Wilder Westen im Herver Land
October 18 in Belgium
☁️ 10 °C
Via Mosana | Montzen – Herve | 20 km | 18. Oktober 2026
Ein Cowboy braucht nicht unbedingt ein Pferd, um auf Abenteuer zu gehen. Manchmal reichen ein Rucksack, ein paar ordentliche Stiefel und die Neugier auf das, was hinter dem nächsten Hügel wartet. Nach einem ausgiebigen Frühstück bei meinen gastfreundlichen Quartiergebern in Montzen geht es zurück auf den Chemin de Saint-Jacques. Über dem Herver Land hängt ein grauer Oktoberhimmel, die Wiesen leuchten sattgrün und zwischen Hecken und Weiden ducken sich alte Bauernhöfe. Keine endlose Prärie, aber durchaus ein Revier nach meinem Geschmack. Ob des Straßennamens Kinkenweg recherchiere ich ein wenig... er lässt sich ableiten zu camino-chen oder Chemin-chen. Also kleiner Weg
Gleich zu Beginn wartet eine Entdeckung, die mich gedanklich um einige Jahrhunderte zurückversetzt. Hinter alten Fischweihern taucht Streverstrop auf, eine Ansammlung uralter, teilweise verfallener Gebäude, die offenbar noch immer bewohnt und bewirtschaftet werden. Hier scheint seit fünfhundert Jahren niemand mehr ernsthaft renoviert zu haben. Verwittertes Mauerwerk, eingestürzte Dächer, einsame Giebelwände – als wäre der Dreißigjährige Krieg gerade erst zu Ende gegangen. Nur die Traktoren und Autos verraten, dass wir längst im 21. Jahrhundert angekommen sind. Ein herrlich morbider Ort, der mich weit mehr fasziniert als manches auf Hochglanz restaurierte Schloss.
Danach wird es sportlich. Durch den Wald führt der Weg steil hinauf nach Henri-Chapelle, der einzigen nennenswerten Steigung des Tages. Oben angekommen, streife ich den Ort nur kurz und verabschiede mich wieder von den offiziellen Pilgermarkierungen. Ein Cowboy folgt schließlich lieber seinem eigenen Kompass. Auf einem steinigen Pfad geht es steil hinunter ins Quellgebiet der Berwinne, vorbei an zwei alten Bauernhöfen und mitten hinein ins Weideland. Drei rostige Stiegel (enge Tore, durch die Kühe und Wanderer mit großen Rucksäcken nicht durchpassen) und zwei Kuhweiden später habe ich wieder festen Weg unter den Stiefeln. Die Kühe nehmen von diesem seltsamen Wanderer kaum Notiz. Vermutlich haben sie schon merkwürdigere Gestalten gesehen.
Über kleine Wege und mit einigen Schlenkern durch die hügelige Landschaft erreiche ich Clermont. Unterwegs liegen eine kleine Kapelle und das Remember Museum 39–45, wo ein amerikanischer Sherman-Panzer daran erinnert, dass diese friedliche Gegend schon ganz andere Zeiten erlebt hat. Clermont dagegen ist ein echtes Schmuckstück. Kopfsteinpflaster, historische Backsteinhäuser, ein mittelalterlich wirkendes Torhaus und eine mächtige Kirche verleihen dem Dorf seinen unverwechselbaren Charakter. Hier würde ich durchaus mein Pferd für eine Weile anbinden – hätte ich denn eines. Stattdessen gibt es einen weiteren Stempel für den Pilgerpass, bevor ich auf einer alten Eisenbahntrasse Richtung Thimister weiterziehe.
Dort ist erst einmal Zeit für eine ordentliche Mahlzeit. Eine große Portion Spaghetti Carbonara bringt den müden Cowboy wieder auf Trab, denn sechs Kilometer liegen noch vor mir. Weiter geht es auf dem ehemaligen Bahndamm, vorbei am Fort Battice. Die gewaltigen Betonbunker mit ihren Einschussspuren und zerborstenen Mauern erzählen von den schweren Kämpfen des Zweiten Weltkriegs. Ein bedrückender Anblick inmitten dieser friedlichen Landschaft. Während ringsum die Kühe grasen, holt sich die Natur langsam die alten Festungsanlagen zurück.
Schließlich erreiche ich Herve. In der Touristinformation im ehemaligen Bahnhof wandert der nächste Stempel in meinen Pilgerpass, dann geht es durch den Ort zum Hotel. Zwanzig Kilometer stehen heute auf dem Tacho, wenn man das bei einem Fußpilger so nennen darf. Die Strecke war angenehm, die Landschaft abwechslungsreich und die Fußsohlen brennen inzwischen ein wenig. Aber verdammt, wer freiwillig zwanzig Kilometer in Cowboystiefeln durchs belgische Hügelland marschiert, wird sich davon wohl kaum beeindrucken lassen.
Was bleibt, ist ein Tag voller kleiner Abenteuer, alter Gemäuer, grüner Weiden und Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, gelegentlich die markierten Wege zu verlassen und der eigenen Neugier zu folgen. Denn das eigentliche Abenteuer beginnt oft genau dort, wo der vorgeschriebene Weg endet.
Und während draußen langsam der Abend über das Herver Land zieht, dürfen die Stiefel endlich in die Ecke. Morgen wartet der nächste Ritt. Ganz ohne Pferd, versteht sich.Read more














Traveler
Ist das ein Foto oder ein abfotografiertes Bild? Irre!
TravelerIch hab leider vor Ort kein Foto gemacht, und das nach meinen Erinnerungen anschließend mit KI erstellt... Trifft es aber ganz gut
TravelerGut hinbekommen!