Hanoi: Zwischen Rollern und Kinderhockern 🛵🪑
February 26 in Vietnam ⋅ ⛅ 25 °C
Hanoi ist die Hauptstadt Vietnams und mit neun Millionen Einwohnern nach Saigon die zweitgrößte Stadt des Landes. Nach dem ruhigen Chiang Mai war uns die Stadt zunächst zu laut und zu chaotisch.
Auf diese Einwohner kommen geschätzt sieben Millionen Motorroller. Ein Roller ist Lieferwagen, Familienkutsche und Lagerhalle in einem. Hühnerkäfige, Glasscheiben, ganze Kühlschränke, alles fährt auf zwei Rädern durch die Stadt. Wo sie nicht fahren, parken sie. Fast alle Gehwege sind mit Rollern zugestellt, Fußgänger weichen auf die Straße aus. Auf der Straße wird ununterbrochen gehupt, aber nicht aus Aggression, sondern als ständiges „Achtung, ich komme". Straße überquert man langsam und gleichmäßig, ohne anzuhalten. Die Roller fließen um einen herum.
Das Leben in Hanoi spielt sich nicht in Wohnungen ab, sondern auf dem Bürgersteig. Vor Garküchen und Läden stehen winzige Plastikhocker, auf denen Menschen Suppe löffeln, Bia Hơi trinken und plaudern. Bia Hơi ist das lokale Fassbier, leicht, täglich frisch gebraut, und kostet umgerechnet vierzig Cent. Das Bánh Mì gibt es an jeder Ecke, ein belegtes Baguette, das die Franzosen als Brot hinterlassen haben und die Vietnamesen zu etwas Eigenem gemacht haben. Direkt neben der Straßenküche stehen oft Cafés mit Latte Art. Jeden Tag fährt die Ordnungspolizei durch und räumt die Hocker weg. Kaum ist sie um die Ecke, stehen sie wieder da.
Auf den Hockern wird nicht nur Bia Hơi getrunken, sondern auch auffällig viel Kaffee. Vietnam ist nach Brasilien der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt, und in Hanoi merkt man das. Die bekannteste Spezialität ist der Egg Coffee, der aus der Not entstand. In den Vierzigerjahren war frische Milch während des Krieges gegen die Franzosen kaum zu bekommen. Ein Barkeeper schlug stattdessen Eigelb mit Zucker und Kondensmilch auf und gab die Creme auf den Kaffee. Das Ergebnis schmeckt wie flüssiges Tiramisu. Er eröffnete später sein eigenes Café Giảng in der Altstadt, das bis heute existiert. Noch mehr hat uns aber der Salzkaffee begeistert, Kaffee mit einer salzigen Milchhaube. Klingt seltsam, macht aber süchtig.
Das Herz von Hanoi ist die Altstadt mit ihren berühmten 36 Gassen. Die Zahl ist symbolisch und geht auf die historische Einteilung in Handwerkszünfte zurück. Jede Gasse gehörte einem Gewerbe, deshalb beginnen fast alle Namen mit Hàng, dem vietnamesischen Wort für Ware. Viele Straßen haben ihre Spezialisierung bis heute behalten. Die Hàng Mã zum Beispiel, die Straße der Ritualpapiere, verkauft seit Jahrhunderten Opfergaben aus Papier, die für Verstorbene verbrannt werden. Heute liegen dort neben traditionellem Geistergeld auch detailgetreue Papiermodelle von iPhones, Motorrollern und ganzen Häusern mit Einrichtung. Was man verbrennt, erreicht die Toten in der Geisterwelt. Nur die Produktpalette passt sich den Trends an.
Besonders auffällig sind die Röhrenhäuser der Altstadt. Sie sind oft nur zwei bis drei Meter breit, dafür bis zu sechzig Meter tief, mit mehreren Innenhöfen für Licht und Luft. Diese Form kommt von einer alten Grundsteuer, die nach der Breite der Straßenfront berechnet wurde. Also baute man in die Tiefe und Höhe. Das Erdgeschoss diente als Laden, die oberen Stockwerke als Werkstatt und Wohnraum, alles auf wenigen Metern Breite.
Der Name Hanoi bedeutet wörtlich „zwischen zwei Flüssen", und früher war die Stadt von noch viel mehr Wasser durchzogen. Heute sind noch gut zwanzig Seen übrig, und sie sind der Ruhepol im Lärm. Unsere Wohnung lag am Westsee, dem Hồ Tây. Hier war Hanoi ruhiger. Abends liefen wir am Ufer entlang. Der bekanntere See liegt mitten im Zentrum, der Hoàn Kiếm, der See des zurückgegebenen Schwerts. Der See geht auf eine Legende zurück, in der eine goldene Riesenschildkröte einem Helden ein magisches Schwert aus dem Wasser reichte, mit dem er die chinesischen Besatzer besiegte. Nach dem Sieg forderte sie es zurück. Auf einer kleinen Insel im See steht der Schildkrötenturm als Erinnerung. Im See lebten tatsächlich jahrhundertelang Riesenschildkröten, die als lebender Beweis der Legende galten. Die letzte von ihnen starb vor gut zehn Jahren. Die Vietnamesen nannten sie liebevoll Cụ Rùa, Urgroßmutter Schildkröte, und ihr Tod wurde als nationales Trauerereignis behandelt.
Eines der bekanntesten Postkartenmotive aus Hanoi sind die Bahngleise, die mitten durch ein Wohnviertel führen, die Train Street. Die Gleise liegen zentimeterknapp vor den Haustüren. Wenn der Zug kommt, klappen die Bewohner ihre Stühle ein, ziehen die Wäsche rein und pressen sich an die Hauswände. Zwischen den Zügen sitzen auf den Gleisen heute vor allem Touristen. Weil das nicht ungefährlich ist, sperrt die Polizei die Straße immer wieder.
Überall in Hanoi begegnet man auch der Partei. An vielen Laternen hängen rote Propagandaplakate. Auf einem stand: „Mit ganzem Herzen, mit ganzer Kraft, mit voller Hingabe für die Partei, für das Land, für ein Leben in Wohlstand und Glück für das Volk." Im Regierungsviertel steht das Ho-Chi-Minh-Mausoleum, ein wuchtiger Granitbau nach sowjetischem Vorbild. Die Warteschlange davor war so lang, dass wir umgedreht sind. Im Nachhinein passte das vielleicht sogar ganz gut, denn das Mausoleum ist ein Ort, den sein Bewohner selbst nie gewollt hat. Ho Chi Minh bat in seinem Testament ausdrücklich darum, kremiert zu werden und seine Asche auf drei Hügeln in Nord-, Mittel- und Südvietnam verstreuen zu lassen. Stattdessen liegt er seit über fünfzig Jahren einbalsamiert in dieser Granitkiste, gewartet von denselben russischen Spezialisten, die seit 1924 auch Lenin und andere Staatsführer konservieren.Read more


























Traveler
Ikea überall 😉