• Vinh Moc - Ein Dorf grub sich ein 🕳️

    April 22 in Vietnam ⋅ ☀️ 30 °C

    Auf dem Weg von Phong Nha nach Hué machten wir die sogenannte DMZ-Tour. Die demilitarisierte Zone war ein nur wenige Kilometer breiter Streifen, der Vietnam während des Vietnamkriegs in Nord und Süd teilte. Einer der wichtigsten Stopps ist ein unscheinbarer Hügel an der Küste, wenige Kilometer nördlich der ehemaligen Grenze. Von außen deutet nichts darauf hin, dass unter der Erde einmal ein ganzes Dorf existiert hat. Rund 300 Menschen lebten hier, sechs Jahre lang, in Lehmgängen mit Schlafnischen, einer Geburtsstation, einer Küche und einem Kinosaal.

    Ab 1965 bombardierte die US-Luftwaffe die Region systematisch. Vinh Moc war besonders im Visier, weil von hier aus die vorgelagerte Insel Con Co mit Nachschub versorgt wurde. Auf Con Co stand eine Flugabwehrstellung, die amerikanische Bomber auf dem Weg nach Hanoi unter Beschuss nahm. Über die Jahre fielen mehr als 9.000 Tonnen Bomben auf das kleine Gebiet, rechnerisch sieben Tonnen pro Einwohner. Die Behörden wollten das Dorf evakuieren, doch die Bewohner weigerten sich und fingen stattdessen an zu graben.

    Den Bau leitete ein Mann ohne technische Ausbildung. Sein modernstes Werkzeug war ein alter Kompass. Als Wasserwaage dienten mit Wasser gefüllte Flaschen, als Lotlinie ein Stein an einer Schnur. Der erste Versuch scheiterte, ein Tunnel stürzte ein. Danach wurde der Bau neu organisiert: Zwei Teams gruben sich von gegenüberliegenden Seiten aufeinander zu und orientierten sich an Licht- und Klopfsignalen. Die ausgehobene Erde wurde nachts ins Meer geschafft, damit nichts auffiel.

    Der rote Basaltlehm der Region kam den Bewohnern entgegen: beim Graben weich, härtet er an der Luft aus. Der hohe Eisengehalt wirkt wie eine natürliche Verstärkung. Je länger die Gänge offen standen, desto stabiler wurden sie. Deshalb sind sie heute noch praktisch im Originalzustand begehbar.

    Jede Familie bekam eine Nische in der Tunnelwand: kaum einen Meter breit, knapp zwei Meter tief, Platz für drei bis vier Personen. Die Eltern saßen, die Kinder lagen. Die Nischen reihten sich über drei Etagen durch den Hügel, mit Eingängen zu den Hügelkuppen und zum Meer.

    17 Kinder kamen in einer Kammer zur Welt, die kaum größer war als die Schlafnischen. Eine der Frauen, die hier geboren wurden, erzählt in einem Dokumentarfilm, der vor Ort gezeigt wird, von den Erinnerungen ihrer Mutter: Wasser sickerte durch die Erdwände, die Nachbarn spannten Nylonplanen als Schutz, und das Neugeborene wurde in ein altes Hemd gewickelt. Manche dieser Kinder sahen monatelang kein Tageslicht.

    Gekocht wurde mit einem Ofen, den ein Militärkoch in den Fünfzigerjahren erfunden hatte. Der Rauch wurde horizontal durch unterirdische Kanäle geleitet und von der Erde gefiltert, sodass er an der Oberfläche nur noch wie Morgennebel aussah, für Flugzeuge unsichtbar. In einem größeren Raum wurden Filme gezeigt und Aufführungen veranstaltet. Bewohner berichten, sie hätten laut gesungen, während über ihnen die Bomben fielen.

    Eltern fütterten ihre Kinder blind, weil sie in den Gängen nichts sehen konnten, und viele litten an Haut- und Augenkrankheiten durch die Feuchtigkeit und das fehlende Licht. Während der gesamten Nutzungsdauer traf nur eine einzige Bombe die Tunnel direkt. Sie durchschlug die Decke, zündete aber nicht, und die Bewohner nutzten den Krater danach als zusätzlichen Belüftungsschacht.

    Nachts kamen die Bewohner an die Oberfläche. Sie bestellten ihre Felder, kochten Essen für den ganzen nächsten Tag und brachten Nachschub auf den Weg. Freiwillige ruderten als Fischer verkleidet 28 Kilometer über offenes Meer zur Insel Con Co, um die dortige Garnison mit Reis und Munition zu versorgen. Die Ausgänge zum Meer waren dafür perfekt getarnt. Bei Fliegeralarm schlug jemand auf ein Bombenfragment, das an einem Baum hing.

    Vinh Moc war nicht das einzige Dorf, das unter die Erde ging. In der gesamten Region existierten über hundert solcher Tunnelsysteme. Nicht alle hielten stand, in benachbarten Tunneln kamen bei Einstürzen Dutzende Menschen ums Leben. In Vinh Moc starb niemand.

    Die meisten Vietnamreisenden kennen die Cu-Chi-Tunnel bei Ho-Chi-Minh-Stadt. Cu Chi war ein Kampfsystem mit engen Gängen, Fallen und Angriffsstellungen. In Vinh Moc lebten keine Soldaten, sondern Familien, und es ging nicht um Angriff, sondern ums Überleben. In Cu Chi ist vieles für Touristen verbreitert und nachgebaut. In Vinh Moc sind die Gänge noch die gleichen, bloß mit dauerhafter Beleuchtung.

    Auf der Tour hielten wir auch an der Hiền-Lương-Brücke, der ehemaligen Grenzlinie am Bến-Hải-Fluss. In einem kleinen Museum stehen die Propagandalautsprecher, mit denen sich beide Seiten über den Fluss hinweg beschallten, jede Seite lauter als die andere.
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