• Am Arsch der Welt

    23. april, Polen ⋅ 🌬 14 °C

    23.04.2026

    Abfahrbereit. Alles gecheckt. Alles gesichert. War nochmals auf dem "Töpfchen". Muss die letzten Tage noch bezahlen. Gestern schon angefragt per WhatsApp – keine Antwort bekommen. Tomek ist kein Mensch vieler Worte. Etwas mehr dürften es aber schon sein.

    Ich klopfe, weil die Klingel nicht zu funktionieren scheint. Tomeks Vater macht auf. Spricht nur Polnisch. Mache die weltweit gültige Handbewegung, indem ich Daumen und Zeigefinger aneinanderreibe. Werde verstanden. Ist also auch in Polen gültig. Er telefoniert und sagt dann: „Wait. Tomek coming.“ Also warte ich.

    Gehe nochmals die geplante Strecke durch. Überlege, ob ich noch etwas brauche. Steige wieder aus und gehe ein paar Schritte hin und die selben wieder zurück. Kein Tomek. Den Vater nerven bringt auch nichts. Esse einen Apfel. Den letzten. Hätte ich noch kaufen sollen.

    Tomeks Frau fährt vor. Sie meint zehn Tage, ich bestehe auf neun. Sie zeigt mir die WhatsApp-Nachrichten. Dann sieht sie ein, dass ich nicht am 13. um 20:30 Uhr gekommen bin, sondern erst am nächsten Tag. Zahle und verabschiede mich. War gern hier. Mal schauen, ob ich woanders auch gern bin.

    Habe etwa 80 Kilometer zu fahren und es ist erst kurz vor zehn. Genug Zeit. Hey – den Turm kenne ich doch – da bin ich mit Oliwier gewesen. Halte an und erklimme abermals die Verheißung auf Elch. Schaue intensiv in alle Richtungen. Am Status hat sich nichts geändert: „No Elk.“

    Es wird urbaner – fahre um eine Kurve: Kraniche. Ultranahe. Vorsichtig rolle ich etwas weiter an den Straßenrand und halte an. Shit – schon fast vergessen: das rechte Fenster öffnet seit Wiznaport nicht mehr, das linke zickt. Ich muss aussteigen. Kraniche noch da. Hoffentlich bleibt es dabei.

    Lehne mich über die Motorhaube.
    Tack – tack – tack.
    Hätte nie gedacht, dass ich Kraniche mal so nahe erleben darf.

    Pause. Bei einem Steg, der in das Schilf führt. Etwa einen Kilometer. Wollte mir ja die Beine vertreten. Mache das nun mit der Kamera und immer noch in stiller Hoffnung auf Elch. Der Steg führt fast kerzengerade durch Schilf, das an einen Birkenwald angrenzt. Tolle Stimmung. Nur Wildlife sehe ich nicht viel.

    Kurz vor 14:00 Uhr. Komme am letzten Dorf an. Navi meint: In 200 m links abbiegen. Jetzt links abbiegen. Es hat verschwiegen, dass es da ein Hindernis gibt – in Form einer Spursperrung und einem Riesenschild. Rund. Weiß mit rotem Rand. Drunter ein Zusatzschild.

    Ich versuche Google Maps klarzumachen, dass es hier nicht weitergeht. Keine Chance. Maps findet keine Alternativroute. Fotografiere das Zusatzschild und frage Deepl: „ausgenommen Baustellenfahrzeuge und Anrainer“. Fühle mich als Anrainer. Will ja zum Campingplatz. Eine andere Strecke finde ich nicht.

    Direkt nach dem Schild eine Brücke. Allein diese Brücke ist schon das Fahrverbotsschild wert und eine Verheißung auf das, was noch kommt. Hätte ich eine Alternative gehabt, hätte ich gezögert, da drüber zu fahren.

    Schotterstraße entlang der Biebrza. Schotterpiste. Aus Schotter wird Sand. Allrad wird aktiviert. Steige aus: Der Sand wirkt tragfähig. Soweit ich das beurteilen kann. Je weniger das alles nach Straße aussieht, umso mehr sieht es nach Baustelle aus. Drei, vier Kipper und ein paar Bagger – etwa 500 Meter vor mir. Da komme ich nie durch. Bleibe hinter dem ersten Kipper stehen. Gehe nach vorne. Ein paar Arbeiter stehen zusammen und palavern.

    „Dobre.“

    Nach längerem Hin und Her – keiner spricht Deutsch oder halbwegs Englisch – heißt es: „Street free and good.“ Hoffe, sie wissen, was sie da sagen. Sie rangieren etwas mit ihren Fahrzeugen. Jetzt komme ich zumindest vorbei. Mit einem nicht sehr guten Gefühl steige ich ein und starte Pflaume. Sind ja genug Menschen und Maschinen da, die mich retten können. Im Schritttempo an den Fahrzeugen vorbei. Tatsächlich: keinen Kilometer danach wird die Baustelle wieder zur Schotterstraße. Allrad raus. Weiter.

    Bin da. Biebrzańskie Safari.

    Adam Raczkowski empfängt mich. Er fährt einen aufwändig folierten Defender, trägt Camouflage und einen Buff am Kopf. Ebenfalls Camouflage. Das Camp wirkt irgendwie anders. Es gibt sogar einen Elchturm. Alles mit viel Liebe zum Detail gebaut. Heißwasser kommt über Sonnenkollektoren. Reicht derzeit nicht weit. Wenn Naturcamping – dann eindeutig Biebrzańskie Safari.

    Adam deutet mir mit weitausholenden Gesten irgendetwas an. Dann verstehe ich: Um hier weiterzukommen, brauche ich Gummistiefel. Ich nicke – habe ich. Beschließe, mir das anzusehen.

    Tatsächlich: Nach knapp 300 Metern mit meinen Wanderstiefeln geht nichts mehr. Das ist also das Gelbe Moor. Jeder Schritt ein schmatzendes Geräusch. Zwischen den einzelnen Bülten glänzt Wasser. Da geht definitiv nichts ohne Gummistiefel.

    Bin überzeugt, im wilden Zentrum des Nationalparks angekommen zu sein. Angrenzend folgt das Rote Moor. Innerhalb des Nationalparks hat es den höchsten Schutzstatus. Wird streng kontrolliert. Hunde sind dort strikt untersagt.
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