Der Hundertste
9. februar, Cypern ⋅ ☁️ 19 °C
Mari - Limassol
Apartment
28 km
Heute war es soweit auf dieser Reise. Uns begegnete der Hundertste. Wer das ist? Erkläre ich noch. Doch von vorn.
Wieder packten wir unser Zelt klatschnass ein. Und als wir dabei waren, schaute ein alter Mann vorbei. Er ging am Stock und nickte uns freundlich zu. Von den Häusern am Berghang konnte man uns sehen. Vielleicht kam er daher und war neugierig.
Kaum waren wir drei km geradelt, tauchte ein Campingplatz auf. Egal, wir hatten neben der Autobahn gut geschlafen. Nach weiteren drei km fanden wir in einem Seitenweg einen Platz fürs Frühstück. Auch hier hätten wir gut versteckt zelten können. Hätte, hätte Fahrradkette...
Nun brauchten wir noch eine Toilette und hielten an der nächsten Tankstelle. Ein Mann stand an sein Auto gelehnt und beobachtete mich. "Hi" lachte er. "Germany?" Seit zwanzig Jahren lebt der nette Zypriote in Karlsruhe. Noch ist er Entwickler im Fahrzeugbau, aber freigestellt. Weil sein langjähriger Arbeitgeber die Schotten dicht machen muss. Deshalb hat er gerade Zeit und besucht seinen Bruder. Er sucht händeringend Arbeit. Doch nicht hier, er will in Deutschland bleiben. In seiner Heimat sind die Aussichten für ihn noch miserabler. Er will wieder Fahrzeuge konstruieren, das hat er gelernt und macht ihm Freude. Die Politik hat's vermasselt, dass die deutsche Fahrzeugindustrie den Bach runter geht, sagte er enttäuscht. Dann wünschte er uns gute Reise, setzte sich in sein Auto und telefonierte. Vielleicht mit einem neuen Arbeitgeber in Deutschland?
Nach ein paar langen Steigungen und Abfahrten begannen die Vororte von Limassol und tatsächlich ein guter Radweg, der nach ein paar hundert Meter Geschichte war. Also wieder Straße und rote Ampeln. Nach einigen km der nächste Radweg, wo wir erst eine Auffahrt suchen mussten. Er war schmaler und ziemlich dreckig. Wir rollten durch Glassplitter und kontrollierten die Reifen. Auch dieser Radweg endete. Auf der Straße bremsten uns die roten Ampeln wieder aus.
Wir stoppten bei Lidl und fuhren kurz vorher schon wieder durch Glasscherben. Auf dem Parkplatz erlebten wir wieder mal die Freundlichkeit und Offenheit der Zyprioten. Wir standen mit den Rädern neben den Behindertenparkplätzen. Ein Auto hielt, die Tür ging auf. Eine Frau drückte Werner den Chip für den Einkaufswagen in die Hand und bat ihn, einen kleinen Wagen zu holen. Mir zeigte sie die langen Narben auf ihren Knien. Sie stützte sich auf ihren Stock und hielt sich am Einkaufswagen fest. So zog sie sich aus dem Auto. Ich wollte ihr beim Einkaufen helfen, doch sie bedankte sich überschwenglich und erklärte, dass sie nun alleine klarkommt. Wir wollten starten, da stand eine andere Frau neben uns. Auch mit Stock. Am liebsten würde sie mit uns mitkommen, aber sie kann nicht mehr, erklärte sie. "What an adventure!" rief sie mehrmals. Dann zeigte sie mir bei Google Maps alle Sehenswürdigkeiten neben unserer Straße. Hier ein altes Amphitheater, dort eine Kapelle und natürlich immer wieder schöne Strände.
Endlich konnten wir weiter. Unser nasses Zelt musste dringend getrocknet werden. Wir hielten auf einem kleinen Plateau am Strand, hübsch gestaltet mit Bänken. Was blieb uns, wir bauten die nasse Stoffhütte auf und ließen den Wind durchpusten. Die meisten Leute lächelten uns an, manche blieben stehen, schauten sich die Räder an, fragten wo wir her sind. Doch dann tauchte er auf, der Hundertste. Oft werden wir gefragt, wie uns die Menschen auf unseren Reisen begegnen. "Wenn wir hundert treffen, sind neunundneunzig freundlich, interessiert und hilfsbereit. Der Hundertste ist ein Rabauke, Rowdy oder Meckerer." Nun baute sich der Meckerer hinter uns auf. Anscheinend kam er aus dem kleinen Restaurant in der Nähe. Hier wäre eine Picknick Area, schimpfte er. Wir sollen sofort verschwinden. Werner reagierte gar nicht. Ich sagte freundlich, dass wir hier nur warten bis das Zelt trocken ist. Er drehte sich wütend um und weg war er. Doch dann sah ich, wie er uns fotografierte und wild gestikulierend in sein Handy brüllte. Hatte der etwa die Polizei an der Strippe? Inzwischen war alles trocken, wir bauten ab und packten ein. Und blieben sitzen, weil der Blick aufs Meer so schön war. Kein Ordnungshüter kam vorbei, um uns zu rügen.
Da es schon ziemlich spät war, besorgten wir uns ein Zimmer (zum Glück im Erdgeschoss) und verstauten dort unsere Sieben Sachen. Wir liefen noch durch die Altstadt und warfen einen Blick auf die Route nach Paphos.
Wir müssen morgen gut frühstücken. Damit wir die Berge hochkommen. Ich freue mich schon auf die Aussichten.Læs mere














