• Michi, der
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135th OGC Member Meeting

Dienstausflug nach Helsinki zum 135. Member-Meeting des OGC. Zurück geht es radelnd durch Estland und Lettland. Read more
  • Trip start
    May 29, 2026

    Ab nach Travemünde

    May 29 in Germany ⋅ ☁️ 27 °C

    Ich bin gerade mit dem Radl in den Zug gesprungen, nehme nachher die Fähre nach Helsinki, werde dort ne Woche auf dem 135. OGC-Member-Meeting tolle Sachen machen, anschließend von Tallinn nach Liepaja radeln, wieder eine Fähre nehmen und es "die zweite Auflage einer etwas anderen Dienstreise" nennen, nachdem ich schon 2023 in Italien beim 125. Meeting teilgenommen habe. Ist dies nicht ein entzückender (Vor)Satz?

    Radtransport im Zug klappt heute sehr gut, aber auch nur, weil ich Andis Rat befolgte und von Brauni nach Hannover die Regiobahn nehme, statt mich auf den IC und meine Radplatzreservierung zu verlassen. Damit wäre es nämlich sehr stressig geworden.
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  • Schöne Leute

    May 29–30 in Germany ⋅ ☁️ 21 °C

    In Travemünde komme ich recht problemlos an und überfresse mich direkt mit einer feinen Fischsuppe und ner schönen Scholle. So eine schöne Scholle hatte ich schon lange nicht. Gegenüber unterhält sich ein sehr alter aber schöner Mann mit wahrscheinlich seiner Frau – die auch seine schöne Tochter sein könnte – über gerahmte Kutterkunstwerke berühmter Kuttermaler.

    Der Fährableger ist sehr verwirrend, denn in den Anreiseinfos steht explizit, dass man als Radly über die PKW-Lane einchecken soll. Davor prangert aber ein unübersehbares Schild mit Fußgänger- und Radverbot! Wäh? Ich fahre nen Umweg zum Hafenhaus. Ein überaus netter Herr flucht über jenes Schild und schickt mich wieder zurück: Ich solle es einfach ignorieren. Er schenkt mir aber eine frische Warnweste, weil sie Pflicht auf dem Gelände für Radler ist (hab vergangenes Wochende noch 6 Westen aus dem verschrotteten Passerati befreit, aber natürlich jetzt eine vergessen). Schön ist dieser Mann auch. Ich biete ihm an, das Radverbotsschild als Souvenir einzustecken, um seinen Alltag zu entschlacken. Wir lachen.

    Illegal-legal zurück beim PKW-Checkin erwische ich eine Bude mit einer auch überaus netten Dame. So viel Zeit und Zuneigung hat sich beim Checkin noch nie jemand für mich genommen. Auch sie ist schön dazu. Was sind denn das für Menschen hier? Auf die Finnmaid geht es erst ab 23 Uhr. Was mache ich so lange nur? Sie sagt, ich könne mir doch dort im Hafenhaus die Zeit vertreiben. Da erzähle ich ihr von dem netten und schönen Mann und sie sagt "Dieser mit der Brille? Ja, das ist ja auch mein Mann."
    Love it!

    Nun, am Hafenhaus zurück entdecke ich vier schöne Reise-Geländemotorräder. Ihre schönen Herren quasseln unweit entfernt. Ich werde meinem angeordneten Hafenhaus-Herumtreibeauftrag gerecht und sneake mich direkt dazu (offizielle Finnlines-Warnweste tragend). Der eine gibt mir ein Bier. Der andere arbeitet in Berlin-Adlershof beim Helmholtz-Zentrum direkt neben dem DLR, wo ich gestern dienstlich noch gewesen bin. Und der dritte, der ist ehemaliger Chef der Moto-Guzzi-Werkstatt in Peine, wo ich vor einiger Zeit mal eine V85TT für ein Wochenende ausgeliehen hatte. So klein die Welt 😂. Ich erinnere mich sogar noch an sein Gesicht. Wir haben eine gute Zeit. Alle unsere Fähren gehen um 0230. Für die Mopedler geht es erst nach Schweden und dort auf den Trans-European-Trail nach Norwegen weiter. 🏍️💨
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  • Seefraunsgarngeschichten über Männer

    May 31–Jun 1, Ostsee ⋅ ☁️ 11 °C

    Um 0330 Bordzeit (0230 Braunschweigzeit) blitzt das Kabinenlicht auf und ein betagter Deutscher steht in der Tür. Er zeigt auf den Finnen im Bett gegenüber von mir und brüllt "Ey, du liegst in meinem Bett!". Total aus meinem Tiefschlaf gerissen entgegne ich zur Sicherheit nur "Meins ist Bettnummer 103!". Anschließend schaue ich auf meine Bordkarte und da steht "Bett B". Keine Ahnung, wo die 103 in meinem Kopf her kam. Aber an den eigentlichen Betten steht jedenfalls nirgendwo irgendeine Nummerierung dran. Umso verwunderlicher, dass dieser Typ hier mitten in der Nacht etwas zu claimen versucht. Ich glaube, er ist einfach 3 Bier drüber.

    Der Finne ist auch sichtlich irritiert und bietet pragmatisch an, einfach in das Bett über mir umzuziehen (wir teilen eine 3er-Kabine). Das besänftigt den Betagten. Er ist Bayer, 77, jetzt für 2 Monate mit Wohnmobil durch Finnland unterwegs, und fährt einfach mit Erzählung seiner halben Lebensgeschichte fort, als wäre es gerade Mittag. Dabei zeigt er seinen niedlicheren Kern, der sein patziges Hereinplatzen etwas kompensiert. Die Menschen in Finnland würden interessanter werden, je weiter nach Norden man vordringt. Meine Erfahrung ist, dass es mit steigender Breite primär weniger von ihnen werden. Aber ja, falls man einen findet, geht man mit ihm in seine Sauna. Ich jedenfalls würde jetzt gerne erstmal weiterpennen.

    Nach dem Frühstück, welches ich dank Zeitvorstellung und Nachtgeschichten fast verpasse, verdaue ich ein gemütliches Stündchen vor und begebe mich -> in die Sauna. Mein Kabinenfinne sitzt unerwarteterweise auch bereits in der Schwitzhütte, mit seinem Sohn. Die beiden sind mit dem Radl entlang der polnischen Küste von Gdansk nach Strahlsund gefahren. Der Ofen ballert. Jede seiner Kellen zieht uns die Ohren ab. Sitzen tut man hier auf kleinen beschichteten Papiertüchern. Begibt man sich zum Ablüften nach draußen, landet man mit Handtuchhüfte direkt auf dem Cappucchino-Deck zwischen den Muttis und Opis. Eigentlich steht man direkt auf dem gummibeplankten Kinderspielplatz 😅.

    Von der Heckreling entzückt ein Blick nach Südwest auf die Reste von Bornholm. Sonne im Gesicht und nur ein ganz laues Lüftchen zieht hier in Lee vorbei. Herrlich! Nach mehreren Aufgussiterationen grüßt man mich schon auf dem Familiendeck und nach und nach finden sich einige der Pappis von draußen auch nackig in der Sauna wieder. Ein Erzählbär aus Potsdam. Und ein deutscher Busfahrer, der für ein schweizerisches Reiseunternehmen mit einem luxemburgischen Bus gerade 6000 km Leerfahrt aus Andalusien nach Tromsö macht, um dort 10x die Runde "Lofoten-Nordkap-Tromsö" mit immer neuen Touris abzufahren. Ist wohl günstiger, als nen norwegischen Busfahrer zu engagieren. Und noch viele Saunageschichten mehr.

    Ich bin positiv entzückt von der gemütlichen Bar mit cooler Mucke, breitem Bierangebot und vercraftbaren Preisen. Jetzt erstmal ein Post-Sauna-Störtebeker-alkfrei-Bio-Bernsteinweizen. Mit dem Fernglas beobachte ich durchs Panoramafenster weit entfernte, am Horizont abgeschnittene Offshore-Windelektronenmühlen.
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  • 20 km bis nach Helsinki

    May 31 in Finland ⋅ ☁️ 11 °C

    Niemand fordert bei Ankunft die Warnweste zurück 🤷‍♂️. Ich lasse mich treiben entlang grüner Gürtel und graublauer Wasserstreifen in Richtung Innenstadt. Abschnittsweise fahre ich einfach den workoutenden Gravel-Boys-'n'-Gurls hinterher. Die werden schon den Weg kennen und mühen sich genau so ab, wie bei uns, aber fahren hier tatsächlich auf Aschepisten, statt auf gelecktem Asphalt 😉.

    An einer Strandbude lasse ich meine schottische Capercaillie-Blechtasse mit Kaffee befüllen. Wenn die Dame bloß ahnen würde, dass da locker 400 ml drin verschwinden 😏. Spontane Mittagspause dann in einem uigurischen Restaurant mit nem Glas Tee aus der Tischkanne des Chefs 🤤.
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  • Von Fliederbeeren und Mehlkastanien

    May 31–Jun 4 in Finland ⋅ ☁️ 14 °C

    Die Krähen sind hier genauso grau wie in Berlin, aber grauer als die schwarzen in meinem Brauni-Braunschweig. Karstens These stimmt.

    Eine weiße Möve tippelt mit ihren unproportional kurzen Beinchen hochfrequent vor mir auf dem Gehweg her und schaut nach hinten immer zu mir rüber. Will sie mich veräppeln? Kann die nicht wie jeder andere Vogel auch "normal" laufen? Tun Vögel nicht eigentlich eh für gewöhnlich fliegen 🤔?

    Hmm. So streunere ich abends durch die Gassen. Architektonisch erinnerten mich beim Hereinradeln zumindest außerhalb der Innenstadt einige Bauten dann doch an harten Ostblock: Niedriger Blockbeton, aber mit irgendeinem frischen Charm und eigener Interpretation.

    Meine Wohngegend "Vallila" hingegen scheint jedenfalls auch hip zu sein. Überall zwischen den schnuckelig-bunten Holzhäuschen hineingequetscht blühen und duften gerade Flieder, Mehlbeere und Kastanie. Und plötzlich stehe ich in einem Minipark aus kleinen Weißdornbäumchen. Sie müffeln zwar etwas, sind aber furchtbar hübsch 🥰. (Wenn ich groß bin, möchte ich heimlich ein Waldschrat in einem Weißdornwäldchen sein 🤫.)

    Verwundert beobachte ich, wie ein bierkastengroßer, autonomer Delivery-Bot mit rotem Fähnchen am Zebrastreifen eher mühevoll die Straße zu queren versucht. Mit seinen 4 (ungefederten?) Rädchen hüpft er noch etwas steif die unzureichend abgesenkte Bordsteinkante hinauf, aber hey, er kommt voran! Die Supermärkte und einige Imbisse dispatchen solche Dinger hier gelegentlich. Auf mein Essen würde ich damit aber nicht warten wollen ...

    Endlich ist diese elendige Sonne
    mal weg. Hinter den großen Erdgeschossfenstern und in einigen Bars wird bei schummeriger Stimmung ausgiebig dem erneuten Eishockey-Weltmeistertitel entgegengefiebert. Schon auf der Fähre ging es dahingehend ziemlich wild her. Und die nächtliche Siegesfeuerwerkerei wird mir kurz darauf erfolgreich den Schlaf nehmen 🤗.
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  • Selektiver Öldiebstahl

    June 1 in Finland ⋅ ☁️ 17 °C

    Das im nahen Osten mit diesen ganzen Mineralöllieferschwierigkeiten kann ja durchaus als negativ bezeichnet werden, aber ist das ein Grund, mir mein winziges Döschen Ballistol-Öl aus der Satteltasche zu klauen?? Als ich morgens zum Radl gehe, um zum Campus zu flitzen, sehe ich direkt von weitem, dass an meiner Rahmen- und Satteltasche jemand zugange war: Reißverschlüsse auf, das ist nicht Michi-typisch. Trotz eingezäuntem Abstellort hinter verschlossenem Stahltor hat also jemand mein Ölchen und mein fuckin' Flickzeug geklaut. Beides hatte ich noch dazu in eine löchrige, stinkende Socke gesteckt – mit zwei (benutzen) 1x-Gummihandschuhen und zerschnittenen Felix-Unterhosenfetzen für etwaige Bastelzwecke angereichert. Und warum hast du klauender Arschpup mein Rücklicht, meinen Leatherman, mein Kettennietwerkzeug, die Reifenheber und die Innensechskantschlüssel in derselben Satteltasche zurückgelassen? Doof oder wat? Der Menschheit ist nicht zu helfen 🙄.

    Abends nach dem ersten Meeting-Tag streunere ich wieder fußläufig durch die Stadt. Ich bin etwas außerhalb von dem unterwegs, was man geläufig als Innenstadt bezeichnen würde. Umso mehr gibt es hier zu entdecken. Es macht einfach Spaß, das Menschentreiben und die mit jedem Stadtteilnamen wechselnde Architektur zu inspizieren. Mein Heim4tel Vallila gefällt mir echt gut und ich hab zwei richtig urige Weinbar-Kaffeekneipen mit
    guter Musik direkt umme Ecke. Sehr viele breite Plätze und weite Straßenzüge. Alles etwas hügelig mit netten Weitblickgelegenheiten. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass Wohnblocks gerne um herausragende Felsenzüge herum gebaut sind, von denen aus man wunderbar der nie untergehenwollenden Sonne mit einem Kaltgetränk entgegenblinzeln möchte.

    So oder so ähnlich setze ich es in die Tat um. Der Supermarkt glänzt mit einer erfrischend riesigen Auswahl lokalgebrauter und starkaromatischer Hopfenbiere: IPAs, APAs, NEIPAs, Hazy Ales, Summer Ales – alles auch in alkoholfreien Varianten. Mega. Ich staue ein, was noch in meinen Leinenbeutel passt und begebe mich an irgendein Wasser. Hier kommt wieder die nordländische Sonnenliebe in mir hoch, die ich anscheinend lange vermisste habe: unendlich laaaaange Sonnenuntergänge. Über dem Wasser dann auch noch zweifach. Die frischen Blätter des Baumkrönchens über mir glühen in einem Doppelgrün, wie man es daheim nie zu Gesicht bekommt. Um 2200 immer noch Dualsonne im Gesicht. Die studentische Jugend sitzt neben mir und löst Kreuzworträtsel. Die Pfandsammler haben's besser als bei uns: Zwar nur 15 Cent pro Dose, dafür trinkt hier irgendwie niemand aus Flaschen.

    Um 2248 sind die Bauarbeiter auf einer der Hauptstraßen immer noch aktiv am Werkeln, am Fräsen, am Teeren. Es ist ja noch nicht dunkel! Nach meiner 2-stündigen Herumsitzung sieht dieselbe Straße schon komplett anders aus. Davon könnte man sich in DLand mal etwas abschauen. Ich wette, die verlegen hier ne Kanalisation innerhalb von 2 Wochen neu. Bei uns in Braunschweig dauert sowas erst 1 Jahr für einen Abschnitt von weniger als 500 Metern, bis ihnen auffällt, dass alles nochmal aufgerissen werden muss und weitere 1,5 Jahre oben drauf kommen (kein Witz!).

    Vor dem Schlafen stecke ich einen Schokoriegel in meine Satteltasche und schließe den Reißverschluss wieder.
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  • Ausklang

    June 4 in Finland ⋅ ☁️ 22 °C

    Der letzte Meeting-Tag endet etwas früher. Noch schnell die eigentlich wichtigsten Gespräche beim finalen Mittagessen klären 🙃.

    Danach geh' ich erstmal in die hervorragende kleine Rösterei bei mir um die Ecke auf 2 Kaffees. Leider staue ich auch ein bisschen mehr in meine Radtaschen, als man für die anstehende Woche Radltour bräuchte. Aber ich hab recht wenig Stuff dabei, sodass ich eigentlich in jeder Rösterei unterwegs dazuladen kann 😅.

    Danach hüpfe ich in die geile Kotiharju "neighbourhood sauna" im Stadtteil Kallio, die ich 3 Tage zuvor zufällig beim Herumstreunern gespottet hatte. Grandios! Draußen sitzen bereits etwa 20 Dampfende auf Holzbänken herum, jede(r) mit Gerstensaftdose. Ich stelle mich mit "I want to be like you!" vor und werde direkt in die lokalen Modalitäten eingeführt. Es ist die letzte Nachbarschaftssauna ihrer Art in Helsinki. Es gab mal 140 davon, die früher als Waschhäuser fungierten. Der übertrieben riesige Ofen – mit 1,5 Tonnen Stahl und Steinen gefüllt – wird 2-3 Stunden mit kindsgroßen Holzbalken vorgeheizt. Erst dann wird die Klappe geöffnet und der große, düstere Saunaraum ist zum Losschwitzen bereit. Es wird nicht nachgefeuert, wenn die Sauna einmal nachmittags geöffnet hat. Anfangs geht's bis 130 °C unter der Decke. Als ich spätnachmittags oben sitzend das schwarze Deckenholz mit meinem Dutt streife, hat es noch 115 Grad auf Ohrenspitzenlevel. Man gießt mit vereinzelten Kellen auf und jede davon ist ein Schlag in die Fresse. Sitzen tut man auf kleinen Isomatteschnipseln oder Holzbrettchen, ohne Handtücher. Latschen kann man leihen und sind empfehlenswert, weil die Betonstufen einem ansonsten (erfahrungsgemäß) die Füße wegbrutzeln. Alles müffelt etwas und ist antik. "Wedeln" ist verpönt, unnötig und wäre hier auch tödlich. Über die deutschen Saunameister macht man sich lustig, die braucht hier niemand 😂. Und dann wird es richtig nice, denn ein ganzer Männerchor ist auch hier und singt einige Sauna-Lieder in und außerhalb der Sauna zum Ausklang der Singsaison 🤩.

    Später treffe ich mich noch mit einigen bunt gemischten OGC-Leuten fürs Abendessen. Beim mitternächtlichen Erkunden am Wasser und auf einigen netten Felsen fällt uns negativ auf, dass man nirgendwo mehr ein Sitzbier oder Fußpils erstehen kann. Kein abendlicher Außerhausverkauf 😮. Dann wird es halt ne Seefahrerkneipe.
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  • Kraniche im Fliederland

    Jun 5–6 in Estonia ⋅ ☁️ 19 °C

    Gerade passend zum Mittag in Tallinn ankommend finde ich mir ein paar Elch-Pierogi. Danach auf nen tollen Kaffee zur Brick-Roastery, die mir vom Kaffee-Place in Helsinki empfohlen wurde 😁. Irgendwie will ich gar nicht so richtig mit dem Radl aufbrechen und verquatsche mich erstmal mit den hippen Leuten hier. Mich entscheiden, ob ich lieber über Hiiumaa auf die Insel Saaremaa hüpfe, oder straight nach Süden fahre, kann/will ich auch nicht. Ersteres böte die Gelegenheit, das House of Renegades in Kuressaare zu besuchen, wo es tollen Tee und Kaffee gibt. Das würde aber 1-2 Tage Umweg bedeuten. Zweitere halbmondförmige Option, ohne Umweg direkt bis Liepaja, ist für nur eine Woche auch schon auf Kante genäht.

    Aber nun gut. Ich lasse die Renegades für ein anderes Mal. Um 1430 steige ich in den Sattel und flutsche nach Süden aus Tallinn raus, was erstaunlich einfach geht, da das hier im Grunde auch nur ein kleines Furzkaff ist 😛. Es führt erst ziemlich lange an großen Straßen entlang, mit viel Verkehr. Dann irgendwann nach 30 km Abstand poppen auch tolle Schotterpisten auf. Endlose Felder. Kein Verkehr. Garnix!

    Ich fahre locker 2 Stunden ohne Mensch und Auto. Vereinzelt huschen ein paar hübsch renovierte Häuschen und Höfe vorbei. Auf einem frisch bestellen Feld dann plötzlich 10 Kraniche 😍! Und überall Storchenhorste und trillernde Feldlerchen. Das sind mir die liebsten Sommerbotschafterinnen. Dicke Wolken sind im Anmarsch. Der warme Wind duftet nach Flieder. Jedes Haus ist mit hochragenden Fliederbäumen umringt und die Waldränder würgen auch überall Fliederbüsche hervor. Ich bin im bunten Fliederland.

    Ein fetter Regenguss erwischt mich dann doch. Aber es ist schön warm dabei. Die Landschaft wird immer einsamer. Im Mukri-Hochmoor entdecke ich dann in Greifweite einen Lagerplatz für die Nacht. Mit Aussichtsturm. Ich laufe um 2145 ein. Die Sonne scheint noch. Ebenfalls anwesend: Zwei polnische Radler und ein Belgier, der seit 27.000 km durch USA, Australien, Ostasien unterwegs ist und über Oslo bis Nordkapp auf dem Rückweg nach Belgien nun auch hier gelandet ist 🤩. Ich gehe im Moorloch baden und argumentiere mit einigen Mücken herum. Danach sitzen wir Radelnden gemeinsam noch bis irgendwann am Feuer.
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  • Soomaa-Nationalpark

    June 6 in Estonia ⋅ ☁️ 17 °C

    Abfahrt 1120 am Mukri-Hochmoor. Der fette Gewitterregen musste noch abgewettert werden. Die Polen düsen nordwärts nach Tallinn, Rob der Belgier zur Küste und ich Richtung Soomaa-Nationalpark einfach stumpf nach Süden. Rob fährt aber im Regen schon los. Ne Stunde später werde ich noch für viieeele Kilometer seinen Spuren im weichen Schotter folgen. Das Muster seiner Schwalbe-Marathon-Mundial-Reifen ist einfach unverkennbar. Details, Details 😉.

    Der Tag ist gespickt von viel Regen. Auch viel Gegenwind 🥵. Forstwälder, wilde Wiesen, sonst nix. Hier muss man etwas Proviant mitführen, denn Einkehren ist schwierig.

    Der Soomaa-Nationalpark ist wieder sehr feucht und moorig. Ich finde ein paar Wanderpfade, die hervorragend auch radelbar sind. Ich bin mal wieder für Stunden allein unterwegs, solange ich mich abseits der Hauptschotterpisten aufhalte. Es gibt richtig viele urige Rastplätze verstreut, an denen man überall beischlaffrei auch campen könnte. Aber mich zieht's noch weiter.
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  • Irgendwo an nem Fluss

    Jun 6–7 in Estonia ⋅ ☀️ 17 °C

    Zum Abend klart es auf. Verträumt folge ich einfach den Radwegschildern, die mich unmerklich von meiner geplanten Route wegführen. Damit auch von meinem anvisierten Nachtlager. Erst nach 15 km merke ich, dass irgendwas faul ist, denn so circa genau jetzt sollte eigentlich der Tümpel mit Campingtisch kommen? Nix da. Ich bin zwar auf ähnlicher Breite wie er, aber viel zu weit östlich 😂.

    Nun gut. Schön war es zumindest! Der Himmel ist mittlerweile frei, die Luft erfrischend knackig und klar, die schräge Sonne einfach himmlisch. In Love with Hochdruckgebieten mit Kaltfront 🥰. Ich inspiziere die Luftbilder um meinen Standort herum und sehe, dass hinter dem Wald ein Flüsschen sein muss. Einige Hundert Meter später führt auch ein zugewachsener Weg dort hin. Bingo! Kniehohes Gras führt mich direkt an den kleinen Fluss. Ich finde um 2100 noch einen Sonnenfleck am Baum für das Zelt und gehe erstmal baden. 83 km sagt der Tacho. Der Kuckuck gibt erst nach 2300 endlich Ruhe.
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  • An der Grenze: Pinkeln

    June 7 in Latvia ⋅ ☀️ 22 °C

    Ich komme mal wieder erst um 1120 von meinem Wildcampingplatz los. An der lettischen Grenze wird man von Schildern begrüßt, dass man permanent und überall videobeobachtet wird. Ich erinnere mich: die haben hier diesbezüglich einen an der Waffel. Selbst die Privatleute auf dem Land haben überall Kameras. Ich markiere erstmal das Grenzschild. Aber es kommt niemand.

    Zum Mittag in Rujiena suche ich Kvass vom Fass und die obligatorische pinke Suppe 🤤. Dann aber noch nen Teller Deftiges hinterher. Und Kuchen.

    Die Route führt über viele coole Schotterpisten durch nadelige Wälder, über Wiesen und an einem großen See vorbei. Bis Valmiera will ich es schaffen, denn dort beginnt der Gauja-Nationalpark, wo ich vor 2 Jahren schon mit dem Passerati durchgehuscht bin 🤗.
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  • Gauja, au ja!

    Jun 7–8 in Latvia ⋅ ☀️ 17 °C

    Am nordwestlichen Gauja-Ufer entpuppt sich mein ausgesuchter Radlweg mehr als Wanderweg mit Erdpisten über Stock und Stein, immer hoch und wieder runter. Spaßige MTB-Piste also. Hinzu kommt, dass man durch den Wald zum Fluss selbst nur sehr schlecht kommt, da die Ufer an den Prallhängen entweder zu steil sind, oder alle Wege versperrte Privatwege sind 😤. Aber mal wieder keine Menschen weit und breit. Dafür sorgen die Kuckucke ohne Ende überall für niegehörten Kuckucklärm. Die spielen Kuckuckecho.

    Mein heutiges Kilometerpensum ist eigentlich bei Valmiera schon komplett ausgeschöpft und diese anstrengende Wurzelpiste zerstört mich doch ganz gut. Ich fahre einfach so lange weiter, bis sich ein netter Spot findet 🤷🏻. Bei Kilometer 115 dann ein großes Areal mit Picknickbänken, Schutzhütte und Feuerstellen, Zugang zum Fluss und vielen schönen Sandsteinklippen 🤗. 2200 Uhr ist die perfekte Badezeit.

    Am nächsten Morgen grüßt Achilles. War wohl doch n bissl zu viel diese Etappe. Und mit Klickschuhen stehe ich sowieso seit Jahren schon auf Kriegsfuß.
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  • Nett hier

    June 8 in Latvia ⋅ ☁️ 22 °C

    Hier gibt es so tolles lokales Essen und so geile Krautsalate und lokal gebrauten Kambucha und Kvass 🤤. Ich hätte nicht ins Dorf abzweigen dürfen. Am Schweinebauch hatte ich auch schon länger nicht mehr so viel Freude 🙈. Und die Leute sind auch alle schön und tiefenentspannt.

    Ich werde heute noch den ganzen Tag Sandpisten, Wurzeln, Matschlöcher und Hügel durch den Wald brettern, denn meine geplante Radroute am Gauja-Fluss entlang durch den Nationalpark ist der europäische Fernwanderweg E11. Yay, ich bin nach den vormittaglichen 25 km schon hart am Arsch 😂.

    Die Letten rasen etwas rabiater als die Esten und irgendwie fährt hier jeder entweder nen dicken Benz oder nen pornösen BMW oder nen Sechs-oder-mehr-Zylinder-Audi. Aber irgendwie fühle ich mich hier heimeliger als in Estland. Alles wirkt authentisch. Und auch einige bei uns schon ausgemusterte Passeratis dürfen hier noch leben.

    Da rolle ich übers Land und in naher Blickweite von der leeren Straße stochert eine sehr betagte Dame kniend in ihrem übergroßen Beet herum. Neben ihr spielt eine große Bluetooth-Box Guns'n'Roses. Wahrscheinlich baut sie gerade Dill und Gurken an.

    Am Amata-Fluss beobachte ich einen bunten Eisvogel mit dickem Fisch im
    Gesicht.
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  • Thailänder mögen Möhrchen

    Jun 8–9 in Latvia ⋅ 🌧 18 °C

    Die Restetappe bis Sigulda flutscht. Unterwegs komme ich an einem Minisee mitten im Wald vorbei, mit 2 Segelyachten drauf. 🧐🤷‍♂️

    In Sigulda will ich wieder zum Fluss runter und finde einen kleinen Campingplatz mit großen Schatteneichen. Bringt nur nicht so viel abends bei einsetzendem Regen 😛. Beim Kochen im Küchenhaus verquatsche ich mich mit nem Thailänder, der Rinderknochen auskocht und viele, viele Möhren dazuhaut und seine so entstehende Latvian-Thai-Stew aus einem Tütchen mit geheimen Gewürzen schmückt, sodass es direkt wie im Restaurant duftet. Er ist Tattoo-Künstler und wohnt gerade in Schweden und ist mit einer Dame mit österreichischem Kennzeichen unterwegs, die gerade einen komischen Hund ausführt. Tja, Dame müsste man sein, dann würde ich vielleicht auch was von dieser Suppe abbekommen ...

    Es regnet 12 Stunden durch. Weise Erkenntnis: Wenn selbst das Innenzelt morgens durch Kondenswasser etc. komplett wasserdampfgesättigt ist, sodass es direkt zu tropfen beginnt, sobald man drankommt, dann kann man es ganz hervorragend einfach mit einem Handtuch von innen dekondenswasserieren. Das hält nicht nur den Schlafsack trocken, sondern auch meinen spitzbübigen Jugendkörper. Also: Kaffee und Frühstück im Zelt, denn Zeltgemütlichkeit sticht so ziemlich alles und ich komme erst gegen 1300 in die Pedale.
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  • Smoothness: very horrible

    June 9 in Latvia ⋅ ⛅ 20 °C

    Wer um Himmelswillen legt eine Fahrradroute am Rande eines Truppenübungsplatzes entlang? Plattgefahrener Sand ist ja OK, sagen wir mal für 20 km, denn da komme ich mit meinen 50er Reifen noch erstaunlich gut durch. Aber diese aufgepflügten Furchen hier kann man auch bleiben lassen. Ich schaue direkt mal bei OpenStreetMap nach, was denn hier für Eigenschaften getaggt sind und siehe da, es hat jemand zuvor das Attribut "smoothness" bereits mit "very horrible" hinterlegt 😂.

    Glücklicherweise sind es nur ein paar Hundert Meter zu schieben und danach kann man wechselweise den noch nassen Sand befahren, querfeldein durch den moosigen Kiefernwald pflügen oder irgendwelchen Fußpfaden über Wurzeln folgen.

    Hier soll es brütende European Roller geben 😍. Laut Tafel allerdings nur 10-20 Paare in ganz Lettland, hahaha. Die hatten wir in Südkenia im November/Dezember gesehen. Es waren bestimmt dieselben 🥰. Beim Weiterfahren steht plötzlich ein junger Fuchs perplex vor mir auf der Straße und wundert sich offenbar genau so über mich, wie ich mich über ihn. Es sollen noch zwei weitere Fuchsis im Radlverlauf der nächsten Tage dazukommen.
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  • Hotelameisen

    Jun 9–10 in Latvia ⋅ ⛅ 22 °C

    Boa, was ein bekloppter Ritt nach Riga rein. Es gibt von Osten kommend anscheinend nur eine Verkehrsachse: Autobahn. Und den Eurovelo-Radweg habense direkt danebengeklebt. Die letzten 5 km über enge Bürgersteige.

    Ich erschieße mir spontan ein übertrieben nobles Hotel für guten Kurs. Der übergroße Fernseher eignet sich ganz hervorragend als Schlafsacktrockner! Beim Auskippen meiner Dinge aus den Radtaschen spawnen plötzlich überall Ameisen. Sind das meine? Eine Zecke ist auch dabei, die Arme 🤷🏻. Na, es war mir eine Ehre, euch allen einen kostenlosen Ritt spendiert zu haben, aber ich definiere hier jetzt die Senke eures Lebensflows 🔫.

    Haarewaschen nach 5 Tagen kann man auch mal machen, muss man aber auch noch nicht. Als ich die inkludierte Sauna auschecke, ist diese leider nur bei 45 °C. Aus, oder wat? Aber das Dampfbad ballert. Schnell abkühlen und ab in meine Lieblings-Craft-Bier-Bar. Ich war zuletzt vor 2 Jahren kurz hier, aber beim Herumbewegen in der Altstadt fühlt es sich an, als wäre es erst 2 Wochen her 😮. Riga hat nen Vibe, den man sich eigentlich mal öfter geben könnte.

    Zum Frühstück kehre ich leider auch wieder dort ein, wo ich schon einmal gewesen bin, denn im Zvaigzne-Cafè gibt es auch ganz nicen Handfilterkaffee. Und das Rührei ist nicht tot, sondern so richtig schön schlonsig. So macht man das in Polen, so macht Meriem das in der Hutte und so muss es sein (sorry, kein Argumentationsspielraum). Um 1200 dann Checkout und ab auf den Drahtesel bei bestem Wetter. Die Ausfahrt nach Westen aus Riga raus ist das genaue Gegenteil der ostseitigen Einfahrt: tolle Radwege abseits des Trubels.
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  • Tukums

    June 10 in Latvia ⋅ ☁️ 20 °C

    Nach der meditativen Rausfahrt aus Riga – schön entlang einer Bahntrasse meandrierend – verläuft die Route in Richtung Küste. Eigentlich will ich nicht diesen R1-Hauptradweg nehmen, da ich an der Küste zu viel bunten Touri-Bullshit erwarte. Daher versuche ich es mit dem lokalen 133er-Radweg. Der entpuppt sich aber wieder als Mountainbike-Trail über sandige Pisten und hüfthohe Graspfade. Eigentlich geil, auch ganz OK zu fahren, aber mit "Vorankommen" ist da nicht viel. Mir läuft ein bissl die zeitliche Flexibilität bis zur Fähre davon und ich will es an diesem halben Radltag noch bis Tukums schaffen. Außerdem fühlen sich meine Unterbeine seit den Gauja-Wanderwegen eher rampuniert an und bräuchten lieber etwas Schonung. Nicht so meine Art, aber nach 1-2 Kilometern Pistentest drehe ich also wieder um und suche den asphaltierten R1 auf.

    An der Küste dann die Erfreuung: Die Gegend ist gar nicht so touristisch, wie ich sie mit dem Auto in Erinnerung hatte. Zumindest habense den Radweg sehr ansprechend durch eine noble Wohngegend mit absurd krassgeilen Villen gelegt. Man kommt aus dem Staunen kaum raus und ist auch schon hindurchgehuscht. Beim Armenier schnabuliere ich herrschaftlich und düse alsbald nach Westen durch den Kemeru-Nationalpark durch. Anfangs sehr nett, dann leider nur eine schnurgerade Schotterpiste durch Monokulturnadelwald.

    Der Schlussteil nach Tukums wieder abwechslungsreich und Tukums selbst ist irgendwie ein zuckersüßes, verschlafenes Nest. Es ist erst irgendwo 1900 Uhr und da geht noch eine Kvass-Pause mit Schokokuchen und Eis. Bis zum anvisierten Campingplatz ist es nicht mehr weit und die Sonne steht gerade so schön.
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  • Ein Storch auf meiner Zeltwiese

    Jun 10–11 in Latvia ⋅ ☁️ 17 °C

    Der Campingplatz entpuppt sich mal wieder als unvorhergesehener Geheimtipp. Irgendwo hinter Tukums wühle ich mich über die Felder und komme an einem Haus mit Veranda vorbei, wo oben eine Horde Biker mit Kutten sitzt. Ein bisschen Angst habe ich, grüße aber nett. Und dann merke ich, dass hier direkt ja auch irgendwo das Camp sein soll. Sehen tue ich aber nix, keine Wegmarken, keine verdächtigen Anzeichen. Nur ein Geschwindigkeitsbegrenzungsschild "120" auf dem Schotterweg des Bikerhauses.

    Da stehe ich nun, es ist spät, und habe nicht viele Alternativen. Mal bei OpenStreetMap nachsehen und diese Campite bei Gelegenheit direkt aus der Datenbank entfernen. Da kommt aus der Ferne über die riesige Wiese ein junger Typ winkend angerannt. Ha! Er wurde telefonisch von einem der Biker benachrichtigt, dass womöglich ein Tourist zugegen sei. Es stellt sich heraus, dass der Telefonbiker dem jungen Typen seiner Frau der Bikerpappa ist. Das Camp ist noch gar nicht geöffnet für die Sommersaison, aber ich kann mir irgendeinen Platz aussuchen. In den Haussee kann ich auch springen. Jippie!

    Ein rundum toller Ort mit vielen alten Bäumen und ohrenbetäubenden Vögeln. Ein Gelbspötter besingt mich aus dem Weidenbusch neben dem Zelt. Die Sonne glüht am Horizont. Die eingestaute Bierdose zischt wie für diesen Moment bestimmt. Als ich dann doch irgendwann ins Zelt krieche, schleicht ein Storch auf meiner Zeltwiese herum und versteckt sich immer hinterm Busch. Der möchte bestimmt all die schönen Frösche futtern, von denen ich heute Abend freudig angehüpft wurde. Jetzt klappern oben in den Nestern die anderen Störche auch noch, sodass ich gar nicht schlafen will!
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  • Geschichten aus der Gastronomie

    June 11 in Latvia ⋅ 🌧 14 °C

    Die Kette knirscht, die Bremsen schleifen. Die ersten 25 km seit Tukums haben mich schon gefressen. Mit mir brach auch der Regen los und der sandige Schotter wird bei Nässe so richtig schlonsig-schwammig 🥵. Ab Kandava weiche ich auf die Hauptstraße aus und ballere direkt mit 10 km/h mehr bei gefühlt halber Kraft. Schwupp, in Sabile bei Kilometerstand 41.

    Ich steige ins einzige Restaurant ab und muss mich erstmal umziehen. Meine betagte Jacke findet mehrstündigen Dauerregen nämlich doof. Und dabei legt der Regen gerade erst richtig los ...

    Ich probiere mich dann mal durch die Karte. "Von jedem eins, bitte", oder so ähnlich. Die Region ist die nördlichste weltweit und bekannt für Dessert-Weine. Na, dann schauen wir mal.

    Mit mir angekommen ist auch ein belgisches Tandem-Radelpaar. Wir haben Spaß. Als die nach knappen 3,5 h dann weiter in den Regen ziehen, kommen gerade 7 Fahrradpolen im Alter von 50-60 herein. Ich quassele direkt dazwischen, noch bevor sie sich setzen. Dann stellt sich jeder persönlich händeschüttelnd bei mir vor. Die haben noch Manieren! Aber der eine Kleinere zittert am ganzen Körper. Die sind anscheinend nicht ausreichend schnell geradelt! Im Nu ist der Restaurantboden eine Pfütze 😛. Nach der wärmenden Soljanka vernimmt man wohliges Gestöhne und die beiden im Ohrensessel pennen direkt weg.

    Sofort geht es politisch und geschichtlich heiß her zu osteuropäischen Konflikten der vergangenen 100 Jahre. 7 Polen an 2 Tischen mit 4 unterschiedlichen Meinungen und Sichtweisen. Ich lerne viel über polnisch-ukrainische und polnisch-tschechische Auseinandersetzungen der Weltkriegsvorzeit und wie dies in der polnischen Gesellschaft unterschwellig immer noch krasse Auswirkungen auf die aktuellen Nachbarschaftsbeziehungen hat. Hmpf. Nach insgesamt 4,5 h Herumsitzen breche dann auch ich auf. Wieder in den Regen.
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  • Herumbaronieren, das

    Jun 11–12 in Latvia ⋅ 🌧 12 °C

    Gemütlichkeit gefunden. Mit 87 km endet der Tag in belohnender Unterkunft. Seit der 4,5-Stündigen Abwetterungspause in Sabile hab ich die verbliebenen 46 km nach Kuldiga in etwas über 2 Stunden abgefrühstückt. Bei andauerndem Niesel- bis Mehr-Regen. Der Wind hat zum Glück sehr vorteilhaft gedreht, bzw. mein Hintern sich relativ zum Wind, da ich über den Tag von Nordwest nach Südwest abgefallen bin.

    Erkenntnis Nummer 1 des Wind- und Wettertages: Bei schneidendem Seitenwind, der mit seinen nadelspitzen(un)artigen Regentropfen-Kumpanen einem die Hornhaut des luvseitigen Auges abzuziehen versucht, wirkt eine Sonnenbrille wahre Wunder. Direkt fühlt sich das Wetter wie hinter einer Wintergartenscheibe an. Wind? Regen? 🤷‍♂️

    Erkenntnis Nummer 2 des Wetter- und Windtages: Ich habe den wahren Grund hinter Klickpedalschuhen erörtert, denn sie haben den offensichtlichen Vorteil eingebauter Drainagelöcher im Zehballenbereich, wo die Cleat-Aufname mit den Gewinden in einer kleinen Metallplatte sitzt: Keine Staunässe. Abgesehen davon eher eine fragwürdige Erfindung diese Klickpedale/-schuhe, denn 4 von 8 Tagen einer Tour ist man mit Einstellungstuning der Schuhe beschäftigt. Leider merkt man eine unideale Einstellung erst, wenn es irgendwo zwickt. Die schmerzende Zwickung schwindet nach Einstellungskorrektur aber erst mit gewissem Delay, was Debugging furchtbar zäh und interleaving mit den verschiedenen Nachkorrekturen macht. Nächste long-distance-Tour auf jeden Fall mal ohne.

    Am nächsten Morgen grüßt wieder eine knackig-frische Kaltfront mit Sonne-Wolken-Mix, Gegenwind und tollem Licht. Ich erkunde Kuldiga mit diesen angeblich breitesten Wasserfällen Europas und finde aber auch meinen Gefallen an den Mohnteilchen beim Bäcker in der urigen Altstadt.
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  • Finale Etappe, jetzt!

    June 12 in Latvia ⋅ ☁️ 16 °C

    100 km Asphaltstraße zur Fähre nach Liepaja turnen mich mal wieder ab und ich beschließe, der "lokalen" Radroute mal wieder eine Chance zu geben: Feuchte, feste Waldwege, Angelteiche, läuft. Aber etwas später leider ein Entscheidungsfehler, als ich das Ganze mit einer breiteren Schotterpiste zu beschleunigen versuche. Die ist wieder eine von den unkompaktierteren und nach gestrigem Regen immer noch sehr reifenfressend-weich. Zudem als Waschbrett ausgefahren. Da wäre ich mit den Waldwegen besser beraten gewesen.

    So geht es die insgesamt halbe Etappe bis Aizpute, von wo ich nach ner Pizza dann doch wieder auf den Eurovelo switche, der aber 100 % Hauptstraße bedeutet. Trotz wenig Verkehr: Warum werden diese Routen so gelegt?

    Der Markt für Rasentrimmgeräte muss in Lettland gigantisch sein. Egal wo man ist, auf dem Land oder in nem Örtchen, überall wird gefühlt an jedem Tag irgendwie nix anderes gemacht, als den häuslichen Rasen kurz zu halten. Aufgrund der teilweise ungleichmäßigen Grundstückstopografie führt das oft dazu, dass die Leute manuell mit motorisiertem Trimmer im Graben stehen.
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  • Ziel erreicht: Kapitänsrestaurant

    Jun 12–13 in Latvia ⋅ ☀️ 16 °C

    Gegen 1900 radle ich in die Stadt ein, die sich ewig zieht. So richtig was zu sehen gibt es eher nicht, aber ich tingele zumindest der Nase nach durch nette Wohnbereiche mit älteren Holzhäusern und deutschen Autos davor. Erinnert mich architektonisch alles ein wenig an Tjumen in Westsibirien.

    Im hübschen Kapitänsrestaurant gönne ich mir bei schräger Sonne Knoblauchbrot und den Kapitänsburger. Kurz darauf erscheint ein weiterer Fernradler. Nach kurzer Zeit treffen sich unsere Blicke, als er mir nen guten Appo wünscht. Er hat unabhängig von mir anscheinend auch das Knobibrot geordert. Er setzt sich zu mir. Er hat auch das gleiche rote Handy wie ich. Und er fährt auch einen roten Mountainbike-Rahmen 🥰. Er hat auch die gleichen Schuhe. Und, er ist gerade eben mit der Fähre angekommen, mit der ich gleich ablegen werde. Aber, er hat 5 Wochen statt nur 8 Tage Radelzeit für Lettland/Estland 😂. Er ist irgendwo 20 Jahre älter als ich, aber uns verbindet auf Anhieb dieselbe Mentalität. Wie ich solche Reisezufallstreffer liebe!! Gemeinsam fluchen wir ein wenig über Klickschuhe, denn er hatte sich vor paar Jahren in Ungarn auch direkt am ersten Tag überanstrengt, mit Achillesproblemen und Muskelriss in der Wade 😳. Wir könnten noch stundenlang philosophieren, aber ich muss leider zum Checkin 😊.

    Ich vergaß, dass diese Fährverbindung eine reine Cargo-Strecke ist und die Fähre dementsprechend lustlos konfiguriert ist: Ein Sitzbereich mit Sportfernsehen, 4 Sorten Bier, ein Restaurant, ein kleiner Shop für maximal 2 Trucker gleichzeitig, that's it. Beim Beziehen meiner geteilten Kabine darf ich wieder etwas von meinem eingerosteten Russisch auspacken und werde direkt mit einem lettischen Wodka aus nem Jägermeisterglas begrüßt 😅.

    An Deck der pure Sonnenuntergangsgenuss zur einen Seite und zur anderen Seite eine tolle Wolkenfront, bzw. eher Wolkenrückseite, weil sich unsere Kaltluft gerade darunter schiebt? Mit dem Fernglas beobachte ich die ebenfalls heutige Flugshow über dem Militärflugplatz und bin erstaunt von seltsam aufsteigenden Rauchringen, die erst wie ein Insektenschwarm aussehen und sich dann sehr weit oben auflösen. Wir legen ab.

    Zahlen und Fuckten:
    - 8 Tage Radelzeit
    - heute 108 km
    - insgesamt 732 km
    - 0 Unfälle
    - 0 Pannen
    - 0 Zecken
    - 7-10 Mücken
    - viel Kvass
    - jeden Abend Fluss, See, Dampfbad oder Dusche
    - jeder Dauerregen ist sofort vergessen, sobald die erste Sonne wieder scheint

    Die letzte Erkenntnis ist – denke ich – auch auf viele andere Lebenslagen übertragbar. ☀️
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    Trip end
    June 14, 2026