Februar - März 2019
  • Day28

    Rehairsel mit Elon

    March 24 in Turkey ⋅ ⛅ 1 °C

    Mein Weg nach Ankara führt über Baku, wo ich mich für ein paar Stunden in einen kostenlosen Sleeping-Pod verkrieche. Neu für mich und doch so viel besser, als auf einer schnöden Sitzbank zu schlafen. Ankara steht ja schon länger auf meiner Wunschliste und ich war gerade in der Gegend. Hier praktiziert er also, dieser Arzt dem die Glatzen vertrauen. Doktor Özgür in seiner HLC Beautyklinik. Ich habe heimlich entschieden, bevor ich (wirklich) alt bin, will ich noch ein Mal schön sein. Ein Mal noch. Wie Sue eben. Eine wild gewordene Strähne aus dem Blickfeld pusten oder mir wie Bradley Cooper in „A Star is Born“ auf Oxycontin durchs Haar streifen. Einfach ohne Oxy. Oder auch mit. Aber wieso sollte ich dafür diese grossen Strapazen und horrenden Kosten auf mich nehmen? Hm, keine Ahnung. Wahrscheinlich wegen Instagram. Oder Facebook. Oder beidem.

    Kaum in der Türkei gelandet, werde ich im Umfang der Passkontrolle überraschend abgeführt und einer separaten Kontrolle unterzogen. Keine Ahnung wie ich das schon wieder verdient habe. Verdammtes Opfer. Wahrscheinlich wegen der Glatze. Das Interesse gilt aber nicht primär meiner Haupthaarsituation sondern eher meinem Handy, welches mehrere Minuten durchwühlt wird. Ein ziemlich komisches Gefühl. Gelinde ausgedrückt. Zum Glück habe ich meine Pimmel-Bilder erst kürzlich archiviert. Sue „oben ohne“ bin ich jetzt gar nicht sicher. Was ich hier wolle, will man wissen. Nach meinem Hinweis auf den Glatzen-Doktor folgt die äusserst dämliche Folgefrage, ob wir in der Schweiz denn keine Ärzte hätten. Übersetzt wird das ganze Cabaret von einem anwesenden Zivilisten, denn der untersuchende Komiker - er sieht effektiv aus wie Bülent Ceylan - spricht kein Englisch. Ein bescheidenes Skillset für einen Geheimdienstmitarbeiter, der an der Grenze arbeitet. Egal, irgendwann darf ich dann doch ins Land und mein teures Geld verpulvern. Ich bin nach zwanzig Stunden reisen auch einfach stinkig. Und dieser russisch-osmanische Umgang ist irgendwie gewöhnungsbedürftig. Leute wissen nicht wie anstehen, jede Schlange ein Chaos, man rempelt und steht einander auf die Füsse. Schrecklich. Ganz schrecklich. Aber egal, ich bin ja nicht hier, um Freunde zu finden. Hier geht es mir einzig und allein um die Bradley Cooper Matte. Und ein paar Kebabs. Und Baclava. Wenn die Zeit reicht.

    Ein wenig nervös bin ich ja schon. Obwohl es erst in zwei Tagen los geht. Viele Stunden liegen und sitzen stehen bevor. Um mich zu beruhigen, haue ich spontan ein Double-McChicken Menu und eine Tüte Chicken McBites rein. Die Bauchschmerzen im Anschluss lassen mich die Nervosität schnell vergessen. Klever Jung. Und dann geht es auch schon los. Doch bevor mir Doktor Dürüm meine künftige Haarlinie auf die Fleischkappe kritzelt und mein Rehairsal losgeht, legt man mir einen intravenösen Zugang und entnimmt eine Blutprobe. Wie üblich schaltet mein Körper umgehend auf Notstrom, produziert kalten Schweiss und klappt quasi zusammen. Da ist er also wieder, dieser grosse, starke Junge, der kein eigenes Blut sehen kann beziehungsweise schon bei der Vorstellung vom eigenen Blut einen sofortigen Shutdown einleitet. Schon komisch, denn das passiert nur im medizinischen Setup und nicht bei Verletzungen und dergleichen. Weiss jemand, wie diese Krankheit heisst? Mauerblümchenkomplex? Schwachmatismus? Blutophobie? Ich hab keine Ahnung. Sue auch nicht. So oder so, ich erwarte Mitleid. Nach einigen Minuten geht es mir dank Orangensaft und Schokoriegel aber schon wieder besser. Trotzdem. Grossartige Voraussetzung für die kommenden Tage auf dem Operationstisch. Ohne Vollnarkose. Armer Junge.

    Die acht mehrstündigen Sessions verteilt über zwei lange Tage stellen jeden Zahnarztbesuch in den Schatten. Nein, Spass hat das definitiv nicht gemacht und „schmerzfrei“ war das auch nicht. Trotz lokaler Betäubung sowie gelegentlicher und äusserst willkommener Sedierung. Und die Scheisse von wegen „wer schön sein will muss leiden“ will ich gar nicht erst hören. Sue leidet ja auch nicht. Zumindest nicht aufgrund ihres Äusseren. Klar, sie hat es sonst nicht leicht im Leben. Wie auch immer. Ob ich es nochmal machen würde? Hmm. Das kann ich erst sagen, wenn ich das Resultat kenne. Also in sechs bis zwölf Monaten. Bis dahin heisst es alle zwei Stunden den Kopf mit einem Wässerchen feucht halten und munter Tabletten schlucken. Und da die von Natur aus schöne Sue immer noch auf Safari weilt, verstecke ich meine hässlich blutige Büchse die Tage noch irgendwo in Ankara und vermeide den Kontakt zur Aussenwelt. Obwohl die hiesige Aussenwelt den Anblick blutiger Fratzen durchaus gewohnt ist. Tonnen von Eitelkeit reisen wie ich hierher, um wenigstens eine Sache mit Elon Musk gemeinsam zu haben. Denn im Gegensatz zu meinem Fintech-Gschpändli Michi bin ich weder stolzer Tesla-Besitzer noch umtriebiger Unternehmer. Nicht mehr beziehungsweise noch nicht wieder. Mal schauen. Klappt bestimmt. Mit neuen Haaren.

    Hätte es diese Behandlung vor hundert Jahren schon gegeben, wäre das hier vielleicht auch was für meinen Dad gewesen. Trotz Proximität zu einer mehrtägigen Wurzelbehandlung. Aber mein Dad - aka CJK - ist ja ein harter Hund. Im Gegensatz zu mir. Wohl nicht zuletzt aufgrund dieser Härte, verabschiedete sich sein Haupthaar aber schon Jahre früher als meins. Verdammtes Testosteron. Eine damit verbundene Geschichte aus den Siebzigern hätte ich wirklich gerne miterlebt. Ich kenne nicht viele Stories, bei denen meine geschiedenen Eltern beim Erzählen heute noch Tränen lachen. Wobei, darf ich die Geschichte überhaupt erzählen? Falls nicht. Sorry. Dad. Aber ... Rode Senior hat in jungen Jahren zu Beginn des Glatzenkampfs gerne auf Haarteile aus indischem Engelshaar gesetzt. Zu der Zeit wohl der letzte Schrei. Stille Schreie stiess dann aber auch meine noch unverheiratete Mutter beim gemeinsamen Fussballspiel im Garten ihres Elternhauses aus. Aufgrund Schweiss und vollem Körpereinsatz vom schnittigen CJK begann das teure Toupée für alle gut sichtbar zu rutschen und sich zu drehen. Das Resultat soll ähnlich erheiternd ausgesehen haben, wie Trumps Cheddar-Tolle bei Seiten- oder Rückenwind. Der Einzige, dem dies verborgen blieb, war der junge CJK. Das ungläubige und peinlich berührte Gelächter der versammelten Familie dürfte für CJK ähnlich verwirrend gewesen sein, wie das spontane Gelächter der UN-Vollversammlung für The Donald. Armer CJK. Geheiratet wurde irgendwann trotzdem. Zum Glück.
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  • Day19

    Couchsurfing mit Spongebob

    March 15 in Iran ⋅ 🌬 23 °C

    Neda darf mein erster Couchsurfing-Host überhaupt sein. Lieb von mir. Mich aufzunehmen von ihr und ihrem Mann Hamed natürlich auch. Ich gönne mir einen halbstündigen Flug von Bandar Abbas nach Kish Island, um nicht nochmals aufgrund übertrieben ängstlicher Fähr-Kapitäne irgendwo zu stranden. Nicht einmal zwanzig Stutz kostet der kleine Luxus. Hektisch verteilter Snack inklusive. Das dürfte in erster Linie an den iranischen Spritpreisen von weniger als sieben Rappen pro Liter liegen. Eine CO2-Sünde ist es natürlich trotzdem und ich schäme mich dementsprechend. Auch für meine Frisur, denn ich habe mich schon länger nicht mehr rasiert. Aber das Leben geht weiter. Irgendwie. Da Kish Island lediglich teure Hotelbunker zu bieten hat, habe ich mich für diesen Couch-Versuch entschieden. Und ich werde nicht enttäuscht. Sogar vom Flughafen holt man mich ab. Neda und Hamed bewohnen eine schmucke Zweizimmerwohnung in einem vornehmen Apartmentblock mit Concierge. Und wie es sich für kultivierte Menschen gehört, kann man auf Neda’s Toiletten sogar sitzen. Halleluja! Wie schon in Isfahan, starte ich auch hier mit einem Stück Torte. Schon schön dieser Iran. Laut Couch-Surfing Profil steht Neda‘s Couch aber lediglich von Mittwoch bis Freitag zur Verfügung: „To make u enjoyable time with our partying“. Doch das matched zum Glück genau mit meinen drei letzten Tagen im Iran. Na dann lasset die Spiele beginnen!

    Neda und Hamed sind Teil einer Clique die sich scherzhaft „Black Light“ nennt. In Anlehnung an die Schwarzlicht-Röhren und sonstigen Licht-Spektakel, die jeder in seiner Wohnung installiert hat. Jeden Mittwoch - was unserem Freitag entspricht - wird in einem dieser heimischen Clubs gefeiert. Mit lauter Musik, üppigen Speisen, hartem Alkohol und weichem Weed. Eigentlich wie bei uns. Einfach anders. Der Abend bei Reza und seiner Frau ist total geil und ich habe schon länger nicht mehr so viel gelacht. Trotz Sprachbarriere. Oder vielleicht auch wegen. Man verabreicht mir die volle Ladung dieser einzigartigen, iranischen Gastfreundschaft. Während man(n) versucht, aktiv und unterhaltsam zu sein, sind die Iraner völlig unvoreingenommen und freuen sich einfach von Herzen, mich als Gast zu haben. Pure Freude an der reinen Anwesenheit. Man darf hier einfach nur sein. Herrlich.

    Ich dachte ja auch, ich hätte mit dem zu Beginn meiner Iranreise in Teheran gebuchten Flug von Kish zurück nach Teheran ein Schnäppchen gemacht. Dreissig Dollar habe ich bezahlt. Meine Gastgeber lachen mich allerdings lauthals aus und zeigen mir die aktuellen Preise für den Folgetag. Umgerechnet $3,50. Jup, richtig gelesen. Drei Dollar und fünfzig Cents für einen Flug quer durchs Land. Inklusive Gepäck und was zu futtern. Ich krieg schon wieder Durst. Zum Glück saufen die hier genauso gern wie ich. Und am Donnerstagabend geht man dazu an den Strand, macht ein grosses Feuer und feiert ohne Kopftuch und völlig ausgelassen erneut mit lauter Musik, üppigen Speisen, hartem Alkohol und weichem Weed. Um die lieben Leute keinem unnötigen Risiko auszusetzen - für diese Art der Ausgelassenheit landet man hierzulande leider im Gefängnis -, habe ich keine Party-Fotos geschossen. Irgendwie wollte ich hier auch einfach nur sein. Werden tue ich ja noch genug. Alt zum Beispiel.

    Anders als bei der schönen Sue, heisst es bei mir also nicht „you get what you pay for“. Ganz im Gegenteil. Um die Gastfreundschaft und Grosszügigkeit nochmals zu verdeutlichen: Ich habe drei Tage feudal gewohnt, wurde mindestens drei Mal pro Tag gefüttert, konnte meine Wäsche waschen, wurde auf der Insel rumgefahren, war an zwei total steilen Partys mit genug Alkohol, um selbst Spongebob an die Grenze seiner Saugfähigkeit zu bringen und - last but not least - ich durfte nach Lust und Laune an irgendwelchen Raucherwaren nuckeln. Und während den drei Tagen wurden sämtliche Versuche, mich in irgendeiner Art zu beteiligen oder etwas beizusteuern, im Keim erstickt. Ich bin schon fast ein wenig pissed. Neda arbeitet Vollzeit und verdient zweihundert Dollar. Im Monat. Auf dem Weg zum Flughafen erzwinge ich aber einen letzten Lunch-Halt, bei dem ich mit finsterer Miene keinen Zweifel aufkommen lasse, wer diesmal die Rechnung übernimmt. Es wird ja wohl noch möglich sein. Verdammt nochmal. Und tatsächlich. Man lässt mich ausnahmsweise gewähren und so endet das Highlight meiner Iranreise ohne wüste Keilerei. Zum Glück.
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  • Day16

    Wilson der alte Kiffer

    March 12 in Iran ⋅ ☀️ 23 °C

    Nach weiteren sieben Stunden Busfahrt stehe ich endlich am persischen Golf. Genauer gesagt in Bandar Abbas, von wo mich eine Fähre zur Insel Hormuz bringt. Also bringen sollte. Heute Abend aber nicht mehr. Zu viel Wind und somit Wellen. Verdammt. Dem Florian aus Stuttgart geht es ähnlich beschissen und so teilen wir uns ein mittelmässiges Zimmer in einem mittelmässigen Hotel, um unser Glück am nächsten Morgen nochmals zu versuchen. Nach den romantischen Stunden haben wir es dann auch, dieses Glück. Noch eine kurze Umarmung nach der ersten - und wahrscheinlich letzten - gemeinsamen Nacht und wir besteigen verschiedene Boote in verschiedene Richtungen. Bye Flo. Hallo Mostafa. Mein nächster Gastgeber und Zugang zur iranischen Subkultur. Knapp fünf Minuten nach meiner Ankunft und somit noch vor dem Mittag, macht der erste Joint die Runde. Hier sind sie also, die iranischen Kiffer. Ich lehne dankend ab. Noch. Mostafas Mitbewohner hat die letzten acht Monate in einer Höhle irgendwo auf dieser Insel gewohnt. Er sieht daher auch ein wenig nach Tom Hanks in „Cast Away“ aus. Im Nebenamt sammelt der äusserst liebenswerte Cave Man ausserdem ausländisches Geld. Ein durchaus beliebtes Hobby im Iran. Auch wenn ich keine Münzen und lediglich ein Zehner-Nötli habe, erweitere ich seine Sammlung mit Selbigem gerne. Ihn haut das total aus den Socken und er verbringt eine ganze Stunde mit der Begutachtung des Schatzes. Sogar eine Lupe kommt zum Einsatz. Mir wird dabei bewusst, dass unser Geld im Vergleich - und dank eines sympathischen Le Corbusier anstelle eines grimmigen Ajatollahs - wirklich extrem schön ist. Auch unbekifft. Ich muss es aber genau wissen. Ein paar Minuten später halte ich die Lupe selber in der Hand und grinse wie lovely Cave Man vor mich hin.

    Ich schlafe die Tage in einem Sechserschlag auf dem unteren Brett - genau, mit „r“ - eines Kajütenverschlags. Unbequem aber gut für den Rücken. Cave Man schläft über mir. Als ich mich gegen Mitternacht ins Bett lege, scheint der Typ noch lauthals zu telefonieren. Er erzählt, lacht und hüpft grotesk herum. Ich hau die Kopfhörer und ein Hörbuch rein. Nach knapp einer Stunde immer noch die selbe Scheisse. Doch dann fällt es mir wieder ein. Der lustige Vogel hat mir zuvor erzählt, dass er seit zehn Jahren kein Telefon mehr hat. Also nix telefonieren. Höchstens mit sich selber. Oder mit Wilson, dem ollen Volleyball. Gegen zwei Uhr ist dann irgendwann Ruhe und seine Diskussion beendet. Wilson ist wohl zu bekifft und eingeschlafen. War das Einschlafen doch ziemlich langwierig und schräg, geht das Aufwachen ganz zügig und zum Dahinschmelzen süss. Auch für Hunde-Menschen. Schau Foto. Cave Man ist natürlich schon wieder am Kiffen. Und am Diskutieren. Hmm, liebenswert aber definitiv einen an der Klatsche. Und wenn der nächste Nacht wieder so abgeht - liebenswerter Mensch hin oder her -, ich schwöre, ich lass seinem imaginären Wilson die scheiss Luft raus. Verdammter Volleyball.

    Hormuz wird auch Rainbow Island genannt. Wegen den Gesteinsfarben, Einhörner soll es hier keine geben. Wobei meine Freunde Cave Man und Virtual Wilson das wahrscheinlich anders sehen. Wie auch immer. Mir fallen in erster Linie die Unmengen an Fliegen auf. Nicht ganz so schlimm wie Mücken, aber auch scheisse. Die Insel hat man mit dem Rad in wenigen Stunden umrundet, was ich die Tage neben lässig chillen und lecker kochen auch mache. Radfahren ist schliesslich auch eine meiner Paradedisziplinen. Wie Yoga und am Boden essen. Ein paar Grappas, „Rauchis“ und ein Space-Gugelhupf später bin ich aber schon wieder unterwegs. Auf einer Fähre zum Festland, von wo es nach Kish Island soll, meiner letzten Destination im Iran. Hormuz hat durchaus Spass gemacht und mir Zeit zum Denken gelassen. Es hat aber ohne zu werten auch gezeigt, dass mich ein solches - täglich berauschtes - Leben definitiv nicht erfüllt. Zu viel Flucht. Zu wenig Aktivität und Jetzt. Und ja, die Kätzchen sind zuckersüss. Aber stubenrein? Noch lange nicht ... Kleine Scheisserlein.
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  • Day12

    Vodka und andere alte Karren

    March 8 in Iran ⋅ ☀️ 15 °C

    Ich hatte irgendwie vergessen, dass ich Nachtbusse scheisse finde. Jetzt weiss ich es wieder. Kerman erreiche ich frühmorgens nach sieben Stunden Fahrt und wenig Schlaf. Arash, mein Wüsten-Tourguide für die nächsten zwei Tage, holt mich dankenswerterweise zu dieser Unzeit ab. Der zu Beginn etwas steif wirkende junge Mann befinde sich offiziell im Militärdienst, was ihm nach lokalem Recht den Kontakt mit Ausländern verbiete. So so. Er arbeite aber am Computer und nicht an der Waffe und er habe sich soeben nochmals strafbar gemacht, da er einem Ausländer gegenüber erwähnt hat, beim Militär zu dienen. Wat?! Ich bin wie schon beim Taarof total verwirrt und nehme automatisch an, dass er für irgendeinen Geheimdienst arbeitet. Ist mit den Iranern also wie mit den Amis. Mir total egal, denn ich will weder militärische Geheimnisse wissen noch von irgendwelchen Zentrifugen zur Anreicherung von Uran hören. Ich will einfach nur Land und Leute kennenlernen und hoffe, der Arsch ... ähh, der Arash kann mir dabei helfen.

    Die meisten Autos hier dürften zwanzig und mehr Jahre alt sein. Man sieht erstaunlich viele Peugeot 406 auf den Strassen und auch der Arash fährt so ein Teil. Auf den Grund dafür angesprochen, behauptet das Kalb aber, sein Auto sei erst drei jährig und er hätte dieses neu gekauft. Ahh, shut up, bitch! Das Teil wurde 1996 gebaut. Im Gegensatz zu dir war ich dann schon geboren und im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten. Ok, das war jetzt vielleicht etwas übertrieben. Wir waren damals auch ab und zu stoned. Also oft. Trotzdem, die Karre ist alt. Der Arash besteht aber auf seiner Version der Geschichte und erklärt, im Iran würden noch immer die gleichen Modelle nach den selben Plänen und der selben Technologie wie in den Neunzigerjahren gebaut, als man dafür eine Lizenzvereinbarung mit dem französischen Autohersteller schloss. So so. Na denn. Klugscheisser.

    Die einzigartige Wüsten-Formation der Kaluts - immerhin Teil des UNESCO Weltnaturerbes - ist bei jungen Iranern aufgrund der Abgeschiedenheit äusserst beliebt für Openair-Parties, Saufgelage und Kiffer-Orgien. Wenn der Ajatollah das wüsste. In diesem Teil der Lut Desert wird es auch keine siebzig(!) Grad wie ein paar Kilometer weiter. Hier sind es im Sommer bloss fünfzig Grad. Bereits beim zweiten Zwischenhalt auf unserem Weg zu den Kaluts und sehr zu meiner Freude, bietet mir ein beduseltes Pärchen Vodka aus der Flasche an. Sicher nicht schlecht bei der Hitze. Wobei jetzt im Winter sind es ja nur knapp dreissig Grad. Trotzdem. Der liebe Arsch ... ähh Arash fürchtet allerdings eine der regelmässigen Kontrollen bei der er seine Akkreditierung als Guide verlieren und vor einem Militärgericht landen könnte. Tsss, laaaangweilig! Ich verspreche dem Angsthasen meine kürzlich in Shiraz erworbene Paartherapeuten-Lizenz zu überlassen, sollte er sein Touri-Ding verlieren. Das klinge interessant. Aber nein danke. Sturer Bock, verdammter. Bis auf diesen unnötigen Stimmungsausrutscher zeigt sich Arash aber als vielwissender und unterhaltsamer Begleiter, mit dem ich weit über die vereinbarte Zeit der zweitägigen Wüsten-Tour umher ziehe und die iranische Kultur dieser Region erkunde. Zum oft kolportierten Kiffen, Saufgelage oder Opiumrauchen kommt es in meiner Zeit in Kerman aber nicht. Schade eigentlich. Oder auch nicht.
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  • Day10

    Ein Paartherapeut frisst Stocki

    March 6 in Iran ⋅ ⛅ 10 °C

    Die Iraner haben aufgrund der US-Sanktionen fast alles verloren, was wichtig ist im Leben. Facebook, Twitter, Spotify, Youtube und höchst wahrscheinlich auch Youporn. Wahrscheinlich. Wissen tue ich das natürlich nicht. Woher auch? Nur das Softporno/Influencer-Netzwerk Instagram steht noch zur Verfügung. Noch. Denn auch dieses Gift für wahre Freundschaft und Nächstenliebe sollte Anfang diesen Jahres blockiert werden. Während es für die sozialen Netzwerke - und Pornoseiten - kaum Ersatz gibt, steht mit Snapp ein funktionierender Uber-Lookalike zur Verfügung. Doch während ich mich in Teheran und Isfahan noch darauf verlassen konnte, stehe ich bei meiner Ankunft in Shiraz etwas im Regen. Zwar scheint die Sonne, doch die mir zugeteilten Fahrer canceln entweder die Fahrt aus mir unerfindlichen Gründen, lassen mich eine Ewigkeit warten, um mich dann mit persischer Gelassenheit aber ohne jegliche Englischkenntnisse anzurufen oder sie nehmen mich mit, nur um mich an anderer Stelle, weit vom Ziel und mit gereiztem Unterton wieder aus dem Taxi zu schmeissen. Erneut aus mir unerfindlichen Gründen. Ein kurzer Riechtest bestätigt ... nein, ich stinke nicht. Ich rieche sicher nicht wie eine frisch gepflückte Blume, aber auch nicht unangenehm. Finde ich. Im Guesthouse stelle ich mich trotzdem als Erstes unter die Dusche. Sicher ist sicher.

    Ich bewege mich die Tage nach dem Prinzip der Resonanz, wonach die eigenen Gedanken und inneren Gefühle das äussere Erleben massgeblich beeinflussen. Positive Gedanken und eine optimistische Einstellung führen zu positiven Erfahrungen und umgekehrt. Man darf dies gerne der Esoterik zuordnen, da es keinerlei wissenschaftliche Belege für die beschriebenen Gesetze der Anziehung gibt. Mir egal. Denn ich hab weder Zeit noch Lust auf schlechte Stimmung und nichts zu verlieren. Vielen Iranern scheint es auch so zu gehen und da ich achtundneunzig Prozent der Zeit der einzige Westler im Raum oder auf Platz bin und auf diesem im Vergleich eher wie Goliath als David aussehe, ziehe ich auch sonst vieles an. Menschen aller Altersklassen wollen - meist freundlich lächelnd - ein paar englische Worte loswerden und mir für mein Geburtsglück gratulieren. Es ist hier gar nicht so einfach, "alleine" zu sein. Nächstes Mal vielleicht besser nach Schweden gehen. Weniger auffällig und die Temperaturen sind ja gleich wie hier. Arschkalt.

    Sollte ich dann doch einmal alleine sein, ziehe ich mir gerne Hörbücher rein. Darunter auch The Man on the Mountaintop. Die unterhaltsame und durchaus inspirierende Geschichte eines Holy Mans, zu dessen Berghütte tausende Seelen pilgern, um diesen um Rat zu bitten. Und so bewege ich mich wie ein inspirierter Kontrabass durch die Stadt und fokussiere mich beim Laufen auf meine Resonanz. Ich übe eine Art "meditation in motion". Den Moment und das Jetzt erleben, ohne stillzusitzen. Durch aufmerksames Beobachten und Fühlen des eigenen Körpers. Im aktuellen Fall ein fetter Kontrabass. Jede Bewegung. Jeder Atemzug. Jeder Muskel. Die Energie. Wärme. Total spirituell und abgehoben strahle ich also durch Shiraz Strassen. Schnödes schlendern im totalen Jetzt. Die Umwelt trotzdem wahrnehmend. Doch nicht lange und der nächste Local spricht mich in gut verständlichem Englisch an. Diesmal aus dem fahrenden Auto, zu dem ich nach entsprechender Aufforderung hinlaufe. Man(n) wolle kurz mit mir reden. Frau auf dem Beifahrersitz scheint wenig bis gar kein Englisch zu sprechen oder sie wurde ermahnt, die Schnauze zu halten. Ich weiss es nicht. Ich solle doch bitte ins Auto steigen, damit wir reden können. Hmm. Ich ziehe es vor zu laufen beziehungsweise hier zu sprechen. Ich bin ja nicht blöd. Glaube ich.

    Der etwas verzweifelt und aufgewühlt wirkende Mann parkiert das Auto vor meinen Füssen, macht den Motor aus und beginnt mit seiner Geschichte, während ich in der Hocke am Beifahrerfenster hänge. Er liebe diese Frau über alles und sie habe ihm soeben gesagt, dass sie die Beziehung beenden wolle. Ähh, wat? Darüber wollt ihr mit MIR reden? Auf der Strasse?! Mit so was habe ich definitiv nicht gerechnet. Er sterbe beim Gedanken daran, dass sie ihn nicht will. Was er denn nur tun solle. Hm ... und schon ist von Sterben die Rede. Toll. Ganz toll. Als ob ich die lokalen Dating- und Mating-Bräuche kennen und mich somit als muslimischer Paartherapeut qualifizieren würde. Grinsend davon laufen scheint mir aber auch keine angemessene Reaktion und Liebe ist ja mehr universelle als regionale Kraft. Es schiessen mir diverse Kurzgeschichten vom Holy Man auf dem Mountaintop und ein paar Folgen „Sex Education“ - eine erfolgreiche Netflix-Serie - durch den Kopf. Und natürlich mein Dad, mein Holy Man. Wie alt er sei, frage ich. Fünfundzwanzig. Jöö - das habe ich natürlich nicht laut gesagt. Dafür ... Liebe ist alles. Aber sie ist weder käuflich noch kann sie in irgendeiner Form erzwungen werden. Entweder man verliebt sich, oder eben nicht. Akzeptiere den Korb. Ich bin neununddreissig - ungläubiges Stirnrunzeln im Auto, was ich im Gegensatz zur gestellten Frage total nachvollziehen kann - und ich habe meine grosse Liebe mit neunundzwanzig gefunden. Dir bleiben noch etliche Jahre, um die richtige Frau zu finden, die dich ebenso liebt, wie du sie ... Aber auf diese Art zu lieben sei so schmerzhaft und das Gefühl töte ihn, sagt der Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht ... Liebe tötet nicht. Nie. Akzeptiere diesen Schmerz als Bestätigung, dass du als Mann in der Lage bist, voll und ganz zu lieben. In einem Zustand von Wut, Verbitterung und mit verschlossenem Herz wirst du die grosse Liebe nicht finden. In deinem Zustand der Liebe bleiben die Chancen intakt ... Er lächelt, wirkt entspannter. Nach ein paar Sätzen zu seiner Herzdame in persisch und einem Kuss auf die Stirn, schenkt mir diese ein leises „thank you“. Einen intensiven Händedruck und zwei Lobgesänge auf die Schweiz später, macht sich der Mann wieder auf den Weg. Lächelnd. Ich bleibe noch einen Moment stehen. Immer noch irritiert aber irgendwie happy. Was ist hier gerade passiert? Egal. Ich hoffe sie lebt noch.

    Auf der Suche nach etwas, das noch heller strahlt als ich, besuche ich mit meinem Gastgeber spät am Abend den Schah Tscheragh Schrein hier in Shiraz. Eine der wichtigsten und bekanntesten Pilgerstätten der Schiiten im Iran. Eine solche Begräbnisstätte und Moschee habe ich definitiv noch nie gesehen und es dürfte schwierig sein, mich noch für andere Moscheen zu begeistern. Der Zugang ist - trotz kürzlich erworbener Akkreditierung als muslimischer Paartherapeut - nur mit einem Guide und Aufpasser möglich. Der kleine Mann Mitte Zwanzig wirkt ziemlich steif und wenig freundlich. Der Rundgang ist denn auch schon nach dreissig anstatt der üblichen sechzig Minuten erledigt. Ob ich noch Fragen hätte. Klar, "wie lang ist der Stock, den du dir höchst wahrscheinlich selber in den Arsch geschoben hast?", habe ich natürlich nicht gefragt. Aber am zweiundzwanzigsten März feiert der Iran ja Neujahr. Finden an diesem Ort dann auch Feierlichkeiten statt und wenn ja, welche? Dem Guide scheint die Frage zu gefallen, denn er wird etwas lockerer und zeigt eine Art Lächeln. Vielleicht kneift der schräge Vogel aber auch nur die Augen zu, weil sich der Stock ungewollt verschoben hat. Natürlich wird das neue Jahr hier zelebriert! Man warte auf Mitternacht und die Sekunde, wenn es Neujahr schlägt, erklärt Stocki. "Und dann habt ihr auch Feuerwerk und so?", frage ich begeistert. Stockis Miene ist schlagartig wieder finster. "No. We pray." ... Für einen langen Moment herrscht totale Stille. Was eine dämliche Frage. Ich hätte jetzt gerne was zu trinken. Aber egal. Der Kontrabass in mir setzt ein Lächeln auf und verabschiedet sich freundlich von Stocki. Nevertheless, that was not very holy, man!

    Eine Sache noch ...

    Ruhe in Frieden, Housi. Wir vermissen Dich!
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  • Day7

    Sidi lass die Hosen runter

    March 3 in Iran ⋅ ☀️ 10 °C

    Ich reise also weiter nach Isfahan. Ohne Sue. Ohne Freunde. Alleine. Und das ist gut so. Um mit anderen und der Welt klarzukommen, ist es hilfreich bis essentiell, mit sich selber klarzukommen. Und die Zeit mit sich alleine ist der beste Übungsraum. Natürlich vermisse ich die schöne Sue an jedem Tag, schliesslich gehören wir zusammen. Ich weiss, jöööö. Und zusammen werden wir auch schon bald wieder sein. Bis es soweit ist, macht der Bus auf der sechsstündigen Fahrt nach Isfahan eine kurze Pinkel-Pause und ich realisiere plötzlich, dass es sich bei den Iranern ja auch um ein Volk von Stehscheissern und Arschduschern handelt. Hatte das Hostel in Teheran noch Schüsseln und Klopapier zu bieten, sieht das die Raststätte etwas anders. Also ganz anders. Und ich hatte mich hier schon sicher gefühlt. Aber egal, seit Myanmar kann ich ja mit so ziemlich allem umgehen. Ausser mit Kritik. Die hasse ich immer noch. Auch konstruktive.

    Der Empfang im Nargol Guest House ist unerwartet crazy. Es ist Freitag und somit „Family-Sonntag“ und man feiert ausserdem Muttertag und irgendein Hochzeitsjubiläum. Forouzan drückt mir als erstes ein Stück Torte in die Hand, setzt mich in die Familienrunde und zwingt die eben aufgestandene Band noch eine Stunde dran zu hängen. Ich bin der einzige Gast hier - es ist quasi „off-off-off-season“ - und als Folge werde ich von der Familie kurzerhand adoptiert. Die Menschen sind unheimlich liebenswert und zugänglich. Weit entfernt vom Bild, welches uns aufgrund der aussenpolitischen Schwierigkeiten und dem rigiden Regime in den Medien vermittelt wird. Ich erlebe die herzliche Gastfreundschaft und Offenheit, von der ich so viel gelesen habe. Das islamische Regime geniesst kaum Support von der breiten Bevölkerung - was dieses mit eiserner Faust zu kompensieren weiss - und die auferlegten Regeln und religiösen Vorgaben gehen einer grossen Mehrheit mächtig auf den Sack. Als Folge gibt es hierzulande zwei diametrale Welten: das öffentliche und das private Leben. Veränderung ist nur spärlich zu erkennen. Viele die können, gehen ins Ausland. Da es hier - wie so vieles anderes - auch keine Discos, Clubs oder Bars gibt, wird eben im Auto zu Selena Gomez getanzt. Und kaum ist die Haustür zu, fliegt das Kopftuch in die Ecke und der Spass beginnt. Aufgrund des fehlenden Alkohols besteht der Spass allerdings eher aus einer Mischung von Kindergeburtstag mit mir bis dato unbekannten Spielen und Zitar-Karaoke. Ich bringe der Runde ausserdem „Hose abe“ bei. Gar nicht einfach den Namen zu erklären, ohne irgendwelche mir unbekannten Tabus zu brechen. Zumindest denke ich das. Aber wir befinden uns in der privaten Welt und da findet Iran das so lustig, dass ich ab sofort alle zwei Minuten die Aufforderung „Hose abe“ höre. Man kann tatsächlich auch ohne Alkohol lustig sein. Also die anderen. Ich will einfach gewinnen.

    Die Familie lädt mich zum Lunch im äusserst schönen Elternhaus ein, wo mich die Mutter mit einem lauten „Hose abe“ und schallendem Lachen empfängt. Das lustige Schweizer Kartenspiel hat sich also bereits herumgesprochen. Gegessen wird am Boden sitzend, was wie Yoga offensichtlich nicht zu meinen Stärken zählt. Wie schon der olle Jogi in Indien, empfiehlt man mir hier freundlich, mich doch an den Tisch nebenan zu setzen. Aber das hier ist anders und ich bleibe sitzen. Trotz steifen Knien. Das Essen ist total lecker und auf einmal steht da eine Flasche Cognac. Echt jetzt?! Der Herr des Hauses liebt das Zeugs und so gönnen wir uns ein Gläschen nach dem anderen. Zum Lunch. Verdammt, ich hatte mich doch auf einen Monat „Trockenheit“ eingestellt. Egal, der alte Mann - ein an den Rollstuhl gebundener Kriegs-Veteran - riskiert dafür Gefängnis. Grund genug mit den eigenen Vorgaben zu brechen und zum Schluss bin ich sogar so beschwipst, dass ich bei der anschliessenden Tee- und Musik-Runde ein Schweizer Liedchen zum Besten gebe. Und was würde da melodisch besser passen als „Dr Sidi Abdel Assar“ von Mani Matter? Genau, dem Baschi sein „Bring en hei“. Schau Video. Danach lege ich mich mit der ganzen Familie und warm eingepackt auf den flauschigen Teppichboden und wir machen ein Ausnüchterungs-Schläfchen bis spät in den Nachmittag. Das Leben kann so schön sein. Auch hier.

    Was täglich auffällt, ist der enorme Wertzerfall des iranischen Rials. Mit der Metro quer durch Teheran kostet mich lediglich sieben(!) Rappen, dreissig Minuten im Taxi quer durch Isfahan sechzig(!) Rappen. Diverse Snacks, Getränke und Tee für fünf Leute deutlich weniger als ein einfacher Kaffee im Starbucks am Stauffacher. Ein Paradies für Backpacker, eine Katastrophe für die international bereits stark isolierte iranische Bevölkerung. Neben den ganzen religiös-kulturellen Regeln, bietet das sogenannte Taarof eine Reihe weiterer Fettnäpfchen. Taarof ist eine zeremonielle Unaufrichtigkeit, bei der ein Angebot erst drei Mal dankend abgelehnt wird, bevor man es annimmt. So ein Sheldon-Ding. Mich verwirrt das trotzdem massiv und ich bin mir nie wirklich sicher, ob ich etwas bereits annehmen darf und ob ich schon oft genug gefragt habe, ob jemand das letzte Stück Torte will, bevor ich es mir genüsslich zwischen die Kiemen schiebe. Aber egal, ich bin Touri, habe im Vergleich sau viel Geld und wohl unlimitierten Kredit. Wenn das doch nur in allen Beziehungen so einfach wäre. Das Leben könnte so schön sein. Nicht nur hier.
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  • Day4

    Daumen hoch für Dolly

    February 28 in Iran ⋅ ⛅ 12 °C

    Und dann bin ich plötzlich alleine. Das war ich lange nicht mehr. Alleine „verreist“ bin ich mit Ausnahme von stets gut und straff durchorganisierten Geschäftsreisen vor knapp fünfundzwanzig Jahren das letzte und einzige Mal. Nach Amerika. Ich blieb aber nicht die geplanten drei bis sechs Monate. Nach knapp drei Wochen weinerlichem Heimweh war ich - damals knackige ... hm, nein ... eher schwabbelige sechzehn Jahre - wieder zuhause bei Mama. Bin gespannt, wie es diesmal läuft. Bereits auf dem Weg zum Flughafen vermisse ich die kleine Sue aka PNP (Personal Navigation Person). Aus lauter Trauer verfahre ich mich kläglich und nutze bereits einen Teil der eingeplanten drei Stunden „spatzig“. Auf die wenige Grad über null in Teheran bin ich aus dem dreissiggrädigen Kapstadt kommend auch nicht wirklich vorbereitet. Auf den umständlichen und mehrere Stunden dauernden Prozess für die Visabeschaffung „on arrival“ allerdings schon. Darüber habe ich einiges gelesen. Doch obwohl im Visa-Office ziemlich chaotische Zustände herrschen, grinsen alle nett vor sich hin und nach zwei kurzen jedoch ernsthaften Befragungen zu meiner Intention herzukommen und insgesamt weniger als dreissig Minuten heisst es: „Hey, Mr Switzerland, come here, you good“. Das wars, ich bin drin in diesem in der westlichen Welt so böse porträtiertem Iran. Vielleicht hat sich auch meine öffentlich ausgelebte Trump-Aversion rumgesprochen und man betrachtet mich ganz einfach als Verbündeten. Ich weiss es nicht. Sue auch nicht. Nehme ich an.

    Teheran gibt ein ungewohntes Bild ab. Von vielen Strassen in der hektischen Downtown sieht man die wunderbar verschneiten Berge, die direkt vor der Haustür liegen. So nah, dass man quasi mit der Metro zum Skilift fahren kann. Neben kühleren Temperaturen ist der Iran dank Alkoholverbot auch sonst ein gutes Land für einen kalten Entzug nach den wochenlangen Zechereien in einem der Weinparadiese dieser Erde. Und trotzdem oder gerade deswegen schmerzen die ganzen Fasnachts-Bilder von den heimischen heiteren Besäufnissen doppelt. Immerhin empfangen mich im gebuchten Dorm sowohl nette Typen als auch ein bequemes Bett. Doch wenn es dunkel wird, zeigen sich auch ein paar hässliche Fratzen. Verdammte Schnarcher. Ich will mein Einzelzimmer. Krieg ich in der Hirslanden schliesslich auch. Ich überlege für einen Moment, mir selber in den Finger zu schneiden und mich in der fünfzig Meter entfernten Klinik einzuweisen. Tue es dann aber doch nicht. Weichei.

    In dieser islamischen Republik - in Wahrheit ein autokratisches System, in dem die ganze Macht bei einer Person und ihrem Umfeld sitzt - gibt es neben dem allseits unbeliebten Alkoholverbot noch diverse Regeln zu beachten und Fettnäpfchen zu umschiffen. Da wären ganz oben auf der Liste die Frauen, denen man(n) als Mann zur Begrüssung in der Öffentlichkeit nicht die Hand reicht. Was ich bei Ankunft am Treffpunkt der „Free Walking Tour“ natürlich sofort mache. Leicht peinlich berührt und mit einem von mir oft praktizierten „Daumen hoch“ akzeptiere ich die freundliche aber bestimmte Ablehnung von Mersat und gelobe Besserung. Sie beruhigt mich mit dem Hinweis, dass sie mich später im Kaffee auch gerne noch umarmt. Mal schauen, vielleicht hab ich ja dann auch keinen Bock. Während Männer lediglich angehalten sind, sich generell zurückhaltend zu kleiden und keine Shorts und Tank-Tops zu tragen, können Frauen grundsätzlich nur ihr Gesicht zeigen. In der Folge und äusserst verständlich wird an der Stelle dann auch ziemlich gearbeitet. Neben mehrschichtigem Make-up sind hier Schönheits-Operationen total „in“ und die guten Ärzte ziehen auch allerlei Medizin-Touristen an. Neben vielen dicken Lippen haben mehr als sechzig Prozent(!) der Iranerinnen einen oder mehrere „nose jobs“ hinter sich. Nicht unbedingt mein Lieblings-„job“, aber ok, wenn es das Selbstbewusstsein der in der Öffentlichkeit stark eingeschränkten Damenwelt stärkt, soll es mir recht sein und es gibt einen weiteren „Daumen hoch“ von mir. Keine zwei Minuten später lerne ich von Mersat allerdings auch, dass der hochgestreckte Daumen hierzulande unserem Stinkefinger entspricht und in etwa sagt: „fuck off! Sitz drauf und dreh ne Runde!“. Sehr gut. Hab ich der netten Mersat also tatsächlich den hiesigen Stinkefinger gezeigt, als sie mir die Hand nicht reichen wollte. Lustig. Jetzt hätte ich wirklich gerne etwas zu trinken. Fehlt eigentlich nur noch, dass ich beim nächsten Sonntagsbrunch oben ohne nach Speck und einem Cüpli frage. Kommt bestimmt noch.

    Das Geldwechseln läuft wie schon in Kapstadt nicht gerade wie am Schnürchen. Die iranische Währung hat in einem Jahr über zwei Drittel an Wert verloren und der Kurs kennt nur einen Zustand - volatil. Vor lauter Volatilität sind alle Schwarzmarkt-Wechselstuben drei Tage nacheinander leer gewechselt, bevor ich die Chance habe, ein paar Rial zu ergattern. Früher aufstehen wäre wohl eine Option, aber dafür bin ich zu faul. Lauf ich eben in die nächste Nationalbank-Filiale und frage was die so meinen. Man dürfe kein Geld wechseln, aber ich solle das doch auf dem Schwarzmarkt erledigen. Als ich meine gescheiterten Versuche der letzten Tage aufzähle, will mich der Direktor aber nicht im Stich lassen. So unter Bänkern eben. Er hätte „Freunde“ die wohl Leute kennen würden, deren Cousins in der Wechselbranche tätig wären. Der angebotene Kurs entspricht dem, was der Schwarzmarkt zahlt. Na dann hol den Dealer mal her. Nicht nötig, meint der Herr Direktor, er würde das „im Namen“ dieser Leute oder deren Cousins machen. So so, gibt hier neben dem Schwarzmarkt also auch einzelne schwarze Schafe. Im Gegensatz zu Schweinen scheint die hierzulande bestimmende Religion damit weniger Probleme zu haben. Direktor Dolly läuft in der Folge locker flockig zum Bankschalter eines Mitarbeiters und zieht das benötigte Geld mir nichts dir nichts aus der Schublade. Hm, eine ziemlich direkte Art der „Selbstbedienung“, die in der Bankenbranche ja durchaus üblich ist. Mir solls recht sein. Ausnahmsweise.

    Da die schöne Sue nun ihr eigenes Ding macht mit ihren Fotos, muss ich wohl oder übel selber schauen. Habe schon total viele total tolle Fotos gemacht. Kleine Selfie-Bitch bin ich geworden. Vielleicht hol ich mir irgendwann doch noch so einen Stick. Vielleicht aber auch nicht. Zu meiner eigenen Überraschung komme ich auch sonst ganz gut zurecht und so schaffe ich neben der mehrtägigen Geldwechslerei auch allerlei spannendes Sightseeing, meine nächste Unterkunft zu buchen und meine Weiterreise nach Isfahan zu organisieren. Verdammter Travel-Pro eben. Wäre aber trotzdem schön, die schöne Sue ab und zu an den Haaren zu ziehen oder rumzuschubsen. Muss eben der doofe Rucksack herhalten ...
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