• Mein Schulweg

    January 6 in Nepal ⋅ ☀️ 16 °C

    Am nächsten Morgen quäle ich mich etwas aus dem Bett. Es ist bitterkalt hier drinnen und draußen. Ich mache sofort den Heizstrahler an, den mir freundlicherweise noch ein Bekannter der Vermieterin gestern vorbeigebracht hatte. Dieser Heizstrahler wird einer meiner wichtigsten Begleiter werden. Da er nur eine Reichweite von ca.2,5m hat, nehme ich ihn überall mit hin, wo ich in der Wohnung hingehe. Die Lage der Steckdosen und Länge des Kabels lerne ich sehr schnell. Mein Weg zum Office ist ungefähr 3km lang. Drei sehr herausfordernde Kilometer. Man muss sich Kathmandu ein wenig wie ein Labyrinth vorstellen. Selbst Google verzweifelt manchmal daran, wie ich noch feststellen werde. Kathamndu wächst, indem zuerst irgendwo, wo Platz ist, die Häuser gebaut werden und erst dann werden Wege, Kabel und was man so braucht dahin gelegt. Das führt zu einer völlig verworrenen Bauweise und Straßen, die manchmal nur 50 cm breit sind und im Nichts enden. Und dennoch  gibt es dort natürlich Verkehr.

    Gleich am ersten Morgen versuche ich die inidische Botschaft und Google zu überlisten. Es kann doch nicht sein, dass ich gut einen Kilometer rund um dieses Botschaftsgelände großzügig herumlaufen muss. Man muss dazu wissen, dass Indien eine der größten Botschaften hat, einen kompletten Wald, der auch komplett mit einer fünf Meter hohen roten Mauer umgeben ist. Nun, es gewinnt die Botschaft. Die Wege enden plötzlich in dieser Mauer oder tauchen aus ihr wieder auf. Jedenfalls laufe ich am Ende mehr als einen Kilometer zusätzlich, weil ich lauter Umwege nehmen muss.

    Die eigentliche Herausforderung neben dem Labyrinth ist aber das überqueren der Straße. Das hatte ich gestern bereits gemerkt, als ich einen Supermarkt suchte und gefühlt durch die halbe Stadt lief. Kurz vor dem Ziel versperrte mir eine große Straße, die Ringstraße, den Weg. Eine Straße, die zwischen 8 und 16 Spuren määndernd zwischen mir und dem Supermarkt lag. Keine Ampel, keine Unter- oder Überführung, es ist dunkel, mich verlässt der Mut, und ich bin kurz davor das Frühstück für morgen abzuschreiben. Nein, ich will was zu essen! Ich hefte mich an irgendwelche Leute und hoffe, dass ihr Ziel auch die andere Straßenseite ist. Nach etwas Herzklopfen komme ich dort auch an. Genau das muss ich einige Male auf dem Weg zum Office machen. Für mich eine absolute Herausforderung. Es funktioniert. Und ich mache folgende Faktoren dafür aus, wenn man sicher auf der anderen Seite ankommen will: großes Selbstvertrauen (es besteht gar kein Zweifel, dass es klappt), Mut (nicht zögern), eine absolut konstante Geschwindigkeit beibehalten (daran orientieren sich alle anderen Verkehrsteilnehmer), nie zurück blicken (selbst wenn du doch mitten auf der Straße stehen bleiben musst) und das magische Zeichen mit der Hand (wird mir später beigebracht, kombiniert damit, dass man nie in Richtung der ankommenden Fahrzeuge schaut). Diese Erkenntnisse werden später von meinen neuen Kollegen komplett bestätigt, und ich arbeite an ihnen.

    Eine weitere wichtige Sache ist, nie, wirklich nie gleichzeitig auf das Handy schauen und gehen. Da ich das gewohnt bin, fällt mir das echt schwer, vor allem, da ich damit navigiere. Nachdem ich aber fast in der Schlinge eines herunterhängenden Kabels gelandet bin, achte ich darauf. Wenn es keine Schlinge ist, dann sind es lose Kabelenden, bei denen ich nicht testen will, ob da noch Saft drauf ist. Und wenn es die nicht sind, dann ist es ein tiefes Loch auf der Straße. Oder, fast genauso schlimm, einer der kleinen Altäre, die die Frauen in den Hauseingängen aufbauen am Morgen. Und wenn es die nicht sind, dann ist es eben ein Mini-Tempel mitten auf der Straße.

    Als ich im Office von der Erkenntnis mit dem Handy und der Schlinge berichte, finden das alle sehr lustig. Von meinen Ableitungen zum Überqueren der Straße sind sie beeindruckt. Damit kann ich leben. Und ich werde bestimmt nicht mehr zu schnell über 10 Minuten in einer vollen Straßenbahn in Düsseldorf nörgeln. Es gibt wirklich andere Schulwege auf dieser Welt, ganz andere.
    Read more