Schachmatt
April 7 in Guadeloupe ⋅ ⛅ 28 °C
Ja ja, so ein Mietauto ist immer so eine Sache.
Wenn man den Schlüssel übernimmt, hofft man inständig: „Bitte, lass mich die Mietdauer ohne Drama überstehen.“ Aber Ferien ohne Pleiten, Pech und Pannen? Das bleibt wohl Wunschdenken – selbst in der Karibik.
Unserem kleinen Kia-Picanto-Truckchen wurde es dann doch zu heiß. Wir wollten gerade zum Marché de la Darse fahren, als die Kühlertemperatur plötzlich auf 130 Grad schoss und sämtliche Alarme losgingen wie ein defektes Feuerwerk. Das Auto kochte förmlich vor sich hin.
Der Zufall – oder das Schicksal mit karibischem Humor – wollte es, dass wir genau vor einer kleinen Garage zum Stehen kamen. Mit letzter Kraft rollten wir auf den Hof.
Die Guadeloupianer haben es bekanntlich nicht eilig. Ganz entspannt setzte sich der Boss in Bewegung, schlenderte heran, öffnete die Motorhaube und betrachtete das Elend in aller Ruhe. Nach ein paar Sekunden nickte er wissend:
„Ah… Schlauch defekt. Kühlflüssigkeit kann nicht mehr durch.“
Eine halbe Stunde später war alles geflickt. Mit einem breiten Lächeln verabschiedete er uns – und gab uns noch den freundlichen Rat, vorsichtshalber beim Vermieter vorbeizuschauen.
Das hatten wir ohnehin vor. Also wieder rein in unseren Schuhkarton auf vier Rädern und mit leichtem Herzklopfen Richtung Hertz – in der Hoffnung, dass er die nächsten 30 Minuten noch durchhält.
Er tat es. Gerade so.
Bei Hertz dann das übliche Procedere: Auto ausräumen, Schlüssel abgeben, neues Fahrzeug übernehmen. Und diesmal ganz genau hinschauen: Richi filmte, ich fotografierte – jede Seite, jeden Kratzer, sogar die Reifen.
Same procedure as every time.
Nach dem ganzen Umtausch-Drama fuhren wir endlich zum Markt. Das neue Kia-Truckchen wurde brav geparkt, und wir beschlossen, zu Fuß weiterzugehen – schließlich sind wir im Urlaub und nicht auf der Flucht.
Wir suchten den berühmten Marché de la Darse – eine überdachte Markthalle direkt am Hafen von Pointe-à-Pitre. Vor allem bekannt für Gewürze, Rum, lokale Spezialitäten und Souvenirs. Ein eher strukturierter, klassischer Markt, der als feste Adresse für Besucher gilt.
… fanden ihn auch … und standen dann etwas verdutzt davor.
Kein Markt.
Die große Halle war gähnend leer. Nicht mal eine einsame Mango lag herum. Dabei stand draußen groß und deutlich: Montag bis Freitag, 8:00–20:00 Uhr.
Tja. Heute lief offenbar nichts so richtig nach Plan.Plan A: offiziell gestorben.
Also auf zu Plan B. Wir spazierten weiter in die Innenstadt und landeten plötzlich auf dem Dorfplatz – wo ein großer, bunter Markt stattfand. Nur … nicht da, wo er eigentlich hingehörte.
Er war einfach verlegt worden. Auf einen anderen Platz. Ohne Vorankündigung.Karibik-Logik eben.
Wir zuckten mit den Schultern, grinsten uns an und gingen trotzdem durch.
Und plötzlich waren wir mittendrin.
Zwischen dicht gedrängten Ständen stapelten sich Mangos, Ananas, Papayas und Bananen in allen Größen und Reifestufen. Es roch nach reifen Früchten, nach Gewürzen und irgendwo auch nach frisch Gebratenem. Händler riefen ihre Angebote, irgendwo lief Musik, Kinder rannten zwischen den Ständen hindurch.
Auf improvisierten Tischen lagen Gewürzmischungen in kleinen Plastiktüten, daneben selbstgemachte Chilisaucen in recycelten Flaschen – von „mild“ bis „besser nicht ohne Mut probieren“. Frauen boten frisch gemachte Accras an, noch warm, direkt aus der Fritteuse.
Kein großer, organisierter Hallenmarkt – sondern lebendig, laut, ein bisschen chaotisch und genau deshalb so besonders.
Zwischendurch warfen wir uns noch schnell einen Fajita ein – weil wir großen Hunger hatten.
Danach fielen wir über die Souvenir-Stände her wie zwei hungrige Möwen. Wir kauften hübsche Tücher mit niedlichen Schildkrötenmotiven für unsere Liebsten zu Hause – eine kleine Erinnerung an die Schildkröten, die wir beim Schnorcheln so elegant und gelassen durchs Wasser hatten gleiten sehen.
Mit vollen Tüten beschlossen wir, nach dem Shopping noch einen Abstecher nach Morne-à-l’Eau zu machen.
Morne-à-l’Eau ist eine kleine, ruhige Gemeinde auf Grande-Terre, die ihren Namen nicht umsonst trägt: „Morne“ bedeutet Hügel, „à l’eau“ bedeutet „am Wasser“. Der Ort liegt etwas erhöht inmitten einer sumpfigen, von Mangroven und feuchten Böden geprägten Landschaft.
Der berühmte Friedhof von Morne-à-l’Eau entstand im 19. Jahrhundert, nach der Abschaffung der Sklaverei 1848. Weil der Boden hier feucht und instabil ist, wurden keine klassischen Erdgräber angelegt, sondern massive oberirdische Familien-Mausoleen aus Stein und Beton.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts griffen immer mehr Familien auf robuste, pflegeleichte Keramikfliesen zurück – vor allem in Schwarz und Weiß. So entstand nach und nach das markante schwarz-weiße Schachbrettmuster, das den Friedhof heute weltweit bekannt macht.
Wir fuhren hin und schauten uns das Ganze in Ruhe an. Es ist kein touristisches Highlight im klassischen Sinne, sondern ein lebendiger, aktiver Friedhof, auf dem Familien ihre Gräber pflegen und an Feiertagen wie Allerheiligen zusammenkommen.
Die Atmosphäre ist still, fast andächtig – und gleichzeitig ein beeindruckendes Zeugnis davon, wie Landschaft, koloniale Geschichte und kulturelle Praxis hier über Generationen hinweg zusammengewirkt haben.Read more


















