• Bauernkrieg und eine alte Bronzescheibe

    July 1 in Germany ⋅ ☁️ 22 °C

    Der Wetterbericht von Antenne Thüringen sagt Regen an. Daher fahren wir mit dem Auto nach Bad Frankenhausen. Wir wollen ins Panorama Museum.

    Wer das Museum betritt, spürt sofort, dass ihn etwas Außergewöhnliches erwartet. Schon beim Eintritt in die gewaltige Rotunde verschlägt einem die Größe des Kunstwerks den Atem. Vor den Augen der Besucher entfaltet sich ein riesiges Rundgemälde, das nicht nur den Bauernkrieg erzählt, sondern die ganze Vielfalt des menschlichen Lebens zeigt – mit all seinen Hoffnungen, Ängsten, Siegen und Niederlagen.

    Geschaffen wurde dieses einzigartige Werk von dem Leipziger Maler Werner Tübke. In den 1970er Jahren erhielt er von der Regierung der DDR den Auftrag, ein monumentales Gemälde zum Deutschen Bauernkrieg und zu Thomas Müntzer zu schaffen. Eigentlich sollte das Bild die Ideale der DDR widerspiegeln und den Bauernkrieg als Vorläufer einer sozialistischen Revolution verherrlichen. Doch Tübke ging seinen eigenen Weg. Er schuf kein Propagandabild, sondern ein zeitloses Kunstwerk, das zum Nachdenken anregt und bis heute fasziniert. Erstaunt war ich über seine Forderung bei der Auftragsvergabe: „Keiner redet mir rein!“

    Über zwölf Jahre arbeitete Tübke an seinem Lebenswerk. Das fertige Panorama misst 14 Meter in der Höhe und 123 Meter im Umfang und gehört mit seinen mehr als 3.000 Figuren zu den größten und beeindruckendsten Gemälden der Welt. Jede Figur, jede Geste und jedes Detail erzählt eine eigene Geschichte. Man entdeckt Ritter, Bauern, Gelehrte, Gaukler, Engel und Dämonen. Eine für mich besonders interessante Szene ist die Gruppe bedeutender Persönlichkeiten der Renaissance und Reformationszeit, die Werner Tübke um einen Brunnen versammelt hat. Hier begegnen sich Menschen, die sich in Wirklichkeit nie getroffen haben, deren Ideen und Leistungen jedoch das 16. Jahrhundert entscheidend geprägt haben. Zu sehen sind unter anderem Martin Luther und sein Weggefährte Philipp Melanchthon, der Humanist Erasmus von Rotterdam, der Künstler Albrecht Dürer und der Maler Lucas Cranach der Ältere. Auch der Astronom Nikolaus Kopernikus, der Arzt Paracelsus, der Buchdrucker Johannes Gutenberg sowie Christoph Kolumbus sind dargestellt. Ergänzt wird die Gruppe durch den Reichsritter Ulrich von Hutten, die Bildhauer Tilman Riemenschneider und Adam Kraft sowie die Kaufleute Jakob Fugger und Jakob Welser. Hinter jeder Ecke scheint sich ein neues Geheimnis zu verbergen. Je länger man das Bild betrachtet, desto mehr entdeckt man – als würde das Gemälde niemals enden.

    Eine weitere Szene hat mich sehr zum Nachdenken gebracht: der gekreuzigte Christus am oberen Bildrand. Nicht Christus selbst wird verspottet, sondern die Menschen, die unter ihm um Macht und Wahrheit kämpfen. Während sie sich in Gewalt, Ideologien und Eitelkeit verlieren, blickt Christus ruhig auf das Geschehen herab. So kritisiert Tübke auf subtile Weise jeden politischen Machtanspruch – auch den der DDR, die den Bauernkrieg für ihre eigene Ideologie vereinnahmen wollte.

    Tübke zeigt den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und stellt große Fragen nach Macht, Gerechtigkeit, Glauben und Vergänglichkeit. Sein Panorama ist wie ein Spiegel der Menschheit: voller Schönheit, Chaos, Freude und Leid. Ohne den 70-minütigen Audioguide (der ebenfalls im Eintrittspreis inbegriffen ist) würde man das Werk überhaupt nicht erfassen. Ich bin mir sicher, dass wir auch nur einen kleinen Teil wirklich erfasst und wahrgenommen haben.
    Bauernkrieg und eine alte Bronzescheibe - faszinierende Eindrücke

    Am Nachmittag fahren wir zum Besucherzentrum Arche Nebra – Die Welt der Himmelsscheibe.
    Schon die moderne Architektur des Gebäudes macht neugierig und fügt sich mehr oder weniger harmonisch in die Landschaft ein. Im Inneren erwartet uns eine abwechslungsreiche Ausstellung, die die Geschichte der Himmelsscheibe von Nebra spannend und verständlich erzählt. Besonders beeindruckend ist die Inszenierung der Himmelsscheibe (das Original befindet sich im Landesmuseum Halle), die als eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen Europas gilt. Mithilfe interaktiver Stationen, eines Panoramakinos und anschaulicher Modelle wird erklärt, wie die rund 3.600 Jahre alte Bronzescheibe genutzt wurde und welche Bedeutung sie für das Verständnis des Himmels hatte.

    Die Himmelsscheibe zeigt, wie genau die Menschen der Bronzezeit den Himmel beobachteten. Auf der bronzenen Scheibe sind mit Goldauflagen die Sonne oder der Vollmond, die Mondsichel und die Plejaden – ein auffälliges Sternbild – dargestellt. Anhand dieser Himmelszeichen konnten die Menschen den Mondkalender mit dem Sonnenjahr abstimmen und so den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte bestimmen. Die später angebrachten goldenen Horizontbögen markieren die Auf- und Untergangspunkte der Sonne zur Sommer- und Wintersonnenwende.

    Warum die Himmelsscheibe von Nebra vergraben wurde, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Archäologen gehen jedoch davon aus, dass sie nicht versteckt, sondern bewusst niedergelegt wurde. Gemeinsam mit Schwertern, Beilen, Armspiralen und einem Meißel wurde sie auf dem Mittelberg deponiert – und blieb dort bis zum Juli 1999.

    Was dann folgte, liest sich fast wie ein Krimi. Im Jahr 1999 wurde die Himmelsscheibe von zwei Raubgräbern mit einem Metalldetektor illegal auf dem Mittelberg entdeckt. Dabei beschädigten sie das einzigartige Fundstück und rissen es gemeinsam mit kostbaren Schwertern, Beilen und Schmuck aus seinem jahrtausendelangen Ruheplatz. Statt den außergewöhnlichen Fund den Archäologen zu melden, verkauften sie ihn für 31.000 DM an einen Händler aus dem Rheinland. Die Himmelsscheibe wechselte mehrfach den Besitzer und wurde von Hehlern und Vermittlern für immer höhere Summen gehandelt (bis zu 700.000 DM). Erst 2002 gelang es der Polizei, die Scheibe bei einer spektakulären fingierten Kaufverhandlung in einem Hotel in Basel sicherzustellen. Die Finder, Hehler und Vermittler wurden im September 2003 zu mehrmonatigen Haftstrafen auf Bewährung, zu Geldstrafen sowie zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit verurteilt.
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