• Mit Polizeieskorte zum Fischschmaus

    March 29 in Iraq ⋅ ☁️ 18 °C

    Ein Polizeiauto mit Blaulicht auf der Straße neben uns, zwei Polizisten mit MPs mit uns zu Fuß - so werden wir in Baghdad ins Wirtshaus geleitet. Mehr noch als am Beginn der Reise, vor gut sieben Wochen, haben Sicherheitskräfte ein wachsames Auge auf uns.

    Wer sich durch den Irak bewegt, hangelt sich von einer Kontrollstelle zur nächsten. Mal ist es Polizei, mal Militär. Immer sind es sehr improvisiert wirkende, notdürftig errichtete und doch jahrelang genutzte Stationen. Ein paar martialisch mit MGs, Helm und schussicheren Westen ausstaffierte Uniformierte, ein paar verbeulte Container, oft ein gepanzertes Fahrzeug mit Kanone auf dem Dach: so sehen diese Posten, an denen strenges Fotoverbot herrscht, aus. Durch ramponierte Betonbarrikaden bahnen wir uns den Weg zur Kontrolle. Manchmal genügt die Antwort "Allmani" auf die Frage, wo wir herkommen, um mit einem herzlichen "Welcome to Iraq" weitergewunken zu werden. Oft müssen wir aber die Pässe abgeben und rechts ranfahren. In der Regel bekommen wir sie schnell wieder. Vereinzelt dauert es länger. Menschen, verschwinden mit unseren Dokumenten, telefonieren, rufen Kollegen herbei. Faustformel: Wer eine Uniform trägt, hat wenig zu melden. Wirklich was zu sagen haben Leute in speckigen Trainingsanzügen und Badeschlappen.

    Vernetzt sind diese Stationen, die teils nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind, offenbar nicht. Sonst müssten die Posten ja wissen, dass wir erst ein paar Minuten zuvor von Kollegen überprüft wurden. Aber hier macht jeder Wachmann seine eigenen Spielregeln, scheinbar.

    Auch jede Provinz hat ihre eigenen Vorgaben. Kommen wir von der kuwaitischen Grenze bis Kut noch ohne Eskorte, dürfen wir durch den Bezirk Wasit nicht auf eigene Faust reisen. Wir müssen einem Fahrzeug folgen, das uns bis Baghdad begleitet. Was sich indes an den Kontrollpunkten als Beschleuniger erweist und in Baghdad als segensreicher Scout durch das Feierabend-Verkehrschaos.

    Unsere fürsorglichen Betreuer haben einen guten Stellplatz für uns auserkoren, zwischen Tigris und grüner Zone, dem hermetisch abgeriegelten Diplomatenviertel. Zu unserer Überraschung rücken, kaum sind wir angekommen, drei schwer bewaffnete Militärfahrzeuge an. Etwa wegen uns? Ja, versichert ein gut gelaunter Soldat. Bis zur Abreise am nächsten Morgen.

    Wir dürfen zwar auf eigene Faust losziehen, um ein Gasthaus zu suchen. Doch als wir zielstrebig die falsche Richtung einschlagen, taucht plötzlich die eingangs erwähnte Eskorte auf und geleitet uns zu einem hervorragenden Fischrestaurant, wo wir gegrillten Karpfen aus dem Tigris genießen - eine Spezialität in Baghdad. Kaum haben wir bezahlt, holen uns die Uniformierten wieder ab. Mit uns essen durften sie nicht: Unsere Einladung mussten sie ausschlagen.

    Am nächsten Morgen soll uns wiederum ein Begleitauto zur Stadt hinausbringen. Aber im dichten Berufsverkehr verliert uns der Fahrer schnell. Wir wühlen uns allein durch den Wahnsinn, der alsbald in eine weitere Begegnung mit der Polizei mündet: Ein übermütiger Taxifahrer zerschellt beim Spurwechsel an Jörgs Lastwagen und büßt ein Rücklicht ein. Am Actor nur ein paar Kratzer. Shit happens, stellen zwei entspannte Beamte fest: Jeder kümmert sich um seinen Schaden, und gut isses. Weiter geht's gen Kurdistan.

    Bleibt die Frage, weshalb man uns hier so viel Fürsorge angedeihen lässt, was in Amara sogar zu einem nächtlichen Wecken im Hotel samt halbstündigem Verhör durch drei Zivilbeamte in der Lobby führte. "Alles zu Eurer Sicherheit", heißt es immer wieder. Aber die ganze Wahrheit ist das vermutlich nicht. Welchen Sinn hätten sonst zum Beispiel die Fragen, ob ich schon mal in Israel gewesen sei, und was ich alles fotografiert habe?

    Man spürt: In diesem Land, das im letzten halben Jahrhundert mehr Krieg als Frieden erlebt hat, liegen die Nerven blank. Die aktuellen Spannungen in der Region erinnern die Iraker, die bis heute unter den allgegenwärtigen Folgen der Konflikte von einst leiden, bitter an das, was sie hinter sich haben. Und sie wissen: Selbst wenn die Waffen schweigen, ist die Ruhe trügerisch. Doch derzeit schweigen die Waffen nicht mehr - in Baghdad hören wir nachts Gewehrsalven und Detonationen. Von echtem Frieden sind die wunderbaren, warmherzigen Menschen hier leider noch weit entfernt.
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