Ich überquere die Grenze nach Frankreich und fahre auf kleinen Landstraßen nach Süden.
Nachmittags nähere ich mich Verdun. Vor 110 Jahren war hier die Hölle, der Fleischwolf, die Knochenmühle. Im Ersten Weltkrieg kamen hier bei intensiven Kämpfen um die stark befestigten Höhen vor der Stadt rund 300.000 Soldaten um, die meisten von der Artillerie zerstampft, ohne dass sie ihren Feind überhaupt zu sehen bekommen hätten.
"Die Erde zittert ununterbrochen. Nicht einzelne Einschläge, sondern ein dauerndes Beben, als würde der Boden selbst krank atmen. Man wagt kaum aufzustehen, denn über den Gräben hängt ein unsichtbares Dach aus splitterndem Eisen. Der Lehm ist von Granaten aufgerissen; er gibt nach unter den Stiefeln und legt frei, was gestern noch Kamerad war. Niemand hat Zeit, niemand die Kraft, die Toten zu bergen. Man lebt zwischen ihnen, über ihnen, manchmal in ihnen. Verdun ist kein Ort mehr – es ist eine Wunde, die nicht aufhört zu bluten." (Maurice Genevoix)
Ich besuche einen deutschen Soldatenfriedhof. Ich sehe die Ruinen der Dörfer, die so stark zerstört waren, dass sie nie wieder aufgebaut wurden. Ich besuche das Fort Douaumont, wo die Soldaten tief unter der Erde in Nässe und Kälte hausten. Ich stehe vor dem monumentalen Beinhaus, in dem die Überreste von 130.000 französischen und deutschen Soldaten ruhen.
Nachdenklich fahre ich hinunter in die Stadt, suche mein Quartier auf und bin froh, in einer anderen Zeit zu leben.Read more