• Mio dio è aqua

    February 1 in Nepal ⋅ ☀️ 24 °C

    Der nächste Morgen war bitterkalt, die Sonne war noch nicht hinter den hohen Bergen hervorgekrochen. Mit jedem Zentimeter, den sie den Horizont erklomm, wurde es sofort etwas wärmer. Wir frühstückten vor atemberaubender Kulisse, die Filmproduzentin und ihr Bruder fuhren zurück nach Kathmandu, und wir verzogen uns jeder an seinen eigenen Tisch, mit dem beschäftigt, was ihn gerade so beschäftigte. Nach einem kleinen Lunch nahm uns Druga uns sein Geschäftspartner mit auf eine Jeeptour. Sie wollten uns zeigen, wo es noch überall leerstehende Häuser zu erwerben gab, wo sie schon zugeschlagen haben, wo ein Yoga Retreat entstehen sollte usw. Unglaublich schöne Orte, aber mich befiel der leise Verdacht, dass es in 5 Jahren nicht mehr so beschaulich hier zugehen wird. Wie schnell lockt der Dollar dann doch und lässt die hohen ökologischen Werte in den Hintergrund treten. Ich hoffe, sie können sich bremsen und diesen Ort bewahren. Jedenfalls waren sie von allem Feuer und Flamme und auf meine Frage, wie denn die Touristen hier herkämen, versicherte mir Druga, dass es doch super Wege hier gebe. Ich verkniff mir die Frage, wo genau die denn seien. Der Jeep, der wirklich gut ausgestattet war, hatte stark zu kämpfen, dass er vorwärts kam und Mari murmelte neben mir immer wieder „Mio Dio“. Ich repetierte innerlich mit. An einer Kurve blieben wir stecken. Der Fahrer versuchte es mit der gesamten Motorkraft rückwärts, aber jedes Mal fuhren wir weiter auf den vor uns liegenden Abgrund zu. Endlich kam die tolle Idee, dass wir doch alle aussteigen sollten. Mir war das sehr recht. Irgendwann schaffte es der Jeep. Eric erklärte mir später, dass das schon ernst gemeint sei mit den guten Straßen, man müsse beachten, von wo aus man komme, denn vorher gab es gar keine Straßen und nur Trampelpfade. Ach so. Zwischendurch hatte ich auch viel Zeit mit Tullio zu reden, über das Reisen, das Fotografieren, Menschen, Routinen, Heimat. Wir hatte auf all das teils unterschiedliche Antworten aber mit einem gemeinsamen Fundament. Mit Mari versucht ich es weiter in verschiedenen Sprachen, bis hin zur Zeichensprache. Dabei stellen wir fest, dass ungefähr die Hälfte der sowohl in Italien als auch in Deutschland sehr gebräuchlichen Handzeichen jeweils eine komplett andere Bedeutung hatten. Spannend.

    Der Sonntagmorgen brachte hervorragendes Wetter. Jetzt konnte Tullio so richtig  loslegen mit Kamera und Drohne. Ich wurde als Testimoniel missbraucht und sollte ein paar nette Worte über das Dorf vor schöner Kulisse sagen. Es brauchte nur einen Slate, dann waren alle zufrieden. Zumindest taten sie so. Ich musste langsam aufbrechen, Die drei fuhren weiter zu Drugas Geburtsstadt. Ich konnte leider nicht mit, hatte ich doch zu arbeiten am Montag. Herzlich verabschiedeten wir uns, Marie sagte noch etwas zu mir, dass ich nicht verstand. Hilfesuchend schaute ich zu Tullio, der auf englisch übersetzte, was die Fragezeichen nicht kleiner machte, ebenso wenig die französische Version. Aber ich habe eine leise Ahnung, was Marie mit der Redewendung „La Classe non è Acqua“ - „Klasse ist kein Wasser“ ausdrücken wollte.

    Am Sonntagabend war ich noch mit Sneha in Kathmandu verabredet. Sie nahm mich mit ihrem Roller mit zum nächtlichen Besuch der Swayambhu Stupa, besser bekannt als der Affentempel. Den kannte ich zwar, aber nicht mit glitzerndem Lichtermehr der Stadt ringsherum, die sich wie eine Krake bereits die dunklen Hänge des Kathmandu-Tals heraufzog.

    Nach dem Essen fuhr sich mich zu meinem Tempel. Wir brauchten kein Google mehr, ich wusste den Weg. Wir schwatzten während der Fahrt weiter über Beziehungen, Ehe, schwules Leben in Nepal. Ich glaube, ich habe nun wirklich advanced Level beim Bikefahren erreicht.
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