. Das würde ihnen helfen.
Am Wizna-Port angekommen verabschieden wir uns.
Zurück in Pflaume. Aufwärmen. Hinlegen. Dann lesen. Ein Buch, das ich vor Jahren schon einmal gelesen habe und das mir wieder untergekommen ist. Für die Reise mitgenommen. Passt irgendwie: „Die Reise nach Jarosław“ von Rolf Schneider.
Ich mag seine Art zu schreiben. Kurz. Prägnant. Humor, der sich versteckt und dann plötzlich zuschnappt. Immer auch gewürzt mit Rebellion und Aufbruch. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich kein Ende finde, wenn ich einmal zu lesen beginne?Read more



