• Nachts sind alle Tiere grau

    January 19 in Nepal ⋅ ☀️ 25 °C

    Es ging am nächsten Tag mit einer morgendlichen Jeep-Safari weiter. Wieder saß ich zusammen mit wildfremden Menschen im Auto. Und diese Konstellation konnte kaum bunter sein. Ich war wieder der einzige Weiße, es war nun mal für Westler keine Saison. Dafür waren die Nepalis selbst auf Tour. Neben mir eine Mutter mit Sohn, die offensichtlich nicht viel Geld hatten und sich das aber irgendwie leisteten. Hinter mir dem Hotel und Aussehen nach reiche Asiaten aus ich weiß nicht woher und in der letzten Reihe drei Instagram Mädels aus Nepal, wie sie jedem Klischee entsprechend zu sein haben – langes, gewelltes Haar, geschminkt, Hotpants, Overknees usw. Und genauso verhielten sie sich auch -  alles für ein gutes Foto, es war schon anstrengend, dabei zuzusehen. Aber vor allem war der Lärm, der dabei von ihnen gemacht wurde sehr störend. Und damit begann es auch mich zu nerven. Soll jeder mit seinem Leben anfangen was er will, aber wenn sich die Sphären überschneiden heißt es Rücksicht nehmen. Und dann darf ich genervt sein, wenn das nicht passiert. Den Guide interessierte das leider wenig. Die 10 minütige Pause wurde komplett für Fotoshoots genutzt. Das Mädel, das neben mir stand, sagte am Ende ihrer Show mit einem Schwung ihrer Haarpracht zu mir: „Oh, yes, nice picture!“ Das „Oh yes, stupid woman!“ lag mir so weit vorn auf der Zungenspitze, dass ich meinen Mund zukneifen musste, damit es nicht rauskam. Warum eigentlich nicht?

    Erstaunlicherweise sahen wir dennoch ein paar Tiere, die wahrscheinlich schon stoisch diesen Zirkus über sich ergehen ließen. Zurück im Hotel aß ich zu Mittag und wieder war ich im Saal allein. Hinzu kam, dass hier die Auffassung von gutem Service war, immer nah am Gast dran zu sein, und so stellte sich die jeweilige Servicekraft keine drei Meter von meinem Tisch auf, Hände auf den Rücken, Blick zu mir. Hm, eigentlich habe ich nichts dagegen, wenn mich junge, attraktive Männer anschauen, aber das hier war dann doch zu viel und verursachte Unbehagen. Am Nachmittag bekam ich ein komisches Gefühl in der Magengegend. Nein, mir war nicht schlecht, und ich konnte dieses Gefühl doch schnell zuordnen – ich hatte Heimweh. Zum ersten Mal. Und völlig überraschend. Aber vielleicht auch nicht so sehr. Glaube, ein Auslöser war tatsächlich, dass ich hier als Weißer immer eine Sonderrolle spielte, ob ich wollte oder nicht und auffiel, was mir so gar nicht liegt. Es war eine Aufmerksamkeit, die wohlgesonnen war, keine Frage, aber mir war das Unangenehm. Wenn ich von einer Tour zurück kam, konnte ich nicht zu meinem Zimmer gehen, ohne dass ich fünfmal gefragt wurde, wie es war. Wenn ich warten musste, war immer einer bei mir und wartete mit mir. Dass wir uns auf Grund keiner gemeinsamen Sprache nicht über Grundlagen hinaus verständigen konnte, machte es nur noch merkwürdiger. Wie musste das erst für Menschen sein, die sich auf Grund ihres Aussehens auch nicht verstecken können und denen nicht mit einer freundlichen Aufmerksamkeit begegnet wird, sondern sogar feindselig. Tja, mir fehlen meine Freunde, Bruno, Düsseldorf….

    Nun, was gibt es besseres gegen Heimweh, als aktiv zu werden. Also auf zur Übernachtung im Dschungel. Der hoteleigene Guide, mit dem ich irgendwie auf einer Wellenlänge lag, und mir hier und da schon Tipps gegeben hatte, war nun auch tatsächlich mein persönlicher Guide. Wir überquerten die Hängebrücke über den Fluss, welcher den Nationalpark vom Rest sicher trennte. Uns kamen Heerscharen von Touristen entgegen, die vor Einbruch der Dunkelheit den Park verlassen mussten. Auf der anderen Seite angekommen, gesellte sich ein weiterer Guide zu uns. Ein eher schweigsamer Geselle, dessen Aufgabe es war, mit  einem langen Stock bewaffnet, für unsere Sicherheit zu sorgen. Also wanderten wir nun zu Dritt weiter in den Dschungel und die Dämmerung hinein. Unser Ziel war ein Turm, der zur Besichtigung und Übernachtung genutzt wurde. Der Blick von dort ging über einen Wasserlauf und eine Grasebene hinüber zu einem Wald. Hier war nichts mehr von all den lauten Menschen zu hören und ich atmete angesichts dieser wunderbaren Natur tief durch, setze mich auf die Bank vor dem Turm und genoss mein mitgebrachtes Bier. Rehe schauten neugierig zu mir. In mir machte sich eine tiefe Ruhe breit. Es wurde immer dunkler, die Laute der Nacht begannen die des Tage abzulösen. Zeit für ein Essen. Aber zuvor sollte ich unbedingt den Schnaps probieren, den mein Guide mitgebracht hat, selbstgebrannt von seinen Eltern, und, wie er mehrfach betonte, nur mit natürlichen Zutaten hergestellt. Ui, der haute rein, aber lief hervorragend in Richtung Magen. Dazu reichte er mir ein Ei. Warum, weiß ich auch nicht. Aber möglicherweise war es genau dieses Ei, welches mich davon abhielt, über die Brüstung zu steigen, um zu probieren, ob ich nicht doch fliegen könnte. Dann aßen wir endlich, hörten alle stumm in die Nacht hinein. Irgendwann ging ich in meine Kammer, in der ein Stuhl und ein bequemes Bett mit dicker, molliger Decke standen. Ich schlief hervorragend, geweckt von den Geräuschen der Tiere, die sich in dem Flusslauf zu vergnügen schienen. Am nächsten Morgen ging es im Morgengrauen im Nebel zurück. Wir liefen schnellen Schrittes, so dass sich meine alte Sportverletzung aus Kathmandu im Oberschenkel bemerkbar machte. (Allein für diesen Satz hat es sich schon gelohnt, mich an die Kletterwand zu hängen!).

    Im Hotel meine Sachen schnappen. Ich verabschiedete mich von meinem Guide, der mir die Hand mit den Worten „Du bist ein guter Mensch“ fest drücke. Auf zum Bus. Ich hatte zuvor schon bei der Agentur darum gebeten, nach einem anderen Platz Ausschau zu halten. Man entsprach auch hier meinem Wunsch. Und so fuhr ich dieses Mal deutlich bequemer zurück nach Kathmandu. So konnte ich auch die phantastische Landschaft betrachten, die ich auf dem Hinweg so gar nicht mitbekommen hatte. Wir fuhren im Tal an einem Flusslauf entlang langsam immer höher. Mit Musik auf dem Ohr wurden die 8h damit nicht ganz so lang
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