• Seetage mit Wellengang und Glühwein

    Mar 2–3, 2022 in Norway ⋅ 🌬 3 °C

    Nun folgten zwei Seetage. 851 Seemeilen von Bergen bis Alta. Das klingt auf der Karte erstmal nach: gemütlich über das Meer gleiten, ein bisschen aufs Wasser schauen, essen, trinken, schlafen, wieder essen. Die Realität hatte andere Pläne.

    Mitten in der ersten Nacht weckte mich die Mondwölfin mit lautem, angsterfülltem Geheule. Ich musste mich erst einmal orientieren. Statt auf einem großen Kreuzfahrtschiff schienen wir uns plötzlich in einer wilden Schiffsschaukel zu befinden. Es ging munter rauf und wieder runter, während alles, was in Regal, Bad oder auf dem Tisch eigentlich seinen Ruheplatz haben sollte, mit uns Völkerball spielte.

    Also tat ich, was ein verantwortungsvoller Seewolf in dieser Lage tun muss: Ich sicherte alles, was nicht angeschraubt war, in den Schränken und beruhigte die Mondwölfin. Angst hatte ich keine. Schließlich waren wir ja nicht auf der Titanic. Und Eisberge waren bislang auch nicht Teil des Unterhaltungsprogramms.

    Am nächsten Morgen versuchte der Kapitän bei der Borddurchsage, alle zu beruhigen. Er habe das Schiff am Morgen gründlich untersuchen lassen, und es seien keine größeren Schäden festgestellt worden. Na dann. Er schob noch hinterher, dass die AIDAsol über seitliche Stabilisatoren verfüge, die brav ihre Arbeit machen und verhindern würden, dass das Schiff seitlich rollt. Trotzdem habe er die Geschwindigkeit deutlich gedrosselt.

    Ob das jetzt beruhigend war oder vielleicht doch ein kleines bisschen zu viel Information, blieb jedem selbst überlassen.

    Während sich viele Passagiere über Nacht offenbar in grüne Monster verwandelt hatten, ging es uns erstaunlich gut. Beim Frühstück herrschte freie Platzwahl. Kaum jemand schien Hunger zu haben. Wir mussten lediglich unsere Geschicklichkeit unter Beweis stellen, denn Essen, Getränke und Geschirr hatten die feste Absicht, den Tisch möglichst selbstständig zu verlassen.

    An Deck konnten wir erstmals unsere Polarausrüstung testen. Neben einem scharfen Wind wurde es nun richtig kalt. Die Kleidung wärmte von außen, der Glühwein zeitgleich von innen. Eine sehr ausgewogene Doppelstrategie. Wir sahen die ersten schneebedeckten Berge und diese wunderschöne Kulisse, wenn die Sonne durch die Wolken bricht und die Landschaft für einen Moment aussieht, als hätte jemand Norwegen persönlich auf Hochglanz poliert.

    Im Fitnessraum verstand ich plötzlich sehr genau, warum die Geräte angeschraubt waren. Vom Crosstrainer aus betrachtete ich mitleidig die Gymnastikgruppe, die wegen des Seegangs ständig aus dem Rhythmus kam und irgendwann entnervt aufgab. Es ist eben schwer, innere Mitte zu finden, wenn die äußere Welt gerade Samba tanzt.

    Am Abend ließen wir es uns im Spa gut gehen und nahmen ein paar Schwitzbäder in der Sauna. In den Ruhepausen konnten wir beobachten, wie aus dem Pool ein Wellenbad mit Brandung wurde. Andere zahlen Eintritt für so etwas. Wir hatten es inklusive.

    So schmeckten diese Seetage nach Abenteuer, Salzluft, Glühwein, Sauna und einer ordentlichen Portion Demut vor dem Meer. Die AIDAsol brachte uns weiter Richtung Norden. Nicht ganz sanft, aber sehr eindrucksvoll.
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