• Parfüm-Pagode: Wo eine Göttin entstand 🛕

    March 7 in Vietnam ⋅ ☀️ 27 °C

    Die Parfüm-Pagode liegt südwestlich von Hanoi in einer tropischen Karstlandschaft und ist eine der wichtigsten buddhistischen Pilgerstätten Vietnams. Parfüm steht hier für den Duft der wilden Blumen, die an den Felsen wachsen. Der Tempelkomplex ist nur über das Wasser erreichbar. Flache Ruderboote gleiten zwischen steilen Kalksteinfelsen hindurch, eine gute halbe Stunde lang. Gerudert wird traditionell von Frauen.

    Dass wir ausgerechnet im größten buddhistischen Pilgerfest des Landes ankommen würden, wussten wir vorher nicht. Das Parfüm-Pagoden-Fest dauert rund drei Monate, vom Mondneujahr Ende Januar bis weit ins Frühjahr, und zieht jedes Jahr über eine Million Pilger an, die hier Glück und Segen für das neue Jahr erbitten. Wir waren an einem Samstag am Höhepunkt des Fests da. Der Fluss war voller Boote, die Treppen und Wege voller Menschen, und statt eines ruhigen Tempel- und Höhlenbesuchs schoben wir uns zwischen Pilgern mit Opfergaben und Räucherstäbchen die Treppen hoch. Um die Wege reihten sich prall gefüllte Lokale aneinander, Stände mit regionalen Leckereien, Gewürzhändler, dazwischen Spielzeughändler, die uns an Kirmesverlosungen erinnerten. Mehr Jahrmarkt als Pilgerstätte.

    Wem all diese Pilger folgen, erzählt eine Legende, die sich hier zugetragen haben soll. Eine Königstochter namens Diệu Thiện weigerte sich zu heiraten. Ihre Bedingung war unerfüllbar: Der Bräutigam müsste sie vom Altern, von Krankheit und Tod befreien können. Kein Ehemann konnte das, und genau darauf hatte sie es angelegt. Sie wollte ins Kloster, nicht in einen Palast. Ihr Vater sah darin einen Angriff auf seine Autorität. Er schickte sie ins Kloster, ließ aber die Nonnen ihr die härteste Arbeit aufbürden, in der Hoffnung, sie würde aufgeben und zurückkommen. Als das nicht half, ließ er das Kloster niederbrennen. Diệu Thiện überlebte. Daraufhin ließ er sie hinrichten. Doch selbst in der Unterwelt verwandelte ihr Mitgefühl die Hölle in ein Paradies, bis der Herrscher der Toten sie aus Angst um sein Reich ins Leben zurückschickte. Sie meditierte jahrelang in einer Höhle, und als ihr Vater schwer erkrankte, sagte ihm ein Mönch, nur die Augen und Arme eines Menschen ohne Zorn könnten ihn heilen. Diệu Thiện opferte beides, ohne zu zögern, für den Mann, der sie hatte töten lassen. In diesem Moment wurde sie zu Quan Âm, der Göttin des Mitgefühls. Sie hätte ins Nirvana eingehen können, kehrte aber um, weil sie einen Schrei des Leidens aus der Welt hörte. Seitdem wird sie verehrt als die, die erst von der Erde geht, wenn alles Leiden beendet ist.

    Die Hương-Tích-Höhle gilt als der Ort, an dem Diệu Thiện zur Göttin wurde. Der gesamte Komplex der Parfüm-Pagode ist um diese Überzeugung herum gebaut: Der Giải-Oan-Tempel auf dem Pilgerweg heißt übersetzt "Tempel der Reinwaschung von Unrecht" und bezieht sich direkt auf das Schicksal der Prinzessin. Eine Inschrift am Höhleneingang aus dem 18. Jahrhundert erklärt sie zur heiligsten Höhle Vietnams.

    Im Inneren hängen Stalaktiten, die über Jahrhunderte von Pilgerhänden glatt gerieben wurden. Jede Formation hat einen eigenen Namen und eine zugeschriebene Kraft: Der Münzhaufen soll Wohlstand bringen, der Mädchen- und der Jungenberg helfen kinderlosen Paaren. An einem brustförmigen Stalaktiten sammeln Pilger das herabtropfende Wasser auf, weil sie glauben, diese heilige Milch bringe Gesundheit und Segen. Zwischen den Formationen liegen Plastikbabys, die Besucher als Glücksbringer für ihren Kinderwunsch hinterlassen. Für die Pilger ist die Kraft der Quan Âm hier nicht Legende, sondern Gegenwart.

    Unsere kleine Gruppe war die einzige ohne religiösen Anlass, und unter den Tausenden drumherum kein einziger anderer westlicher Besucher. Anders als in Hanoi schienen Europäer hier ein seltener Anblick zu sein. So wurden wir selbst zur Attraktion. Viele starrten uns an, Kinder liefen zu uns, und auf der Bootsfahrt schauten uns die Menschen in den entgegenkommenden Booten immer wieder nach. Manche grüßten oder riefen, woher wir kommen, andere machten heimlich Fotos oder kicherten untereinander. Als ständige Begleiterscheinung ein merkwürdiges Gefühl.

    Quan Âm ist übrigens die vietnamesische Version von Guanyin, der wir in Chiang Rai wortwörtlich in den Kopf gestiegen waren. Dass wir ihr so kurz darauf in einer Höhle in Vietnam wieder begegnen würden, hatten wir nicht erwartet.
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