• Lichterspiele auf der Straße

    16. marts, Taiwan ⋅ 🌙 18 °C

    Heute ging es erstmal raus aus der großen Stadt. Wir schlossen uns einer Reisegruppe in Richtung Norden an. Ein klassisches und, wie wir merkten, ein sehr beliebtes Reiseziel der Festland-Chinesen, die für ein paar Tage auf die Insel kommen und schnell mal was sehen wollen. So wurde der Tag eine Mischung aus, muss man gesehen haben, na ja – kann man und einem wozu hierher kommen? Schön war es im Yehliu Geopark, wo Wind und Wetter lustige Gesteinsformationen gebildeten haben – die sehen nun aus wie Pilze oder der Kopf einer Königin. Wenn man es hier schaffte, einfach hundert Meter weiter als alle anderen zu laufen (und das schafft man!), dann war es ruhig und immer noch schön. Das Bergdorf Jiufen kann man sich schenken. Einfach nur mit Menschen vollgestopfte Gassen unschöner Häuser, in denen jetzt in wiederholender Abfolge Souvenirs und Essen verkauft werden. Dies war mal ein Bergarbeiterdorf. Als vor einigen Jahrzenten der Bergbau eingestellt wurde, griff die Armut um sich. Dann kam der Tourismus, da das Dorf malerisch liegt. Bewundernswert ist auf jeden Fall, dass sie es geschafft haben, wirtschaftlich die Kurve zu bekommen. Ähnlich ist auch der nächste Stopp – die Shifen Old Street, die, mit staatlicher Erlaubnis, nun ganzjährig Laternenfest hat und dies in großem Stil praktiziert. So schrieben auch wir unsere Wünsche auf eine rote Laterne und liesen diese in den Himmel steigen. Bin sicher, sie fliegt immer noch und fliegt und fliegt….

    Zurück in Taipeh ließen wir uns am 101 absetzen. Schon ein must have – dieser Wolkenkratzer – war er doch der erste, der über einen halben Kilometer in die Luft ragte und lange den schnellsten Fahrstuhl der Welt hatte. So ging es auch mit über 30 km/h rauf auf die Aussichtsplattform. Den Turm finde ich architektonisch sehr gelungen. Die Aussicht auf die Stadt bestätigte mich nur – nicht so wirklich schön. Vielleicht bin ich zu sehr mit dem europäischen Auge geschult und was Schönheit angehet sehr mäkelig, aber es gibt nur sehr wenige Städte in Asien, die ich ihrer Wirkung und des Aussehens als schön bezeichnen würde. Wohlgemerkt, Taipeh ist für mich auch nicht das Gegenteil von Schön, aber es gibt weitere, spannendere Gründe, Taiwan zu besuchen. Immerhin überforderte es mich nicht mehr. Als wir am Abend zuvor aus der Bahnhofshalle auf die Straße traten, wusste ich nicht so recht, was tun. Irgendwie war es bekannt und gleichzeitig nicht, was ich vorfand. Dann fiel mir ein, dass ich bisher noch nie in einem hochindustrialisierten Land in Asien war. Daher das viele Vertraute. Es war jedoch immer noch Asien, daher das Unbekannte. Am meisten wunderte ich mich aber über diese Lichter an den Kreuzungen, die von grün, auf gelb, auf rot wechselten. Und die Leute befolgten diese Lichter. Mir war das Konzept einer Verkehrsampel völlig abhanden gekommen. Es wollte mir nicht einleuchten, warum ich geschlagene 67 Sekunden (wurde immer mitgeteilt) darauf warten sollte, das zwei Autos und drei Mopeds vorbei rollten. Ich hätte die Straße schon 10 Mal überquert. Zeitverschwendung. Und die Leute standen hier in Schlange an. Also ich meine so richtig in Schlange -  einer nach dem anderen. Und ließen Lücken für die Fußgänger. Gehtˋs noch? Eigentlich sollte mein kleines ordnungsliebendes Herz Sprünge machen, tat es aber nicht. Aber heute, einen Tag später, war ich von dem seit Monaten geübten Rhythmus, mich mit immer der gleichen Geschwindigkeit ohne anzuhalten durch die Stadt zu bewegen, auf alte Gewohnheiten zurück geschwenkt. Interessante Erfahrung.
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