• Torsten_Dus.Pa
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Nepal

Der zweite Teil der Reise beginnt... Arbeiten in Kathmandu. Read more
  • Trip start
    January 5, 2026

    Der Weg ist das Ziel

    January 5 in Nepal ⋅ ☀️ 16 °C

    Schon die Vorbereitung für den nächsten Teil meiner Reise war etwas schwieriger als erwartet. In meiner naiven Vorstellung sollten sich NGO oder andere gemeinnützige Vereine doch freuen, wenn jemand kommt und Hände oder Kopf oder beides umsonst zur Unterstützung anbietet. Mitnichten. Einige wollten, dass man sogar noch Geld mitbringt. Also wenn ich Geld bezahle, dann bestimme ich erst recht, ob, wann und wie ich morgens das Bett verlasse. So habe ich die Suche über das Internet nicht weiter fortgeführt und bin über private Kanäle gegangen. Und hier tat sich bei dem „Nepal Secretariat for Skills and Training“ etwas auf. Die NGO verhilft durch Kontakte und vor allem durch umfassende kulturelle, sprachliche und andere Trainings zu einem Ausbildungsplatz in D und begleitet sie in einem Mentoringprogramm.

    Also, weiter geht es nach Kathmandu, da scheint man Interesse an meinen Händen und vor allem Kopf zu haben. Eine Wohnung ist auch angemietet. Von einer Australierin, die in Nepal eine Unternehmen für Mounain-Bike-Anmietung betreibt und sinnvollerweise die Winter in Australien am Strand verbringt. So wird zwischen Deutschland, Nepal, Sri Lanka und Australien im Chat hin- und her geschrieben, wie ich dahin komme, was zu beachten ist und wie vor allem die Adresse lautet. Das ist durchaus eine Herausforderung, da es in Nepal nicht wirklich private Adressen gibt. Man beschreibt, wo man hinmöchte oder zeichnet es auf. Äh, ja, und was gebe ich nun in den Visaantrag ein? Nicht so wichtig, wichtiger ist, dem Taxifahrer klar zu machen, wohin man möchte. So lautet meine Adresse für die kommenden 4 Wochen: auf der Rückseite der indischen Botschaft, neben dem Hindutempel Dhaksinkhali über dem Info Tech Office. Post wird gern erwartet.

    Aber erst mal zum Flughafen in Colombo. Der Flug geht kurz nach 8h. Die letzten Rupien werden in überteuerten Tee und Nüsse investiert. Am Gate, wo auch die Sicherheitskontrolle ist, herrscht etwas Durcheinander. So komme ich mit einer jungen Frau ins Gespräch, einer Nepalesin aus Kathmandu. Schnell werden einige Gemeinsamkeiten klar. Sie arbeitet auch bei einer NGO und ist sehr interessiert, was und warum ich, was mache. Als sie erzählt, dass sie gerade mit ihrer Familie auf Sri Lanka Urlaub gemacht hat, wird mir auch klar, warum die um uns sitzenden Personen so eingehend an uns interessiert sind, es ist ihre Familie. Sneha, was soviel wie Liebe bedeutet, reist sehr gern und lässt sich in jedem neuen Land ein Tattoo stechen, was bei mir viele Fragen über den Prozess der Auswahl auslöst. Sie fragt, ob ich Tattoos habe – ja, und ich berichte über das eine und zeige das andere. Sie erkennt sofort, dass es ein Husky ist, was mich erstaunt und sie damit erklärt, dass sie selbst einen hat. Eigentlich noch ein dreimonatiges Baby namens Loki. Und wieder Fotos. Als sie fragt, ob Bruno und Loki die gleichen Farben haben, bin ich erneut erstaunt – äh, nein, deiner ist schwarz-weiß mit dunklen Augen, Bruno beige-weiß mit blauen Augen. Sie erkennt meine Verwirrung und sagt, dass sie farbenblind ist. Wieder tausend Fragen in meinem Kopf. Aber dazu komme ich nicht, es geht ans Einsteigen. Wie oft mein Bruno-Tattoo bereits ein Türöffner war. Das war gar nicht meine Intention, als ich es machen lies, aber schön!

    Ich habe einen Mittelplatz zugewiesen bekommen. Undankbar, sehr sogar. Neben mir jeweils zwei Typen, die sich in völliger Distanzlosigkeit breit machen und das Exemplar links von mir ist der Unsymphat schlecht hin. Ich würde gerne wechseln! Doch Vorsicht, was du dir vom Universum wünschst…. Das Flugzeug ist bereits 45 Minuten in der Luft und laut Anzeige steigt es nicht höher als 5.000 m. Merkwürdige Flughöhe. Dann ruckelt es 10 Sekunden lang, so als ob das Flugzeug über eine Buckelpiste rollt. Nur sind wir in der Luft, eben 5km hoch. Nach zwei Minuten melden sich der Captain – Ja, also, es gibt ein technischen Problem, nieeeeechts schwerwiegendes. Alles in Ordnung. Nur rein, so um ganz sicher zu gehen, habe man beschlossen, wieder umzukehren und in Colombo zu landen. Bedrückende Stille im Flieger, der bis auf den letzten Platz belegt ist. Also landen wir 60 Minuten später wieder am Startpunkt. Man versucht das Problem zu beheben. Die Familie von Sneha versorgt mich mit Wasser, die Mama hat ausreichend dabei. Später gibt es Frühstück im Flieger, muss ja weg. Und wir müssen auch aus dem Flugzeug weg. Der Fehler lässt sich nicht beheben. Also raus, wieder Sicherheitskontrolle und ein anderes Flugzeug. Die Plätze werden neu vergeben und siehe da, Gangplatz mit nettem Nachbar. Geht doch. ;-) Nach 4 h Verspätung ist alles auf Anfang, und es geht los.

    In Kathmandu erkläre ich am Taxistand, wo ich hin möchte, was doch schwierig ist. Am Ende muss es Google Maps richten. Spätnachmittag, endlich in der Wohnung angekommen. Die ist recht schön, mit Terrasse davor und auf dem Dach und für Kathmandu sehr ruhig gelegen, der indischen Botschaft sei dank, die auch noch die hier selten Bäume zur Verfügung stellt. Der Boschafter mag es wohl grün und großzügig. Nur das Bad mit kaltem Wasser und ohne wirklicher Dusche wird eine Herausforderung werden. Ich suche was zu essen und betrete ein Café und bestelle einen solchen. Irgendwas werde ich von der jungen Dame gefragt, verstehe nicht. Sie wiederholt, verstehe immer noch nicht. Was ich dann verstehe, ist die Frage, ob ich Ausländer sei. Mich durchzuckt ein ungutes Gefühl bei der Frage. Aber weiter geht es auf Englisch mit meiner Bestellung. Als sie mir diese an den Tisch bringt, entschuldigt sie sich, dass sie mich auf Nepalesisch angesprochen hat, sie dachte ich sei von hier. Wow, nach 4 h schon. So legt sich das Missverständnis schnell. Ich beginne zu essen, der Strom geht aus. Kerzen werden gebracht. Und so geht der Tag leicht romantisch zu Ende.
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  • Mein Schulweg

    January 6 in Nepal ⋅ ☀️ 16 °C

    Am nächsten Morgen quäle ich mich etwas aus dem Bett. Es ist bitterkalt hier drinnen und draußen. Ich mache sofort den Heizstrahler an, den mir freundlicherweise noch ein Bekannter der Vermieterin gestern vorbeigebracht hatte. Dieser Heizstrahler wird einer meiner wichtigsten Begleiter werden. Da er nur eine Reichweite von ca.2,5m hat, nehme ich ihn überall mit hin, wo ich in der Wohnung hingehe. Die Lage der Steckdosen und Länge des Kabels lerne ich sehr schnell. Mein Weg zum Office ist ungefähr 3km lang. Drei sehr herausfordernde Kilometer. Man muss sich Kathmandu ein wenig wie ein Labyrinth vorstellen. Selbst Google verzweifelt manchmal daran, wie ich noch feststellen werde. Kathamndu wächst, indem zuerst irgendwo, wo Platz ist, die Häuser gebaut werden und erst dann werden Wege, Kabel und was man so braucht dahin gelegt. Das führt zu einer völlig verworrenen Bauweise und Straßen, die manchmal nur 50 cm breit sind und im Nichts enden. Und dennoch  gibt es dort natürlich Verkehr.

    Gleich am ersten Morgen versuche ich die inidische Botschaft und Google zu überlisten. Es kann doch nicht sein, dass ich gut einen Kilometer rund um dieses Botschaftsgelände großzügig herumlaufen muss. Man muss dazu wissen, dass Indien eine der größten Botschaften hat, einen kompletten Wald, der auch komplett mit einer fünf Meter hohen roten Mauer umgeben ist. Nun, es gewinnt die Botschaft. Die Wege enden plötzlich in dieser Mauer oder tauchen aus ihr wieder auf. Jedenfalls laufe ich am Ende mehr als einen Kilometer zusätzlich, weil ich lauter Umwege nehmen muss.

    Die eigentliche Herausforderung neben dem Labyrinth ist aber das überqueren der Straße. Das hatte ich gestern bereits gemerkt, als ich einen Supermarkt suchte und gefühlt durch die halbe Stadt lief. Kurz vor dem Ziel versperrte mir eine große Straße, die Ringstraße, den Weg. Eine Straße, die zwischen 8 und 16 Spuren määndernd zwischen mir und dem Supermarkt lag. Keine Ampel, keine Unter- oder Überführung, es ist dunkel, mich verlässt der Mut, und ich bin kurz davor das Frühstück für morgen abzuschreiben. Nein, ich will was zu essen! Ich hefte mich an irgendwelche Leute und hoffe, dass ihr Ziel auch die andere Straßenseite ist. Nach etwas Herzklopfen komme ich dort auch an. Genau das muss ich einige Male auf dem Weg zum Office machen. Für mich eine absolute Herausforderung. Es funktioniert. Und ich mache folgende Faktoren dafür aus, wenn man sicher auf der anderen Seite ankommen will: großes Selbstvertrauen (es besteht gar kein Zweifel, dass es klappt), Mut (nicht zögern), eine absolut konstante Geschwindigkeit beibehalten (daran orientieren sich alle anderen Verkehrsteilnehmer), nie zurück blicken (selbst wenn du doch mitten auf der Straße stehen bleiben musst) und das magische Zeichen mit der Hand (wird mir später beigebracht, kombiniert damit, dass man nie in Richtung der ankommenden Fahrzeuge schaut). Diese Erkenntnisse werden später von meinen neuen Kollegen komplett bestätigt, und ich arbeite an ihnen.

    Eine weitere wichtige Sache ist, nie, wirklich nie gleichzeitig auf das Handy schauen und gehen. Da ich das gewohnt bin, fällt mir das echt schwer, vor allem, da ich damit navigiere. Nachdem ich aber fast in der Schlinge eines herunterhängenden Kabels gelandet bin, achte ich darauf. Wenn es keine Schlinge ist, dann sind es lose Kabelenden, bei denen ich nicht testen will, ob da noch Saft drauf ist. Und wenn es die nicht sind, dann ist es ein tiefes Loch auf der Straße. Oder, fast genauso schlimm, einer der kleinen Altäre, die die Frauen in den Hauseingängen aufbauen am Morgen. Und wenn es die nicht sind, dann ist es eben ein Mini-Tempel mitten auf der Straße.

    Als ich im Office von der Erkenntnis mit dem Handy und der Schlinge berichte, finden das alle sehr lustig. Von meinen Ableitungen zum Überqueren der Straße sind sie beeindruckt. Damit kann ich leben. Und ich werde bestimmt nicht mehr zu schnell über 10 Minuten in einer vollen Straßenbahn in Düsseldorf nörgeln. Es gibt wirklich andere Schulwege auf dieser Welt, ganz andere.
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  • Nepal Secretariat of Skills and Training

    January 7 in Nepal ⋅ ☀️ 17 °C

    Was mache ich nun so den ganzen Tag im Office? Kathrin, die Leiterin, hat mit mir schon vorher Themen abgestimmt und so warten viele verschiedene Aufgaben auf mich. Am Ende des zweiten Tages sind es so viele spannende Themen, dass ich priorisieren muss. Wir einigen uns darauf, dass mein bester Einsatz bei Themen ist, die einen rechtlichen Hintergrund haben. Das Office ist, zusammen mit einem Büro für Pharmahandel, in einer Privatschule untergebracht. Der Eigentümer ist einer der Sponsoren von NSST. Der große Vorteil, neben kostenfreiem Büroräumen, ist, dass man Kantine und Cafeteria nutzen kann. Und beides ist gut. Es gibt Punkt 12 ein warmes Essen. Das kommt mir sehr entgegen, ist wie bei Fressnapf, nur gelegentlich leckerer. Und ich habe eine Café-Flat! Damit kann ich arbeiten, zumal der Café hier auch gut ist. Die Schule ist riesig, hat eine eigene Schwimmhalle und Sportplätze. Noch ist es sehr leer, da die Schüler gerade zwei Wochen Winterferien haben. So nutze ich die Terrasse als mein Büro, um Sonne und Wäre zu tanken. Am zweiten Tag begrüßt mich der Security-Man am Eingangstor bereits mit „Good Morning, Sir“ und  einem Salut, bevor er das Tor aufschiebt. Kann ich mich auch dran gewöhnen. ;-).

    Die Mannschaft des NSST ist ca. halb nepalesich, halb deutsch. Das führt zu einem Sprachgewirr aus deutsch, nepali und englisch, was mich anfangs etwas durcheinander bringt. Vor allem möchten einige gern deutsch sprechen, da sie es gerade lernen und dann bitte kein Englisch. Aber wer war das jetzt nochmal? Da ich mein Problem mit Namenbehalten kenne, male ich mir einen Sitzplan und lasse mir die Namen dazu schreiben. Anschließend erklärt man mir, dass sich das aber öfter mal ändert. Aha…ja, irgendwo muss ich aber anfangen. Eines meiner ersten Themen ist das Mentoring Programm in Deutschland, welches gerade neu aufgesetzt werden soll. Ich stelle Fragen, ob sie wissen, wie die Volonteers versichert sind, wer haftet usw. Fragende Gesichter. Damit es plastischer wird, führe ich Oma Herta ein. Der passieren laute blöde Dinge, wie ein Oberschenkelbruch, als sie ihren Mentee besuchen will, dabei zertrümmert sie beim Fallen auch noch ein fremdes Auto mit ihrem Gehsstock. Jetzt will Oma Herta alle Kosten von NSST ersetzt haben. Zu recht? Ich habe auch nur eine Ahnung, aber meine Aufgabe ist schnell klar. Eine rechtliche Betrachtung, Vorschläge, Verträge müssen her. Und Oma Herta ist bereits nach einer Woche eine feststehende Größe bei NSST. Jeden Morgen wird ängstlich gefragt, ob denn wieder was Schlimmes mit ihr passiert wäre.

    Bereits am zweiten Tag habe ich Termine im Kalender, um Vorstellungsgespräche zu simulieren. Die jungen Nepali bewerben sich auf Ausbildungsstellen bei deutschen Unternehmen. Ich frage, welche Ausbildungsberufe, damit ich mich da besser vorbereiten kann. Da die Kommunikation mit Eric, dem Koordinator, über Deutschland läuft, geht die Info irgendwie mit der Zeitverschiebung unter. Hm. Macht nix. Ich habe bei Tengelmann mehr 1.000 Bewerbungsgespräche geführt, aus diversen Gründen auch mal im Freiflug. Also wird das schon klappen. Es klappt auch. Es gibt im Anschluss immer eine viertel Stunde Feedback von mir. Am Ende frage ich, ob es ihnen hilft und sie etwas für sich mitnehmen können. Der letzte Kandidat ist ganz happy, strahlt und sagt, ja, auf jeden Fall, können wir gleich nochmal? Später, später vielleicht.
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  • Endlich Wochenende

    Jan 10–12 in Nepal ⋅ ☀️ 17 °C

    Endlich Wochenende. Egal wo auf der Welt man arbeitet und wieviel Spaß es auch macht, die Freude auf das Wochenende ist groß. Da ich gefühlt Dauermüde bin, bin ich noch mehr froh, dass es da ist. Aber am Samstag ist kein Ausschlafen angesagt. Ich bin mit Sneha, meiner Bekanntschaft vom Flughafen Colombo, auf dem Farmer Market verabredet. Der ist zwar nicht weit von mir, aber ich komme dennoch zu spät. Google Maps lässt mich Umwege laufen, die nicht notwendig sind. So kommt es, dass Sneha, um die Pünklichkeitsfanatik der Deutschen wissend, vor mir da ist. Unangenehm. Aber es ist schön, sie wieder zu sehen. Wir kaufen uns sehr leckere Momo und Beagle zum Frühstück. Der Markt ist sehr beliebt bei Ausländern, die hier leben, gibt es doch z.B. auch sowas wie Baguette. Ich kann gerade noch wiederstehen. Stattdessen kaufe ich Tee aus indischem Basilikum. Soll sehr gesund sein. Nachdem wir uns sattgegessen und -gesehen haben, überlegen wir, was wir mit dem Tag noch anstellen könnten. Die Wahl fällt darauf, eine der drei Königsstätte des Kathmandu-Tals zu besuchen. Also auf nach Lalitpur. In jeder Stadt gibt es einen Palast und jede Menge Tempel um einen zentralen Platz herum. Der damalige König hatte drei Söhne und gab jedem einen Teil des Königreichs. So kam es, dass es drei Königstädte gleichzeitig gab, die in allem konkurrierten und die Beste sein wollten. Das kam der Architektur, Religion und Kunst sehr zugute. Und wie kommen wir dahin? Natürlich mit dem Mofa von Sneha. Ok. Äh ja, warum nicht. Ich sitze hinter ihr, der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht. Einen Helm gibt es für Beifahrer in aller Regel nicht. Das beruht auf einem alten Gesetz aus der Zeit des Aufstandes gegen die Monarchie. So wollte man verhindern, dass maskierte Personen auf den Motorrädern Waffen nutzten. Das ist schon lange kein Verbot mehr, es gibt sogar ein Gebot der Helmpflicht. Aber Gesetze sind hier sehr geduldig. So versuche ich mich am Mofa festzuklammern und mich auf andere Dinge als das Offensichtliche, den unübersichtlichen Verkehr zu konzentrieren. Nach einem schnellen, aber sicheren Ritt durch die Stadt kommen wir an. Nehmen Seitenwege zum Patan Darbar Square, dem zentralen Platz. Es gibt viel zu sehen und zu entdecken. Ich zünde eine Kerze im Tempel an, wir zelebrieren rituelle Feuer in einem anderen Tempel. Dazwischen gibt es Süßigkeiten auf die Hand und ein Mittagessen in einem lokalen Imbiss. Sneha ist eine tolle Reiseführerin, und da es Spaß macht, fliegt die Zeit dahin. Es ist Zeit zurückzukehren. Da ich das Mofafahren ja nun schon geübt bin, legt Sneha eine Schippe drauf. Es geht quer durch Kathmandu, sie will mir das Haus ihrer Familie zeigen. Also versuche ich wieder, nicht runterzufallen und es gelassen zu nehmen, wenn Sneha dem Gegenverkehr, Bremsern und Tempeln ausweicht. Dann geht es in meine Richtung weiter. Sneha stoppt, um sich zu orientieren. Und es wird für mich das nächste Level, der professionelle Beifahrer, erklommen, indem mir  Sneha ihr Handy in die Hand drückt mit den Worten „Hier, festhalten, nicht verlieren und ansagen, wo wir langfahren müssen!“ Waht? How? I can´t… Wir fahren schon längst. Als wir endlich vor meinem Haus halten, haben wir uns nur zweimal verfahren und das Handy ist noch in meiner Hand. Mit wackeligen Beinen, aber einem glücklichen Grinsen im Gesicht schließe ich auf. Danke Sneha!

    Der Sonntag ist geprägt von Ausschlafen und Saubermachen. Und zwar alles. Als erstes ist meine Wäsche dran. Meine Vermieterin hatte ich gefragt, wo das denn ginge. Sie schrieb zurück, dass ein Freund eine Wäscherei in der Nähe kenne, angeblich, gesehen hat sie noch keiner. Ansonsten in Thamel. Da ich keine Lust habe, meine Dreckwäsche 2,5 km durch die Gegend zu tragen, mache ich Wasser heiß und begebe mich mit Schüssel und Eimer auf die Terrasse. Wie ich so kniend meine Wäsche schrubbe und dem Erfinder der Waschmaschine huldige, schiebt sich plötzlich etwas zwischen die Sonne und mich. Eine Frau steht vor mir. Ich frage, ob ich ihr helfen kann. Unverständnis in ihrem Gesicht. Francais? Russki? Deutsch? Hilft alles nichts. Dann fällt mir ein, dass es ja eine Reinemachfrau zu dem Apartment gibt – und die kommt sonntags (wie praktisch). Ich deute einladend auf das Apartment. Das deutet sie wohl richtig. So geht sie ans Saubermachen und ich knie mich wieder zu meiner Wäsche. Wahrscheinlich bekommt sie den Anblick eines wäscheschrubbenden Europäers auch nicht so oft vor die Augen. Als letztes bin ich selbst dran mit der Reinigung. In der Sonne ist das auch nur halb so schlimm.

    Dann laufe ich doch noch nach Thamel, dem touristischen Zentrum von Kathmandu. Man muss sich das so ein klein wenig wie die Altstadt von Düsseldorf vorstellen. Irgendwie kann ich damit dieses Mal nicht so viel anfangen. Wie oft ich dort angesprochen wurde, irgendwas, vor allem was zu rauchen, zu erwerben. Irgendwie bin ich ein wenig gefrustet, dass es schon wieder kalt wird, da die Sonne untergeht. Ich will was Warmes. Einen Schal? Ich erinnere mich noch an solch einen Erwerb drei Jahre zuvor. Ich habe so gar keine Lust auf Verhandeln und schlechte Qualität. Da sehe ich einen Laden, also so richtig mit Schaufenster und Eingangstür und voller Schals und Decken. Ich gehe rein. Der Inhaber grüßt und lässt mich in Ruhe. Sehr guter move. Ich schaue mich um und beginne mich für die Decken zu erwärmen. Erst als ich mit meinem Rucksack die einzige Schaufensterpuppe des Ladens umhaue und diese in drei Teile zerfällt, kommt der Inhaber hinter der Theke hervor. Mit ist das hochnotpeinlich. Der Inhaber winkt nur ab. Ich möchte eine Decke aus Yak Wolle, die fühlt sich toll an. Da steht als Preis eine fünfstellige Zahl. Ich weiß nicht mehr, wieviel Stellen man zum Umrechnen streicht und durch was man teilt. Der Wille, was Wärmendes haben zu wollen und möglicherweise auch der Umstand, dass ich die halbe Ladeneinrichtung zertrümmert habe, lässt mich meine Kreditkarte zücken. In der Wohnung zurück realisiere ich den Preis. Schnappatmung. Aber immer noch zwei Drittel billiger als in Europa. Und ist es nicht unbezahlbar, die Freude die ich habe, wenn ich mich abends darin einkuschle? Unbezahlbar!
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  • Willkommen am 11. Magh 2082

    January 13 in Nepal ⋅ ☀️ 20 °C

    Es sind die Kleinigkeiten. Es sind fast immer die Kleinigkeiten, die in der Summe zu Verwirrung, Verstimmung und letztlich zu Unverständnis führen. Daher sollte schon bei der Verwirrung angefangen werden, diese aus dem Weg zu räumen. Doch leichter gesagt als getan. Manchmal weiß ich gar nicht, was mich genau verwirrt oder finde es unschicklich, es anzusprechen. Aber zum Glück habe ich offene Kollegen und letztlich Kathrin, die mir vieles erklären. Beispiel gefällig? Morgens im Büro, die Kollegen trudeln ein, setzten sich auf ihren Platz – wortlos. Komme ich selbst an und grüße, wird das nicht wahrgenommen. Unhöflich? Nein, es ist so üblich, dass man sich morgens nicht grüßt. Man setzt sich einfach hin und irgendwann fängt man dann an zu sprechen, zu fragen, wie das Wochenende war. Oder ein anderes Bsp ist das Hochklappen der nicht vorhanden Bürgersteige gegen 19h30. Es ist schon möglich, sich abends mit Nepali zu verabreden. Jedoch gegen 19h brechen die meisten plötzlich auf. Wieder unhöflich? Nein, das entstammt der hohen und anderen Stellung der Familie in Nepal. Kinder, selbst wenn sie schon ausgezogen sind, werden jeden Tag von den Eltern oder einem beauftragten Familienmitglied gegen 19h angerufen, um sicher zu gehen, dass sie wohlbehalten zu Hause sind. Ganz besonders die Töchter, da können die auch schon 30 sein. Je wohlhabender die Familien und je gebildeter, um so weniger ist das der Fall, aber das ist die Minderheit.

    Am Donnerstag verabschiedeten sich meine Kollegen bis zum kommenden Montag. Meine Frage, was sie denn morgen machen, wurde mit leichtem Unverständnis quittiert -  es sei doch Feiertag, ob ich denn ins Office kommen würde? Äh, muss ich klären. Erklärung: Es gibt mehr als 100 Feiertage im Land. Damit nicht ständig alles komplett still seht, gibt es die Regel, dass die Unternehmen den Frauen 14 und den Männern 13 Feiertage frei geben müssen. Daraufhin wollte ich den Gleichstellungsbeauftragten sprechen. Nach einer kurzen, aber witzigen Irritation auf der Gegenseite erklärte man mir, dass der zusätzliche Tag eine Art Frauentag sei. Allerdings würden die Frauen angehalten, das Haus sauber zu halten und für die Gesundheit des Mannes zu beten. Nun, ich zog meine Beschwerde zurück. Dafür brauchen die Frauen ja nun wirklich mal einen Tag Zeit. Und bei NSST bestimmen die Mitarbeiter selbst, welche Feiertage sie für sich frei nehmen. Ich bin dann mal ins Office.

    Dann ist da noch die Viertelstunde extra Zeitverschiebung, die Nepal hat. Damit ist das Land das einzige in seiner Zeitzone. Warum? Nun, Nepal wollte eine Zeit, die dem tatsächlichen Sonnenhöchststand am nächsten kommt, das es zwischen zwei Standartzeitzonen liegt. Und man möchte sich, auch hier, von dem übermächtigen Nachbarn Indien abgrenzen, der immer wieder versucht, Nepal unter seine Kontrolle zu bekommen.

    Neulich beim Einkaufen am Obs- und Gemüsestand meines Vertrauens gleich um die Ecke, ich wollte u.a. fünf Bananen kaufen. Englisch war nicht die Sprache der Wahl. Also zeigte ich 5 Finger meiner Hand. Die Frau wiegte den Kopf hin und her. Ich zeigte nochmal auf die Bananen und wieder 5 Finger. Dann viel mir ein, dass man nicht mit der Handfläche nach außen zählt und zeigt. Also noch mal mit Handfläche nach innen. Wieder Kopf wiegen. Dann fiel mir ein, dass hier ja das wiegen des Kopfes ja bedeutet. Das hätte mir auch eher einfallen können. Die hielt mich wahrscheinlich auch für leicht beschränkt, immer das gleiche zu fragen und dabei die Hände hin- und her zu drehen. Kommunikation at itˋs best. Der kleine Sohn mischte sich ein. Er zeigte auf die Bananen und sagte etwas, was ich nicht verstand. Die Bananen hingen direkt vor meinen Augen, sollte ich sie mir doch einfach selbst nehmen? Inzwischen war der halbe Laden mit meinem Wunsch nach Bananen beschäftigt. Der kleine Junge verstand das Problem und nahm die Früchte runter und zählte mit allen Fingern 5 Bananen ab und legte sie auf den Tisch. Na, das hat doch schon mal fast problemlos geklappt, dann machen wir mal mit Mandarinen und Weintrauben weiter. Als endlich alles beisammen war und das Geld die Tüte wechselte, war alles in der Tüte, nur die Bananen nicht. Ich wand mich an den kleinen Jungen, machte ein trauriges Gesicht und fragte nach meinen Bananen. Er verstand sofort und holte sie mir.

    So gibt es fast jeden Tag ein Handvoll neuer kleiner Geschichten. Dazu noch der Tag bei NSST und ich komme abends ko in der Wohnung an. Ich gebe zu, dass ich dann den Heizradiator anmache, meine Kuscheldecke umlege und Disney+ schaue. Allen voran Grentchaster – eine absolute Empfehlung. In etwa wie Father Brown, also ein Priester löst auf dem englischen Land Anfang der 50er Mordfälle. Das ist aber auch schon die ganze Gemeinsamkeit. Diese Serie hat sooo viel mehr Tiefgang, das es fast schon zu viel ist. Und nicht ganz zu verachten, einen sehr gut aussehenden Pfarrer. Es gibt 10 Staffeln, also viel zu tun.

    Aber Sozialleben habe ich auch. So war ich neulich mit einer Kollegin beim Bouldern. Dachte, das wird schon werden, war ich doch schließlich mit einer Bekannte, die ich in Albanien kennengelernt habe, dreimal in Düsseldorf in der Halle. Naja, 30 Minuten ging es gut. Als ich versuchte, wie ein Affe an der Wand zu schwingen, um nach oben zu kommen, machte es im linken Oberschenke knack. Das warˋs. Eine Zerrung in der Leistengegend. Die nächsten Tage musste ich meine Geschwindigkeit durch Kathmandu doch deutlich nach unten schrauben und die Tube Voltaren auf. Ohje, dachte, das hätte noch ein paar Jahre Zeit. Ein Bierchen trinken war auch drin, oder Abendessen mit Kathrin. Das ist immer auch alles draußen, also echt kalt. Aber in den Häusern ist es ehrlicherweise auch kalt, außer es ist sehr modern und hat eine Klimaanlage. Manchmal schwierig mit der Gemütlichkeit, wie wir sie kennen. Zum Abendessen gab es immerhin einen Heizpilz im Rücken. Kathrin und ich überlegten, wie ich den unauffällig mitnehmen könnte. Es war ein schöner Abend mit Deep-Talk und vielem Lachen. Das tat Kathrin scheinbar auch ganz gut, hatte sie doch erst vergangene Woche einen Freund in Kathmandu verloren, der noch nicht in dem Alter dafür war.

    Ach ja, wenn man hier schon in der eigenen Zeitzone ist, dann natürlich auch in einer eignen Kalenderrechnung. Der Bikram Sambat ist hier offizieller Kalender, was als Tourist nicht so wichtig ist. Aber im Alltag dann schon. So sind beinahe alle offiziellen Dokumente, Zeitungen und dergleichen in dieser Kalender-Rechnung. Damit war ich, als ich am 05.01.2026 aus dem Flugzeug stieg plötzlich 56Jahre und 8 Monate weiter. So rasen also die Tage im Kathmandu dahin, und ich bin schon bei Staffel 3 bei Grentchaster.
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  • So eine Busfahrt, die ist lustig

    Jan 16–19 in Nepal ⋅ ☀️ 23 °C

    So nach zwei Wochen Kathmandu reicht es auch erst mal. Dachte ich mir so. Ich wollte eh in den Süden Nepals, dort ist es wärmer, und es gibt Regenwald, den man bestaunen kann. Also buchte ich drei Nächte in Chitwan, um dort die heimische Tierwelt zu bestaunen. Und, ja, und um mal endlich wieder heiß zu duschen und einfach mal in einem komplett aufgeheizten Raum zu sitzen. Ich versuche ja meine Ansprüche an die Umstände anzupassen, aber so ein paar Dinge lerne ich gerade sehr lieben. Aber erst mal muss ich dort hin kommen. Ein Ticket im Touri-Bus soll es möglich machen. Dummerweise hatte ich den Platz in der letzten Reihe. Wer mich kennt und die Berge Nepals im Sinn hat, weiß, dass wird schwierig mit den Kurven. Mein Versuch, mit dem Busbegleiter/Kassierer/Platzanweiser zu diskutieren brachte leider nichts, der Bus ist voll, setz dich hin. Nun gut. Es stiegen tatsächlich auch immer mehr Leute ein, sogar mehr, als es Sitzplätze gab. Das lag daran, dass für Kinder offensichtlich ein eigener Platz erst ab zwei Kindern gebucht wurde. Das hatte zur Folge, das neben mir eine Frau mit ihrer, sagen wir, sechsjährigen Tochter saß. Aber eben auf einem Platz. An sich kein Problem. Das wurde es aber, vor allem auch meins. Chitwan liegt ca. 85 km entfernt von Kathmandu. Kein Ding, sollte man meinen. Aber es dauert gute 6 Stunden, um anzukommen. Da ist dieses mit dem auf dem Schoß sitzen nicht mehr ganz so praktisch. Also wurde auch irgendwie mein Schoß mit genutzt. Das wurde noch gefördert durch die Kurven und Schlaglöcher, die nicht nur bewirkten, dass das Gepäck von oben aus den Fächern fiel, sondern das Mädchen auch immer wieder zu mir. Nun, so war ich abgelenkt genug, so dass mein Magen nicht rebellieren konnte. Als wir vom ersten Stop losfuhren, begann eines der beiden anderen noch vorhanden Kinder laut zu weinen. Es wurde hektisch im Bus, gerufen, an die Fensterscheibe zum Fahrer getrommelt. Die Mutter der beiden Kleinen war nicht an Bord. Es dauerte erstaunlich lang, bis der Fahrer den Bus stoppte und man auf die Mutter wartete. Die kam in den Bus, augenblicklich beruhige sich alles wieder und niemand regte sich weiter auf. Ich wusste nur nicht, woran das lag, passiert das öfter, oder ist man hier einfach entspannter, ist ja am Ende nichts passiert.

    Endlich angekommen. Rein inˋs Zimmer und unter die Dusche. Nein, raus aus der Dusche, sie wird nicht warn. Ich tappel zur Rezeption, man gibt mir ein anderes Zimmer. Endlich. Ich werde hier jeden Tag heiß duschen, einfach nur, weil ich es kann.

    Mein erster Ausflug ist ein Sonnenuntergangs View-Point. Man kann über den Fluss auf den Nationalpark blicken. Das ist tatsächlich sehr schön. Am nächsten Morgen soll es auf eine kleine Fussfahrt gehen. Aber vorher muss ich die kaputte Klimaanlage mit dem Hotel besprechen. Bin eigentlich nicht so piki, aber hier wird es nachts auch sehr kalt und mir war bei der Buchung ein warmes Zimmer und eine heiße Dusche mindestens genau so wichtig, wie die Sichtung eines Nashorns. Ganz in mir drin, sogar ein ganz klein wenig wichtiger. Aber alle hier sind sehr nett und kümmern sich sofort um alles. Nach dem Frühstück ist das bereits erledigt. Auf zum Fluss. Es ist überall Nebel, was zu dieser Jahreszeit üblich ist. Wir warten auf Mitreisende, was ich schade finde, wäre ich doch gern durch den Nebel auf dem Fluss gefahren und der lichtete sich schnell. Mein Guide erklärte mir, dass es besser sei, zu warten. Da es im Wasser in der Nacht wärmer ist als draußen, befinden sich alle Krokodile im Wasser. Erst wenn die Sonne wirklich scheint, kommen sie raus und wärmen sich am Ufer. Als wir in dem kanuartigen Boot nur knapp 5 cm über der Wasseroberfläche dahin glitten, war ich ganz froh, doch später mit der Sonne auf dem Fluss zu sein. Am Nachmittag ging es mit anderen Leuten, ich wurde als Einzelreisender immer irgendwo dazu gebucht, im Jeep auf Safari in den Nationalpark. Der ist riesig, umfasst mehrere Landschaften wir Flussauen, Grasebenen (das wird hier bis zu 7m hoch), Wald und Bergen und geht bis zur indischen Grenze. Wir sahen verschiedene Vögel, Krokodile, und die fast schon üblichen Pfauen. Nur die Phython, auf die der Guide zeigte, die sah ich nicht. Er stieg aus und zeigte aus ca. 2m Entfernung auf irgendwas. Ich sah immer nur noch verschiedene Schattierungen von Grün und Braun, also nichts. Dann nahm er mein Handy, ging noch näher dran und machte ein Foto. Mit dem Foto konnte ich sie endlich entdecken. Wir peinlich. Wir waren auf dem Rückweg, ich genoss die schöne Landschaft und war fein damit, kein Nashorn gesehen zu haben. Ich hatte eine heiße Dusche im Zimmer. Kurz vor Schluss blieben wir abrupt stehen, es gab im hohen Bambusgras ein Nashorn zu bestaunen. Damit nicht genug, ein paar Minuten später sprintete ein Leopard über die Grasflache in das Dickicht. Das waren wahrscheinlich nur fünf Sekunden. Aber die reichten, dass ich wirklich beeindruckt war von der Kraft und Eleganz, die von diesem Tier ausging. Ein Foto hatte niemand. Zu schnell war er und dann auch noch gegen die untergehende Sonne. Später, im Zimmer machte ich die Klimaanlage an und genoss meinen Tee.
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  • Nachts sind alle Tiere grau

    January 19 in Nepal ⋅ ☀️ 25 °C

    Es ging am nächsten Tag mit einer morgendlichen Jeep-Safari weiter. Wieder saß ich zusammen mit wildfremden Menschen im Auto. Und diese Konstellation konnte kaum bunter sein. Ich war wieder der einzige Weiße, es war nun mal für Westler keine Saison. Dafür waren die Nepalis selbst auf Tour. Neben mir eine Mutter mit Sohn, die offensichtlich nicht viel Geld hatten und sich das aber irgendwie leisteten. Hinter mir dem Hotel und Aussehen nach reiche Asiaten aus ich weiß nicht woher und in der letzten Reihe drei Instagram Mädels aus Nepal, wie sie jedem Klischee entsprechend zu sein haben – langes, gewelltes Haar, geschminkt, Hotpants, Overknees usw. Und genauso verhielten sie sich auch -  alles für ein gutes Foto, es war schon anstrengend, dabei zuzusehen. Aber vor allem war der Lärm, der dabei von ihnen gemacht wurde sehr störend. Und damit begann es auch mich zu nerven. Soll jeder mit seinem Leben anfangen was er will, aber wenn sich die Sphären überschneiden heißt es Rücksicht nehmen. Und dann darf ich genervt sein, wenn das nicht passiert. Den Guide interessierte das leider wenig. Die 10 minütige Pause wurde komplett für Fotoshoots genutzt. Das Mädel, das neben mir stand, sagte am Ende ihrer Show mit einem Schwung ihrer Haarpracht zu mir: „Oh, yes, nice picture!“ Das „Oh yes, stupid woman!“ lag mir so weit vorn auf der Zungenspitze, dass ich meinen Mund zukneifen musste, damit es nicht rauskam. Warum eigentlich nicht?

    Erstaunlicherweise sahen wir dennoch ein paar Tiere, die wahrscheinlich schon stoisch diesen Zirkus über sich ergehen ließen. Zurück im Hotel aß ich zu Mittag und wieder war ich im Saal allein. Hinzu kam, dass hier die Auffassung von gutem Service war, immer nah am Gast dran zu sein, und so stellte sich die jeweilige Servicekraft keine drei Meter von meinem Tisch auf, Hände auf den Rücken, Blick zu mir. Hm, eigentlich habe ich nichts dagegen, wenn mich junge, attraktive Männer anschauen, aber das hier war dann doch zu viel und verursachte Unbehagen. Am Nachmittag bekam ich ein komisches Gefühl in der Magengegend. Nein, mir war nicht schlecht, und ich konnte dieses Gefühl doch schnell zuordnen – ich hatte Heimweh. Zum ersten Mal. Und völlig überraschend. Aber vielleicht auch nicht so sehr. Glaube, ein Auslöser war tatsächlich, dass ich hier als Weißer immer eine Sonderrolle spielte, ob ich wollte oder nicht und auffiel, was mir so gar nicht liegt. Es war eine Aufmerksamkeit, die wohlgesonnen war, keine Frage, aber mir war das Unangenehm. Wenn ich von einer Tour zurück kam, konnte ich nicht zu meinem Zimmer gehen, ohne dass ich fünfmal gefragt wurde, wie es war. Wenn ich warten musste, war immer einer bei mir und wartete mit mir. Dass wir uns auf Grund keiner gemeinsamen Sprache nicht über Grundlagen hinaus verständigen konnte, machte es nur noch merkwürdiger. Wie musste das erst für Menschen sein, die sich auf Grund ihres Aussehens auch nicht verstecken können und denen nicht mit einer freundlichen Aufmerksamkeit begegnet wird, sondern sogar feindselig. Tja, mir fehlen meine Freunde, Bruno, Düsseldorf….

    Nun, was gibt es besseres gegen Heimweh, als aktiv zu werden. Also auf zur Übernachtung im Dschungel. Der hoteleigene Guide, mit dem ich irgendwie auf einer Wellenlänge lag, und mir hier und da schon Tipps gegeben hatte, war nun auch tatsächlich mein persönlicher Guide. Wir überquerten die Hängebrücke über den Fluss, welcher den Nationalpark vom Rest sicher trennte. Uns kamen Heerscharen von Touristen entgegen, die vor Einbruch der Dunkelheit den Park verlassen mussten. Auf der anderen Seite angekommen, gesellte sich ein weiterer Guide zu uns. Ein eher schweigsamer Geselle, dessen Aufgabe es war, mit  einem langen Stock bewaffnet, für unsere Sicherheit zu sorgen. Also wanderten wir nun zu Dritt weiter in den Dschungel und die Dämmerung hinein. Unser Ziel war ein Turm, der zur Besichtigung und Übernachtung genutzt wurde. Der Blick von dort ging über einen Wasserlauf und eine Grasebene hinüber zu einem Wald. Hier war nichts mehr von all den lauten Menschen zu hören und ich atmete angesichts dieser wunderbaren Natur tief durch, setze mich auf die Bank vor dem Turm und genoss mein mitgebrachtes Bier. Rehe schauten neugierig zu mir. In mir machte sich eine tiefe Ruhe breit. Es wurde immer dunkler, die Laute der Nacht begannen die des Tage abzulösen. Zeit für ein Essen. Aber zuvor sollte ich unbedingt den Schnaps probieren, den mein Guide mitgebracht hat, selbstgebrannt von seinen Eltern, und, wie er mehrfach betonte, nur mit natürlichen Zutaten hergestellt. Ui, der haute rein, aber lief hervorragend in Richtung Magen. Dazu reichte er mir ein Ei. Warum, weiß ich auch nicht. Aber möglicherweise war es genau dieses Ei, welches mich davon abhielt, über die Brüstung zu steigen, um zu probieren, ob ich nicht doch fliegen könnte. Dann aßen wir endlich, hörten alle stumm in die Nacht hinein. Irgendwann ging ich in meine Kammer, in der ein Stuhl und ein bequemes Bett mit dicker, molliger Decke standen. Ich schlief hervorragend, geweckt von den Geräuschen der Tiere, die sich in dem Flusslauf zu vergnügen schienen. Am nächsten Morgen ging es im Morgengrauen im Nebel zurück. Wir liefen schnellen Schrittes, so dass sich meine alte Sportverletzung aus Kathmandu im Oberschenkel bemerkbar machte. (Allein für diesen Satz hat es sich schon gelohnt, mich an die Kletterwand zu hängen!).

    Im Hotel meine Sachen schnappen. Ich verabschiedete mich von meinem Guide, der mir die Hand mit den Worten „Du bist ein guter Mensch“ fest drücke. Auf zum Bus. Ich hatte zuvor schon bei der Agentur darum gebeten, nach einem anderen Platz Ausschau zu halten. Man entsprach auch hier meinem Wunsch. Und so fuhr ich dieses Mal deutlich bequemer zurück nach Kathmandu. So konnte ich auch die phantastische Landschaft betrachten, die ich auf dem Hinweg so gar nicht mitbekommen hatte. Wir fuhren im Tal an einem Flusslauf entlang langsam immer höher. Mit Musik auf dem Ohr wurden die 8h damit nicht ganz so lang
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  • Tongba, Tongba

    January 20 in Nepal ⋅ ☀️ 19 °C

    Auf in die zweite Hälfte der vier Wochen meiner Arbeit hier. Die Schule wurde merklich lauter, die Winterferien waren vorbei. Und irgendwie strömten lauter junge Menschen in weinrot und schwarzen Schuluniformen in mein Großraumbüro. Ok, es war irgendwie auch die Dachterrasse samt Cafeteria der Klassen 10 bis 12. Aber das eigentlich Büro oder die Meetingräume waren auch nicht wirklich eine Alternative, da sie kalt und kälter waren. Außerdem war ich hier recht nah an meiner Café-Flatrate. Mit den Kollegen ging ich mal Abends essen. Und mit Kathrin verabredete ich mich zum Tongba -Trinken. Ein warmer Alkohol. Da bin ich dabei. Ein paar Freunde von ihr sollten auch kommen. Die erste Hürde war aber das Dorthin-kommen. Ich hatte schon zwei Apps ausprobiert, die irgendwie wie Uber waren, aber die eine versagte ständig die Mitarbeit und die andere wollte eine lokale Telefonnummer. Hab ich nicht. Kathrin war bereits unterwegs und schrieb nur, ich solle einfach ein Taxi auf der Straße anhalten. Wirklich? Das mache ich nicht mal in Deutschland. Ich suchte mir eine große Straße. Es war Rushhour. Das bedeutete zwar viele Taxen, aber jede war voll oder wollte einfach nicht auf mein Winken anhalten. Ich war etwas am Verzweifeln. Eigentlich nur die Neugier auf dieses Tongba ließ mich durchhalten, bis nach 25 Minuten endlich ein Taxi auf der anderen Straßenseite hielt. Ich musste „nur“ noch über die Straße, was ja kein Problem mehr war. Und „nur“ noch den Preis verhandeln. Englisch können viele dann doch nicht so, aber die Zahlen haben sie gelernt. So verbrachten wir die ersten 5 Minuten der Fahrt mit diesem von mir nicht geliebten Spiel, ich sage eine Zahl, dann sagst du was… Immerhin habe ich von 1000 Rupie auf 700 gedrückt, was natürlich immer noch zu viel war. Endlich Tongba – das ist gegorene Hirse, die in einen Metallbecher gefüllt wird, der dann mit heißem Wasser aufgegossen wird. Kräftig umrühren und mit einem Metallhalm genießen. Man mag es oder eben nicht. Ich mochte es. Leicht süß-säuerlich. Man füllt immer wieder heißes Wasser nach, bis man das Gefühl hat, dass die Hirse nichts mehr hergibt. Kathrins Freunde waren eine bunte Mischung Nepali – eine Frau aus einfachsten Verhältnissen eines Bergdorfes, welche die Welt erst in der Bibliothek kennlernte im Selbststudium und dann in der Wirklichkeit. Einem Architekten, der auch schon in Deutschland gearbeitet hat und einer Abkömmling des nepalischen Könighauses, die in den USA groß geworden ist, und erst als zweite Sprache Nepali gelernt hatte. Entsprechend war die Konversation auf schnellem, besten Englisch und die Internas der Freunde machten das Verstehen nicht leichter. Aber dieses Tongba machte esmbesser, und so wurde es ein lustiger Abend in der illustren Runde. Das Schöne an Tongba ist, dass man nicht wirklich betrunken wird, sondern eine schönen angeschickerten Zustand beibehält.

    Irgendwann war auch schon wieder einer der zahlreichen Feiertage. Es wurde der Göttin der Weisheit und Bildung gehuldigt. Dazu baute der schuleigene Priester einen Altar auf. Mit meinen nepalesischen Kollegen besuchte ich ihn auch und lies mir erklären, was ich wie zu machen habe. Denke ein wenig Weisheit kann nie schaden. Auf meinem Schulweg wurde zur Feier dieses Tages ein Teil in eine Fußgängerzone verwandelt. Dazu braucht es keine Anträge und Behördengänge, nein, ganz einfach, die Straße wird von jeder Seite mit einem Baumstamm für Fahrzeuge unpassierbar. Ein paar Lichterketten an die Stromkabel gebastelt (nicht, dass die schon genug auszuhalten hätten) eine Bühne aufgebaut und fertig ist das Straßenfest.

    Der Schulweg wird mir immer geläufiger. Ich erwischte mich sogar, wie ich leichtsinnig begann, die Straße nicht auf direktem Weg, sondern schräg zu überqueren. Ganz ruhig Brauner, nicht übermütig werden, das machen noch nicht mal die Nepali selbst. Ich ließ es schnell wieder. Mein Gehirn braucht scheinbar Herausforderungen. Vorsicht!
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  • Music in the Valley

    Jan 23–26 in Nepal ⋅ ☀️ 18 °C

    Es ist wieder Wochenende! Ich bin mit Kollegen verabredet zum Echo in the Valley Music Festival. Das findet jedes Jahr, eigentlich im wärmeren März statt. Aber da dieses Jahr Wahlen sind am 05. März, hat man es vorgezogen. Gut für mich. Es ist immer an einem anderen Ort im Kathmandu-Tal und bietet eine Plattform für lokale Musiker und mindestens eine internationale, asiatische Größe. Dieses Jahr ist das Dorf Khokana der Austragungort. Also machen sich Mirja, Sahasin und ich mit Taxi und Shuttlebus auf den Weg dort hin. Dort angekommen treffen wir auf viele junge Leute, die durch die Gassen des Dorfes und von Bühne zu Bühne schlendern. Es gibt auch zahlreiche Westler hier, mehr als ich hier bisher zusammen gesehen habe. Überwiegend aber keine Touristen, sondern Auswanderer, Expats, Hängengebliebene. Jedenfalls scheint dies auch das Festival des persönlichen Expressionismus zu sein, so verrückt, wie sich hier manche kleiden. Vor einer Bühne bleiben auch wir stehen. Ich würde es als lokale Volkmusik bezeichnen, sehr tanzbar. Und genau das führt auch dazu, dass die jungen Nepali immer wilder dazu tanzen. Wenn ich die Musik ausblende, würde ich sagen, das hier ist ein Rave. Irgendwann sind auch wir mitten in der Meute, und dann heißt es sich hingeben und zappeln. Essen gibt es an, naja, sehr improvisierten Ständen, was aber dem guten Geschmack keinen Abbruch tut. Wir wollen uns auch was von dem milchig gelben Alkohol kaufen. Mehr aus versehen kauft Mirjam gleich eine ganze Flasche von dem Selbstgebrannten. Was sollˋs. Es schmeckt. Ganz im Gegensatz zu der schwarzen Flüssigkeit, von der wir zum Glück nur einen Becher kaufen, den wir dann in der nächsten Ecke verstohlen wegschütten.

    Der Abend und auch alle Anwesenden schreiten zum Höhepunkt. Arko Mukhaerjee & Friends feat. Gaboo aus Indien gibt sich die Ehre. Er ist mit seiner Musik in Asien sehr beliebt, insbesondere da er in 26 Sprachen singen kann. Die Handys werden gezückt, es wir mitgesungen, und es ist fast wie bei jedem Konzert auf dieser Welt. Es gefällt mir, und so lasse ich mich von der Welle mittragen.

    Am nächsten Tag bin ich mit Kathrin verabredet. Sie, die Workaholic, hat zwischen zwei Terminen am Sonntag doch Zeit, um in eine kleine Ausstellung in einer Galerie zu gehen. Samrat Joshi ist mit seiner Ausstellung „An Ode to the Valley“ zu sehen, Er macht die hier überall gebräuchlichen Ziegelsteine in Minaturformat nach und gestaltete daraus Mauern mit Bemalung, Häuser oder ganz anderes. Wir finden es beide echt schön. Es gibt den kleinen Ziegelstein auch einzeln in einem Rahmen zu kaufen. Das würde mir doch sehr gefallen als Erinnerung an Kathmandu. Nur leider ist das eine Exemplar bereits verkauft und das andere der beiden unverkäuflich. Schade. Aber wir wären ja nicht in Nepal, wenn nicht pragmatisch Abhilfe geschaffen würde. Die Galeristin nimmt einfach einen losen Backstein eines anderen Kunstwerkes und drückt ihn mir als Geschenk in die Hand. Keine Ahnung, ob das im Sinne des Künstlers ist, aber ich sage nicht nein und freue mich schon darauf, was unser Rahmer des Vertrauens in Düsseldorf mal wieder zu diesem Mitbringsel sagt.

    Der Nachmittag geht wieder mit Waschen drauf. Später setze ich mich noch in die letzten warmen Strahlen auf das Dach, um den Blog zu schreiben. Langsam verlässt die Sonne das Kathmandu-Tal und die schwarzen Milane beginnen wieder ihre weiten Kreise über der Stadt zu ziehen.
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  • Gelb wie der Senf

    Jan 30–31 in Nepal ⋅ ☀️ 24 °C

    Zwei Wochen Kathmandu, da wird es wieder Zeit, die Stadt für ein Wochenende zu verlassen. An guten Tagen ist der Smog „nur“ so stark, als würde man täglich 6 Zigaretten rauchen. Vom Lärm und Chaos mal abgesehen. Mein Kollege Eric hat mir von Riepe Village vorgeschwärmt. Ein Dorf, dass in fast jedem Haus ein Homestay anbietet, aber so, dass es ökologisch und ursprünglich bleibt. Ich bin angefixt, auch wenn es wieder mindestens 6 h Busfahrt bedeuten wird. Mit den Preisen im Internet bin ich so gar nicht einverstanden, richtig teuer und das in der Nebensaison. Ich frage Eric um Rat. Und dann machen wir es, wie man eben Geschäfte in Nepal macht. Einer der Gründer dieser Idee, Druga, hat auch ein Hotel und Café Kathmandu. Also gehen wir zu ihm zum Abendessen. Ganz am Ende des Abends…Geduld, Geduld… kommen wir dann auf das Geschäftliche. Es sind schließlich nur noch 60% Internet-Preises plus Vollverpflegung und Druga organisiert mir die Fahrt. Was will ich mehr.

    Wie der Zufall so will (glaube ehrlich gesagt langsam nicht mehr an Zufälle) reist Druga auch zu dem Dorf. Er hat einen italienischen Profi-Fotografen im Schlepptau, der wiederum seine Mutter bei sich hat, die ihn gerade für 10 Tage in Nepal besucht. Lorenzo Tullio, ein wenig längeres Haar, ein wenig Macho, ein wenig Charmant, ein wenig gefährlich italienisch, soll Fotos und Videos von dem Dorf machen, um es in den Sozialen Medien noch weiter zu vermarkten. Mit seiner Mutter, Marie Luisa, verstehe ich mich sofort, obwohl wir uns sprachlich kaum austauschen können. Sie spricht keine Englisch, ich kein Italienisch und wir versuchen es mit ein wenig Französisch. Aber das tut der Verständigung so gar keinen Abbruch. Als nach ungefähr 5 Sunden der Bus nach rechts abbiegt, um einem neuen Flusslauf im Tal nach oben in die Berge zu folgrn, läuft mir beim Blick aus dem Fenster ein Schauer über den Rücken: Der Fluss rauscht in milchigem Türkisblau über die Felsbrocken in Richtung Tal, gesäumt von grünen Bäumen. Dahinter die hellgelben Felder mit den in voller Blüte stehenden Senfpflanzen, welche sich in die sanften Berghänge schmiegen, die einen dunkelgrünen Kontrast zu dem Gelb bilden. Dahinter steigen die Berge an, dunkel und drohend bis auf über 6tausend Meter, um dann in einer weiß leuchtenden Kette von schneebedeckten Gipfeln der 7- und 8tausender zu enden. Darüber schließlich das Saphierblau des Himmels. Genau für solche Momente reise ich, sie sind kurz, sie sind rar, sie sind da.

    Nach eine Jeepfahrt und einem Fußmarsch kommen wir endlich im Dorf an. Zum Glück gibt es noch Sonne. Es wird für uns gekocht, was die Felder ringsherum hergeben. Um der Kälte zu entgehen, wird ein Lagerfeuer angemacht und sich darum versammelt. Es sind noch zwei weitere Gäste da, wobei sie auch keine Touristen sind. Sie ist schon etwas älter, aus England und wird gerade von ihrem Bruder besucht, der in Schweden arbeitet. Sie kam nach Nepal vor vielen Jahren, hat mit Hotelgewerbe angefangen und ist immer mehr für Filmcrews gebucht worden, daraus entwickelte sich immer mehr ein auf die Bedürfnisse von  Filmemachern ausgerichtetes Business und nun ist sie seit geraumer Zeit selbst Filmproduzentin. Und so sitzt sie in der Runde, schaut durch eine völlig verschmierte dicke Brille, die ihre Augen unnatürlich vergrößert, ins Feuer und erzählt in feinstem Englisch ihre Geschichten und dropt einen famous name nach dem anderen. Lustig.

    Irgendwann heißt es aber dennoch auf das eigene Zimmer zu gehen, wo es, welche Überraschung, kalt ist. Aber hier gibt es Wärmeflaschen und Marie und ich greifen uns sofort eine, um einen Hauch von Gemütlichkeit zu haben. Die Geräusche der Nacht in diesem Haus versuche ich zu ignorieren und schlafe einigermaßen gut.
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  • Mio dio è aqua

    February 1 in Nepal ⋅ ☀️ 24 °C

    Der nächste Morgen war bitterkalt, die Sonne war noch nicht hinter den hohen Bergen hervorgekrochen. Mit jedem Zentimeter, den sie den Horizont erklomm, wurde es sofort etwas wärmer. Wir frühstückten vor atemberaubender Kulisse, die Filmproduzentin und ihr Bruder fuhren zurück nach Kathmandu, und wir verzogen uns jeder an seinen eigenen Tisch, mit dem beschäftigt, was ihn gerade so beschäftigte. Nach einem kleinen Lunch nahm uns Druga uns sein Geschäftspartner mit auf eine Jeeptour. Sie wollten uns zeigen, wo es noch überall leerstehende Häuser zu erwerben gab, wo sie schon zugeschlagen haben, wo ein Yoga Retreat entstehen sollte usw. Unglaublich schöne Orte, aber mich befiel der leise Verdacht, dass es in 5 Jahren nicht mehr so beschaulich hier zugehen wird. Wie schnell lockt der Dollar dann doch und lässt die hohen ökologischen Werte in den Hintergrund treten. Ich hoffe, sie können sich bremsen und diesen Ort bewahren. Jedenfalls waren sie von allem Feuer und Flamme und auf meine Frage, wie denn die Touristen hier herkämen, versicherte mir Druga, dass es doch super Wege hier gebe. Ich verkniff mir die Frage, wo genau die denn seien. Der Jeep, der wirklich gut ausgestattet war, hatte stark zu kämpfen, dass er vorwärts kam und Mari murmelte neben mir immer wieder „Mio Dio“. Ich repetierte innerlich mit. An einer Kurve blieben wir stecken. Der Fahrer versuchte es mit der gesamten Motorkraft rückwärts, aber jedes Mal fuhren wir weiter auf den vor uns liegenden Abgrund zu. Endlich kam die tolle Idee, dass wir doch alle aussteigen sollten. Mir war das sehr recht. Irgendwann schaffte es der Jeep. Eric erklärte mir später, dass das schon ernst gemeint sei mit den guten Straßen, man müsse beachten, von wo aus man komme, denn vorher gab es gar keine Straßen und nur Trampelpfade. Ach so. Zwischendurch hatte ich auch viel Zeit mit Tullio zu reden, über das Reisen, das Fotografieren, Menschen, Routinen, Heimat. Wir hatte auf all das teils unterschiedliche Antworten aber mit einem gemeinsamen Fundament. Mit Mari versucht ich es weiter in verschiedenen Sprachen, bis hin zur Zeichensprache. Dabei stellen wir fest, dass ungefähr die Hälfte der sowohl in Italien als auch in Deutschland sehr gebräuchlichen Handzeichen jeweils eine komplett andere Bedeutung hatten. Spannend.

    Der Sonntagmorgen brachte hervorragendes Wetter. Jetzt konnte Tullio so richtig  loslegen mit Kamera und Drohne. Ich wurde als Testimoniel missbraucht und sollte ein paar nette Worte über das Dorf vor schöner Kulisse sagen. Es brauchte nur einen Slate, dann waren alle zufrieden. Zumindest taten sie so. Ich musste langsam aufbrechen, Die drei fuhren weiter zu Drugas Geburtsstadt. Ich konnte leider nicht mit, hatte ich doch zu arbeiten am Montag. Herzlich verabschiedeten wir uns, Marie sagte noch etwas zu mir, dass ich nicht verstand. Hilfesuchend schaute ich zu Tullio, der auf englisch übersetzte, was die Fragezeichen nicht kleiner machte, ebenso wenig die französische Version. Aber ich habe eine leise Ahnung, was Marie mit der Redewendung „La Classe non è Acqua“ - „Klasse ist kein Wasser“ ausdrücken wollte.

    Am Sonntagabend war ich noch mit Sneha in Kathmandu verabredet. Sie nahm mich mit ihrem Roller mit zum nächtlichen Besuch der Swayambhu Stupa, besser bekannt als der Affentempel. Den kannte ich zwar, aber nicht mit glitzerndem Lichtermehr der Stadt ringsherum, die sich wie eine Krake bereits die dunklen Hänge des Kathmandu-Tals heraufzog.

    Nach dem Essen fuhr sich mich zu meinem Tempel. Wir brauchten kein Google mehr, ich wusste den Weg. Wir schwatzten während der Fahrt weiter über Beziehungen, Ehe, schwules Leben in Nepal. Ich glaube, ich habe nun wirklich advanced Level beim Bikefahren erreicht.
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  • Plötzlich Endspurt

    February 3 in Nepal ⋅ ☁️ 19 °C

    Die letzten Tage brachen an. Es wurde fast ein wenig hektisch. Ich wollte bei NSST dringend noch ein paar Dinge beenden, ein paar Leute sehen und am Donnerstag sollte schon Corina kommen. Bis dahin, war nicht mehr viel Zeit. Und ich habe es geschafft! Was? Nun, ich war irgendwie mit dem falschen Bein aufgestanden. Crazy Dog hat wieder sein Bestes gegeben und die gesamte Nacht durchgebellt, bis wieder pünktlich 5:15 am der Tempel nebenan mit viel Geläut den Tag ankündigte. So trottete ich zur Schule und war zunehmend genervt von den Rücksichtslosen Mofafahrer, Autofahrern und sonstigem. Beim Überqueren einer größeren Kreuzung tat ich es dann. Ich ließ alle Regeln des sicheren Querens der Straßen außer acht und stoppte unvermittelt meinen sonst kontinuierlichen Gang und sah dem entgegenkommenden Autofahrer durch die Windschutzscheibe direkt in die Augen. Ich legte all meinen Frust hinein. Und es wirkte. Der Autofahrer war so überrascht, dass er eine Vollbremsung machte. Das führte in der Kettenreaktion dazu, dass die gesamte Kreuzung innehielt, selbst die beiden Nepali, die neben mir auf der Kreuzung standen. Der einzige der dann wieder lief, das war ich. Und dann war ich wieder in meinem Modus – schau nie zurück. Ich bin nicht stolz darauf, aber in mir machte sich eine solche Zufriedenheit breit, dass ich lächeln musste, und das hielt den gesamten Tag an.

    Ich ging mit Kollegen noch abends essen, traf Kathrin in Buddha Stupa, die wir dreimal umrundeten und sagte Auf Wiedersehen. Ich hoffe, das werden wir auch, war es doch eine Zeit voll mit phaszienierenden Dingen und spannenden Herausforderungen. Ich machte sogar meinen Frieden mit dem Tempel nebenan, in dem ich ihn endlich besuchte. Teils war ich sogar exakt 5:15 am wach und das Leuten blieb aus. Das verunsicherte mich und ich war schon am Überlegen, ob ich das vielleicht mit dem Bimmeln mal übernehmen sollte. Auch mit Cazy Dog lief es am Ende gut. Der Hund, der sich nachts heißer bellte, war tagsüber eigentlich nie zu sehen. Aber plötzlich war das Bellen zu vernehmen. Ich erkenne es überall. Und da stand er vor mir. Uralt, das rechte Auge fehlt, das linke ist trüb. Er tat nachts einfach sein Bestes.

    Nur Taxifahren wird für mich immer eine Herausforderung bleiben, ob nun mit oder ohne App. Irgendwas ist das immer. Am Anfang verwirrte mich, dass die Taxifahrer trozu zusendens des genauen Standortes immer nochmal zurückriefen. Wenn man dann bestätigt hat, dass man wirklich da stehe, setzten sie sich in Bewegung. Kathrin erklärte mir, dass in Nepal immer noch das gesprochene Wort die höchste Bedeutung habe. Egal wie digital etwas schon sei. Hinzu kommt, dass viele nie gelernt haben, eine Karte zu lesen. Google Maps somit schlicht überfordert. Die Orientierung erfolgt hier anders, man muss irgendwas bekanntes in der Nähe aufzählen, wo man hinwill. Selbst das Fahren mit dem Handy und Navigation stellt große Herausforderungen war. Einmal waren wir kurz vor meinem Appartment, Google Maps auf dem Handy des Drivers zeigte an der Kreuzung links oder rechts an – dank Labyrinth war beides gleich schnell. Geradeaus führte es in eine Sackgasse. Der Fahrer hiel, überlegte und fuhr dann, na…, genau, geradeaus. Ich stoppte ihn. Es brauchte eine klare Anweisung. Also fuhren wir auf der Kreuzung zum Vergnügen der anderen Verkerhsteilnehmer rückwärts und bogen links ab.

    Krugi kam mit etwas Verspätung in Kathmandu an und hatte nun exakt 24h, um einen Eindruck zu bekommen. Also lief ich mit ihr durch Tamhel und zum Durbar Sqare, was sicherlich Eindruck hinterließ. Abend waren wir noch mit Sneha zu einem letzten Essen verabredet. Als wir fast fertig waren, stand plötzlich Marie im Raum. Großes Hallo und Küsschen mit ihr. Wenig später kam auch noch Tullio dazu. Sneha war eigentlich mit Kollegen von „Terres des hommes“ verabredet. Nachdem wir uns mit meinen italienischen Bekannten ausgetauscht hatten, nahm Sneha uns kurzerhand zu ihren Kollegen und dem Chef, der aus Kalkutta angereist war einfach mit. Nach einem Bierchen trollten wir uns alle, und ich sagte am nächsten Morgen „Auf Wiedersehen in Kathmandu“.
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  • Uuuuuuund?!

    February 5 in Nepal ⋅ ☀️ 22 °C

    Was bleibt nach einem Monat in Kathmandu? Nicht so einfach in einem Satz zu beantworten. Und das zeigt eigentlich schon, wie lohnenswert es gewesen ist. War es anstrengend? Ja. War es nervend und fas überfordernd? Ja! War es bereichernd? Ja, War es aufregend, war es neu, war es berührend, war es ungewiss und prickelnd? Ja, ja, ja und ja! Mir war klar, dass ich nicht wegen Kathmandu nach Kathmandu zurückkehrte. Die Stadt fand ich toll, sie mal gesehen zu haben, aber das reichte mir damals schon. Und ehrlicherweise hat sich dieser Eindruck für mich nicht sehr verändert. Kathmandu ist laut, dreckig, hektisch, groß, anstrengend. Daher musste ich auch nach zwei Wochen jeweils für ein paar Tage raus aus ihr. Und das ist mehr als empfehlenswert, liegt die Stadt doch in einem Land voller wunderbarer Natur. Ich bin letztlich wegen der Arbeit gekommen. Und die war sehr lohnenswert. Nicht nur, dass ich einen Einblick in die Arbeit einer NGO erhalten konnte, ich hatte auch den Eindruck, mit meinem Wissen und Erfahrungen ein klein wenig dazu beitragen zu können, die Dinge voranzubringen. Ich könnte gar nicht sagen, was mir am meisten Spaß gemacht hat. Ich denke, es war vor allem die Mischung: die juristischen Herausforderungen, die mich inhaltlich weit über das Arbeitsrecht hinausbrachten oder auch die deutschen Übungsstunden, die vielleicht ein kleines Talent freilegten bei mir. Aber möglicherweise war es die direkten Gespräche mit den jungen Nepali selbst. Sie haben mir viel Wissen über ihr Denken und die Kultur mitgegeben und letztlich auch ein klein wenig Demut darüber gelehrt, was es bedeutet, zu einer bestimmten Zeit, an eine bestimmten Ort unter bestimmten Umständen geboren worden zu sein. Und was Menschen auf sich nehmen, um dieses Zufallsprinzip etwas mehr zu ihren Gunsten zu verschieben. Man muss sich seiner Geburt nicht schämen, ganz und gar nicht, aber das, in was man hineingeboren wurde, zu schätzen und vor allem gut zu nutzen wissen.

    Wie so oft, machen die Menschen den Unterschied. So war es letztlich auch bei Kathmandu. Ich würde auch ein drittes Mal nicht wegen der Stadt kommen, sondern dann wohl wegen eben jener Menschen, die ich kennenlernen durfte. Dank ihrer Offenheit und Unterstützung und Bereitschaft, mir geduldig die Welt hier näher zu bringen, fühlte ich mich wohl. Es ist ein deutlicher Unterschied, ob ich als Tourist hierher komme und nach ein paar Tage in die Berge weiterreise, oder ob ich in den Alltag eintauche und all die großen, aber eben auch die vielen kleinen Sonderlichkeiten wahrnehme und damit umgehen muss.

    Von daher – es bleibt viel nach einem Monat Kathmandu. Ich bin sicher, dass sich so manches auch mit der Zeit erst ablagern wird in mir und wieder auftaucht, wenn ich es nicht erwarte. So wie sich die Erinnerungen meiner frühen Kindheit hier immer wieder meldetet, die, als ich bei meiner Oma übernachtet habe, wo es auch nur einen Ofen und heißes Wasser aus dem Topf gab. Und die dicken Federbetten mit der Wärmeflasche drunter, wenn nur noch die Nasenspitze rausschaute, die langsam abzufrieren drohte. Schon komisch, dass genau diese Ablagerung von Erinnerung in Kathmandu ganz noch oben waberte. Es sind schöne Erinnerungen. Und so werden es auch die von Kathmandu eines Tages sein.
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    Trip end
    February 5, 2026