Wasserpuppentheater: Vom Reisfeld auf die Bühne 🎭
March 4 in Vietnam ⋅ ☀️ 24 °C
In Vietnam gibt es eine weltweit einzigartige Kunstform. Das Wasserpuppentheater ist fast tausend Jahre alt, und die bekannteste Bühne dafür steht in Hanoi, direkt am Hoan-Kiem-See. Live-Musiker begleiten die Vorstellungen mit traditionellen Instrumenten.
Entstanden ist sie in den Flussebenen Nordvietnams. Nach der Reisernte standen die Felder unter Wasser, und die Bauern nutzten sie als Bühne. Sie bauten einen kleinen Pavillon mitten ins überflutete Feld, stellten sich hüfttief ins Wasser und unterhielten ihre Nachbarn mit Figurenspiel. Im 12. Jahrhundert lud der Königshof die besten Truppen ein, und aus dem Zeitvertreib nach der Ernte wurde höfische Unterhaltung.
Die Techniken wurden in Geheimgilden gehütet. Wer aufgenommen wurde, trank eine rote Mixtur als Blutschwur und legte einen Eid ab. Wer die Geheimnisse verrät, bezahlt dafür mit dem Leben seines Vaters und dem dreier Nachkommen. Die Weitergabe lief ausschließlich vom Vater an den Sohn. Töchter waren ausgeschlossen, weil man fürchtete, sie könnten nach einer Heirat die Techniken in ein anderes Dorf tragen. Diese extreme Geheimhaltung hatte einen paradoxen Effekt. Weil jede Gilde für sich arbeitete, entwickelten alle eigene Mechanismen und Tricks.
Wie die Puppen tatsächlich funktionieren, sieht man als Zuschauer nicht. Die Figuren werden von unten gesteuert, über Bambusstangen und Schnüre unter der Wasseroberfläche. Das Wasser ist absichtlich trüb, damit der Mechanismus unsichtbar bleibt. Geschnitzt werden die Puppen aus Feigenholz, das leicht und schwimmfähig ist. Zum Schutz vor dem Wasser erhalten sie bis zu zehn Schichten traditionellen Lack. Mit all den Lackschichten und der Mechanik können die fertigen Figuren trotzdem bis zu 15 Kilo wiegen. Die Puppen drehen sich, tauchen ab, interagieren miteinander und bewegen Arme und Köpfe unabhängig voneinander. Was damit auf der Bühne möglich ist, hätten wir ihnen vorher nicht zugetraut. Zum traditionellen Repertoire gehört sogar eine Szene, in der Drachen echtes Feuer auf der Wasseroberfläche speien, möglich durch hohle Mäuler mit eingebauten Feuerwerkskörpern.
Durch fast jede Vorstellung führt Chu Teu, ein pausbäckiger Junge im Lendenschurz, dessen Name im Alt-Vietnamesischen „Lachen" bedeutet. Er tritt als Erzähler und Kommentator auf. Historisch war Chu Teu allerdings mehr als eine komische Figur. Unter dem Deckmantel des harmlosen Puppenspiels ließ man ihn über korrupte Beamte und gierige Steuereintreiber herziehen. Offen ausgesprochen hätte solche Kritik den Kopf kosten können.
Dass es das Wasserpuppentheater heute noch gibt, ist nicht selbstverständlich. Die französischen Kolonialherren versuchten, lokale Volkstraditionen zu unterdrücken, und auch im Vietnamkrieg mussten Puppenspieler an die Front. Die Puppen verrotteten eingelagert in Schuppen. Von einst 28 dokumentierten Gilden waren in den Neunzigerjahren nur noch acht aktiv. Dass die Kunstform trotzdem überlebt hat, liegt auch am Thang Long Theater in Hanoi. Es wurde in den Sechzigerjahren gegründet und spielt seitdem an 365 Tagen im Jahr, ohne Unterbrechung. Inzwischen hat es die Tradition in über 40 Länder getragen und die Kunstform international bekannt gemacht.
Am besten sitzt man weit vorne, denn die Puppen sind nicht groß, und die Details gehen aus den hinteren Reihen verloren. Ein Audioguide, den es auch auf Deutsch gibt, erklärt die einzelnen Szenen und lohnt sich, denn ohne Kontext bleiben die vietnamesischen Legenden und Alltagsszenen schwer einzuordnen. Die Show dauert knapp eine Stunde.Read more

















TravelerDas ist eine sehr schöne Tradition 🤗
Traveler
Ganz goldig ....