Der Kater, ein Filmriss und zwei Tickets
September 17, 2018 in Greece ⋅ ☀️ 24 °C
Am nächsten Morgen waren wir nicht mehr allein im Zimmer. Irgendwann in der Nacht hatte sich ein riesengroß wirkender Kater zu uns ins Bett geschlichen. Er saß nicht sichtbar auf der Decke, aber sehr deutlich hinter meiner Stirn. Mit schwerem Kopf versuchte ich, die Ereignisse der vergangenen Stunden zu rekonstruieren.
Vergeblich. Da war kein verschwommener Abspann, keine lückenhafte Erinnerung, nicht einmal ein brauchbares Standbild. Nur ein klassischer Filmriss. Beweisfotos gab es ebenfalls keine. Vielleicht zum Glück.
Dafür fand ich etwas ausgesprochen Irritierendes in der Mailbox meines Handys. Laut Absender hatten wir in der vergangenen Nacht Tickets für ein Neujahrskonzert erworben.
Von Rammstein.
In Mexiko.
Diese Information nahm ich zunächst mit jener inneren Ruhe zur Kenntnis, die entsteht, wenn der Verstand noch nicht vollständig betriebsbereit ist. Offenbar hatten wir im Verlauf des Abends nicht nur Hemmungen und Erinnerungen verloren, sondern auch kurzfristig die Reiseplanung für unser weiteres Leben übernommen. Vielleicht war das der Beginn einer neuen Geschichte. Aber die musste erst noch geschrieben werden.
Im Augenblick drängten sich wesentlich praktischere Fragen auf: Wie wurden wir möglichst schnell wieder nüchtern? Wie bekamen wir unseren ganzen Krempel samt sämtlicher Neuerwerbungen in die Koffer? Und wann flogen wir eigentlich zurück?
Mit großer Dankbarkeit stellten wir fest, dass unser Rückflug erst für den Nachmittag geplant war. Also machten wir uns zunächst auf den Weg in den Speiseraum des Hotels, wo wir ein ausgiebiges Katerfrühstück einnahmen.
Und dann geschah es ein letztes Mal. Kaum betraten wir den Raum, erklang Perfect aus den Lautsprechern. Unser Lied. Noch einmal. Wie ein musikalischer Abschiedsgruß von Santorini, der uns sanfter traf als der Ouzo am Vorabend.
Danach begann die nächste Herausforderung: das Packen. Mit meiner langjährigen Tetris-Erfahrung gelang es mir tatsächlich, sämtliche Kleidungsstücke, Mitbringsel und spontanen Neuerwerbungen im Koffer unterzubringen. Geschlossen bekam ich ihn allerdings nur unter Einsatz sanfter Gewalt und einer überzeugenden Mischung aus Körpergewicht, Hoffnung und Verdrängung.
Der Verschluss hielt. Vorerst. Vor meinem inneren Auge sah ich trotzdem bereits, wie sich der Koffer am Flughafen mit einem lauten Knall öffnete und unsere gesamte Garderobe noch einmal persönlich von Santorini verabschiedete.
Manche Reisen enden eben nicht leise. Manche schicken schon beim Packen einen Teaser für das nächste Abenteuer.Read more








