• Nachtwache am geöffneten Deich

    August 20, 2002 in Germany ⋅ ☀️ 29 °C

    Viel Zeit zum Ausruhen blieb uns nicht. Am frühen Abend kam bereits der nächste Einsatzauftrag: In Mühlanger, rund sechs Kilometer südöstlich von Wittenberg, sollten wir die Kameraden aus Betzdorf ablösen.

    Dort hatte die Elbe ganze Arbeit geleistet. Einzelne Siedlungen unmittelbar am Fluss standen unter Wasser, und hinter dem Deich hatte sich auf einem etwa fünfzig Meter breiten Streifen eine gewaltige Wassermasse gesammelt. Um dieses Wasser kontrolliert zurück in die Elbe zu führen, hatten die Betzdorfer Helfer den Deich an drei Stellen geöffnet.

    Was zunächst nach einer simplen Lösung klingt, war in Wahrheit ein höchst sensibles Spiel mit der Kraft des Wassers. Die Einschnitte mussten sorgfältig mit Filzfolie und Sandsäcken gesichert werden, damit der Deich nicht aufweichte, unterspült wurde oder sich die Öffnungen unkontrolliert vergrößerten. Auch die Fließgeschwindigkeit durfte weder zu gering noch zu hoch sein. Zu wenig, und das Wasser blieb stehen. Zu viel, und aus einem kontrollierten Abfluss konnte sehr schnell ein neues Problem werden.

    Gemeinsam mit den Kameraden aus Mainz machten wir den Einsatzabschnitt für die Nacht bereit. Vier Flutlichtstrahler tauchten den Deich in helles, fast unwirkliches Licht. Zwischen schwarzem Himmel, silbern glänzendem Wasser und den schweren Konturen der Sandsacklinien entstand eine Szenerie, die zugleich technisch nüchtern und beinahe dramatisch wirkte.

    Die restliche Nacht verbrachten wir damit, die drei Deicheinschnitte permanent zu beobachten. Immer wieder mussten Sandsäcke umgesetzt, Durchflussmengen angepasst oder einzelne Stellen weiter vertieft werden. Das Wasser floss, der Deich arbeitete und wir standen dazwischen – wachsam, konzentriert und mit dem leisen Gefühl, in dieser Nacht über drei kleine Schleusen zwischen Ordnung und Chaos zu wachen.
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