Erdbeben und sehr schöne Natur
July 7, 2017 in Italy ⋅ ☁️ 26 °C
An diesem Tag waren wir voller Vorfreude, die malerischen Abruzzen nicht zu Fuß, sondern mit dem Fahrrad zu erkunden. Der Monte Mezzo, majestätisch mit seinen 2.153 Metern, thront über dem Lago di Campotosto. Bei der Recherche zu dieser beeindruckenden Region entdeckte ich einen Fahrradverleih im charmanten Dorf Campotosto, das mit einer verlockenden Tour um den glitzernden See warb.
Die Anfahrt war bereits ein Erlebnis für sich. Sanfte Hügel, dichte Wälder und enge Schluchten zogen an uns vorbei, als wir mit dem Auto durch diese idyllische Landschaft fuhren. Und dann, der erste Blick auf den See: ein atemberaubendes Blau, das im Licht der Sonne schimmerte. Kaum zu glauben, dass hier einst großflächig Torf abgebaut wurde. In den 1930er Jahren wurde dieser Ort geflutet und verwandelt sich in einen weitläufigen Stausee, der heute Teil des Nationalparks Gran Sasso e Monti della Laga ist.
Die Gedanken an eine mögliche Besteigung des Monte di Mezzo schwirrten in unseren Köpfen. Die Aussicht von dort oben versprach, spektakulär zu sein, doch wir entschieden uns, die Gipfelstürmung auf einen anderen Tag zu verschieben. Heute sollte die Radtour im Vordergrund stehen.
Auf der Weiterfahrt um den See amüsierten wir uns über die italienischen Camper, die das Wochenende einläuteten. Wildes Campen am Straßenrand wirkte sonderbar, besonders angesichts der vielen herrlichen, abgeschiedenen Plätze in den Abruzzen. Wieso zelteten sie hier, direkt an der vielbefahrenen Straße?
Je weiter wir fuhren, desto mehr Zweifel nagten an uns. Die belebte Straße und der ungestüme Fahrstil der Italiener schürten unsere Bedenken. War das wirklich die beste Idee, hier mit dem Fahrrad den See zu umrunden?
Als wir schließlich die Uferstraße verließen und den Berg hinauf nach Campotosto fuhren, entdeckten wir ein idyllisches Dorf, das scheinbar in der Zeit stehen geblieben war. Doch nach der nächsten Kurve erstarrte uns der Atem. Die Zerstörung eines Erdbebens war allgegenwärtig, und der Ort wirkte wie ein Schatten seiner selbst.
Der verlassene Ortskern, die zerfallene Schule – all das hinterließ einen bleibenden Eindruck. Hier lebten nur noch einige alte Menschen, die trotz der Zerstörung nicht bereit waren, ihre Heimat aufzugeben. Ein kleiner Verkaufscontainer bot das Nötigste, aber die Atmosphäre war von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit geprägt.
Die Polizei kam vorbei, eine Erinnerung an die Gefahren, die hier lauerten. Was konnte man hier noch finden, ohne sich in Lebensgefahr zu bringen? Der Fahrradverleih, den wir anvisiert hatten, existierte nicht mehr, und mit ihm schwand auch unsere Lust auf die geplante Tour.
Auf dem Rückweg hielten wir in einem kleinen, familiär geführten Restaurant an. Es gab keine Speisekarte, sondern die Tochter des Hauses erzählte uns von den köstlichen regionalen Spezialitäten, darunter frisch gefangener Fisch aus dem See. Während wir diese Leckerbissen genossen, blickten wir auf die untergehende Sonne über dem Lago di Campotosto. Es war ein Moment der Ruhe und des Nachdenkens, der uns half, die Eindrücke des Tages zu verarbeiten, bevor wir schließlich die Rückfahrt nach Sankt Steffano antraten.
Der Tag hatte uns gelehrt, dass hinter der Schönheit der Natur oft auch Traurigkeit und Verlust verborgen sind – und dass es manchmal wichtiger ist, innezuhalten und zu reflektieren, als den geplanten Weg zu verfolgen.Read more









