Shoppingmalls in Bangkok - essentiell
May 9 in Thailand ⋅ ⛅ 35 °C
Wieso verbringen Thailänder so viel Zeit in Shoppingmalls? Weil es ein Lebensgefühl ist
In Europa sind Einkaufszentren im Niedergang, in Thailand flanieren in ihnen Hunderttausende. Man versteht sie nur, wenn man sich ihnen anschließt. Ein Tag in der größten Mall Bangkoks.
Andreas Babst | Neue Zürcher Zeitung | 07.05.2026
Um 9 Uhr 58 rüttelt eine der jungen Frauen an den Chromstahlgriffen der Doppelflügelglastür, eingelassen in ein Gebäude, so verstahlträgert und mächtig, daß es den Vorplatz in seinen Schatten taucht. Die jungen Frauen haben Handventilatoren mitgebracht. Sie warten schon eine Viertelstunde draußen, umgeben von Wolkenkratzern, die beschäftigungslos in Bangkoks Morgenhitze harren, denn heute gibt es keine Wolken.
Um 9 Uhr 59, eine Minute vor der Zeit, erbarmt sich der Wachmann und entfernt die Kette an den Chromstahlgriffen. «Ready, steady, go», steht auf den Boden gemalt, irgendeine Werbeaktion. Die jungen Frauen stürmen hinein.
Central World, Bangkoks größte Shoppingmall, ist offen.
Wer aus Europa in Thailands Hauptstadt reist, und das tun viele, der wird sich irgendwann über die Zahl der Malls wundern. Sie reihen sich aneinander, ihre futuristischen Fassaden spiegeln das Treiben der Stadt. Bangkoks Malls sind in ganz Asien berühmt. Und wer das seltsam und oberflächlich findet, wer sie deswegen meidet, der hat nichts verstanden.
Es gibt ein Bonmot in Bangkok: Man könne den ganzen Tag in der Mall verbringen, von 10 Uhr bis 22 Uhr. Das geht tatsächlich.
120 000 MENSCHEN AM TAG
Die jungen Frauen, die eben noch durch die Flügeltüren gestürmt sind, drängen alle zu einem Tisch, aufgestellt in einem der turnhallengroßen Innenhöfe von Central World. Oben auf den Galerien öffnen gerade die Geschäfte, und die Baristas heizen die Kaffeemaschinen auf. Hinter dem Tisch stehen Werbebanner für Katzen- und Hundefutter, und es wirkt etwas wunderlich, daß so viele Menschen zu einer Werbemesse für Haustierzubehör kommen. «Wir haben einen Schauspieler», erklärt eine Frau mit Headset, während sie die Warteschlange im Auge behält.
Irgendwann am Nachmittag wird der thailändische Schauspieler Tle Matimun Sreeboonrueang hier im Innenhof für Tierfutter werben. Die Fans wollen so nah wie möglich dabei sein. Sie erhalten am Tisch einen Aufkleber. Den hinterlassen sie rund um die Bühne auf dem Plattenboden. Dann gehen sie zur Schule oder zur Arbeit. Am späten Nachmittag werden sie zurückkommen und dürfen dort stehen, wo ihre Marke klebt.
Tle ist bekannt aus einer der Casting-Shows für junge Männer, die Schauspieler werden wollen, jetzt dreht er Telenovelas, zuletzt war er ein romantischer Vampir.
Die Mall füllt sich langsam. 120 000 Menschen besuchen sie jeden Tag. Über zweitausend Läden und Restaurants auf acht Stockwerken. Central World gehört zu den größten Malls der Welt.
Die Einkaufszentren kamen in den 1950er Jahren nach Thailand. Zuerst gab es die von chinesischen Einwanderern betriebenen «shophouses». Aus ihnen wurden die Warenhäuser. Eines der ersten gehörte der Familie Chirathivat. Die Warenhäuser wuchsen zu Einkaufszentren nach amerikanischem Vorbild: eine Ansammlung von Läden unter einem Dach. Und mit ihnen wuchsen die Konglomerate. Die meisten Malls in Bangkok gehören wenigen Familien. Die Familie Chirathivat besitzt heute die Central-Gruppe, zu ihr gehören neben Central World über hundert andere Einkaufszentren auf der ganzen Welt.
Die Central-Gruppe hat mittlerweile serbelnde (= kränkelnde) europäische Warenhäuser aufgekauft, unter anderem Globus.
Es gibt mehrere Gründe, weshalb die Einkaufszentren in Thailand so populär wurden. «Ich komme hierher, um zu flanieren. Daheim ist es mir zu heiß», sagt Ploy, 17 Jahre alt, sie lehnt gerade mit einer Freundin oben am Geländer der Galerie und schaut dem Gewusel zu. Die Hitze treibt Menschen in die Mall. Und die Geografie der Stadt: In Bangkok gibt es keine Fussgängerzone.
Das ist sowieso das Beste in der Mall: Menschen zuschauen. Man kann den Morgen damit verbringen, mit den Rolltreppen hinauf- und hinunterzufahren. Hat der dort unten tatsächlich eine Katze im Rucksack? Die Rolltreppen lassen einen in einen Dämmerzustand gleiten. Man verliert so schön die Orientierung in der Mall. Nur im Erdgeschoß dringt Tageslicht durch die Flügeltüren, aber wer vermißt es schon, es ist so grell. Auf den Rolltreppen kann man über die großen Fragen sinnieren: Was braucht man im Leben?
Und wenn man mit Menschen wie Ploy spricht, versteht man irgendwann den großen Unterschied zu Einkaufszentren in Europa. Er liegt im Nachfragen. Sagt jemand in Europa, er gehe ins Einkaufszentrum, dann folgt zwingend die nächste Frage: Wofür?
Sagt jemand in Thailand, er gehe in die Mall, gibt es kein Nachfragen. Tut man es trotzdem, schauen einen die Menschen komisch an. Sie gehen einfach in die Mall. Fertig.
Das Geheimnis der Malls in Bangkok erklärt Kunayudh Dej-Udom, er wartet im 32. Stock des Büroturms, der an Central World angeschlossen ist. Er hat von hier einen guten Blick auf die Stadt, die seine Familie mitgebaut hat. Kunayudh ist einer der vielen Nachfahren des Gründers der Central-Gruppe. Er sagt, er sei in Malls aufgewachsen. Später hat er Praktika dort gemacht. Wie viele Familienmitglieder wurde auch er früh an eine künftige Rolle im Konglomerat herangeführt.
Die Kindheitserinnerungen teilt er mit vielen Bangkokern, auch jenen, die nicht aus Milliardärsfamilien stammen. Sie können von den Wochenendausflügen auf das Eisfeld von Central World erzählen. Die Malls sind Teil des kollektiven Gedächtnisses dieser Stadt.
Kunayudh trägt den Titel Asset Director, er ist verantwortlich für Central World und die Schwester-Mall in der Nähe, die gerade eröffnet wurde. Dort gibt es einen Dachgarten, wo Menschen bereits morgens ab 6 Uhr joggen gehen können. Die Restaurants sind offen bis in die Nacht. «Das ist so ziemlich die Vision, die wir haben», sagt Kunayudh. Eine Mall, die immer offen hat, die unlösbar verknäuelt ist mit dem Alltag der Bangkoker.
DER «DRITTE ORT»
Die nächste Evolution, so nennt es Kunayudh. Vor Jahren fragten sich die Manager, wie sie gegen den Online-Handel ankommen sollten. Die Antwort war der «dritte Ort»: Wenn die Bangkoker nicht daheim sind oder bei der Arbeit, sind sie oft in der Mall, also muß dieser dritte Ort so gut sein, daß sie keinen vierten brauchen. «Vielleicht ist es nicht unbedingt etwas, was wir wollen – aber du kannst hierherkommen und nur flanieren, wir machen keinen Druck, daß jemand etwas kauft», sagt Kunayudh.
Wer einen Tag lang durch Central World schlendert, dem wird auffallen, daß eigentlich fast niemand eine Einkaufstüte trägt. Thailands Konsumzahlen sinken, die Wirtschaft lief schon besser. Die Mall ist Überfluß, es hat zu viel von allem, Staubsauger, Anzüge, Turnschuhe, und vieles ist teuer.
Aber Bangkoks Malls wollen die Zeit ihrer Kunden. Das ist das Wichtigste – weil sie irgendwann vielleicht doch kaufen.
Das Angebot hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Kunayudh und sein Team haben die Mall in Zonen unterteilt. In «Urban Balance» werden Massagen angeboten, Smoothies und das komplette Botox-/Filler-Verjüngungsprogramm. In «Little Wonder» kann man sein Kind in die Mathematiknachhilfe schicken, ins Karate oder in den Robotik-Workshop. Oder ganz unten, beim Eingang, wo die Reisebusse parkieren, gibt es bei «Hug Thai» handgemachte Souvenirs und thailändisches Street-Food für die Touristen.
Kunayudh stellt sich einen idealen Bangkoker Familientag so vor: Der Vater beginnt seinen Tag in der Mall, ißt dort Frühstück und arbeitet im Büroturm. Am Nachmittag kommen die Kinder von der Schule, vielleicht ist die Mutter dabei. Die Kinder gehen in die Nachhilfe oder auf einen der Indoor-Spielplätze, die Mutter zum Friseur, es gibt in Central World japanisch oder koreanisch inspirierte. Am Abend dann in eines der Restaurants, vielleicht bleibt man für ein paar Bier. In Central World gibt es anders als in den neusten Malls keine Wohnungen, aber ein Hotel für jene, die nie nach Hause wollen.
Die thailändische Mall muß immer neu wirken. Ständig kommt ein Schauspieler, gibt es ein Konzert, eine Maskottchenparade. Kunayudh hat Trend-Scouts, die Ausschau halten, worauf Bangkoker gerade anspringen. Pausenlos muß er reagieren. Gibt es einen neuen, angesagten Designer in der Stadt, bekommt der in der Mall vielleicht nicht gerade einen ganzen Laden, aber ein paar Quadratmeter. Als die Labubu-Hysterie ausbrach, eröffnete der chinesische Spielzeughersteller Pop-Mart seinen ersten thailändischen Laden in Central World.
«Es muß immer etwas laufen. Es ist wie in einem Nachtklub: Niemand will der Einzige hier sein», sagt Kunayudh.
Er hat in England studiert. Wenn Studienfreunde ihn besuchten und er vorschlage, sich in der Mall zu treffen, befremde das die ausländischen Freunde. Nur schon das Essen – in Europa sei es tabu, in einem Einkaufszentrum essen zu gehen, sagt Kunayudh. In Thailands Malls haben die berühmtesten Restaurants Asiens einen Ableger, am Wochenende bekommt man kaum einen Tisch. Irgendwann würden die Freunde es begreifen: In die Mall zu gehen, das sei eines der thailändischsten Dinge, die man in Thailand tun könne.
ALLES SPRUDELT, ALLES IST SÜSS
Ein nicht zu unterschätzender Teil des Mall-Schlenderns ist das richtige Getränk im Wegwerfbecher. Bubble-Tea, Matcha Latte, Yuzu-Americano. Gerade angesagt: taiwanischer Milchtee. Alle saugen an Strohhalmen. Das Klackern der Eiswürfel, die Aktionsansagen aus irgendeinem Handyladen, das Gummiquietschen auf den Bodenplatten: Die Mall murmelt. Alles sprudelt und ist ein bißchen zu süß.
Vom portugiesischen Literaturnobelpreisträger José Saramago erschien im Jahr 2000 «Das Zentrum». Ein Töpfer muß seine Brennerei aufgeben und zieht mit Tochter und Schwiegersohn in das Einkaufszentrum, das sich vorher geweigert hat, seine Teller und Krüge zu kaufen. Es gibt ein Drinnen und ein Draußen, das Zentrum ist eine Stadt in der Stadt, so erklärt es der Schwiegersohn. Der Töpfer findet im Keller des Einkaufszentrums Platons Höhle, das philosophische Gleichnis, in dem die Angeketteten in ihrer Höhle nur Schatten sehen und sie für die wahre Welt halten, die eigentlich ausserhalb der Höhle liegt.
Es gab einen Moment für Central World, in dem das Draußen nicht draußen blieb. Als sich 2010 Königstreue und Reformer in Bangkok Straßenschlachten lieferten, legte jemand Feuer in Central World. Ein Teil der Mall brannte ab. Menschen hinterließen in den Tagen darauf Zettel an der Brandstelle: «Wir vermissen dich, CW.»
Es ist einfach, Bangkoks Malls als flirrende Ablenkung zu sehen. Als Epizentrum eines erschlagenden Konsums. Als ein Drinnen, eine Welt aus Schatten und ohne Gehalt. Aber das ist vielleicht eine sehr europäische Sicht und auch etwas miesepetrig.
Was, wenn der Magnetismus der Malls darin besteht, daß sie auf begrenztem Raum genau das abbilden, was diese Stadt und ihre Menschen ausmacht?
Am späten Nachmittag tritt Tle auf die Bühne, der Vampir-Telenovela-Schauspieler. Unten im Innenhof und oben auf der Galerie ist jetzt fast kein Durchkommen mehr. Bangkok ist eine sehr begeisterungsfähige Stadt, ob es die Miss-World-Wahl ist, die Pride oder ein Weihnachtsmarkt – die Menschen kommen in Scharen. Eine junge Frau im Gedränge sagt: «Als Bangkoker haben wir nicht so viele Orte, wo wir etwas unternehmen können. Das meiste passiert hier in der Mall. Hier treffe ich meine Freunde.»
Tle kommt mit einem Hund auf die Bühne, er ist ja hier, um Tierfutter zu bewerben. Er wirkt grazil und entrückt, elfengleich. Während Europa gerade über frauenverachtende Machomuskelmänner diskutiert, knuddelt in Bangkok ein androgyner Pop-Star seinen Hund.
Eine letzte Erkenntnis, beim Sinnieren auf der Rolltreppe, nach dem Abendessen am Sushi-Förderband: Natürlich braucht man das alles nicht zum Leben. Den riesigen Massagesessel, die Luxushandtasche, den Labubu, die straffe Haut. Sie sind sowieso nur Staffage. Die Ausrede dafür, eine Mall zu bauen, die die Bangkoker dann besetzen können. Auf dem Eisfeld balzen die Teenager.
Central World schließt um 22 Uhr. Die letzten Besucher schweben auf den Rolltreppen, niemand marschiert hoch oder runter, alle bleiben stehen, niemand muß irgendwohin, alle sind schon da. Die letzte Lautsprecherdurchsage ist ein Versprechen: «Central World ist jetzt geschlossen. Wir öffnen morgen um 10 Uhr.»Read more





