Willkommen am 11. Magh 2082
January 13 in Nepal ⋅ ☀️ 20 °C
Es sind die Kleinigkeiten. Es sind fast immer die Kleinigkeiten, die in der Summe zu Verwirrung, Verstimmung und letztlich zu Unverständnis führen. Daher sollte schon bei der Verwirrung angefangen werden, diese aus dem Weg zu räumen. Doch leichter gesagt als getan. Manchmal weiß ich gar nicht, was mich genau verwirrt oder finde es unschicklich, es anzusprechen. Aber zum Glück habe ich offene Kollegen und letztlich Kathrin, die mir vieles erklären. Beispiel gefällig? Morgens im Büro, die Kollegen trudeln ein, setzten sich auf ihren Platz – wortlos. Komme ich selbst an und grüße, wird das nicht wahrgenommen. Unhöflich? Nein, es ist so üblich, dass man sich morgens nicht grüßt. Man setzt sich einfach hin und irgendwann fängt man dann an zu sprechen, zu fragen, wie das Wochenende war. Oder ein anderes Bsp ist das Hochklappen der nicht vorhanden Bürgersteige gegen 19h30. Es ist schon möglich, sich abends mit Nepali zu verabreden. Jedoch gegen 19h brechen die meisten plötzlich auf. Wieder unhöflich? Nein, das entstammt der hohen und anderen Stellung der Familie in Nepal. Kinder, selbst wenn sie schon ausgezogen sind, werden jeden Tag von den Eltern oder einem beauftragten Familienmitglied gegen 19h angerufen, um sicher zu gehen, dass sie wohlbehalten zu Hause sind. Ganz besonders die Töchter, da können die auch schon 30 sein. Je wohlhabender die Familien und je gebildeter, um so weniger ist das der Fall, aber das ist die Minderheit.
Am Donnerstag verabschiedeten sich meine Kollegen bis zum kommenden Montag. Meine Frage, was sie denn morgen machen, wurde mit leichtem Unverständnis quittiert - es sei doch Feiertag, ob ich denn ins Office kommen würde? Äh, muss ich klären. Erklärung: Es gibt mehr als 100 Feiertage im Land. Damit nicht ständig alles komplett still seht, gibt es die Regel, dass die Unternehmen den Frauen 14 und den Männern 13 Feiertage frei geben müssen. Daraufhin wollte ich den Gleichstellungsbeauftragten sprechen. Nach einer kurzen, aber witzigen Irritation auf der Gegenseite erklärte man mir, dass der zusätzliche Tag eine Art Frauentag sei. Allerdings würden die Frauen angehalten, das Haus sauber zu halten und für die Gesundheit des Mannes zu beten. Nun, ich zog meine Beschwerde zurück. Dafür brauchen die Frauen ja nun wirklich mal einen Tag Zeit. Und bei NSST bestimmen die Mitarbeiter selbst, welche Feiertage sie für sich frei nehmen. Ich bin dann mal ins Office.
Dann ist da noch die Viertelstunde extra Zeitverschiebung, die Nepal hat. Damit ist das Land das einzige in seiner Zeitzone. Warum? Nun, Nepal wollte eine Zeit, die dem tatsächlichen Sonnenhöchststand am nächsten kommt, das es zwischen zwei Standartzeitzonen liegt. Und man möchte sich, auch hier, von dem übermächtigen Nachbarn Indien abgrenzen, der immer wieder versucht, Nepal unter seine Kontrolle zu bekommen.
Neulich beim Einkaufen am Obs- und Gemüsestand meines Vertrauens gleich um die Ecke, ich wollte u.a. fünf Bananen kaufen. Englisch war nicht die Sprache der Wahl. Also zeigte ich 5 Finger meiner Hand. Die Frau wiegte den Kopf hin und her. Ich zeigte nochmal auf die Bananen und wieder 5 Finger. Dann viel mir ein, dass man nicht mit der Handfläche nach außen zählt und zeigt. Also noch mal mit Handfläche nach innen. Wieder Kopf wiegen. Dann fiel mir ein, dass hier ja das wiegen des Kopfes ja bedeutet. Das hätte mir auch eher einfallen können. Die hielt mich wahrscheinlich auch für leicht beschränkt, immer das gleiche zu fragen und dabei die Hände hin- und her zu drehen. Kommunikation at itˋs best. Der kleine Sohn mischte sich ein. Er zeigte auf die Bananen und sagte etwas, was ich nicht verstand. Die Bananen hingen direkt vor meinen Augen, sollte ich sie mir doch einfach selbst nehmen? Inzwischen war der halbe Laden mit meinem Wunsch nach Bananen beschäftigt. Der kleine Junge verstand das Problem und nahm die Früchte runter und zählte mit allen Fingern 5 Bananen ab und legte sie auf den Tisch. Na, das hat doch schon mal fast problemlos geklappt, dann machen wir mal mit Mandarinen und Weintrauben weiter. Als endlich alles beisammen war und das Geld die Tüte wechselte, war alles in der Tüte, nur die Bananen nicht. Ich wand mich an den kleinen Jungen, machte ein trauriges Gesicht und fragte nach meinen Bananen. Er verstand sofort und holte sie mir.
So gibt es fast jeden Tag ein Handvoll neuer kleiner Geschichten. Dazu noch der Tag bei NSST und ich komme abends ko in der Wohnung an. Ich gebe zu, dass ich dann den Heizradiator anmache, meine Kuscheldecke umlege und Disney+ schaue. Allen voran Grentchaster – eine absolute Empfehlung. In etwa wie Father Brown, also ein Priester löst auf dem englischen Land Anfang der 50er Mordfälle. Das ist aber auch schon die ganze Gemeinsamkeit. Diese Serie hat sooo viel mehr Tiefgang, das es fast schon zu viel ist. Und nicht ganz zu verachten, einen sehr gut aussehenden Pfarrer. Es gibt 10 Staffeln, also viel zu tun.
Aber Sozialleben habe ich auch. So war ich neulich mit einer Kollegin beim Bouldern. Dachte, das wird schon werden, war ich doch schließlich mit einer Bekannte, die ich in Albanien kennengelernt habe, dreimal in Düsseldorf in der Halle. Naja, 30 Minuten ging es gut. Als ich versuchte, wie ein Affe an der Wand zu schwingen, um nach oben zu kommen, machte es im linken Oberschenke knack. Das warˋs. Eine Zerrung in der Leistengegend. Die nächsten Tage musste ich meine Geschwindigkeit durch Kathmandu doch deutlich nach unten schrauben und die Tube Voltaren auf. Ohje, dachte, das hätte noch ein paar Jahre Zeit. Ein Bierchen trinken war auch drin, oder Abendessen mit Kathrin. Das ist immer auch alles draußen, also echt kalt. Aber in den Häusern ist es ehrlicherweise auch kalt, außer es ist sehr modern und hat eine Klimaanlage. Manchmal schwierig mit der Gemütlichkeit, wie wir sie kennen. Zum Abendessen gab es immerhin einen Heizpilz im Rücken. Kathrin und ich überlegten, wie ich den unauffällig mitnehmen könnte. Es war ein schöner Abend mit Deep-Talk und vielem Lachen. Das tat Kathrin scheinbar auch ganz gut, hatte sie doch erst vergangene Woche einen Freund in Kathmandu verloren, der noch nicht in dem Alter dafür war.
Ach ja, wenn man hier schon in der eigenen Zeitzone ist, dann natürlich auch in einer eignen Kalenderrechnung. Der Bikram Sambat ist hier offizieller Kalender, was als Tourist nicht so wichtig ist. Aber im Alltag dann schon. So sind beinahe alle offiziellen Dokumente, Zeitungen und dergleichen in dieser Kalender-Rechnung. Damit war ich, als ich am 05.01.2026 aus dem Flugzeug stieg plötzlich 56Jahre und 8 Monate weiter. So rasen also die Tage im Kathmandu dahin, und ich bin schon bei Staffel 3 bei Grentchaster.Read more















Traveler
Wunderschönes Bild!!