• Seefraunsgarngeschichten über Männer

    30–31 maj, Ostsee ⋅ ☁️ 11 °C

    Um 0330 Bordzeit (0230 Braunschweigzeit) blitzt das Kabinenlicht auf und ein betagter Deutscher steht in der Tür. Er zeigt auf den Finnen im Bett gegenüber von mir und brüllt "Ey, du liegst in meinem Bett!". Total aus meinem Tiefschlaf gerissen entgegne ich zur Sicherheit nur "Meins ist Bettnummer 103!". Anschließend schaue ich auf meine Bordkarte und da steht "Bett B". Keine Ahnung, wo die 103 in meinem Kopf her kam. Aber an den eigentlichen Betten steht jedenfalls nirgendwo irgendeine Nummerierung dran. Umso verwunderlicher, dass dieser Typ hier mitten in der Nacht etwas zu claimen versucht. Ich glaube, er ist einfach 3 Bier drüber.

    Der Finne ist auch sichtlich irritiert und bietet pragmatisch an, einfach in das Bett über mir umzuziehen (wir teilen eine 3er-Kabine). Das besänftigt den Betagten. Er ist Bayer, 77, jetzt für 2 Monate mit Wohnmobil durch Finnland unterwegs, und fährt einfach mit Erzählung seiner halben Lebensgeschichte fort, als wäre es gerade Mittag. Dabei zeigt er seinen niedlicheren Kern, der sein patziges Hereinplatzen etwas kompensiert. Die Menschen in Finnland würden interessanter werden, je weiter nach Norden man vordringt. Meine Erfahrung ist, dass es mit steigender Breite primär weniger von ihnen werden. Aber ja, falls man einen findet, geht man mit ihm in seine Sauna. Ich jedenfalls würde jetzt gerne erstmal weiterpennen.

    Nach dem Frühstück, welches ich dank Zeitvorstellung und Nachtgeschichten fast verpasse, verdaue ich ein gemütliches Stündchen vor und begebe mich -> in die Sauna. Mein Kabinenfinne sitzt unerwarteterweise auch bereits in der Schwitzhütte, mit seinem Sohn. Die beiden sind mit dem Radl entlang der polnischen Küste von Gdansk nach Strahlsund gefahren. Der Ofen ballert. Jede seiner Kellen zieht uns die Ohren ab. Sitzen tut man hier auf kleinen beschichteten Papiertüchern. Begibt man sich zum Ablüften nach draußen, landet man mit Handtuchhüfte direkt auf dem Cappucchino-Deck zwischen den Muttis und Opis. Eigentlich steht man direkt auf dem gummibeplankten Kinderspielplatz 😅.

    Von der Heckreling entzückt ein Blick nach Südwest auf die Reste von Bornholm. Sonne im Gesicht und nur ein ganz laues Lüftchen zieht hier in Lee vorbei. Herrlich! Nach mehreren Aufgussiterationen grüßt man mich schon auf dem Familiendeck und nach und nach finden sich einige der Pappis von draußen auch nackig in der Sauna wieder. Ein Erzählbär aus Potsdam. Und ein deutscher Busfahrer, der für ein schweizerisches Reiseunternehmen mit einem luxemburgischen Bus gerade 6000 km Leerfahrt aus Andalusien nach Tromsö macht, um dort 10x die Runde "Lofoten-Nordkap-Tromsö" mit immer neuen Touris abzufahren. Ist wohl günstiger, als nen norwegischen Busfahrer zu engagieren. Und noch viele Saunageschichten mehr.

    Ich bin positiv entzückt von der gemütlichen Bar mit cooler Mucke, breitem Bierangebot und vercraftbaren Preisen. Jetzt erstmal ein Post-Sauna-Störtebeker-alkfrei-Bio-Bernsteinweizen. Mit dem Fernglas beobachte ich durchs Panoramafenster weit entfernte, am Horizont abgeschnittene Offshore-Windelektronenmühlen.
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