• Wanderwolf
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Mit Blaulicht zum Big Apple

Als THW-Familie zur Steuben-Parade nach New York: zwischen Uniform, Schampus, Fifth Avenue, Gala-Dinner, Freiheitsstatue und Polizeipferd. Ein offizieller Einsatz voller großer Bilder, skurriler Begegnungen und Erinnerungen fürs Leben. Read more
  • Trip start
    September 15, 2011

    Wenn eine ganze Familie blau macht

    September 15, 2011 in Germany ⋅ ☁️ 9 °C

    Wir waren nicht nur eine Familie, sondern eine ganze Zeit lang eine waschechte THW-Familie.

    Ich selbst war schon früh beim Technischen Hilfswerk gelandet – damals als Ersatz für den Wehrdienst, den ich als leidenschaftlicher Pazifist für eine ausgesprochen kreative Form staatlich organisierter Lebenszeitverschwendung hielt. Also lieber Sandsäcke schleppen als Gewehr tragen. Im Rückblick definitiv keine schlechte Entscheidung.

    Irgendwann kam auch meine Frau Ramona dazu. Nicht halbherzig, sondern richtig. Und weil Kinder bekanntlich selten gefragt werden, bevor Eltern ihr Leben verplanen, gehörten unsere gleich mit zum blauen Familienbetrieb.

    Anfang 2011 flatterte dann ein Angebot ins Haus, das man vernünftigerweise kaum ernsthaft ablehnen konnte: Das THW plante die Teilnahme an der Steuben-Parade in New York.

    Für Ramona stellte sich dabei nicht die Frage, ob wir mitfahren würden. Eigentlich nicht einmal wirklich, ob es organisatorisch klappen könnte. Die entscheidenden Fragen lauteten nur: Wann geht es los, was müssen wir einpacken und wie schnell können wir zusagen?
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  • Mit Schampus in den Einsatz

    September 15, 2011 in the United States ⋅ ☁️ 13 °C

    So standen wir schließlich in Einsatzuniform des Technischen Hilfswerks am Frankfurter Flughafen – einsatzbereit, abflugbereit und vermutlich deutlich zu blau für einen gewöhnlichen Linienflug.

    Die Lufthansa brachte uns nonstop nach New York. Da ich auf früheren Reisen genügend Meilen gesammelt hatte, gönnten wir uns eine kleine Form dienstreislicher Dekadenz und nahmen in der Business Class Platz. Wenn schon in offizieller Mission zum Big Apple, dann bitte mit Schampus, Beinfreiheit und der beruhigenden Gewissheit, dass wenigstens auf dem Hinflug niemand neben einem auf dem Feldbett schnarchte.

    In New York angekommen, wurden wir standesgemäß empfangen und gemeinsam mit der Reisegruppe per Bus zu unserem Quartier gebracht. Die Reisebeschreibung versprach das „gute Mittelklasse-Hotel Newton“.

    Soweit meine Erinnerung nicht nachträglich den Komfort verklärt hat, traf diese Beschreibung durchaus zu. Vor allem aber war das Hotel um Welten besser als jene Zeltunterkünfte mit Feldbett, Gemeinschaftswaschraum und nächtlichem Schnarchkonzert, die wir bei dem einen oder anderen THW-Einsatz bereits genießen durften.

    Man wird eben bescheiden. Ein festes Bett, ein eigenes Bad und keine Sandsäcke vor der Tür – schon fühlt es sich beinahe nach Luxusurlaub an.
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  • Zwischen Rathaus und Großstadtgefühl

    September 16, 2011 in the United States ⋅ ☀️ 17 °C

    Für uns gab es in New York im Grunde zwei Tagesabläufe: das offizielle Programm – und unser Ding.

    Das offizielle Programm bestand an diesem Tag im Wesentlichen aus einem Empfang bei einem der zahlreichen hochrangigen Repräsentanten der Stadt. Bis dahin hatten wir naiverweise geglaubt, New York habe einfach einen Bürgermeister und damit sei die Sache verwaltungstechnisch erledigt. Aber eine Stadt dieser Größe denkt natürlich größer. Jedenfalls wurden wir hochoffiziell begrüßt, freundlich empfangen und fühlten uns für einen Moment beinahe selbst ein wenig wichtig.

    Noch interessanter wurde es, als wir nicht nur die Miss German-American Steuben Parade Queen kennenlernen durften, sondern auch ihre Prinzessinnen. Man nimmt bei einer offiziellen THW-Reise eben mit, was das Protokoll hergibt.

    Den Rest des Tages nutzten wir, um Downtown zu erkunden und den Atem jener Stadt in uns aufzunehmen, die angeblich niemals schläft. Vermutlich hat sie einfach nur noch nie einen vernünftigen Feldbettdienst hinter sich gebracht.

    In Zivil gingen wir in der gewaltigen Menschenmenge dieser Metropole beinahe unter. Sobald wir jedoch unsere THW-Uniformen trugen, wurden wir plötzlich ganz anders wahrgenommen.

    Ramona erinnerte sich später in einem Interview noch sehr genau daran:

    „Egal bei welcher Gelegenheit wir in New York in unseren THW-Uniformen auftraten, kamen die Menschen auf uns zu und dankten uns für unser weltweites ehrenamtliches Engagement …“

    Diese Begegnungen waren überraschend, bewegend und alles andere als selbstverständlich. Inmitten dieser riesigen Stadt wurden aus flüchtigen Blicken plötzlich persönliche Gespräche – und aus einer blauen Uniform ein sichtbares Zeichen für Hilfe, die offenbar auch weit über Deutschlands Grenzen hinaus in Erinnerung geblieben war.
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  • Babyblau beim Gala-Dinner

    September 17, 2011 in the United States ⋅ 🌙 12 °C

    Wie es sich für einen anständigen Staatsbesuch gehört, folgte auch an diesem Tag ein Programmpunkt dem nächsten. Am Abend stand ein Gala-Dinner auf dem Plan.

    Also schmissen wir uns in Schale. Was beim Technischen Hilfswerk zu dieser Zeit bedeutete, in eine Dienstuniform aus gefühlt hundert Prozent Synthetik zu schlüpfen – in einem Babyblau, das vermutlich nicht einmal ein besonders mutiger Busfahrer freiwillig getragen hätte.

    Wir allerdings waren schließlich im Auftrag der Bundesregierung unterwegs. Quasi als Special Agents in Blau. Entsprechend trugen wir dieses textile Meisterwerk mit Stolz, Haltung und der beruhigenden Gewissheit, dass selbst ein Glas Rotwein daran vermutlich spurlos abgeperlt wäre.

    Man musste nur aufpassen, nicht zu nah an eine offene Flamme zu geraten.
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  • Königsblau trifft grünes Dirndl

    September 17, 2011 in the United States ⋅ ☀️ 16 °C

    Auch der heutige Tag war wieder vollgepackt mit heroischen Anlässen.

    Bevor es zum eigentlichen Höhepunkt ging, trafen wir uns am Morgen zum obligatorischen Gottesdienst in der St. Patrick’s Cathedral. Schließlich gehört zu einer ordentlichen Parade offenbar nicht nur Marschmusik, sondern auch ein wenig geistlicher Beistand.

    Vor der Kirche begegneten wir dann einem weiteren Staatsgast: Ilse Aigner, damals Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, war ebenfalls zur Steuben-Parade eingeladen worden.

    So traf Königsblau auf grünes Dirndl.

    Wir in unseren THW-Uniformen, sie in bayerischer Tracht – optisch vermutlich eine Begegnung, die selbst New York nicht jeden Tag zu bieten bekam.
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  • Formationsschritt für Fortgeschrittene

    September 17, 2011 in the United States ⋅ ☁️ 16 °C

    Der Höhepunkt unserer Reise folgte am Nachmittag: die Steuben-Parade selbst.

    Während der THW-Musikzug aus Hermeskeil musikalisch glänzte, mühten wir uns redlich, die Fifth Avenue im halbwegs geschlossenen Formationsschritt zu bewältigen. Bei der Bundeswehr beherrscht man so etwas vermutlich spätestens nach der ersten Woche. Beim THW hingegen standen Dinge wie Pumpen, Bergen und Sandsäcke auf dem Ausbildungsplan – synchrones Marschieren eher nicht.

    Wir gaben trotzdem unser Bestes. Und tatsächlich wurde uns vom Straßenrand frenetisch zugejubelt. Wie leicht Menschen doch zu begeistern sind, wenn genügend blaue Uniformen einigermaßen gleichzeitig ein Bein nach vorne setzen.

    Am Ende der Parade löste sich unsere Gruppe langsam auf und verschwand in alle Himmelsrichtungen. Wir hingegen suchten, ganz staatsmännisch, den direkten Kontakt zur New Yorker Exekutive.

    So kamen wir mit einigen Cops ins Gespräch, die sich für diesen besonderen Anlass ebenfalls in ihre Ausgehuniformen geworfen hatten. Und ganz ehrlich: Die sahen deutlich staatstragender aus als unsere babyblauen Kutten.

    Das hielt uns jedoch nicht davon ab, mit stolzer Brust und dem nötigen diplomatischen Selbstbewusstsein aufzutreten. Wenig später hatten wir sowohl ihre Motorräder als auch einen Streifenwagen zumindest symbolisch in Besitz genommen.

    So geht internationale Zusammenarbeit.
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  • Inkognito durch die Stadt, die niemals schläft

    September 18, 2011 in the United States ⋅ 🌙 13 °C

    Nach dem offiziellen Programm legten wir unsere Uniformen ab und verwandelten uns wieder in ganz gewöhnliche Touristen. Inkognito gewissermaßen – zumindest so inkognito, wie man als deutsche Reisegruppe in New York eben sein kann.

    Die New Yorker U-Bahn brachte uns zuverlässig zu allem, was nachts gesehen werden wollte: vom grell leuchtenden Times Square bis zum Empire State Building, das über der Stadt thronte, als hätte jemand beschlossen, Größenwahn aus Stahl und Licht zu bauen.

    Wir ließen uns durch die Straßen treiben, sogen Lichter, Geräusche und Großstadtluft in uns auf und genossen dieses überwältigende Gefühl, mitten im pulsierenden Herzen von New York unterwegs zu sein.

    Und wenn diese Stadt schon niemals schläft – warum sollten ausgerechnet wir damit anfangen?
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  • Freiheitsstatue, Nachtleben und ein Polizeipferd

    September 18, 2011 in the United States ⋅ ☁️ 17 °C

    Am nächsten Tag zog es uns zunächst aufs Wasser.

    Am Hafen begrüßte uns ein Kreuzfahrtschiff der AIDA-Flotte mit seinem bekannten Lächeln, als wollte es sagen: Schön, dass ihr auch da seid. Wir winkten innerlich zurück und bestiegen ein etwas bescheideneres Boot, das mit uns zu einer ausgedehnten Hafenrundfahrt aufbrach.

    Dabei erwies uns selbstverständlich auch die Freiheitsstatue die Ehre. Man begegnet sich schließlich nicht jeden Tag auf Augenhöhe – zumindest dann nicht, wenn man unten im Boot sitzt und sie ziemlich weit oben steht.

    Später stürzten wir uns erneut ins New Yorker Nachtleben. Offenbar zählt eine einzige Nacht in dieser Stadt nicht als ernsthafter Versuch. Also erkundeten wir weitere Seiten dieser unglaublich vielfältigen Metropole und sogen so viele Eindrücke in uns auf, wie es zwei Touristen aus einer deutschen Mittelstadt eben verkraften konnten.

    Ramona nutzte dabei ihren inzwischen fest verankerten diplomatischen Status als Special Agent und konfiszierte kurzerhand ein New Yorker Polizeipferd.

    Die anwesende Staatsgewalt nahm es erstaunlich gelassen. Vermutlich hatte sie längst erkannt, dass Widerstand zwecklos war.
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  • Abflug mit Haltung

    September 19, 2011 in Germany ⋅ 🌙 12 °C

    Müde von all den Erlebnissen, aber innerlich randvoll mit Bildern, Begegnungen und Geschichten, traten wir schließlich die Heimreise an.

    Hinter uns lagen Tage voller offizieller Termine, unerwarteter Herzlichkeit, großer Kulissen und kleiner Momente. Wir hatten Prominente getroffen, mit New Yorker Polizisten gefachsimpelt, waren bejubelt worden, hatten die Stadt bei Tag und Nacht erlebt und dabei immer wieder Menschen kennengelernt, die uns in erstaunlich kurzer Zeit ans Herz gewachsen waren.

    New York hatte uns nicht einfach nur beeindruckt. Die Stadt hatte uns verschluckt, durchgeschüttelt, zum Staunen gebracht und am Ende mit deutlich mehr Erinnerungen wieder ausgespuckt, als in irgendeinen Koffer gepasst hätten.

    Besonders bewegend blieb für uns die Anerkennung, die uns in den THW-Uniformen entgegengebracht wurde. Fremde Menschen kamen auf uns zu, bedankten sich für Hilfe, die irgendwo auf der Welt geleistet worden war, und machten uns damit bewusst, dass Ehrenamt manchmal viel weiter reicht, als man selbst im Alltag wahrnimmt.

    Doch irgendwann endet selbst der schönste Staatsbesuch.

    Wir verabschiedeten uns von dieser einmaligen Metropole und flogen zurück nach Frankfurt. Natürlich nicht leise, bescheiden und zusammengefaltet in der letzten Reihe, sondern staatstragend in der Business Class der Lufthansa.

    Zur Begrüßung gab es Schampus, danach Beinfreiheit, Wohlfühlprogramm und genügend Zeit, die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren zu lassen.

    So saßen wir dort zwischen Wolken und Erinnerungen – müde, glücklich und ein wenig stolz.

    Wir waren als THW-Familie nach New York gereist. Zurück kamen wir mit einer Geschichte, die uns für immer begleiten sollte.
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    Trip end
    September 20, 2011