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  • Day 46

    Delhi

    December 16, 2023 in India ⋅ ⛅ 21 °C

    Ich bin startklar, habe neuen Reisemut gefasst und buche ein Flugticket nach Delhi. Ab geht's, los geht's, whoop whoop!!
    ... Wenn da das Verabschieden nicht wäre. Tejas ist mir ans Herz gewachsen. Ich habe durch ihn einen einzigartigen Einblick in die Kultur erhalten, er hat mir viel beigebracht und war in der schwersten Zeit an meiner Seite. Wir sind in kürzester Zeit zu besten Freunden geworden und der Abschied fetzt. But the show must go one!

    Delhi ist der Wahnsinn. Nicht im positiven Sinne, sondern im aller schlimmsten. Schon auf dem Weg in die Stadt werde ich permanent angerempelt oder beim Schlangestehen weggedrängelt.
    Ein Schlepper, der sich als besorgter Bürger tarnt, nimmt mich in Empfang und ich gerate in einen fiesen Scam: er erzählt mir, dass die Innenstadt abgeriegelt sei.. Ausbruch von Malaria.. völliger lockdown.. und dass ich sicherheitshalber zu einer Touristeninformation fahren soll. Der Tuktukfahrer den ich um Rat frage, spielt das Theater brav mit. Ich spaße im punkto Sicherheit nicht, also folge ich der Anweisung. In der "offizielles Touristen Information" werden mir ganz großartige, teure Lösungen für mein "Problem" präsentiert, die ich sofort bezahlen soll. Jaaa... Nee... ich bin misstrauisch, aber auch stark verunsichert. Ich ziehe Leine und gerate in exakt den selben Scam erneut, mit dem Unterschied, dass diesmal ein Terrorangriff der Grund für die Abriegelung sei. Erst jetzt steige ich entgültig dahinter, dass alles erstunken und erlogen ist... Wow.
    Als naiver Mensch schockiert es mich zutiefst, wie man jemanden von Angesicht zu Angesicht so ins Gesicht lügen kann. Ein bisschen Respekt kann ich den Burschen im Nachhinein doch abringen, es war smart mein Sicherheitsgefühl anzugreifen.
    Der nächste Tuktukfahrer erhält eine ruppige Behandlung, ich scheiße auf Manieren, dafür komm ich aber auch endlich am Ziel an. Die ersten beiden Unterkünfte die ich ansteuer sind ausgebucht, erst bei Nummer drei endlich ein freies Bett im Dorm. Der Host begrüßt mich grinsend mit den Worten: "und, zu wie vielen Touri Infos haben sie dich gebracht?" Aha, eine bekannte und erfolgreiche Masche also. Das Pärchen im Foyer, hat den heutigen Rekord von 4 Exkursionen geknackt.

    Über der Stadt hängt der weiße, dichte Smog wie Nebel. Der Hals kratzt, als hätte man den ganzen Abend in der Raucherkneipe abgehangen. Ich leide Todesangst auf der Straße. Niemand nimmt Rücksicht, alles geht drunter und drüber, viel zu eng, zu knapp, laut laut laut, Müllberge, Menschen und Tiere, alle sind sich permanent im Weg.
    Eine merkwürdige Atmosphäre herrscht auf der Straße: die Kurzlebigkeit und Dickhäutigkeit der Gesellschaft tritt deutlich hervor, im Kontrast zu meiner Verletzlichkeit und Hilflosigkeit. So viel Elend und Geringschätzung für das Leben. Die Menschen haben keine Reserven, sie sind verzweifelt und kämpfen um den Selbsterhalt. Von der Hand in den Mund. Der primitive Überlebenskampf, jeder kämpft an seiner eigenen Front.

    Die Menschen haben im Norden hellere Haut, gucken unfreundlich und starren ausdruckslos. Schlimmer noch: zum Starren bleiben sie direkt vor einem stehen. Und laut sind sie! Die Worte prasseln wie Hagelkörner auf mich nieder, schnell und unnötig laut. Zudem ist es unerwartet kalt, ich bin froh über meine Fleecejacke und Strumpfhosen die ich bisher nie ausgepackt habe.

    Obwohl ich über einen Monat Erfahrung gesammelt habe mit 'crazy India', ist der Kulturschock extrem. Meine Kraftreserven sind schnell aufgebraucht. Diesen Blogeintrag zu schreiben fiel mir ungewohnt schwer. Wie soll man die Situation beschreiben? Oder das Gefühl, dass sie auslöst? ich würde am liebsten direkt wieder verschwinden.

    Ich finde eine Kompromisslösung: tagsüber Sightseeing, nachts Abreise.
    Zufällig treffe ich den Australier Arlo und wir schließen uns für den Tag zusammen. Ein riesen Zufall und Segen zugleich, alleine hätte ich die Sache nicht genießen können. In einer Fahrrad- Rikscha geht's quer durch die Stadt: in den Schlaglöchern kippen wir beinahe seitlich über, einige Passagen sind so eng, ich warte schon auf ein krachendes Geräusch, aber unser junger Fahrer kennt die Abmessung seines Gefährts ganz genau und wirft nicht Mal einen prüfenden Blick zurück. Auf der Schnellstraße strampelt er schwer, ich habe Mitleid und zum Glück ein motorisierter Fahrer ebenso, der uns kurzerhand einen Powerboost gibt. Wir drei jubeln begeistert, für eine Sekunde in der Freude vereint, strahlt der Fahrer uns an. Wir besichtigen die Jama Majid Moschee und das Red Fort, verlaufen und verfahren uns und besuchen zum Abschluss noch das Akshardam. Und ich freu mich riesig davon zu berichten: der Hindu Tempel wurde erst 2005 errichtet, in einem Prunk und Protz, sowas hast du noch nicht gesehen. Prinzipiell genau nach den antiquen Vorbildern konstruiert und ausgeschmückt. Ich habe schon so viele Tempel besucht, jedesmal begeistert von der Vorstellung wie prunkvolle der Ort 'damals' gewesen sein muss. Und endlich erlebe ich diese Phantasie, alle Ornamente sind scharf, deutlich, farbenfroh. Es braucht kein Vorstellungsvermögen, es fühlt sich an wie eine Zeitreise. Der Traum eines Architekten! Leider waren keine Fotos gestattet, immer wieder taste ich unwillkürlich nach der Kamera und mein Vokabular ist stundenlang auf "wooow" beschränkt. Wir sind zur perfekten Zeit da, eine Schar Tauben zieht seine letzten Kreise über der Kuppel, die Sonne geht orange unter, das Gebäude wird im Scheinwerferlicht neu inszeniert. Wir trinken Chai, gucken uns in Ruhe satt und sagen immer wieder "damn, we are so lucky"

    Für den Weg zum Nachtbus hab ich mir zu wenig Zeit eingeplant, das tuktuk steht im Stau und ich bange... Die unscheinbare Bushaltestelle hätte ich ohne 5x fragen nie und nimmer gefunden. Als der Bus kommt und ich endlich in meinem kleinen Bettchen liege, fühlt es sich an als hätte ich im Lotto gewonnen, die Wahrscheinlichkeit dass alles klappt schien mir verschwindend gering. Der Bus erinnert mich stark an den
    'Knight Bus' aus Harry Potter, die Atmosphäre ist faszinierend.
    Die Nacht ist jedoch bitter kalt. Ich ziehe aaaalle Klamotten übereinander an, aber friere trotzdem viel zu doll um zu schlafen.

    🥇 Fahrrad Rikscha
    👨 Arlo
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