• Hoa Lo: Folter im Hanoi Hilton ⛓️

    March 10 in Vietnam ⋅ ☀️ 23 °C

    Mitten in Hanois Geschäftsviertel steht ein Stück gelbe Gefängnismauer, vielleicht dreißig Meter lang. Der Rest wurde in den Neunzigerjahren abgerissen, um Platz für Hochhäuser zu machen. Was hinter der Mauer übrig blieb, ein Zellentrakt, Innenhöfe und ein paar Verwaltungsräume, ist heute ein Museum. Es erzählt eine Geschichte, die wir vorher nicht kannten.

    Frankreich eroberte Vietnam ab den 1850er-Jahren, Stück für Stück: erst den Süden, dann den Norden, bis das ganze Land Teil von Französisch-Indochina war. Fast hundert Jahre lang kontrollierte Frankreich Vietnam, Laos und Kambodscha. Die Kolonialverwaltung betrieb staatliche Monopole auf Opium, Alkohol und Salz. Opium brachte zeitweise ein Drittel des Kolonialbudgets ein. Dörfer hatten Pflichtkaufquoten für Reisalkohol und mussten ihn abnehmen, ob sie wollten oder nicht. Auf den Kautschuk-Plantagen im Süden, die unter anderem dem Reifenhersteller Michelin gehörten, starben jährlich zwanzig bis dreißig Prozent der Arbeiter. Es gab ein vietnamesisches Sprichwort dafür: Hundert gehen, einer kommt zurück.

    Wer sich wehrte, landete in Gefängnissen wie Hoa Lo. Die Franzosen errichteten es Ende des 19. Jahrhunderts. Gebaut für rund 450 Häftlinge, vor allem politische Gefangene. In Wahrheit saßen hier zeitweise über zweitausend Menschen ein, angekettet in Gruppen, unterernährt, auf engstem Raum. Ein Raum im Museum dokumentiert die Foltermethoden der Franzosen. Laut den Infotafeln im Museum wurden Gefangene unter anderem in Metallfässer voller Abwasser gesperrt, auf die von außen eingeschlagen wurde, weil sich der Schall im Wasser direkt auf den Körper überträgt. In einem anderen Raum steht auch die originale Guillotine, die immer wieder durchs Land transportiert wurde, um Aufständische hinzurichten.

    Die Franzosen erreichten allerdings das Gegenteil von dem, was sie wollten. Die Gefangenen organisierten sich hinter Gittern, gründeten politische Gruppen und machten das Gefängnis zu einer Art revolutionärer Schule. An Heiligabend 1932 gelang sieben Häftlingen eine der dreiste Flucht. Über Wochen hatten sie sich einzeln in die Krankenstation verlegen lassen, jeder mit einer anderen vorgetäuschten Krankheit: Einer ritzte sich das Knie auf, um Syphilis zu simulieren, zwei brachten ihr Zahnfleisch zum Bluten und husteten Tuberkulose vor, einer hielt so lange die Luft an, bis die Ärzte Herzversagen diagnostizierten. Als an Heiligabend die Kirchenglocken läuteten und Hanoi feierte, sägten sie die Gitterstäbe durch und verschwanden in der Menge. Einer von ihnen wurde später Vizepräsident Nordvietnams.

    Auch außerhalb der Gefängnismauern formierte sich der Widerstand. Ho Chi Minh gründete die kommunistische Partei, die Viet Minh organisierten den Untergrund. Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg Frankreich besetzte, nutzte Japan die Schwäche und übernahm die Kontrolle über Indochina. Nach Japans Kapitulation rief Ho Chi Minh die Unabhängigkeit aus und zitierte dabei die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Doch Frankreich wollte seine Kolonie zurück und führte ab 1946 acht Jahre lang Krieg darum. Die Entscheidung fiel bei Dien Bien Phu, einem Tal im Nordwesten, umgeben von Bergen. Die Franzosen hatten dort eine Festung errichtet und hielten sich für unangreifbar. Die Viet Minh zerlegten ihre Geschütze, trugen sie von Hand durch den Dschungel die Berge hinauf und bauten sie auf den Höhen wieder zusammen. Die Franzosen waren eingekesselt. In den Kolonien Afrikas und Asiens sahen Menschen zum ersten Mal, dass eine europäische Kolonialmacht militärisch geschlagen werden konnte.

    Gut zehn Jahre später begann der Vietnamkrieg, und die Nordvietnamesen nutzten Hoa Lo für amerikanische Kriegsgefangene, vor allem abgeschossene Piloten. Die Gefangenen gaben dem Ort den sarkastischen Spitznamen Hanoi Hilton. Der bekannteste Insasse war John McCain, der spätere US-Senator und Präsidentschaftskandidat. Sein Flugzeug wurde über Hanoi abgeschossen. Schwer verletzt zog man ihn aus einem See mitten in der Stadt. Als sein Vater zum Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Pazifik aufstieg, bot man McCain die vorzeitige Freilassung an. Er lehnte ab, weil er den militärischen Grundsatz nicht brechen wollte, dass Gefangene in der Reihenfolge ihrer Ankunft freikommen. Er blieb noch über vier Jahre. Jahrzehnte später besuchte er als US-Senator das Museum in Hoa Lo.

    Das Museum erzählt diese Geschichte durchaus, aber auf seine Weise. Die gezeigten Fotos zeigen nur eine Seite: Gefangene beim Volleyball, bei Weihnachtsfeiern, beim Essen. Die offizielle Linie lautet, die Behandlung sei human gewesen. Ehemalige Insassen berichten von Folter, gebrochenen Knochen und monatelanger Isolation. Man sieht hier die vietnamesische Version der Geschichte. Am Ende des Rundgangs steht ein Altar, an dem Vietnamesen Räucherstäbchen für die Gefangenen anzünden, die hier starben.

    Der Audioguide kostet extra und ist etwas zäh, lohnt sich aber.
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