• Fotografenleid

    April 19 in Poland ⋅ ☁️ 15 °C

    04:00 Uhr. Wie am Freitag eingestellt: Der Wecker zwitschert. Drehe mich noch einmal um. Welcher Idiot steht um diese Zeit auf, nur um ein paar Lichtphotonen auf photosensible Dioden treffen zu lassen?
    Zehn Minuten später: Der Idiot klettert aus seiner Koje. Gähnt ausgiebig. Kratzt sich bei den Worki. Anziehen. Wasserflasche auffüllen. Hänger beladen und ankoppeln. Der Idiot ist abfahrbereit.

    Eine halbe Stunde später trifft der eine Idiot auf andere Idioten. Polnische Angler. Genau dort, wo der erste hinwollte. Hier hatte ich den Eisvogel gesehen und den Wiedehopf gehört. Ein Stück weiter: weitere Angler. Positioniere mich möglichst nah an dem Ort, an dem ich mit dem Eisvogel rechne.

    Er ist auch da. Nur dass die Angler mit ihrem Lagerfeuer für romantische Stimmung sorgen, imponiert dem Eisvogel so gar nicht.
    Ich kann ihn mehrfach hören und sehen. Er umfliegt in weitem Bogen auf der anderen Flussseite die Idioten, weit an mir vorbei, und verschwindet um die nächste Biegung.

    Migriere Richtung Biegung. Keine Chance. Den Wiedehopf höre ich kein einziges Mal. Nach zwei Stunden stehe ich auf und klopfe mir den Sand aus den Klamotten. Das war ein Satz mit X.

    Ich packe zusammen und radle weiter. Zwei zwerg­huhn­große, braun-weiße Vögel werden aufgeschreckt. Mit einem deutlichen Laut des Missfallens zischen sie in etwa einem Meter Höhe davon. Keine Ahnung, was das war. Dann ein Sprung Rehe. Etwa zehn Stück. Sie verteilen sich in alle Richtungen.

    Da es hier recht flach ist, mit wenig Struktur, habe ich so gut wie keine Deckung. Die einzige: ein Gebüsch. Etwa fünfzig Meter von einem mittelgroßen, bereits verlandenden Altarm entfernt. Besser als nichts. Sicherlich kein Eisvogel – aber vielleicht Kampfläufer, Wiedehopf und Co?

    Zwei Stunden später: Was mache ich hier eigentlich?

    Wäre ich zuhause an einem vertrauten Spot, hätte ich wahrscheinlich ein paar Aufnahmen. Oder würde vor dem Kamin sitzen und heiße Schokolade trinken. Oder ich hätte den hier allseits bekannten Guide buchen können. Den mit dem Katamaran. Der fährt bis in den Nationalpark hinein.

    Aber nein!

    Ich quäle mich mit dem Fahrrad durch eine Sandpiste. Bin schon zweimal gestürzt. Hab mir das Schienbein ziemlich derbe angeschlagen.
    Ich friere. Der Wind pfeift mir um die Ohren. Keine Deckung. Zu flach hier. Das Schienbein schmerzt. Die Augen tränen.

    Was mache ich hier eigentlich? Für … ein paar Graugänse aus 100 Meter Entfernung?

    Ich gebe auf. Quäle mich zurück Richtung Wiznaport. Richtung Pflaume. Der Frust fährt mit.

    Frage mich, warum ich hier bin. Wegen der Fotos schon mal nicht.
    Klar – ich habe Wisente fotografiert.
    Einen Sperlingskauz. Grauspecht.
    Kampfläufer im Prachtkleid.
    Kraniche beim Tanz.

    Aber Fotos, auf die ich wirklich stolz bin?

    Keine.

    Warum tue ich mir das an? Sicherlich nicht wegen der Fotos. Hätte längst im Donaudelta sein können. 25 Grad. Stattdessen: knapp über Null.

    Komme bei Pflaume an. Esse die Gaben von gestern. Ach ja – gestern .....

    Das war schon nett. Ich als total Fremder – und doch offen empfangen. Neugier. Freundlichkeit. Irgendwie integriert.

    Der Blick hier ist herrlich. Das Leben in den Tag hinein tut mir gut. Draußen sein. Auch bei Minusgraden. Hat was. Und dann wieder in die warme Kabine. Das auch. Streiche mit der Hand über das Mobiliar. Pflaume. Bin stolz darauf. Und dankbar denen gegenüber, die mitgeholfen haben.

    War richtig, hier zu bleiben. Nicht nach Rumänien weiterzufahren. Wollte das Land kennenlernen. Die Menschen. Und genau das passiert gerade. Fünf Tage schon hier. Noch drei vor mir. Weil ich gefragt habe. Weil jemand jemanden kannte. Weil ich zugesagt habe.

    Die Damen im Tourismusbüro. Diese Selbstverständlichkeit zu helfen. Hatte Klasse.
    Und Ikeaman. War bemüht. Hat nicht viel gebracht. Aber war gut.

    Das hat nichts mit Fotografie zu tun. Und doch ist es das, was bleibt.

    Erinnerungen.

    Die nehme ich mit nach Hause. Darauf bin ich stolz.

    Klar wären ein paar erstklassige Fotos schön.
    Aber mal ehrlich: Was sind schon Fotos?
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