• ten gość z kamperem, którego trzeba nakarmić

    18. april, Polen ⋅ ☀️ 16 °C

    Verschlafen. Vier Uhr war der Plan. Wie dumm: den Wecker für Sonntag gestellt. Da merke ich: Es beginnt das langsame Vergehen des Gefühls für Zeit und Raum. Datum und Wochentag sind inzwischen egal (außer Brot oder Klopapier sind fertig).

    Darum entscheide ich hier und jetzt: ich genieße den traumhaftesten aller polnischen Sonnenaufgänge von Pflaume aus, mit dampfendem Kaffee an der Abbruchkante. Lasse den Blick über die Narew schweifen. Von links nach rechts, zur Mitte und dann in die Ewigkeit.

    Sinniere. Lese im Buch. Genieße die wärmende Sonne. Lausche dem frühmorgendlichen Konzert. Mache Aufnahmen. Für sentimentale Momente. Heute ist so einer.

    Schön.
    Kitschig.
    Bis der Magen grummelt.

    Schau, was da ist, und entscheide: Zwiebel-Lauch-Maroni-Linsen-Eier-Eintopf. Zu Fuß zum Supermarkt. Die Pentax KP mit dabei. Auf Motive fokussiert komme ich nur langsam voran. Was das Dorf wohl denkt, wenn ich Mülleimer fotografiere?

    Lauch gekauft. Eier. Brot. Joghurt. Den Rest weiß ich nicht mehr. Beginne Zwiebeln zu schnipseln. Gemütlich. Ein Reisebus fährt vor. Lauch schnipseln. Ein zweiter Bus. Musik schallt irgendwo her. Oldies but Goldies. Zum sentimental werden. Oder zum Kotzen. Bin unentschlossen – sentimental war ich heute schon.

    Die letzten Tage zwischen Haus und Fluss alleine. Unbekannt. Unerkannt. Ungesehen. Ungestört. Heute ein Gewusel vor und neben Pflaume. Packe meinen polnischen Wortschatz aus: „Dobre“, nicke und winke. Es wird zurückgegrüßt. „Dobre“. Manche sprechen mich an. Der Moment für meinen Standardsatz: „Es tut mir sehr leid, aber ich spreche leider gar kein Polnisch!“. Nie kommt als Antwort: „Egal, dann sprechen wir eben Deutsch.“

    Ein Mischlingsrüde zieht schnurstracks auf mich zu. Am anderen Ende der Leine eine ältere Dame. Er beschnuppert mich. Sie spricht mich an. Ich greife zu meinem polnischen Standardrepertoire, da sagt sie: „Mein Mann kann sehr gut Deutsch“ und deutet nach hinten. Ich schaue sie relativ perplex an. Der Rüde zieht weiter und beendet so das Gespräch.

    Ich koste: mein Zwiebel-Lauch-Maroni-Linsen-Eier-Eintopf – superb! Lehne mich zurück und entspanne. Shit. Habe dabei auch die Hand entspannt, die den Klemmgriff hält. Der Topf rutscht raus und die Hälfte kippt über Hose und Schuhe. AAAAHHHHHH!!

    Keiner lacht. Keine grinsenden Gesichter. Der Bürgermeister hält gerade eine der Würde seines Amtes entsprechende Ansprache vor dem Zelt (ja – inzwischen auch ein Zelt aufgebaut).

    Schwein gehabt! Bin ich Schmach und Schande gerade noch entkommen. Schleiche mich in die Kabine – Hose wechseln, Schuhe abspülen. Das Malheur am Boden wird vom Gras getarnt. Weitgehend.

    Nach der Ansprache verteilt sich wieder alles. Der besagte Gatte spricht vor. Hat die letzten fünfzehn Jahre in Wien gelebt. War selbstständig. Monteur für Fenster und Türen. Pendelt mehrmals im Jahr nach Wien. Ist in Pension, hat aber Stammkunden, die er weiterhin beliefert. Hat in Wien eine kleine Wohnung. Wir kommen etwas ins Gespräch. Er hat sich gefreut, als er mein Nummernschild sah. Reden über Orte in Wien, die er kennt.

    Langsam wechselt alles Richtung Zelt. Dem Ursprung der Oldie-Musik. Bis auf diese wird es wieder ruhiger.

    Jetzt endlich kann ich essen. Es reicht gut für einmal. Das Essen für Sonntag liegt leider am Boden oder klebt in der Hose. Bin satt. Sitze im Stuhl vor Pflaume und verdau.

    Da stehen Tomek und seine Frau vor mir. Er mit einer Schüssel aus Pappe, sie mit einem Teller. Sie erklären mir, was drinnen ist, und machen ein zufriedenes Gesicht. Von meinen früheren Reisen weiß ich definitiv: Ablehnen verboten. Sich herzlich freuen, mehr oder weniger intensiv bedanken und Fragen stellen – erlaubt.

    Ich koste. Der Eintopf ist köstlich – fast so gut wie meiner. Löffle ihn aus. Die Knödel auf dem Teller mit dem Kraut lasse ich. Ich kann nicht mehr.

    Ich ziehe mich in meine Kabine zurück. Zum Verdauen. Da ruft jemand. Der polnische Wiener. Er schiebt mir einen üppig beladenen Teller entgegen. Knödel, Schmalzbrot, Kartoffelauflauf, Kraut. Hoffe, man hat mir nicht angesehen, was ich wirklich denke. Bedanke mich herzlich und koste etwas. Zufrieden zieht er ab. Ich lege mich aufs Bett und verdau weiter.

    Plötzlich Livemusik. Eine Quetsche und irgendwas Blechernes. Eifriges Geplapper. Gelächter. Dazwischen Kindergetümmel. Die komplette Wiese ist wieder aufgefüllt. Die Leute sitzen und stehen im Kreis. Am Rand zwei Musiker. Die Menschen beginnen zu singen. Wow. Folklore auf Polnisch.

    Der Bürgermeister kommt auf mich zu. Mit einem Teller in der Hand. NEIN! Polnische Desserts. Wieder bedanke ich mich artig. Ich kann nicht mehr. Ich weiß jetzt auch, wofür ich mich entscheiden würde, sollte ich jemals wieder etwas essen müssen: fürs Kotzen. Sentimental geht eindeutig nicht mehr.

    Nach etwa zwei Stunden mehr oder weniger ergreifender Darbietungen auf dem Platz entschließen sich einige, mit dem Katamaran noch eine Runde zu fahren. Die Musiker müssen natürlich mit. So klein das Ding ist. Es wird gesungen und getanzt. Ich habe inzwischen ein Gutteil verdaut und kann mich auch daran erfreuen.

    Wie mit allem geht auch dieses Event langsam zu Ende. Die Musiker stellen das Musizieren ein. Ich stehe gerade bei Pflaume, da kommt der Quetschenmann auf mich zu. Er begrüßt mich auf Deutsch. Darius hat jahrelang in Meckenbeuren gelebt und gearbeitet. Hausmeister. Seine Frau arbeitet derzeit in Biberach. Im Juni wird er sie besuchen. Er meint, dann könnte er mich ja auch besuchen. Wir tauschen Telefonnummern aus. OK – jetzt habe ich was im Juni?

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    Auflösung: „ten gość z kamperem, którego trzeba nakarmić“ heißt auf Deutsch „der Typ mit dem Camper, den man füttern muss“. Den Eindruck hatte ich zumindest.
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