• Wanderwolf
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Mit dem THW gegen die Flut

Eine Woche zwischen Sandsäcken, Deichen, Pumpen und schlaflosen Nächten. Gemeinsam mit THW, Bundeswehr, Feuerwehr und Bevölkerung kämpften wir an Elbe und Schwarzer Elster – gegen das Wasser und für jeden Meter Heimat. Read more
  • Trip start
    August 18, 2002

    Zehn Tage gegen die Flut

    August 18, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 20 °C

    Einer der größten Inlandseinsätze in der Geschichte des Technischen Hilfswerks ging an mir als damals aktivem Ehrenamtler natürlich nicht spurlos vorbei. Ich war nicht nur irgendwie dabei – ich war mittendrin.

    Während das THW Bad Kreuznach bereits am 14. August erste Einsatzkräfte und Material in das Hochwassergebiet entsandte, führte ich unsere Bergungsgruppe gemeinsam mit weiteren Ortsverbänden in Richtung Sachsen. Das Ziel lag irgendwo hinter dem Horizont, die Lage war ernst, die Nachrichten überschlugen sich – und wir rollten hinein in einen Einsatz, dessen Ausmaß wir zu diesem Zeitpunkt nur erahnen konnten.

    Gut ausgebildet waren wir. Materiell bestens ausgestattet ebenfalls. Die Fahrzeuge waren beladen, die Abläufe saßen, jeder kannte seine Aufgabe. Theoretisch also alles unter Kontrolle. Praktisch jedoch kennt wohl jeder Einsatz dieselbe unsichtbare Begleiterscheinung: Adrenalin. Es strömt schon vor der Abfahrt durch sämtliche Adern und setzt sich auf der Anreise hartnäckig mit ins Fahrzeug.

    Was kommt auf uns zu? Wie entwickelt sich die Lage? Werden wir rechtzeitig dort sein, wo Hilfe gebraucht wird? Und wird das, was wir gelernt und geübt haben, draußen im echten Einsatz tatsächlich ausreichen?

    Zwischen Funkverkehr, Motorengeräusch und dem Blick auf die vorbeiziehende Landschaft wuchs mit jedem Kilometer die Gewissheit: Das hier würde kein gewöhnlicher Einsatz werden.
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  • Alarm um ein Uhr

    August 18, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 19 °C

    Um ein Uhr in der Nacht riss uns der Funkmelder aus dem Schlaf. Dieses schrille, unmissverständliche Geräusch, das keine Diskussion zulässt. Also raus aus den Federn, rein in die Einsatzkleidung und noch einmal ordentlich Abschied nehmen von Frau und Kindern.

    Wir wussten jetzt: Es geht los.

    Was wir nicht wussten: wohin genau, wie lange und wann wir wieder zurück sein würden. Solche Momente haben etwas Eigentümliches. Einerseits läuft alles routiniert ab, jeder Handgriff sitzt. Andererseits steht plötzlich die ganze Ungewissheit mit im Flur und schaut beim Verabschieden zu.

    Im Ortsverband angekommen, verstauten wir unser persönliches Gepäck und beluden zusätzlich einen Anhänger mit allem, was sich möglicherweise als nützlich erweisen könnte. Bei einem Hochwassereinsatz ist „könnte man vielleicht brauchen“ schließlich eine ausgesprochen dehnbare Kategorie. Was Platz hatte und sinnvoll erschien, kam mit.

    Die Kameradinnen und Kameraden, die in Bad Kreuznach zurückblieben und uns von dort den Rücken freihalten würden, verabschiedeten uns. Kein großes Zeremoniell, keine langen Reden. Ein paar ernste Blicke, feste Händedrücke, knappe Worte. Jeder wusste, dass ab jetzt der Einsatz seinen eigenen Rhythmus vorgeben würde.

    Unser Koch hatte unterdessen offenbar beschlossen, dass die größte Gefahr dieser Mission nicht das Hochwasser, sondern ein möglicher Mangel an Verpflegung sei. Entsprechend üppig fiel die Marschverpflegung aus. Selbst bei vollständiger Einschließung durch die Elbe wären wir vermutlich noch mehrere Tage erstaunlich komfortabel über die Runden gekommen.

    So standen wir schließlich da: müde, angespannt, gut ausgerüstet und mit mehr Proviant versorgt als manche kleinere Expedition. Bereit für die Fahrt ins Ungewisse.
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  • Im blauen Verband Richtung Flut

    August 18, 2002 in Germany ⋅ ☀️ 22 °C

    Am Vormittag trafen wir uns an einer Raststätte an der A5 mit weiteren Kameraden aus den Ortsverbänden Bingen, Mainz und Simmern. Aus einzelnen Fahrzeugen wurde ein blauer Verband, aus mehreren Ortsverbänden eine gemeinsame Einheit. Mit Blaulicht und klarer Marschordnung setzten wir uns in Richtung Halle in Bewegung.

    Als Verbandsführer lag es zunächst an mir, Mensch und Material sicher ans Ziel zu bringen. Das klingt nüchtern und beinahe technisch, war aber weit mehr als nur Navigation und Funkverkehr. Gleich zu Beginn musste der Auftrag für alle klar sein: Was wissen wir? Was wissen wir noch nicht? Was wird von jedem erwartet? Welche Regeln gelten im Verband? Und wie sorgen wir dafür, dass aus vielen einzelnen Helfern eine Mannschaft wird, die auch unter Druck funktioniert?

    Manche brauchten klare Ansagen, andere ein persönliches Gespräch. Wieder andere ließen sich schon mit einem Schokoriegel zuverlässig für die nächsten hundert Kilometer motivieren. Führung kann erstaunlich komplex sein – und manchmal erstaunlich kalorienhaltig.

    Noch weit entfernt vom eigentlichen Einsatzgebiet bekamen wir einen ersten Eindruck davon, wie sehr die Bevölkerung mit den Helfern mitfieberte. Dem Fahrzeugverband wurde bereitwillig Platz gemacht, Autofahrer grüßten, winkten oder suchten bei Rast- und Tankstopps spontan das Gespräch. Immer wieder kamen dieselben Fragen: Wo geht es hin? Wie schlimm ist es? Wie lange bleibt ihr?

    Während einer Rast überraschte uns schließlich ein Mitbürger mit 100 Euro für Getränke. Einfach so. Kein großes Aufheben, keine lange Ansprache. Nur eine Geste, die mehr sagte als viele Worte.

    Noch hatten wir die Wassermassen nicht gesehen. Doch schon auf der Anfahrt wurde deutlich: Dieser Einsatz bewegte nicht nur die Menschen an Elbe und Mulde. Das ganze Land war mit unterwegs.
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  • Kein Bett frei – aber ein Ballsaal

    August 18, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 25 °C

    Gegen 19:30 Uhr erreichten wir schließlich Halle. Nach vielen Stunden auf der Straße gab es zunächst etwas zu essen und eine erfrischende Dusche – zwei Dinge, die in diesem Moment bereits beinahe nach Wellness klangen.

    Nur mit dem Schlafplatz sah es deutlich weniger komfortabel aus. Der Bereitstellungsraum war inzwischen zur provisorischen THW-Herberge geworden, allerdings offenbar zu einer mit sehr begrenzter Bettenzahl. Für uns war schlicht kein Platz mehr vorhanden.

    Ein wenig fühlten wir uns wie in der Weihnachtsgeschichte: viele Menschen, viel Improvisation, aber keine Herberge weit und breit.

    Zahlreiche Telefonate später war klar, dass uns auch auf offiziellem Wege niemand ein Dach über dem Kopf zaubern konnte. So ist das bei einem Großeinsatz, der schneller wächst als seine eigene Organisation. Nicht alles läuft reibungslos, nicht jedes Bett steht schon bereit und selbst der beste Einsatzplan enthält selten ein Kapitel mit der Überschrift „Pauschalreise mit garantierter Unterkunft“.

    Also waren wir auf uns selbst gestellt.

    Mit einer kleinen Gruppe von Führungskräften machten wir uns auf den Weg zum größten Hotel in der Nähe. Dort betraten wir die Lobby mit jener Mischung aus Höflichkeit, Entschlossenheit und einer Portion selbst verliehener Einsatzautorität, die offenbar notwendig ist, wenn man für knapp 50 müde THW-Helfer einchecken möchte.

    Die Rezeption war entsprechend überrascht.

    Wir erklärten unsere Lage, fragten freundlich, aber bestimmt nach einer Übernachtungsmöglichkeit für eine Nacht – und rechneten ehrlich gesagt mit allem, nur nicht mit dem, was dann geschah.

    Das Hotel stellte uns seinen Ballsaal großzügig und kostenlos zur Verfügung.

    Wo sonst vermutlich getanzt, gefeiert und bei Hochzeiten Champagner getrunken wurde, bauten wir nun unsere Feldbetten auf. Der Ballsaal verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit in eine sehr exklusive Gemeinschaftsunterkunft mit Blaulichtadel und Schlafsackpflicht.

    Sogar Duschen durften wir nutzen. Für den nächsten Morgen wurden uns Kaffee und ein kleines Frühstück in Aussicht gestellt.

    So lagen wir schließlich im Ballsaal eines großen Hotels, erschöpft, dankbar und ein wenig amüsiert über die Wendungen dieses Tages.

    Luxusreisen eben. Nur ohne Reiseleitung, Zimmerservice und Rückfluggarantie.
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  • Um 2:45 Uhr war die Nacht vorbei

    August 19, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 18 °C

    Inzwischen war es ein Uhr nachts, als wir endlich hundemüde in unsere Schlafsäcke krochen. Viel Zeit zum Genießen des improvisierten Ballsaal-Luxus blieb allerdings nicht. Die Nacht hatte kaum begonnen, da war sie im Grunde schon wieder vorbei.

    Um 2:45 Uhr erreichten uns die neuen Einsatzbefehle.

    Das angekündigte Hotelfrühstück fiel damit ebenso aus wie jede Hoffnung auf ein paar erholsame Stunden Schlaf. Der Ballsaal hatte uns zwar aufgenommen, behalten wollte er uns offenbar nicht lange.

    Die Kameraden aus Bingen erhielten einen eigenen Auftrag und trennten sich von unserem Verband. Wir hingegen setzten uns gemeinsam mit den Helfern aus Mainz wieder in Bewegung. Unser neues Ziel: Wittenberg.

    Dort sollten wir der örtlichen THW-Einsatzleitung unterstellt werden und erfahren, wo unsere Kräfte am dringendsten gebraucht wurden. Noch wussten wir nicht, was genau auf uns wartete. Nur eines war klar: Jetzt begann der eigentliche Einsatz.

    Also Feldbetten zusammenklappen, Schlafsäcke verstauen, Fahrzeuge besetzen und weiterfahren. Müde bis in die Knochen, aber hellwach im Kopf.

    Der Ballsaal blieb zurück. Vor uns lag die Elbe.
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  • Annaburg statt Wittenberg

    August 19, 2002 in Germany ⋅ ☀️ 18 °C

    In Wittenberg kamen wir zunächst gar nicht an. Noch während der Anfahrt wurde unser Auftrag geändert und der Verband nach Annaburg umgeleitet. Großeinsatz eben: Das Ziel ist nur so lange das Ziel, bis irgendwo anders die Lage schneller kippt.

    Annaburg lag rund drei Fahrstunden von Halle entfernt. Als wir dort am frühen Morgen eintrafen, war die Situation bereits angespannt. Von Süden drückte das Wasser der über die Ufer getretenen Schwarzen Elster in Richtung Ort. Am Sportplatz war bereits am Vortag ein Erdwall errichtet worden. Nun sollte er zusätzlich mit Sandsäcken verstärkt werden, bevor aus einer vorsorglichen Schutzlinie eine nachträgliche Erklärung wurde.

    Die Bundeswehr war bereits im Einsatz. Nach einer gemeinsamen Erkundung teilten wir die Aufgaben untereinander auf. Eine Gruppe dichtete einen kleinen Kanal mit einer großen Betonplatte gegen eindringendes Wasser ab. Eine weitere unterstützte die örtliche Feuerwehr bei der Notstromversorgung. Die übrigen Gruppen gingen in den Sandsackbau und verstärkten den Erdwall.

    Währenddessen führte ich mit meinem Führungstrupp die eingesetzten Gruppen und hielt die Verbindung zur Einsatzleitung, zur Feuerwehr, zum Bürgermeister und zur Bundeswehr. Viel Funkverkehr, viele Absprachen, viele Informationen – und natürlich möglichst wenig Zeit, um sie in Ruhe zu sortieren.

    Für eine funktionierende Führung braucht es schließlich nicht nur Einsatzkräfte, Fahrzeuge und Funkgeräte, sondern auch einen Ort, an dem Lagekarten ausgebreitet, Entscheidungen getroffen und Telefone benutzt werden können. Also organisierten wir kurzerhand mit jener inzwischen vertrauten Mischung aus Höflichkeit, Entschlossenheit und selbst verliehener Einsatzautorität einen Besprechungsraum in einem örtlichen Unternehmen – inklusive Strom und Telefon.

    Was am Vorabend noch ein Ballsaal gewesen war, wurde nun durch einen nüchternen Besprechungsraum ersetzt. Der Komfort nahm ab, die Verantwortung zu. Und spätestens jetzt war klar: Wir waren endgültig im Einsatz angekommen.
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  • Als das Frühstück vom Himmel fiel

    August 19, 2002 in Germany ⋅ ☀️ 23 °C

    Ohne Frühstück und mit einer Nacht, die diesen Namen kaum verdient hatte, machten sich die Helfer sofort an die Arbeit. Niemand diskutierte, niemand suchte nach Ausreden. Die Müdigkeit saß zwar tief in den Knochen, doch der Auftrag war stärker.

    Gegen Erschöpfung halfen Kaffee, Kameradschaft und die schlichte Tatsache, dass das Wasser keinerlei Rücksicht auf unseren Schlafmangel nahm. Nur beim Thema Frühstück wurde die Lage kritisch. Also intervenierte ich dort, wo Führung manchmal ganz praktische Formen annimmt: nicht nur Menschen und Material koordinieren, sondern dafür sorgen, dass fünfzig hungrige Einsatzkräfte nicht irgendwann beginnen, Sandsäcke mit belegten Brötchen zu verwechseln.

    Währenddessen wurde der Sportplatz zum Drehkreuz des Ausnahmezustands. Hubschrauber landeten im Minutentakt, wirbelten Staub, Gras und lose Gedanken durch die Luft und setzten Sandsäcke sowie technisches Gerät ab. Kaum war einer wieder aufgestiegen, kündigte sich bereits der nächste mit tiefem Rotorendonner an.

    Dann kam jener Hubschrauber, mit dem niemand gerechnet hatte.

    Er brachte weder Pumpen noch Aggregate, keine Sandsäcke und kein schweres Gerät. Stattdessen lieferte er Frühstück für das Technische Hilfswerk.

    Für einen kurzen Moment standen selbst erfahrene Helfer staunend da. Frühstück aus der Luft – vermutlich die spektakulärste Form des Brötchenservices, die Annaburg bis dahin erlebt hatte.

    Und so geschah es, dass an diesem Morgen nicht nur Sandsäcke, sondern auch belegte Brötchen vom Himmel fielen. Die Müdigkeit blieb. Doch plötzlich schmeckte der Einsatz ein kleines bisschen besser.
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  • Wo Straßen zu Flüssen wurden

    August 19, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 27 °C

    Trotz aller Anstrengungen ließ sich das Wasser nicht überall aufhalten. Es drückte weiter vor, suchte sich seine Wege und machte deutlich, wer in diesen Stunden das Tempo bestimmte. Eine Einsatzstelle musste schließlich aufgegeben werden. Kein schöner Entschluss, aber ein notwendiger. Heldentum besteht manchmal eben nicht darin, um jeden Preis stehenzubleiben, sondern rechtzeitig zu erkennen, wann Rückzug die vernünftigere Form von Verantwortung ist.

    Zum Glück verfügten wir über einen geländegängigen Lastwagen aus ehemaligen Bundeswehrbeständen. Einst olivgrün, inzwischen in würdigem THW-Blau lackiert, zeigte das alte Schlachtross, dass Herkunft verpflichtet. Kniehohes Wasser beeindruckte ihn ungefähr so sehr wie einen Elefanten eine Pfütze. Wo andere Fahrzeuge längst kapituliert hätten, arbeitete er sich stoisch weiter vor.

    Auch unser mitgebrachtes Aluminiumboot kam nun zum Einsatz. Damit erreichten wir einen landwirtschaftlichen Betrieb, dessen Notstromversorgung ausgefallen war. Für einen Hof inmitten des Wassers ist das keine technische Nebensächlichkeit, sondern sehr schnell eine existenzielle Bedrohung. Die Anlage wurde wieder instand gesetzt, der Betrieb bekam seinen Strom zurück und damit ein kleines Stück Normalität in einer Lage, die davon nicht mehr viel übriggelassen hatte.

    Und weil selbst große Einsätze ihre ganz eigenen Nebenaufträge bereithalten, retteten wir bei dieser Gelegenheit noch eine Katze aus dem Wasser.

    So nahm dieser Einsatzabschnitt ein beinahe klassisches Ende: ein Hof wieder unter Strom, ein alter Bundeswehr-Lkw in seinem Element, ein Aluminiumboot auf großer Fahrt – und eine Katze, die vermutlich bis heute fest davon überzeugt ist, das Technische Hilfswerk sei eigens ihretwegen ausgerückt.
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  • Ein Bollwerk aus Sandsäcken

    August 19, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 29 °C

    Der Sandsackbau kam zunächst nur mühsam in Gang. Nicht etwa, weil es an Helfern oder Entschlossenheit mangelte, sondern weil selbst die beste Einsatzbereitschaft wenig ausrichtet, wenn das Material auf gesperrten Straßen irgendwo im Kreis fährt. Die Lastwagen mussten große Umwege nehmen, und anfangs standen schlicht nicht genügend Transportkapazitäten zur Verfügung.

    So entstand jene besondere Mischung aus Hektik und Warten, die Großeinsätze gelegentlich hervorbringen: überall Bewegung, überall Anspannung – und trotzdem fehlt ausgerechnet das, was man gerade dringend braucht.

    Zwischenzeitlich nahm die Logistik fast monumentale Züge an. Riesige, bereits gefüllte Sandsäcke wurden per Hubschrauber eingeflogen und aus der Luft angeliefert. Was sonst mühsam Sack für Sack aufgeschichtet wurde, schwebte nun am Haken durch den Himmel. Für einen Moment wirkte der Sportplatz weniger wie eine Einsatzstelle und mehr wie die Kulisse eines Katastrophenfilms mit erstaunlich guter Ausstattung.

    Doch am Ende des Tages stand er: ein solider Sandsackdeich, breit, schwer und entschlossen genug, sich der herandrückenden Flut entgegenzustellen. Zusätzlich legten wir an verschiedenen Stellen kleinere Depots an, damit im Ernstfall schnell nachgebessert werden konnte.

    Aus Umwegen, Warten, Rotorenlärm und vielen Händen war schließlich eine Schutzlinie geworden. Kein Denkmal für die Ewigkeit – aber für diese Nacht genau das Bollwerk, das Annaburg brauchte.
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  • Der stärkste Deich war die Gemeinschaft

    August 19, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 28 °C

    Die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr funktionierte hervorragend. Durch den engen Austausch zwischen der militärischen Führung und unserer THW-Einsatzleitung vor Ort liefen die Maßnahmen erstaunlich reibungslos – erstaunlich jedenfalls für eine Lage, in der Wasserstände, Einsatzaufträge und Zuständigkeiten beinahe stündlich neue Wege suchten.

    Gemeinsam gelang es, die geplante Evakuierung Annaburgs zu verhindern. Der Ort blieb. Die Menschen blieben. Und der Sandsackwall hielt.

    Zeitweise wurde mir sogar die Führung der eingesetzten Bundeswehreinheit übertragen, weil deren Kommandant zu einer Lagebesprechung in seine Führungsstelle abberufen wurde und offenbar keinen geeigneten Vertreter zur Hand hatte. So stand ich plötzlich an der Spitze von Soldaten, obwohl ich Jahre zuvor ausgerechnet zum THW gegangen war, um dem Wehrdienst zu entgehen.

    Das Leben hat Humor. Manchmal trägt er Flecktarn.

    Mindestens ebenso beeindruckend wie die Zusammenarbeit der Einsatzkräfte war erneut die Haltung der Bevölkerung. Annaburg war auf den Beinen. Menschen schleppten Sandsäcke, reichten Getränke, brachten Essen und halfen dort, wo gerade zwei Hände fehlten. Die Grenze zwischen Helfenden und Betroffenen verschwamm schnell – alle arbeiteten für dasselbe Ziel.

    Und was immer wir benötigten, wurde organisiert. Strom und Telefonanschlüsse für unsere Führungsstelle, Geschirr für das Mittagessen, Räume, Material und natürlich auch Toiletten für jene menschlichen Bedürfnisse, die selbst im größten Katastropheneinsatz eine erstaunliche Beharrlichkeit besitzen.

    In diesen Stunden wurde sichtbar, was ein Ort leisten kann, wenn niemand fragt, ob er zuständig ist. Bundeswehr, THW, Feuerwehr, Verwaltung und Bevölkerung arbeiteten nicht nebeneinander, sondern miteinander.

    Vielleicht war genau das der stärkste Deich dieses Tages.
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  • Schlamm, Stolz und eine Atempause

    August 19, 2002 in Germany ⋅ 🌙 24 °C

    Mit Stolz über unseren ersten erfolgreich bewältigten Einsatz, Schlamm an der Einsatzkleidung und einem gewaltigen Paket Dankbarkeit im Gepäck verließen wir Annaburg. Hinter uns lag ein Ort, der nicht evakuiert werden musste. Vor uns lag Wittenberg – und zum ersten Mal seit vielen Stunden so etwas wie eine Atempause.

    Dort angekommen, bekamen wir etwas Ruhe. Eine jener seltenen Einsatzpausen, in denen man erst merkt, wie müde man tatsächlich ist. Die Fahrzeuge standen, die Aggregate schwiegen für einen Moment, und wir machten uns daran, unsere Ausrüstung zu reinigen. Schlamm wurde abgewaschen, Material geprüft, Kleidung notdürftig wieder in einen Zustand versetzt, der zumindest entfernt an Einsatzbereitschaft erinnerte.

    Die große Hochwasserwelle war im Raum Wittenberg inzwischen durchgezogen. Der dramatische Anstieg lag hinter den Menschen. Nun blieb nur noch die Hoffnung, dass die Pegel endlich sinken würden.

    „Nur noch“ ist in solchen Lagen allerdings ein bemerkenswert optimistisches Wort. Denn Wasser, das gekommen ist, verschwindet nicht einfach höflich wieder. Es bleibt in Kellern, auf Feldern, in Straßen, hinter Deichen und in den Köpfen der Menschen.

    Doch für diesen Moment durften wir uns erlauben, kurz durchzuatmen. Der erste Auftrag war erfüllt. Wir hatten funktioniert, improvisiert, geführt, geschleppt, gerettet und geholfen.

    Und irgendwo unter Schlamm, Müdigkeit und dem Geruch nasser Einsatzkleidung saß dieses stille, gute Gefühl: Wir hatten etwas bewirkt.
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  • Nachtwache am geöffneten Deich

    August 20, 2002 in Germany ⋅ ☀️ 29 °C

    Viel Zeit zum Ausruhen blieb uns nicht. Am frühen Abend kam bereits der nächste Einsatzauftrag: In Mühlanger, rund sechs Kilometer südöstlich von Wittenberg, sollten wir die Kameraden aus Betzdorf ablösen.

    Dort hatte die Elbe ganze Arbeit geleistet. Einzelne Siedlungen unmittelbar am Fluss standen unter Wasser, und hinter dem Deich hatte sich auf einem etwa fünfzig Meter breiten Streifen eine gewaltige Wassermasse gesammelt. Um dieses Wasser kontrolliert zurück in die Elbe zu führen, hatten die Betzdorfer Helfer den Deich an drei Stellen geöffnet.

    Was zunächst nach einer simplen Lösung klingt, war in Wahrheit ein höchst sensibles Spiel mit der Kraft des Wassers. Die Einschnitte mussten sorgfältig mit Filzfolie und Sandsäcken gesichert werden, damit der Deich nicht aufweichte, unterspült wurde oder sich die Öffnungen unkontrolliert vergrößerten. Auch die Fließgeschwindigkeit durfte weder zu gering noch zu hoch sein. Zu wenig, und das Wasser blieb stehen. Zu viel, und aus einem kontrollierten Abfluss konnte sehr schnell ein neues Problem werden.

    Gemeinsam mit den Kameraden aus Mainz machten wir den Einsatzabschnitt für die Nacht bereit. Vier Flutlichtstrahler tauchten den Deich in helles, fast unwirkliches Licht. Zwischen schwarzem Himmel, silbern glänzendem Wasser und den schweren Konturen der Sandsacklinien entstand eine Szenerie, die zugleich technisch nüchtern und beinahe dramatisch wirkte.

    Die restliche Nacht verbrachten wir damit, die drei Deicheinschnitte permanent zu beobachten. Immer wieder mussten Sandsäcke umgesetzt, Durchflussmengen angepasst oder einzelne Stellen weiter vertieft werden. Das Wasser floss, der Deich arbeitete und wir standen dazwischen – wachsam, konzentriert und mit dem leisen Gefühl, in dieser Nacht über drei kleine Schleusen zwischen Ordnung und Chaos zu wachen.
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  • Drei Nächte, bis das Wasser ging

    August 22, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 18 °C

    Am späten Vormittag des nächsten Tages übernahm das THW Betzdorf wieder den Einsatzabschnitt. Für uns hieß es: Rückzug zur Ruhe, Ausrüstung überprüfen, Schlaf nachholen – oder zumindest das, was im Einsatzbetrieb großzügig als Schlaf bezeichnet wurde.

    In der folgenden Nacht lösten wir die Betzdorfer erneut ab. So entwickelte sich über die nächsten Tage ein fester Rhythmus: nachts am geöffneten Deich, tagsüber auf Feldbetten. Während andere schliefen, wachten wir über das Wasser. Während andere arbeiteten, versuchten wir, zwischen Funkgeräten, Einsatzkleidung und ständigem Kommen und Gehen ein paar Stunden Ruhe zu finden.

    Der Einsatz wurde zu einer stillen Schichtarbeit gegen die Flut. Bad Kreuznach, Betzdorf und Mainz wechselten sich ab, hielten die drei Deicheinschnitte unter Kontrolle, regelten den Durchfluss nach und sorgten dafür, dass das Wasser dorthin zurückkehrte, wo es hingehörte: in die Elbe.

    Drei Tage lang floss es durch die geöffneten Deichstellen zurück. Drei Tage lang blieb der Einsatzabschnitt besetzt. Drei Tage lang wurde beobachtet, gesichert, nachgebessert und gewartet.

    Dann war es geschafft.

    Das gesamte Wasser hinter dem Deich war abgeflossen. Die überfluteten Flächen lagen wieder frei, die Einschnitte hatten ihren Zweck erfüllt und der gemeinsame Dauereinsatz der Ortsverbände Bad Kreuznach, Betzdorf und Mainz konnte beendet werden.

    Was blieb, waren tiefe Müdigkeit, schmutzige Einsatzkleidung und das gute Gefühl, dass aus drei geöffneten Stellen im Deich kein neues Risiko, sondern ein kontrollierter Weg zurück zur Normalität geworden war.
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  • Liter für Liter zurück zur Elbe

    August 24, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 20 °C

    Zum Verschnaufen kamen wir allerdings kaum. Kaum war der Einsatz in Mühlanger beendet, bat uns die Feuerwehr im benachbarten Gallin um Unterstützung. Die Straßen waren zwar größtenteils wieder passierbar, doch im Ort und auf den umliegenden Flächen stand das Wasser noch immer dort, wo es weder hingehörte noch willkommen war.

    Also rückten wir erneut aus.

    Mit vier Tauchpumpen förderten wir rund um die Uhr etwa 5.500 Liter Wasser pro Minute zurück in die Elbe. Eine Zahl, die auf dem Papier zunächst technisch und nüchtern klingt. Vor Ort bedeutete sie: Pumpen anschließen, Schläuche verlegen, Stromversorgung sichern, Förderwege kontrollieren und dafür sorgen, dass der ununterbrochene Wasserstrom auch tatsächlich ununterbrochen blieb.

    Damit der Einsatz Tag und Nacht weiterlaufen konnte, teilten wir uns in zwei Trupps auf und organisierten unsere Ablösung eigenständig. Ich übernahm die Nachtschicht. Inzwischen hatte sich mein Körper offenbar widerwillig damit abgefunden, dass Tageslicht zum Schlafen und Dunkelheit zum Arbeiten gedacht war.

    Tagsüber ruhte ich, soweit das im Einsatzbetrieb möglich war. In den wenigen freien Stunden erkundete ich Wittenberg und andere Einsatzstellen. Nachts stand ich wieder mit meinem Team an den Pumpen. Unter Flutlicht, begleitet vom gleichmäßigen Brummen der Aggregate und dem Rauschen des durch die Schläuche gedrückten Wassers, sorgten wir dafür, dass Liter um Liter, Minute um Minute zurück in die Elbe floss.

    Um die überfluteten Flächen noch schneller vom Wasser zu befreien, ließen wir aus Bad Kreuznach Verstärkung anfordern: ein Stromaggregat mit einer Leistung von 25.000 Watt sowie zusätzliche Pumpen. Wenn schon gegen eine Landschaft voller Wasser antreten, dann wenigstens nicht mit angezogener Handbremse.

    Am südlichen Ortsrand von Gallin arbeitete parallel das THW Erlensee. Dort kamen Hochleistungspumpen zum Einsatz, die beeindruckende 21.000 Liter pro Minute förderten. Wo unsere Pumpen bereits unermüdlich arbeiteten, trat Erlensee mit der hydraulischen Entschlossenheit eines kleinen Binnenhafens an.

    So kämpften wir an verschiedenen Enden des Ortes gegen dasselbe Wasser. Nicht mit großen Gesten, sondern mit Schläuchen, Aggregaten, Wachwechseln und jener besonderen Form von Sturheit, die im Technischen Hilfswerk als Einsatzbereitschaft gilt.

    Die Elbe hatte das Land genommen. Nun holten wir es zurück – Liter für Liter.
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  • Mehr Kraft, weniger Lärm

    August 25, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 21 °C

    An der Einsatzstelle in Gallin schlug nun die Stunde unseres neuen 25-kVA-Notstromaggregats.

    Nachdem der Zweiachsanhänger aus Bad Kreuznach eingetroffen war, ging alles erstaunlich schnell. Innerhalb weniger Minuten stellten wir die Stromversorgung von vier kleinen 5-kVA-Aggregaten auf das neue Kraftpaket um. Was zuvor auf mehrere brummende Einzelkämpfer verteilt war, lief nun gebündelt, stabil und mit deutlich mehr Reserven.

    Die zusätzliche Leistung nutzten wir sofort. Weitere Pumpen gingen in Betrieb, und unsere Förderleistung stieg auf nahezu 10.000 Liter pro Minute. Fast doppelt so viel Wasser verließ nun Gallin in Richtung Elbe. Gleichzeitig konnten wir die Einsatzstelle so ausleuchten, dass selbst die Nacht ihre Ausrede verlor.

    Für die Anwohner war die Verbesserung gleich doppelt spürbar: mehr Pumpenleistung bei deutlich weniger Lärm. Statt eines kleinen Orchesters aus vier Aggregaten arbeitete nun ein einziges, kräftiges Herz im Hintergrund – ruhiger, zuverlässiger und ausdauernder.

    Im 24-Stunden-Dauerbetrieb zeigte das neue Aggregat, was in ihm steckte. Zwei Tage lang versorgte es Pumpen und Beleuchtung ohne Unterlass. Dann war es geschafft: Die Pumparbeiten in Gallin konnten beendet werden.

    Das Wasser war zurückgedrängt, die Fläche wiedergewonnen und unser neues Aggregat hatte seine Feuertaufe bestanden – auch wenn bei diesem Einsatz ausgerechnet Wasser das beherrschende Element war.
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  • Das Blaulicht blieb im Herzen

    August 25, 2002 in Germany ⋅ ☁️ 18 °C

    Nach einer Woche intensiven Einsatzes, zahllosen Stunden zwischen Wasser, Schlamm, Pumpen, Sandsäcken und viel zu wenig Schlaf setzte sich unser Konvoi wieder in Richtung Heimat in Bewegung.

    Hinter uns lagen Annaburg, Mühlanger, Gallin und all die Orte, an denen das Wasser die gewohnte Ordnung außer Kraft gesetzt hatte. Vor uns lagen die Autobahn, Bad Kreuznach und dieses schwer zu beschreibende Gefühl, wenn ein Einsatz endet: Stolz, Erschöpfung, Erleichterung – und eine stille Dankbarkeit für all die Menschen, denen wir begegnet waren.

    Das Blaulicht war in den vergangenen Tagen unser ständiger Begleiter gewesen. Es hatte uns durch Nächte geführt, Wege freigemacht und unseren Fahrzeugverband wie einen blauen Puls durch das Land getragen. So sehr hatte ich mich daran gewöhnt, dass mir die letzte Fahrt vom Ortsverband nach Hause beinahe ungewohnt vorkam. Kein Blaulicht, kein Funkverkehr, kein Auftrag. Nur Straße, Stille und das langsame Begreifen, dass ich tatsächlich wieder daheim war.

    Dort wartete das große Wiedersehen. Umarmungen, vertraute Stimmen und jene Fragen, auf die es zunächst keine kurzen Antworten gab. Dann eine warme Dusche, die mehr Schlamm und Müdigkeit fortspülte, als Wasser eigentlich können dürfte. Ein anständiges Essen. Und schließlich Schlaf.

    Viel Schlaf.

    Der Körper forderte nun mit Nachdruck zurück, was wir ihm eine Woche lang verweigert hatten. Und so fiel ich in jene tiefe, schwere Ruhe, die nur kennt, wer zuvor lange genug funktioniert hat.

    Doch allzu lange sollte die Stille nicht bleiben.

    Denn während die Einsatzkleidung noch trocknete und die Müdigkeit kaum gewichen war, kündigte sich bereits der nächste Auftrag an.

    Das Hochwasser war noch nicht vorbei. Und unsere Geschichte offenbar auch nicht.
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    Trip end
    August 25, 2002