Seehund-Paddeln und fliegende Fische
March 23 in Guadeloupe ⋅ ☀️ 27 °C
Wer früh ins Bett geht, steht auch wieder früh auf. So läuft das hier.
Spätestens um 18:30, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, macht es zack – dunkel. Aber nicht gemütlich-dunkel, sondern richtig. Als hätte jemand den Stecker gezogen. Zappenduster.
Also landen wir meistens gegen 21:00 im Bett. Nicht aus Disziplin – aus Mangel an Alternativen.
Am nächsten Morgen geht’s wieder raus aufs Wasser.
Eigentlich war der Plan, in St. Louis an Land zu gehen. Ein bisschen festen Boden unter den Füßen, vielleicht ein Kaffee, vielleicht sowas wie Zivilisation. Aber der Atlantik flüstert uns was anderes zu. Wir segeln einfach vorbei. Neuer Kurs: Les Îles des Saintes.
Das Meer ist heute in Fahrt.
Es bewegt sich nicht, es atmet. Die Strömung ist so stark, dass man sie fast greifen könnte. Wellen rollen nicht von der Seite, nein – sie kommen von unten, als würde der Meeresboden selbst sie hochdrücken. Konfus, unberechenbar, ein bisschen wie ein betrunkener Riese, der im Schlaf zuckt.
Dazwischen treiben dicke Teppiche aus Sargassoseealgen, goldbraun und leuchtend, als hätte jemand den Atlantik mit einem riesigen Salat bestreut. Mal gleiten wir durch offenes Wasser, mal pflügen wir durch diese schwimmenden Inseln – das Boot raschelt und knistert, als würden wir über knusprige Cornflakes fahren. Der Ozean hat heute wirklich Lust auf Abwechslung.
Und plötzlich – fliegende Fische!
Silberne Pfeile schießen aus dem Wasser, gleiten meterweit durch die Luft, glitzern im Morgenlicht wie kleine fliegende Diamanten, bevor sie wieder eintauchen.
Der Atlantik zeigt Zähne und gleichzeitig seine schönste Zaubershow.
Und wir mittendrin – müde vom frühen Aufstehen, wach vom Salz in der Luft, glücklich, weil genau das der Grund ist, warum wir hier sind.
Les Saintes, wir kommen. Mit fliegenden Fischen als Eskorte.
Nachmittags gleiten wir in Terre-de-Haut ein – und holy Guadeloupe, was für ein Postkarten-Traum!
Die Bucht beim Pain du Sucre liegt da wie ein verstecktes Juwel: türkisfarbenes Wasser, das fast leuchtet, drumherum grüne Hügel, die sich an den Himmel kuscheln, und kleine bunte Häuser, die wie hingetupft wirken. Wir werfen den Anker, das Boot schaukelt sanft wie in einer Wiege aus Karibik-Sehnsucht, und vor uns breitet sich dieser winzige Strandort aus – Palmen, Sand wie Puderzucker, das volle Programm. Einfach traumhaft. Man möchte aussteigen und nie wieder weg.
Der Nachmittag gehört dem Wasser. Eva, Markus und Richi verschwinden wie Delfine – elegant, schnell, mit diesem selbstsicheren „Ich bin eins mit dem Ozean“-Grinsen und schnorchel um die Wette.
Ich? Ich starte als ambitionierte Seehund-Dame: paddel-paddel-paddel, ab und zu ein heldenhafter Unterwasserblick, dann wieder hoch, Luft schnappen, Flossen wie zwei übermotivierte Propeller. Eleganz? Null. Anmut? Fehlanzeige. Die Strömung hier ist ein echter Biest – sie zieht und schubst, als wollte sie sagen: „Willkommen im echten Atlantik, Süße, hier gibt’s keine Kuschelbucht!“ Ich kämpfe wie eine nasse Katze gegen einen Staubsauger, aber hey: es lohnt sich.
Unter mir explodiert die Farbenwelt: Schwärme von Fischen in Neon-Gelb, Electric-Blau, knalligem Orange – wie Konfetti auf Speed. Korallen in allen Schattierungen von Feuerrot bis giftgrünem Smaragd, weich und hart, lebendig und uralt. Und dann – jackpot! – eine Schildkröte. Sie gleitet vorbei, gemächlich, als würde sie spazieren gehen, während ich mich abmühe wie ein Hamster im Laufrad. Delfine gegen Seehund? Der Delfin gewinnt haushoch. Aber ich hab’s gesehen. Und das zählt.
Abends dann der Hafen-Showdown: Wir legen an einer Boje an – und prompt taucht die deutsche Konkurrenz auf. Gleiche Boje, gleicher Plan.
Aber wir sind schneller, geschickter, koordinierter. Im Nu ist unser Schiff fest wie ein alter Seebär – Leinen gespannt, Knoten perfekt, Crew zufrieden grinsend.
Bei den Deutschen? Hafenkino pur.
Der Haken plumpst ins Wasser – einer der Mitsegler konnte ihn nicht mehr halten (vielleicht war’s der Schock vor so viel Karibik-Kompetenz). Boje und Haken weg. Fünf Mann stehen rum, starren ins Blau, beratschlagen wie bei einer UN-Sitzung. Einer opfert sich heldenhaft, springt baden, fischt den Haken raus. Neustart. Alle umliegenden Boote gucken gebannt zu – Popcorn fehlt nur noch.
20 Meter Seil werden irgendwie dran geknotet, gezogen, geflucht, neu versucht. Wir auf unserem Boot? Grinsen bis zu den Ohren. Untauglichkeit-Level: Weltmeister. Tollpatschigkeit: Oscar-würdig.
Nach 25 Minuten haben sie’s geschafft – Applaus im Geiste. Respekt, Jungs, Durchhaltevermögen ist auch eine Kunst.
Nebenan auf einem anderen Schiff: Party pur, Tanzen, Musik, Lachen.
Unser direkter Nachbar? Lässt sich nicht stören. Er holt seine Hang raus und spielt – diese sanften, meditativen Töne schweben über das Wasser wie ein Kontrapunkt zum ganzen Chaos.
Ja ja, so ein Hafen wird’s nie langweilig.
Hier mischen sich Delfin-Traum, Strömungs-Kampf, Schildkröten-Magie und slapstick-deutsches Anlegedrama zu einem einzigen, perfekten Karibik-Abend.
Und wir mittendrin – müde, salzig, glücklich.
Morgen? Wer weiß. Aber heute? Heute war alles richtig.Read more




















Traveler
Das könnte ich sein.....😬