• Tag 18 - Zurück in der Realität

    August 22 in Germany ⋅ ☁️ 22 °C

    Es hat einen Tag gedauert, bis ich diese Zeilen schreiben konnte. Irgendwie musste ich erst wieder ankommen. Und damit meine ich nicht nur körperlich. Die Ankunft zu Hause war seltsam. Plötzlich wieder ein Dach über dem Kopf, vier Wände, ein bequemes Bett und vor allem ein Tagesplan, der nicht mehr vom Wetter abhängig war. Kein Zelt, kein Schlafsack, keine Isomatte. Dafür fließend warmes Wasser. Und zwar so viel, dass ich beim Duschen tatsächlich kurz darüber nachgedacht habe, wie absurd verschwenderisch sich das anfühlt. Ich musste kein Wasser sparen. Ich konnte einfach duschen.

    Und dann war da noch mein Kühlschrank.

    Ich habe mich tatsächlich darüber gefreut, wieder einen Kühlschrank zu haben. Bisher ist er zwar nur mit Licht gefüllt, aber selbst diese völlig normale Alltäglichkeit fühlt sich gerade fast schon erschreckend an. Wenn man zwei Wochen mit einfachen Vorräten lebt, bekommen selbst solche Kleinigkeiten plötzlich eine Bedeutung. Dinge, die man zu Hause normalerweise überhaupt nicht wahrnimmt, fallen einem nach so einer Reise plötzlich auf. Die Rückreise selbst war in Ordnung. Nach zweimal 24 Stunden im Bus schockt einen vermutlich nichts mehr. Im Flugzeug habe ich knapp drei Stunden geschlafen. Die restliche Zeit habe ich mich mit Noah unterhalten, einem der Teilnehmer der vergangenen zweieinhalb Wochen.
    Wir haben über unglaublich viele Dinge gesprochen. Über unsere Vergangenheit und unsere Zukunft, über die vergangenen Wochen, unsere Eindrücke und natürlich auch über die Gruppe. Besonders spannend fand ich eine Beobachtung von ihm. Er meinte, er habe im Nachhinein mein Verhalten während der Reise besser verstanden. Ich hätte die vergangenen zweieinhalb Wochen sehr viel beobachtet. Wie ein Adler hätte ich über der Gruppe geschwebt und eigentlich immer mitbekommen, was gerade passiert. Und irgendwie hatte er damit recht.
    Ich habe viel beobachtet. Die schönen Momente, aber natürlich auch die Situationen, die nicht so schön waren. Ich habe Menschen beobachtet, ihre Reaktionen, die Dynamik und wie sich die Gruppe im Laufe der Zeit verändert hat. Gleichzeitig habe ich immer versucht zu helfen, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wurde. Natürlich hatte das auch eine Kehrseite. Ich habe sehr viel Zeit mit dem Schreiben verbracht und damit, meine Eindrücke festzuhalten. Dadurch war ich nicht immer mitten im Gruppengeschehen. Manchmal habe ich mich bewusst ein Stück herausgenommen und die Situation lieber von außen betrachtet. Aber für mich war das wichtig. Ich wollte diese Reise nicht einfach nur erleben, sondern sie auch festhalten. Je länger die Tour dauerte, desto mehr veränderte sich die Gruppe. Die anfängliche Zurückhaltung verschwand, die Menschen fühlten sich wohler miteinander und irgendwann wurden alle einfach immer mehr sie selbst. Eigentlich ist das vermutlich ganz normal. Wenn Menschen über längere Zeit gemeinsam unterwegs sind, wenig Privatsphäre haben, müde sind und ständig neue Situationen erleben, fallen irgendwann die ersten Fassaden. Man wird spontaner, ehrlicher und manchmal auch ungefilterter. Dadurch haben sich manche meiner ersten Eindrücke im Laufe der Zeit bestätigt. Ich bin deshalb froh, meinem Bauchgefühl vertraut zu haben. Gleichzeitig muss ich aber zugeben: Noah hatte vermutlich auch recht. Hätte ich mich an manchen Stellen etwas mehr geöffnet und mehr zugelassen, wäre die Reise vielleicht noch intensiver geworden. Das möchte ich bei zukünftigen Reisen ausprobieren. Nicht komplett anders, denn meine Beobachterrolle gehört irgendwie zu mir. Aber vielleicht in einer besseren Balance. Mehr zulassen, mehr mittendrin sein und trotzdem immer wieder einen Schritt zurückgehen und beobachten.
    Drei Fragen, die ich ehrlich beantworte und mich teilweise sehr beschäftigen:

    1️⃣. Was bleibt von dieser Reise?
    Vor allem die Einfachheit. Ich habe in der Mongolei gemerkt, wie wenig ein Alltag eigentlich braucht. Es braucht nicht viel, damit Menschen glücklich sein können. Ein gutes Essen, ein warmes Feuer, ein Pferd, ein paar Menschen, mit denen man lachen kann, und die Gewissheit, dass am nächsten Tag alles weitergeht. Unser Alltag in Deutschland ist dagegen oft genau das Gegenteil. Wir wollen immer mehr. Mehr Komfort, mehr Möglichkeiten, mehr Leistung, mehr Erlebnisse. Und gleichzeitig sind wir erstaunlich oft unzufrieden mit dem, was wir bereits haben. Die Mongolei hat mir gezeigt, wie befreiend es sein kann, wenn diese ganzen Dinge plötzlich keine Rolle mehr spielen. Die Frage war nicht: Was muss ich morgen noch erledigen? Die Frage war: Kommen wir morgen im nächsten Camp an? Mehr musste man eigentlich nicht wissen. Und gerade diese Einfachheit hat unheimlich gutgetan. Natürlich waren die zweieinhalb Wochen nicht immer einfach. Es gab unbequeme Busfahrten, wenig Schlaf, Rückenschmerzen, kaltes Wasser, fehlenden Strom, wenig Privatsphäre und Momente, in denen ich meine Komfortzone wirklich verlassen musste. Aber genau das hat so viel Spaß gemacht. Ich glaube, ich habe diese Reise gerade deshalb so genossen, weil sie mich gezwungen hat, Dinge anders zu machen. Ich musste mich auf Situationen einlassen, die ich zu Hause niemals als angenehm bezeichnet hätte. Und irgendwann wurden genau diese Dinge normal.

    2️⃣.Würde ich so eine Reise noch einmal machen?
    Ja. Definitiv. Aber nicht gleich nächstes Jahr. Dafür gibt es auf dieser Welt noch viel zu viel zu sehen. Ich möchte neue Länder kennenlernen, andere Kulturen erleben und wieder völlig andere Erfahrungen machen. Aber irgendwann würde ich wieder eine solche Reise machen. Denn diese Art des Reisens entschleunigt. Sie erdet. Sie nimmt einem für eine gewisse Zeit all die Dinge ab, über die man sich im normalen Alltag ständig Gedanken macht. Und vielleicht ist genau das der größte Luxus daran.

    3️⃣. Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?
    Wahrscheinlich mehr zulassen. Nicht alles kontrollieren, nicht alles beobachten und nicht immer versuchen, Situationen vorher einzuschätzen. Einfach manchmal mittendrin sein und schauen, was passiert. Aber eben auch nicht komplett auf meine Beobachterrolle verzichten. Denn gerade dadurch habe ich unglaublich viel wahrgenommen. Vielleicht geht es gar nicht darum, sich für eine Seite zu entscheiden. Vielleicht ist die richtige Mischung genau dazwischen.

    4️⃣. Was werde ich vermissen?
    Eigentlich alles. Die Pferde. Die Landschaft. Die endlosen Weiten. Die Abende im Camp. Das Leben draußen. Die Gespräche. Das gemeinsame Lachen. Die kleinen Routinen. Die Ruhe. Das Gefühl, dass niemand etwas von einem erwartet. Und vor allem die Menschen. Denn eine Reise besteht natürlich aus den Orten, die man sieht, und den Dingen, die man erlebt. Aber am Ende sind es die Menschen, die aus Erlebnissen Erinnerungen machen. Ohne diese Gruppe wäre die Reise wahrscheinlich nur halb so schön gewesen. Die Gruppendynamik, die gemeinsamen Erlebnisse, die kleinen Insider, die Gespräche und auch die schwierigen Momente haben diese zweieinhalb Wochen zu dem gemacht, was sie waren. Ich habe unglaublich viel Neues gelernt. Über die Mongolei, über das Leben auf dem Land, über Tiere und den Umgang mit ihnen, über Menschen und darüber, wie unterschiedlich ein Alltag aussehen kann.
    Und wenn ich jetzt gefragt werde, was mein schönster Moment war, könnte ich wahrscheinlich keine eindeutige Antwort geben. Dafür waren es einfach zu viele. Vielleicht sind es am Ende auch gar nicht die spektakulärsten Momente, die bleiben. Sondern die kleinen Bilder: ein Pferd, das morgens vor dem Zelt steht. Das gemeinsame Lachen nach einem langen Reittag. Ein Abend am Camp. Die endlose Landschaft. Oder einfach dieses Gefühl, irgendwo mitten im Nirgendwo zu sitzen und für einen Moment nichts zu müssen.
    Als ich diese Reise gebucht habe, wusste ich, dass ich zehn Tage reiten würde. Ich wusste, dass es wenig Komfort geben würde, dass uns lange Busfahrten erwarten und dass die Mongolei ganz anders sein würde als alles, was ich bisher kannte. Was ich nicht wusste, war, wie sehr mich diese Reise beschäftigen würde. Aus einer Reise, bei der ich ein neues Land kennenlernen wollte, ist eine Erfahrung geworden, die mir auch einiges über mich selbst gezeigt hat.

    5️⃣.Und jetzt?
    Jetzt bin ich wieder zu Hause. Die Wäsche ist gewaschen, die Sachen sind langsam wieder sortiert und der Alltag wartet bereits. Und trotzdem fühlt sich etwas anders an. Die letzten zweieinhalb Wochen waren zunächst ein kleiner Schock. Dann wurden sie zur Gewohnheit und irgendwann fast zur Wohltat. Kein Alltagsdruck. Keine Termine. Niemand, der etwas von mir erwartet. Keine Nachrichten, die beantwortet werden müssen. Keine Gedanken daran, was als Nächstes erledigt werden muss.
    Nur diese einfachen Fragen.
    Wo schlafen wir heute? Was gibt es zu essen?
    Wie wird das Wetter? Schaffen wir es morgen ins nächste Camp?
    Fragen, die im normalen Leben fast schon langweilig klingen. Und jetzt, wieder zu Hause, merke ich, wie essenziell diese langweiligen Fragen eigentlich sind. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus der Mongolei mitnehme: Man braucht erstaunlich wenig, um glücklich zu sein. Und manchmal muss man erst sehr weit weg reisen, um das wieder zu merken.
    Ach ja, und eines weiß ich jetzt auch ganz sicher:
    Ich werde mich vermutlich noch eine ganze Weile über das Licht in meinem Kühlschrank freuen.
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