Tag 60: Spannendes Karelien
June 13 in Finland ⋅ ☁️ 17 °C
Wir sind jetzt also im Osten von Finnland, relativ nahe an der russischen Grenze und zwar in Karelien.
Karelien. Ein Name, der nach Freiheit, unendlichen Nadelwäldern und tiefer Melancholie klingt. Wer den finnischen Teil dieser riesigen, geschichtsträchtigen Region bereist, merkt schnell: Das hier ist das emotionale Epizentrum Finnlands. Hier entstanden die uralten Runengesänge, aus denen später das finnische Nationalepos "Kalevala"zusammengetragen wurde. Karelien ist der Ort, an dem die finnische Identität ihre tiefsten Wurzeln hat.
Doch was genau ist Karelien eigentlich?
Geografisch gesehen ist es eine riesige Region, die heute zweigeteilt ist: Ein Teil gehört zu Russland, der andere – in dem wir gerade unterwegs sind – zu Finnland.
Aber Karelien war nie nur eine Linie auf einer Landkarte. Es ist ein kultureller Schmelztiegel zwischen Ost und West, geprägt von einer jahrhundertelangen, oft schmerzhaften Geschichte.
Die Geschichte Kareliens ist die Geschichte eines ewigen Grenzlandes. Jahrhundertelang rieben sich hier die Großmächte aneinander: auf der einen Seite das schwedische Königreich (und das spätere unabhängige Finnland), auf der anderen Seite das russische Zarenreich (und die spätere Sowjetunion).
Während der Westen Finnlands lutherisch geprägt ist, brachte der östliche Einfluss die orthodoxe Kirche nach Karelien. Noch heute sieht man hier wunderschöne Holzkirchen mit den typischen Zwiebeltürmen und kleine Waldfriedhöfe, die eine ganz besondere, fast mystische Ruhe ausstrahlen.
Der wohl tiefste Einschnitt kam mit dem Winterkrieg und dem Fortsetzungskrieg im Zweiten Weltkrieg. Finnland musste nach harten Kämpfen große Teile Kareliens – darunter die pulsierende Kulturmetropole Viipuri (heute Wyborg) und die fruchtbaren Gebiete um den Ladogasee – an die Sowjetunion abtreten.
Über 400.000 Karelier verloren damals von heute auf morgen ihre Heimat. Sie packten das Nötigste ein und wurden im Rest Finnlands neu angesiedelt. Sie brachten ihre Kultur, ihre Herzlichkeit und ihre Küche mit – und prägten das Land damit bis heute.
Wenn man heute auf die Landkarte schaut, wird einem erst richtig bewusst, wie radikal die Region damals zerschnitten wurde. Der weitaus größere Teil Kareliens liegt heute auf der russischen Seite der Grenze:
Der russische Teil (die Republik Karelien) erstreckt sich über eine gewaltige Fläche von rund 180.000 Quadratkilometern. Das ist fast so groß wie halb Deutschland!
Der finnische Teil, (aufgeteilt in Nord- und Südkarelien) bringt es zusammen auf gerade einmal knapp 30.000 Quadratkilometer.
Der russische Teil ist flächenmäßig also etwa sechsmal so groß wie das karelische Gebiet, durch das wir gerade reisen.
Noch faszinierender wird es, wenn man sich anschaut, wie ungleich die Menschen in Finnland verteilt sind. Wenn wir hier durch die Einsamkeit fahren, spüren wir es ohnehin jede Minute – aber die Statistik untermauert dieses Gefühl von unendlicher Freiheit:
In ganz Finnisch-Karelien (Nord und Süd zusammen) leben heute nur etwa 290.000 Menschen. Zum Vergleich: In der Metropolregion rund um die Hauptstadt Helsinki drängen sich auf engstem Raum rund 1,6 Millionen Einwohner– also mehr als fünfmal so viele!
Während sich unten im Süden das moderne, quirlige Leben ballt, verteilen sich die Menschen hier oben in den karelischen Wäldern auf riesige Flächen. Die Bevölkerungsdichte in Nordkarelien liegt bei gerade einmal knapp 8 Einwohnern pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In der Region Helsinki sind es weit über 400. Wer die Einsamkeit, die Natur und ungestörte Stellplätze sucht, ist genau hier richtig.
Was vom finnischen Karelien blieb, ist eine Region voller Stolz und lebendiger Traditionen. Die Menschen hier gelten als offener, redseliger und gastfreundlicher als im restlichen Finnland.
Es ist diese Mischung, die uns in ihren Bann zieht: Die unberührte, wilde Natur, die tiefe Stille der karelischen Wälder und die Gewissheit, auf historischem Boden zu stehen. Karelien ist rau, es ist herzlich, und es erzählt Geschichten, die man so schnell nicht vergisst.
Nachdem wir tief in die wechselvolle Geschichte eingetaucht waren, wollten wir diese karelische Seele natürlich auch hautnah spüren. Unser erster Weg führte uns deshalb in das wunderbare Freilichtmuseum in Lieksa, wo die alten, wettergegerbten Holzhöfe und Boote uns wie eine Zeitmaschine in den rauen Alltag der karelischen Vorfahren katapultierten. Von dort aus zog es uns weiter nach Paateri, dem magischen Ort im Wald direkt am Seeufer, an dem die berühmte Bildhauerin Eva Ryynänen lebte und wirkte. Ihre monumentale Atelier-Kirche aus mächtigen Kiefernstämmen hat uns schlicht den Atem geraubt – jede Holzschnitzerei dort erzählt von einer tiefen, fast mystischen Verbundenheit mit der Natur.
Genau diese unberührte Natur umgibt uns auch jetzt, während wir uns auf einem wunderschönen Waldgrillplatz mit Dominik, einem jungen Deutschen auf Skandinavienreise, der zufällig des Weges kam und auch hier übernachten wird, über Erlebtes und Gefühltes auf dieser Reise austauschen. Das Feuer am Grill (ja wir haben den Grill ausführlich genutzt) verleiht auch dem heutigen Abend irgendwie eine magische, zur Landschaft passende Stimmung.Read more
























TravelerWar schön euch getroffen zu haben! Grüße aus Oulu!
Traveler👍
Staunend reisen mit Edith❤️