• Zwischen Abflug und Ankommen

    March 20 in Switzerland ⋅ ⛅ 6 °C

    Genf Flughafen, irgendwo zwischen Morgennebel und akutem Koffeinmangel. Ich sitze auf einem dieser Plastikstühle, die vermutlich von einem Designer entworfen wurden, der Menschen nicht besonders mag. Der Kaffee schmeckt, als hätte er schon den letzten Flug verpasst, und ich trinke ihn trotzdem, als hinge mein Leben davon ab. Das Safran-Rosinengebäck dagegen ist so gut, dass es fast frech wirkt. Als würde es sagen: „Siehst du, so könnte dein Morgen sein.“

    Die Zeit zieht sich wie Kaugummi unter einem Schuh.
    Richi ist noch unterwegs – nicht, weil er länger geschlafen hätte, sondern weil seine Anreise länger ist. Rein geografisch. Ich werde ihm das trotzdem irgendwann anders auslegen.

    Dann taucht er auf.
    Ein kurzer Blick, dieses „Ah, da bist du ja“, und zack – alles wieder wie früher. Keine große Inszenierung, eher wie zwei, die schon genug gemeinsam erlebt haben, um sich nichts mehr beweisen zu müssen. Einmal drücken, einmal grinsen, läuft.

    Security: erstaunlich unspektakulär.
    Rucksäcke aufs Band wie Opfergaben, wir durch den Scanner, Schuhe aus, Gürtel ab, einmal die übliche Flughafen-Choreografie. Kein Piepen, kein Drama. Fast enttäuschend. Ich war mental auf eine kleine Nebenhandlung vorbereitet.

    Am Gate dann das große Warten.
    Alle starren auf die Anzeigetafel, als könnten sie sie durch pure Willenskraft schneller umspringen lassen.

    Und dann kommt sie.

    Freundlich. Ruhig. Gefährlich.
    „Ihr kleiner Koffer muss leider in den Frachtraum.“

    Ich innerlich sofort im Verteidigungsmodus:
    Excuse me? Dieser Koffer und ich haben eine Beziehung. Vertrauen. Geschichte. Und vor allem: Ich habe Handgepäck bezahlt!

    Ich versuche zu argumentieren. Sachlich. Dann weniger sachlich. Dann mit Blicken.
    Aber sie lächelt dieses Lächeln, das sagt: „Du kannst hier auch einen TED-Talk halten, der Koffer geht trotzdem runter.“

    Und so rollt er davon.
    Mein kleiner treuer Begleiter, jetzt auf dem Weg in die dunklen Tiefen des Gepäcksystems. Ich schaue ihm hinterher wie jemand, der genau weiß: Das hier ist entweder eine kurze Trennung… oder der Beginn einer sehr langen Geschichte mit Formularen.

    Boarding. Abflug.
    Die Maschine hebt ab wie ein sauber gesetzter Punkt hinter das Drama.

    Paris. 11:50. Wir landen zu früh.
    Ein Moment, in dem man kurz denkt: Heute läuft’s.

    Falsch gedacht.

    Terminalwechsel.

    Charles de Gaulle lehnt sich zurück, knackt mit den Fingern und sagt: „Jetzt wird’s interessant.“

    Erst werden wir eingesammelt wie eine leicht planlose Reisegruppe und durch Terminal 1 geschoben. Einmal links, einmal rechts, noch ein Gang, noch eine Rolltreppe – man verliert schneller die Orientierung als im IKEA an einem Samstag.

    Und dann: Shuttlebus.

    Wir stehen da. Und stehen. Und stehen noch ein bisschen mehr.
    Zwanzig Minuten warten, die sich anfühlen wie eine eigene Zeitzone. Menschen um uns herum schauen gleichgültig, resigniert oder so, als hätten sie hier schon mal übernachtet.

    Dann kommt der Bus.

    Die Türen gehen auf und wir werden hineingeschoben wie Tetris-Steine mit Jetlag.
    Drinnen: eng, warm, leichtes Aroma von „internationaler Reiseverkehr“. Der Bus fährt los, biegt ab, fährt weiter, biegt nochmal ab – ich bin mir ziemlich sicher, wir haben zwischendurch Frankreich verlassen und sind wieder eingereist.

    Irgendwann spuckt er uns wieder aus. Wo genau? Unklar. Aber es sieht zumindest nach Flughafen aus.

    Wir laufen weiter.
    Gänge. Rolltreppen. Menschen. Noch mehr Gänge.
    Dieses spezielle Flughafengefühl: Man ist überzeugt, schnell zu sein – bewegt sich aber effektiv wie in einem schlechten Traum.

    30 Minuten? Weg. Einfach weg.
    Unser Zeitpuffer schrumpft von „entspannt“ zu „sportlich ambitioniert“.

    Wir schauen uns an und grinsen.
    Natürlich läuft es genau so. Wäre ja auch langweilig gewesen.

    Und irgendwo da draußen, tief im System, rollt mein Koffer wahrscheinlich gerade völlig entspannt durch sein eigenes Abenteuer.
    Vermutlich sitzt er inzwischen in einer besseren Lounge als wir.

    Wir beschließen, etwas zu essen zu suchen. Suchen ist hier das entscheidende Wort.
    CDG macht aus „Ich hab Hunger“ eine kleine Expedition. Links nur Parfum, rechts nur Luxus, Essen irgendwo zwischen Mythos und Legende.

    Irgendwann finden wir tatsächlich einen Kiosk.
    Keine Offenbarung, aber auch kein kompletter Reinfall. Wir schnappen uns zwei Sandwiches, etwas zu trinken – und natürlich etwas Süßes. Prioritäten müssen sein.

    Mit unserer Beute ziehen wir weiter Richtung Gate M41.
    Dort lassen wir uns nieder wie zwei erschöpfte Entdecker, die gerade noch rechtzeitig Proviant gefunden haben. Das Sandwich schmeckt besser als erwartet – oder wir sind einfach zu müde, um wählerisch zu sein. Egal. Für einen Moment ist Ruhe. Durchatmen. Ankommen im Chaos.

    Dann: Boarding.

    Natürlich Gruppe 5.
    Also die Kategorie: „Ihr dürft rein, wenn alle anderen schon sitzen und ihr euch fühlt wie die Nachzügler auf einem Klassenausflug.“

    Aber dann kommt der Plot-Twist.

    Der Bodensteward am Gate ist… eine Wucht.
    Gut gelaunt, wach, präsent – und vor allem: menschlich. Er schaut auf die Bordkarte, sagt jeden Namen laut und sauber, lächelt dabei und wünscht jedem einzelnen eine gute Reise. Kein Abfertigen, kein Durchschleusen. Kurz innehalten, Blickkontakt, ein echter Moment.

    Und plötzlich fühlt sich dieser ganze durchgetaktete Flughafenbetrieb für ein paar Sekunden… angenehm an.
    Unsere müden Seelen nehmen das dankbar mit.

    Im Flugzeug dann zurück zur Realität:
    Air France hat das Raumkonzept „wir testen, wie viel Mensch auf wie wenig Platz passt“ ziemlich ernst genommen.

    Platz 48 B und C.
    Wir falten uns hinein wie zwei übermotivierte Origami-Projekte und richten uns mental für die nächsten acht Stunden ein. Bewegungsfreiheit ist jetzt eher ein theoretisches Konzept.

    Zeit vergeht. Irgendwie.

    Und dann: Ankunft.
    18:30 Uhr Ortszeit, 23:30 Schweizer Zeit. Pointe-à-Pitre. Warm. Schwer. Tropisch. Ein anderes Kapitel.

    Direkt weiter zum Gepäckband.
    Ich stehe da, beobachte die Koffer, die vorbeiziehen wie eine Modenschau für strapaziertes Reisegepäck.

    Und dann kommt er.

    Mein Koffer.
    Verspätet. Verdreckt. Sieht aus, als hätte er unterwegs ein kleines Abenteuer im Schlamm gehabt. Ich mustere ihn kurz und denke nur: Ernsthaft, Air France?

    Aber gut. Er ist da. Das zählt.

    Raus. Taxi. Hafen.

    Und dann das Beste des Tages:
    Eva und Markus.

    Ein Wiedersehen, das alles davor plötzlich relativiert. Müdigkeit, Chaos, Kofferdrama – alles kurz egal.
    Man steht da, grinst sich an und weiß: Jetzt beginnt der gute Teil.
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