Thailand und die rote Fanta 👻
February 21 in Thailand ⋅ ⛅ 27 °C
Vor jedem Hotel, jedem Café, jeder Werkstatt und jedem Wohnhaus in Thailand steht ein kleines buntes Häuschen. Manche aufwendig verziert und mannshoch, andere kaum größer als ein Schuhkarton. Was dahintersteckt, ist eine der faszinierendsten Traditionen, die wir auf unserer Reise kennengelernt haben. Sie wurzelt im Animismus, einem uralten Geisterglauben der Region.
Schon lange bevor der Buddhismus nach Thailand kam, glaubten die Menschen, dass Geister Orte, Bäume und Landschaften bewohnen. Dieser Glaube ist bis heute überall sichtbar: Alte Bäume sind mit bunten Tüchern umwickelt, weil ein Geist in ihnen wohnt. Fast jeder Thai trägt ein Schutzamulett um den Hals, und manche lassen sich von Mönchen Tattoos mit heiligen Schriftzeichen stechen.
Die sichtbarste Tradition aber sind die Geisterhäuser. Wer ein Grundstück bebaut, nimmt den Geistern ihr Zuhause. Das Geisterhäuschen ist die Entschädigung, eine neue Bleibe für den Schutzgeist des Landes. Im Gegenzug beschützt er Haus und Bewohner. Wird er vernachlässigt, kann es Unglück geben.
Für die Platzierung gibt es strenge Regeln, die ein brahmanischer Priester oder Astrologe festlegt. Die wichtigste davon: Der Schatten des Hauptgebäudes darf nie auf das Geisterhäuschen fallen. Er würde den Geist unterdrücken. Es darf nicht Richtung Toilette zeigen, nicht links neben einer Tür stehen und nicht auf eine Straße gerichtet sein. Geburtsdatum des Besitzers und Ausrichtung des Grundstücks fließen in die Berechnung des perfekten Standorts ein.
Die kleinen Figuren im Inneren haben alle eine Funktion. Diener kümmern sich um den Geist, Tänzerinnen unterhalten ihn, Elefanten und Pferde stehen als Transportmittel bereit. Die Geisterhäuser werden täglich gepflegt. Jeden Morgen räumt jemand die alten Gaben ab und stellt frische hin.
Neben den üblichen Blumenkränzen und Räucherstäbchen fiel uns vor allem eines auf: die rote Fanta. Sie steht vor fast jedem Geisterhäuschen, manchmal eine kleine Flasche, manchmal gleich zehn auf einmal. Auch vor Ort konnte uns niemand so richtig erklären, woher die Tradition kommt. Manche vermuten, die rote Farbe ersetze frühere Tieropfer. Andere sehen den Ursprung in einem alten Kräutergetränk aus Palmzucker, das traditionell rosa war. Sicher ist nur: Die Geister mögen es süß und rot. Neben der Fanta findet man alles Mögliche, von Zigarren über Whisky und Süßigkeiten bis hin zu Spielzeugautos.
Was passiert mit einem Geisterhäuschen, das alt oder kaputt ist? Wegwerfen kommt nicht in Frage. In der Regel stellt man einfach ein neues daneben und lässt das alte stehen. Falls es doch entfernt werden muss, bestimmt ein Priester den richtigen Zeitpunkt, und die Seele wird feierlich in das neue Häuschen umgesiedelt. Die alten kommen danach auf einen Geisterhaus-Friedhof, meist unter großen Bodhi-Bäumen bei Tempeln. Im Bodhi-Baum, unter dem auch Buddha die Erleuchtung fand, wohnt nach thailändischem Glauben ein mächtiger Schutzgeist, der die heimatlosen Seelen tröstet.
Häufig steht direkt neben dem Geisterhäuschen noch ein zweites: ein Hindu-Schrein, meist mit einer Figur von Brahma, dem viergesichtigen Schutzgott, oder Ganesha, dem elefantenköpfigen Gott des Glücks. Mit dem Animismus haben diese Schreine nichts zu tun – sie kamen erst Jahrhunderte später mit dem Hinduismus aus Indien ins Land. Dass beides heute friedlich nebeneinandersteht, ist typisch für Thailand: Animismus, Hinduismus und Buddhismus ergänzen sich hier ganz selbstverständlich.
Wie tief der Geisterglaube im Alltag verankert ist, zeigt eine Geschichte aus Bangkok. In den Fünfzigerjahren häuften sich beim Bau des Erawan-Hotels die Unglücksfälle: Arbeiter wurden verletzt, ein Schiff mit teurem italienischem Marmor sank auf dem Weg zur Baustelle. Astrologen stellten fest, dass der Grundstein am falschen Tag gelegt worden war. Man errichtete einen Schrein für den Gott Brahma, und danach lief der Bau reibungslos. Der Schrein steht bis heute. Wer sich für einen erfüllten Wunsch bedanken möchte, kann dort Tänzerinnen buchen, die zu Ehren Brahmas auftreten.
Früher wurden Geisterhäuser von Hand aus Holz geschnitzt, heute kommen die meisten aus der Fabrik, gegossen aus Beton. Man kauft sie in Geschäften, die an Gartencenter erinnern. Das Handwerk hat sich verändert, der Glaube nicht. Selbst vor Bangkoks Wolkenkratzern und Tech-Startups stehen Geisterhäuschen mit frischen Blumen und glimmenden Räucherstäbchen. Wir haben jedenfalls auf jeder Straße neue Varianten entdeckt.Read more



























Traveler
Ja, von den gebetshäschen hattest du erzählt ... wirklich sensationell
TravelerWo sind die Häschen 😉
Traveler
Das sind kleine Kunstwerke 🤗